Der dunkelste Tag in der Geschichte der Schwebebahn
Das bis dahin sicherste Transportmittel der Welt erlebt am 12. April 1999 den schwersten Unfall seiner Geschichte.
Es war 5.45 Uhr, als der erste Schwebebahnzug am 12. April 1999 laut Fahrplan die Station Vohwinkel verließ. Wie sich später herausstellen sollte, waren nur wenige Minuten zuvor Sanierungsarbeiten am Streckenabschnitt vor dem Robert-Daum-Platz in Elberfeld unter Hochdruck beendet worden. Der Wagen mit der Nummer vier war rund 50 Stundenkilometer schnell, als er bei Streckenkilometer sieben auf ein Hindernis prallte und in die zehn Meter darunter fließende Wupper stürzte.
Das Unglück fordert fünf Tote und 47 Verletzte.
Mittendrin im Unfassbaren
Alexander Marinos leitete viele Jahre das Politikressort der Westdeutschen Zeitung und ist heute Stellvertretender Chefredakteur der WAZ. Vor 20 Jahren arbeitete der gebürtige Wuppertaler als Freier Mitarbeiter für den WDR, lebte an der Schwebebahn und gehörte zu den ersten Helfern vor Ort. Mit WZ-Reporter Daniel Neukirchen erinnert er sich 20 Jahre nach dem Unglück an den 12. April 1999.
Die Welt schaut nach Wuppertal
Die Bilder von dem schwer zugänglichen Streckenabschnitt in Elberfeld gingen um die Welt: Zerbrochen, ja gebrochen, liegt der Unglückswagen auf der Fernwärmebrücke über der Wupper. Es war nicht der einzige Unfall der Bahn, die bis zu jenem Apriltag im Jahre 1999 als sicherstes Verkehrsmittel der Welt galt. Doch ist es der einzige mit Todesopfern geblieben.
Über mehrere Tage ziehen sich die Bergungsarbeiten hin. 47 Passagiere trugen Verletzungen davon. Um sie zu versorgen, wurden unter anderem Fabrikräume und Büros der damals noch existierenden Firma Elba genutzt. Zwei Männer waren direkt an der Unfallstelle gestorben, ihre Leichen wurden zunächst in einem Treppenhaus abgelegt. Eine Frau wurde erst nach zwei Stunden flussabwärts tot aus der Wupper geborgen. Zwei Verletzte erlagen später ihren Verletzungen.
Sechs Wochen später wird die Schwebebahn wieder fahren. Viele Wuppertalerinnen und Wuppertaler stehen an den Bahnsteigen und applaudieren ihrem gefallenen Engel bei der Einfahrt. Auf acht Millionen Mark belief sich der Gesamtschaden für die Wuppertaler Stadtwerke als Betreiberunternehmen.
Tagesschau vom 12. April 1999
Erinnerungen aus der Westdeutschen Zeitung zehn Jahre nach dem Unfall
Der Schwebebahn-Fahrer erinnert sich in der WZ
Als die Schwebebahn am 8. Juni 1999 erstmals wieder durch Wuppertal fuhr, applaudierten die Wuppertalerinnen und Wuppertaler an den Bahnsteigen. Einer war damals nicht dabei: Karl-Heinz Schreiber. Der Fahrer der Unglücksbahn. Er hatte sich von seinen schweren Verletzungen noch nicht erholt. "Die Ärzte haben mir zwei Zentimeter aus der Leber geschnitten", erinnerte er sich etwas mehr als zehn Jahre nach dem Unfall.
"Früher Morgen. Die erste Fahrt. Es hat geregnet, es war dunkel. Ein Knall, dann war ich im Wasser. Ich habe geblutet wie ein Schwein. Aber direkt hinter meiner Kabine haben Menschen gelegen. Wenn ich denen nicht sofort geholfen hätte, wären die jämmerlich ertrunken", berichtete der WSW-Fahrer der WZ.
Mitte 50 war er, als Schreiber mit dem Unglückszug in die Wupper gestürzt war. 2001 ging er in Frühpension, hatte bis dahin aber wieder hinter dem Steuer der Schwebebahn Platz genommen. Angst? "Nein", sagte er als 66-Jähriger der WZ. Nur an der Unfallstelle, zwischen Moritzbrücke und Haltestelle Robert-Daum-Platz, sei er immer "sehr langsam gefahren".
Wie sich ein Polizist an seinen Einsatz erinnert
Sascha Grenzdörfer zählte zu den ersten von mehr als 150 Einsatzkräften am Unfallort. Zum zehnjährigen Gedenken an das Unglück hatte der Polizist der WZ geschrieben und von seinen Erlebnissen berichtet.
"Vor dem Eintreffen der Feuerwehr kletterten wir in die eiskalte Wupper. (...)Ein Kollege hat eine beschädigte Tür aus der Verankerung gerissen, so dass die Beamten in die seitlich im Wasser liegende Bahn gelangen und Verletzte retten konnten."
"Nachdem die Feuerwehr, weitere Ersthelfer und Kollegen zur Unterstützung am Unglücksort erschienen waren, stand ich mit einem Kollegen in der Wupper. Wir schauten zur zerstörten Schwebebahn und zur Kralle am Fahrgerüst hoch. Wir konnten nicht glauben, dass das Unglaubliche eingetreten und unsere Schwebebahn abgestürzt war."
"Der 12. April 1999 war ein schlimmer Tag für Wuppertal. Möge nie wieder ein solch dramatisches und schlimmes Ereignis unsere Stadt in das Blickfeld der Öffentlichkeit ziehen."
WZ-Ortstermin: 20 Jahre nach dem Unglück mit den WSW an der Absturzstelle
Kurz bevor sich das Unglück zum 20. Mal jährt, hat sich WZ-Reporterin Katharina Rüth mit Holger Stephan, Sprecher der Wuppertaler Stadtwerke, getroffen. In unserem Video spricht er über die Folgen des Unfalls für Unternehmen, Mitarbeiter und alle Wuppertalerinnen und Wuppertaler.
Die vergessene Montagekralle
Bereits am Tag nach dem Unfall war klar, was passiert war. Weithin sichtbar prangte eine Montagekralle aus Stahl am Fahrprofil. Augenscheinlich hatten Arbeiter in der Nacht zuvor vergessen, das hundert Kilo schwere Stahlteil ab zu montieren. Daran war die Schwebebahn nicht vorbeigekommen.
Weil menschliches Versagen als Unfallursache zu vermuten war, beschlagnahmte die Staatsanwaltschaft das Wrack und die betroffenen Teile. Die Ermittlungen bestätigten das Offensichtliche: Die vergessene Kralle hatte zu dem schweren Unfall geführt.
Der Strafprozess gegen vier am Umbau beteiligte Arbeiter, Kontrolleure der Stahlbaufirma und der Stadtwerke sowie den damaligen Betriebsleiter der Schwebebahn endete im Januar 2002 nach 17 Verhandlungstagen. Das Urteil: Fünf Freisprüche - unter anderem für den WSW-Betriebsleiter - drei Verurteilungen zu Geld- und Bewährungsstrafen.
Am Wupperufer erinnert eine Gedenktafel an die fünf Menschen, die durch den Unfall starben, sowie an die 47 Verletzten. Die Kosten für die Tafel teilten sich Stadt und Stadtwerke.
Credits:
Kurt Keil