Vor 73 Jahren befreite die Rote Armee das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Sie rettete auch den 14-jährigen Gábor Hirsch.
von Tobias Tscherrig, infosperber.ch
Esslingen, 15 Kilometer südöstlich der Stadt Zürich: Es regnet in Strömen, das Wasser rinnt durch die verwinkelten Gassen der kleinen Ortschaft. Es fliesst von den Dächern der schmucken Einfamilienhäuser, die an die nahe Goldküste erinnern. Ein Einkaufszentrum, eine grosse Baustelle, ein Alters- und Pflegeheim. Pferde, Kühe, einige Restaurants, die Schule. Die Linie 18 der S-Bahn Zürich hält, Esslingen ist Endstation. Öffnen sich ihre Türen, wird Esslingen lebendig: Eine Prozession von Pendlern marschiert durch die ländliche Idylle, das Flair der Grossstadt zieht durchs Dorf.
Esslingen ist wenig interessant, ein Umstand den die rund 1800 Einwohner schätzen. Sie lieben die Ruhe, leben gerne ungestört. Viele der Gärten sind mit blickdichten Hecken und Zäunen umgeben. Trotzdem haben die Einheimischen Erfahrung mit Journalisten, sie wissen, wohin sie sie schicken müssen. Eine Passantin lächelt wissend und beschreibt den Weg zu einem kleinen Häusschen. Hier wohnt der 89-jährige Gábor Hirsch, Esslingens wohl berühmtester Einwohner. Eine traurige Berühmtheit. B-14781: Hirschs KZ-Tätowierung schimmert bläulich auf seinem Unterarm. Sie ist verblasst. Nicht aber seine Erinnerung an das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, den Ort, an dem der damals 14-jährige Knabe beinahe gestorben wäre. Nackt stand er an der Tür zur Gaskammer. Er überlebte – dank Zufällen und Glück.
"Mit der Zeit wird das Erzählen zur Routine. Das ist nicht schön, aber es ist so. Ich kann nicht jahrelang über ein Thema sprechen und immer die gleichen Emotionen zeigen"
Gábor Hirsch setzt sich an den Küchentisch und erzählt. Während den nächsten Stunden wird er Unaussprechliches in Worte fassen, Gräuel beschreiben, vom Leid der Lagerinsassen und Verbrechen der Nationalsozialisten berichten. Er sagt: "Mit der Zeit wird das Erzählen zur Routine. Das ist nicht schön, aber es ist so. Ich kann nicht jahrelang über ein Thema sprechen und immer die gleichen Emotionen zeigen."
Hirsch gibt dem Holocaust ein Gesicht, er legt Zeugnis ab für die über 1,1 Millionen Menschen, die zwischen 1940 und 1945 im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ermordet wurden. Er hält die Erinnerung wach, will zeigen, wozu die Ausgrenzung aufgrund von Religion, sexueller Ausrichtung, körperlicher Beeinträchtigung und Herkunft führen kann. Dazu musste er zuerst seine Geschichte verarbeiten. Während Jahren sprach er nicht über seine Zeit im Konzentrationslager. Im Jahr 1990 wurde er während einer Busreise nach Polen gefragt, ob er der Reisegruppe von seinem Leben in Auschwitz berichten wolle. Spontan öffnete sich Hirsch und sprach unter Tränen über das Konzentrationslager, über sich selber und über seine Mutter, die von den Nationalsozialisten ermordet wurde.
Inzwischen ist viel passiert. Hirsch forschte in den Archiven von Auschwitz und veröffentlichte das Buch "Als 14-jähriger durch Auschwitz-Birkenau". Zusammen mit einem weiteren Überlebenden gründete er die "Kontaktstelle für Überlebende des Holocausts", die bis 2011 als Verein geführt wurde. Er hat abgeschlossen, hat keine Angst mehr, über den Holocaust zu sprechen.
"Ich glaube nicht, dass die Menschen aus dem Holocaust gelernt haben"
Angst hat er nur noch um seine zwei Söhne und deren Kinder. "Ich glaube nicht, dass die Menschen aus dem Holocaust gelernt haben", sagt Hirsch in gebrochenem Deutsch. Manchmal fehlt ihm ein Wort, dann helfen Gesten. Am Finger blitzt der Ehering, seine Frau ist vor einigen Monaten gestorben. "Die Menschen sind Egoisten, sie versuchen durch Ausgrenzung von Anderen, ihr eigenes Schicksal zu verbessern. Verfolgung, Ausgrenzung und Tod sind noch immer an der Tagesordnung."
Sorglose Kindheit unter Feinden
Gábor Hirsch ist in der ungarischen Stadt Békéscsaba geboren. Vor dem zweiten Weltkrieg lebten hier 3000 Juden, nach dem Krieg waren es noch ungefähr 40. "In der ehemaligen neologischen Synagoge befindet sich heute ein Möbelgeschäft, in der früheren orthodoxen Synagoge ein Vorführraum für Kühlgeräte", so beschreibt Hirsch die Situation in seinem Buch.
Hirsch wird in eine Umgebung hineingeboren, in der sich der Hass auf Juden längst festgesetzt hat. Über 30 Jahre vor seiner Geburt begann sich unter der Leitung der katholischen Volkspartei der politische Antisemitismus in Ungarn zu einem Trend zu entwickeln. Zusätzlich schwelten Konflikte zwischen der ungarischen und rumänischen Bevölkerung, deren Hass aufeinander nur durch ihren Hass auf Juden übertroffen wurde. Gewaltakte mit 3000 jüdischen Todesopfern waren die Folge, bereits 1920 wurde ein erstes antijüdisches Gesetz installiert.
1938 und 1939 werden Gesetze erlassen, die die vollständige Entrechtung, Enteignung und Ausgrenzung der Juden zur Folge haben. Rund ein Jahr später verpflichtet sich Ungarn unter deutschem Druck, in den Krieg einzutreten. Für 100'000 jüdische Männer bedeutet das militärische Sklavenarbeit, 40'000 sterben. Die Stimmung gipfelt Ende August 1941 im ersten Massenmord an europäischen Juden: Etwa 23'000 Juden werden in das von Deutschland besetzte Galizien vertrieben und von SS-Truppen erschossen.
Gábor Hirsch beschreibt seine Kindheit in Békéscsaba als sorglos. Seine Eltern sind gemässigte Juden und besitzen ein Elektro-, Radio- und Fahrradgeschäft. Gábor ist ein Einzelkind, heute bezeichnet er sich als verwöhnt. Die Hirschs sind wohlhabend, sie beschäftigen neben knapp 15 Lehrlingen und Gesellen auch ein österreichisches Kindermädchen. "Nach dem Anschluss von Österreich an Deutschland musste sie uns verlassen, da österreichische Bürger und Bürgerinnen nicht mehr für Juden tätig sein durften", sagt Hirsch. Das ist seine erste Erfahrung mit Antisemitismus.
Der Knabe führt ein angenehmes Leben, er besucht eine jüdische Elementarschule, dann ein lutheranisches Gymnasium. "Es gab ein oder zwei antisemitische Professoren", sagt Hirsch. "Ansonsten bemerkte ich von der feindseligen Stimmung nicht viel." Hirsch erinnert sich noch daran, dass seine Eltern ihr Radio abgeben mussten, dass Juden zur militärischen Zwangsarbeit eingezogen wurden und dass er bei der "Levente" keine paramilitärische Ausbildung absolvieren durfte. "Ich glaube, die orthodoxen Juden waren dem Antisemitismus weit mehr ausgesetzt", erklärt Hirsch.
Judenhaus und Ghetto
Im März 1944 besetzen deutsche Truppen Ungarn, sie hieven eine Marionettenregierung an die Macht. Was folgt, fasst der amerikanische Historiker Randolph Louis Braham so zusammen: «In keinem anderen Land wurde das Programm der Endlösung (...) so barbarisch und so schnell durchgeführt wie in Ungarn.» Der Terror der Nationalsozialisten fordert die Leben von insgesamt 564.000 jüdischen Ungarinnen und Ungarn.
Alle in Ungarn lebenden Juden müssen sich zählen lassen, dann kommt der Zwang zum Tragen des Gelben Sterns. Es gibt Razzien. Aufgegriffene Juden werden in Internierungslager gebracht, die ersten Züge nach Auschwitz rollen. Nach dem Erlass von mehreren antijüdischen Verordnungen werden die Juden in "Judenhäusern" zusammengepfercht. Eine befreundete Familie will Gábor in ihrem entlegenen Bauernhof verstecken, seine Eltern schlagen das Angebot aus. Die Hirschs wollen zusammenbleiben.
Im Haus der Familie Hirsch leben nun 14 Personen. "Wir mussten alles teilen", sagt Gábor Hirsch. Er schliesst die Augen, versucht, sich besser zu erinnern. "Wir durften das Haus für zwei Stunden am Tag verlassen. In dieser Zeit mussten wir Wasser holen und durften – nachdem alle übrigen Einwohner bedient worden waren – einkaufen." Während den zwei bis drei Wochen im "Judenhaus", habe er oft gespielt, sagt Hirsch. "Mehr weiss ich nicht mehr."
"Wir litten unter Hunger, Platzmangel und unter der äusserst grausamen Behandlung durch Wachpersonal und Gendarmerie"
Mitte Juni 1944 müssen die Hirschs zusammen mit den anderen Juden in ein Tabak-Trocknungs- und Verwertungsgebäude umsiedeln. Die Familie wird getrennt, der Vater wird zur militärischen Zwangsarbeit eingezogen. Gábor Hirsch und seine Mutter müssen sich alleine im Ghetto zurechtfinden: 4000 Menschen vegetierten hier auf engstem Raum. "Wir litten unter Hunger, Platzmangel und unter der äusserst grausamen Behandlung durch Wachpersonal und Gendarmerie", schreibt Hirsch in seinem Buch. "Ich weiss noch, dass die hygienischen Verhältnisse unbeschreiblich waren und dass die älteren Leute manchmal in die Latrinen fielen."
Im Ghetto herrscht Chaos. Die einzige Konstante sind die Eisenbahnschienen, die nach Auschwitz führen.
Deportation im Viehwaggon
Schliesslich müssen auch Gábor und seine Mutter einen Viehwaggon besteigen. "In den Waggons gab es kaum Platz", sagt Hirsch. "Es war sehr eng und heiss, es gab wenig Luft." Die kleinen Fenster sind mit Stacheldraht gesichert, die Türen sind von Aussen verriegelt. In der Mitte des Waggons steht ein Eimer mit Trinkwasser, daneben einer, der für die Notdurft vorgesehen ist. Nach drei Tagen erreicht der Todeszug das Lager Auschwitz-Birkenau. Seine Fracht: 3118 Menschen.
"Als wir in Auschwitz ankamen, war der Krieg bereits in der letzten Phase", sagt Hirsch. "Die Deutschen befanden sich an fast allen Fronten auf dem Rückzug. Statt ihre Soldaten in Sicherheit zu bringen, haben sie uns deportiert." Gábor Hirsch verstummt, spielt mit seinen Händen. Er versteht noch immer nicht, was in den Köpfen der Nationalsozialisten vorging.
In Auschwitz-Birkenau
"Wir wurden aus den Viehwaggons getrieben, unser dürftiges Gepäck blieb zurück", sagt Hirsch. "Die Frauen und die Männer wurden getrennt, jede Gruppe wurde einzeln selektiert. Ich und mein Vetter wurden als arbeitsfähig beurteilt. Erst später erfuhr ich, das auch meine Mutter die erste Selektion überstanden hatte." Mit Gábor Hirsch und seiner Mutter kamen sechs ihrer Verwandten nach Auschwitz, darunter ein drei Monate altes Kleinkind. Von den acht deportierten Hirschs überlebten nur Gábor und sein Vetter Tibor.
Die neuen Insassen marschieren zur "Sauna", sie müssen sich ausziehen. Dann werden sie geschoren. Waschen im Duschraum. Desinfektion des Körpers. Gefängniswärter verteilen je eine lange Unterhose, ein Hemd, ein paar Fusslappen, eine Hose, eine Jacke und eine Mütze – alles aus gestreiftem Häftlingsstoff. Dann erhalten die Insassen Postkarten und den Befehl, nach Hause zu schreiben. "Ich schrieb meiner Tante", sagt Hirsch. "Ich schrieb, es gehe mir gut."
Die Holzbaracken, in denen die Insassen auf Brettern schlafen, sind überfüllt. Jeden Tag kommen neue Transporte. Schon bald schlafen die Gefangenen im Sitzen. Reihe an Reihe, Körper an Körper. Die Holzbalken, die das Dach tragen sind mit Sprüchen verziert: "Arbeit macht Frei", "Ehrlich währt am Längsten", "Ein Laus, dein Tod", "Sauberkeit ist Gesundheit".
Gábor Hirsch gehört zu den sogenannten Depot-Häftlingen: Insassen, die als Reservoir von Arbeitskräften für andere Konzentrationslager zurückgehalten werden. Deshalb wird er nur selten in Arbeitskommandos eingeteilt. "Wir mussten die Baracken und Lagerstrassen reinigen, Essen holen und Scheisskübel wegtragen", sagt Hirsch. Da sie die Baracken während dem Tag nicht betreten dürfen, kauern die Depothäftlinge zwischen den Gebäuden und versuchen, den widrigen Umständen zu trotzen.
Jeden Tag müssen die Gefangenen zum Zählappell antreten. Auch Disziplinar- und Strafübungen sind an der Tagesordnung: "Liegestütze, auf die Knie gehen, Stillstehen, Mütze auf, Mütze ab", zählt Gábor Hirsch auf. "Am Schlimmsten war die Abwesenheit der Familie, die menschenunwürdigen Wohn- und Hygiene-Verhältnisse, die harsche Behandlung und der ständige Hunger".
Gábor Hirsch erinnert sich an Menschen, die sich während der Nacht mithilfe des Hochspannungszauns umbrachten. Er glaubt, dass es auf dem Lagerplatz Exekutionen gab, sicher ist er sich allerdings nicht mehr. Aber er erinnert sich an die riesigen Schornsteine, die rund 300 Meter neben "seiner" Baracke in den Himmel ragten. "Wir sahen die lodernden Flammen und die vor Hitze glühenden Blitzableiter", schreibt Hirsch in seinem Buch. "Man sagte uns, dass diese Kamine zur Bäckerei gehören. Ob man es nicht besser wusste, oder ob man uns Jugendliche schonen wollte, kann ich nicht sagen."
Hirsch erwähnt in seinem Buch den 2. August 1944: "Es wurde Blocksperre befohlen, niemand durfte die Baracke verlassen. Die Lagerstrasse war hell erleuchtet, es fuhren Lastwagen vor. Es gab grossen Lärm und Geschrei, am nächsten Tag war das Zigeunerlager von Zigeunern frei." In dieser Nacht ermordeten die Nationalsozialisten rund 3000 Roma und Sinti.
"Die Angst kam mit jeder neuen Selektion", beschreibt Hirsch seine damaligen Gefühle. "Ansonsten war ich mit Überleben beschäftigt, ich war immer auf der Suche nach Nahrung." Hirsch zieht die buschigen Augenbrauen zusammen, schweigt. Er steht langsam auf, verschwindet in der Küche und bringt eine neue Flasche Wasser.
Im Wartesaal des Todes
Die meisten Juden von Békéscsaba werden bereits nach kurzer Zeit in andere Lager deportiert. Zwischen den Lagerinsassen gibt es kaum Freundschaften, es gilt das Recht des Stärkeren. Der 14-jährige Gábor ist auf sich gestellt. Er versucht, zumindest in der Nähe seines Vetters zu bleiben.
Über das Schicksal seiner Mutter weiss er nichts – bis er einem Arbeitskommando zugeteilt wird, das in einem anderen Lagerteil arbeitet. Er sieht seine Mutter, sie reden. Einige Zeit später gelingt ein erneutes Treffen. Gábor hat Brot dabei, er will es seiner Mutter geben. Sie verweigert das Geschenk und überlässt ihm stattdessen ihre spärlichen Brotreste. Am Stacheldraht treffen sich Mutter und Sohn zum letzten Mal. Erst 54 Jahre später erfährt Hirsch, dass seine Mutter im Dezember 1944 im Konzentrationslager Stutthof gestorben ist. Die genauen Umstände kennt er bis heute nicht.
Gábor Hirsch blättert konzentriert in seinen zahlreichen Unterlagen. Ein wichtiges Kapitel von seinen jahrelangen Forschungen betreffen die Nachselektionen in Auschwitz-Birkenau. Immerhin haben sie ihm zweimal das Leben gerettet.
Sieben Wochen nach der Ermordung der 3000 Sinti und Roma, müssen sich zwischen 2000 und 3000 Jugendliche zum Appell aufstellen. Der deutsche Lagerarzt Josef Mengele installiert eine Holzlatte und lässt die Jugendlichen darunter durchgehen. Sie versuchen sich aufzuplustern und Stärke vorzutäuschen. Die Kleineren und Schwächeren – darunter auch Gábor Hirsch – werden selektioniert. Sie verbringen die Nacht eingesperrt in einer Baracke. Plötzlich öffnet sich die Tür, einige Lagerfunktionäre betreten den Raum. Sie wählen 21 Jugendliche aus, bezeichnen sie als arbeitsfähig und schicken sie zurück in die Baracken. So springt Hirsch dem sicher geglaubten Tod ein erstes Mal von der Schippe.
Bei einer anderen Selektion befindet sich der 14-Jährige bereits im Entkleidungsraum des Krematoriums. Er ist nackt, als einige Offiziere den Raum betreten und die Jugendlichen auffordern, einige Übungen zu absolvieren. Die stärksten der Jungen, unter ihnen Gábor, dürfen sich anziehen, während die Übrigen durch eine andere Türe verschwinden und – wahrscheinlich – ins Gas getrieben werden.
Befreiung und Heimreise
Gábor Hirsch ist seit knapp sieben Monaten in Auschwitz. Er ist abgemagert und stark geschwächt. Dazu leidet er an Geschwüren, die auch die Mundhöhle befallen haben und eine Nahrungsaufnahme verunmöglichen. Hoffnung bringt nur der nahe Donner der sowjetischen Kanonen. Er ist ganz nah, als den Lagerinsassen am 18. Januar 1945 die Auflösung des Lagers verkündet wird. "Wir sollten uns zu einem längeren Fussmarsch bereitmachen", sagt Hirsch. "In meinem Zustand hätte ich kaum durchgehalten, deswegen meldete ich mich und wurde ins Spitallager verlegt.
Damit entscheidet sich der 14-Jährige instinktiv richtig. Die Gefangenen, die den Todesmarsch nicht durchstehen, werden unterwegs erschossen. Die zurückgelassenen Lagerinsassen ereilt ein anderes Schicksal. Drei Tage nach dem Abmarsch der Gruppe erfahren sie, dass das Wachpersonal über Nacht verschwunden ist. Dafür kommen SS-Soldaten und Todt-Angehörige, sie haben den Befehl Spuren zu verwischen und die gehfähigen Juden mitzunehmen. "Ich versteckte mich in einer Baracke unter einem Strohsack", sagt Hirsch. "Das war das Ende meiner Gefangenschaft."
Am 27. Januar erreichen die Sowjets Auschwitz-Birkenau und befreien die übriggebliebenen Lagerinsassen. "Wir waren apathisch, als die Russen kamen", sagt Hirsch. "Wir freuten uns, aber wir waren zu müde und zu entkräftet um das zu zeigen."
Die Russen geben den Lagerinsassen Zeit, sich zu erholen. Dann organisieren sie einen Transport, der Gábor Hirsch noch einmal durch Polen, die Ukraine, Weissrussland und Ungarn führen wird. Sieben Monate später ist er endlich zuhause in Békéscsaba – bei seinem Vater, der den Holocaust ebenfalls überlebt hat.
Hirsch holt in einer Privatschule die zwei verlorenen Klassenstufen nach, dann studiert er an einer öffentlichen Schule weiter. "Die Stimmung im Dorf war speziell", erinnert er sich. "Alle hatten unter dem Krieg gelitten: die christliche Bevölkerung an der ukrainischen Front und unter der russischen Besatzung, die Juden im Konzentrationslager oder im militärischen Zwangsdienst." Niemand habe über das Erlebte gesprochen. "Ich glaube, man war an dem Schicksal der Anderen nicht interessiert und man konnte nicht vom eigenen Schicksal erzählen, ohne das der Anderen zu erfahren."
"Ich glaube, man war an dem Schicksal der Anderen nicht interessiert und man konnte nicht vom eigenen Schicksal erzählen, ohne das der Anderen zu erfahren"
Schliesslich legt Gábor Hirsch die technische Matura ab und zieht zusammen mit seinem Vater nach Budapest. Nach einer weiteren Ausbildung wird er Technikumslehrer. Während des Aufstands in Ungarn im Jahr 1956 flüchtet Hirsch nach Österreich und dann in die Schweiz "um das Land von Flüchtlingen zu entlasten", wie er sagt.
Gábor Hirsch steigt ins technische Studium an der ETH Zürich ein und schliesst dieses zwei Jahre später ab. Dann arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der ETH und wechselt schliesslich in die Privatwirtschaft. Er heiratet und wird Vater von zwei Söhnen, die ihn oft bei seinen Reisen nach Békéscsaba und an die Gedenkstätte von Auschwitz-Birkenau begleiten.
Heute ist Hirsch pensioniert. Zwischen Medikamentenschachteln und einem Laptop liegt eine Lupe auf dem Tisch, irgendwo ruckelt ein Luftbefeuchter. In der Ecke steht der Rollator, eine Mitarbeiterin der Spitex hat soeben das Haus verlassen. Der 14-Jährige Junge von damals ist alt geworden. "Ich weiss nicht, wie mich der Holocaust beeinflusst hat", sagt Hirsch. Jetzt wirkt er hilflos. "Ich kenne nur das Leben, das ich geführt habe." Aber er weiss, welches Leben er weiterführen will: Ein Leben im Dienst der Aufklärung, ein Leben gegen das Vergessen. Ein Leben in Erinnerung an die Millionen Opfer der Nationalsozialisten.
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