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Dort, wo die Schweiz weiterdörfelt Gemeinden wie Kloten, Emmen, Kriens und Vernier wuchsen vom Dorf zur Stadt heran – und sind trotzdem Vororte der grossen Schweizer Zentren geblieben. Eine Reise durch die Agglomeration: zur Frage nach dem Sein und dem Bewusstsein im Spannungsfeld zwischen Stadt und Land.

Dort, wo die Baumwipfel des Waldes hinter den Blockbauten erscheinen und im Rücken die Stadt dröhnt.

Dort, wo die abhebende Boeing-737 am frühen Morgen eine Gemeinde aus dem Schlaf reisst.

In der Agglomeration beginnt diese Geschichte. Zum Beispiel in 8302 Kloten. Wer dorthin will, nimmt oft das Auto. Oder wie an diesem Freitag Anfang Dezember die S-Bahn. Mit einem leisen Pfeifen entweicht die S7 dem Zürcher Hauptbahnhof, gleitet über die Hardbrücke und verschwindet im Tunnel, bevor sie in Oerlikon wieder rauskommt. Egal wo: die Fahrt in die Agglomeration ähnelt sich überall. Graffiti an den Lärmschutzmauern. Grossbaustellen mit roten oder gelben Kranen. Grossflächig überbaute Monosiedlungen. Die Gebäudehöhe nimmt ab. Der Zug rauscht über die grossen Strassen, die auf die Autobahnen führen.

Nach 16 Minuten bremst die S7 im Klotener Bahnhof neben einem mit Zuckerrüben beladenen Güterzug. Dichter Hochnebel hängt über dem Zürcher Unterland. Im direkten Sog der Metropole Zürich könnten Auswärtige die Flughafenstadt für ein fernes Stadtquartier halten. Gut 21 000 Einwohner, aber kein Herrenkleidergeschäft.

In der Agglomeration wohnt die Schweiz. Gürtelgemeinden wie Kloten bewegen sich im Vakuum zwischen Grossstädten und dem in der Deutschschweiz viel beschworenen Land. In diesem Zwischenraum findet heute das politische Seilziehen zwischen den Polen links und rechts statt. Müsste man es in eine Karikatur packen, sähe diese zum Beispiel so aus: In den Kernstädten sitzt das rot-grüne Lager am einen Seilende und versucht die Landbevölkerung heranzuziehen. Die Konservativ-bürgerlichen stehen am anderen Seilende und verteidigen ihr dörfliches Erbe, das in der Zersiedlung verloren geht. Wächst im Zwischenraum ein städtisches Bewusstsein oder dominiert weiterhin eine dörfliche Identität?

Hinter dem Zuckerrüben-Zug steht die letzte Klotener Stammbeiz – das Restaurant Sonne. Aussen eine Fassade, als wäre sie vergilbt. Vermengt mit grünen Fensterläden, deren Farbe abblättert. Im Hintergrund verschwinden die laut dröhnenden Flugzeuge nach kurzem Steigflug im Nebel. Im Restaurant Sonne ist Kloten Dorf geblieben. Drinnen holzgetäferte Wände, geschmückt mit einem gravierten Holzbrett, das an die Jodlergruppe der Swissair erinnert. Ein Foto zeigt Alphörner vor der parkierten Swissair-Flotte. Die Tage des Wirtshauses sind gezählt – bald wird es einer Überbauung weichen.

Bloss ein Kilometer Luftlinie trennt die «Sonne» vom Flughafen, der Kloten schweizweit berühmt gemacht hat, aber längst Zürich Airport heisst. Auch das Tor zur Welt hat sich knapp zwei Jahrzehnte nach dem Aus der Swissair emanzipiert. Nichts zeugt besser davon als ein Bauprojekt der Superlative: Zwischen Flughafen-Terminal und Butzenbühl-Hügel entsteht «The Circle». 600 Meter lang und bis zu elf Stockwerke hoch ist der bananenförmige, vom japanischen Architekten Riken Yamamoto entworfene Bau mit Glasfassade. Bis das Milliardenprojekt steht, verbauen die beiden Eigentümer, der Flughafen und der Versicherer Swiss Life, täglich eine Million Franken auf Klotener Grund. Fern des Stadtzentrums wird Kloten durch den kleinen Kosmos «The Circle» ein neues Stück städtische Identität erhalten.

Dort, wo der Bus nur noch im Halbstundentakt fährt und das Auto ein Synonym für Autonomie ist.

Dort, wo die «Hüsli» für den Wohlstand des Landes stehen.

Als die Generation der Babyboomer Mitte des 20. Jahrhunderts aufwuchs, waren die Agglo-Gemeinden noch autonome Dörfer. Wohlstand und Bevölkerung nahmen zu und das Siedlungsbild veränderte sich als Folge der automobilen Mobilität rasant. Mit dem Bau der Autobahnen frassen sich ab den 60er-Jahren Siedlungen in die Landschaft. Zwar fristen die Agglomerationen ein Schattendasein, wenn die Politik um den Stadt-Land-Graben ringt. Aber der Zwischenraum hat politisch an Einfluss gewonnen: Die Kernstädte werden gemessen an ihrer Bevölkerung politisch überschätzt. Ländlich sind in der Schweiz nur die tiefsten Täler, der Alpenraum und die Juraketten geblieben.

In der Agglomeration stimmte 2004 noch eine klare Mehrheit für durchlässige Grenzen mit der Europäischen Union. Zehn Jahre nach dem Ja zur Personenfreizügigkeit hatte die SVP die Agglomeration für sich gewonnen. Ja, die Schweiz muss ihre Zuwanderung einschränken, fand gut die Hälfte der Bewohner am Rand der Kernstädte. Mit diesem Votum gaben sie den Ausschlag dafür, dass die SVP-Initiative «Gegen die Masseneinwanderung» durchkam. Der politische Wandel in der Agglomeration hat mit dem räumlichen Spannungsfeld zwischen Stadt und Land zu tun. Jemand, der sich schon lange mit dieser Thematik auseinandersetzt, ist Michael Hermann. Der 47-jährige Politgeograf hat sein Büro im Zürcher Stadtkreis 7, vis-à-vis der schmucken Jugendstilhäuser Hottingens. Vor Jahren formulierte Hermann die These vom «Aargauer Weg»: Der Verstädterungsschub in den 90er-Jahren löste zunächst bei der Agglomerations-Bevölkerung eine Abwehr aus – sie manifestierte sich in einem Rechtsrutsch. Doch dann wuchs in den Agglomerationen ein städtisches Bewusstsein. Die Bevölkerung verlangt Tagesstrukturen, bessere Anbindung an den öffentlichen Verkehr – die Ansprüche an die öffentliche Hand werden grösser. Es sind Positionen, aus denen die Linke ein grösseres Potenzial schöpft. Hinzu kommt, dass Kernstädter in die Vororte ziehen. «So nimmt die Zahl der Menschen, die städtisch denken, sich aber die Stadt nicht mehr leisten können, in der Agglomeration zu», sagt Hermann. Im November 2017 verlor die SVP im Kanton Aargau, dem Nährboden für Hermanns These, bei den Einwohnerratswahlen 16 Sitze, während die SP deren 15 zulegte. Die Formel geht so: Urbanisierung führt zu progressiverem Wahlverhalten und begünstigt linke Parteien. «Die bürgerliche Prägung bleibt in der Agglomeration trotzdem erhalten», relativiert Hermann. Das Land ist bürgerlich – die rot-grünen Parteien erobern aber nach den Städten zunehmend auch die Städtchen. Werden Letztere ausschlaggebend sein, wenn im Herbst 2019 nationale Wahlen anstehen? «Die Schweiz ist urbaner, als sie je war. Dennoch ist es nicht so, dass die Linke dominieren würde», sagt Hermann. Das räumliche Spannungsfeld ist eben doch nur ein Indikator unter vielen.

Dort, wo inmitten städtischer Bauten stillgelegte Bauernhöfe das Siedlungsbild zieren.

Dort, wo die Menschen sagen, sie gingen ins Dorf, obwohl nur noch die Kirche an den alten Kern erinnert.

Gibt es in den Gürtelgemeinden immer mehr Menschen, die ein urbanes Selbstverständnis haben? «Ich bin ein Agglokind», sagte Priska Seiler Graf, als sie 2015 für den Nationalrat kandidierte. Gut vier Jahre später sitzt sie als SP-Nationalrätin in der Wandelhalle des Bundeshauses. Es ist ein Dezemberabend, an dem der Nationalrat über eine Flugticketabgabe debattiert. Im bürgerlichen Nationalrat wird die Forderung keine Mehrheit finden. Zum Leidwesen von Seiler Graf, die, wie sie selbst sagt, in der «kerosingeschwängerten Luft» Klotens aufgewachsen ist. Als ihr Grossvater in der Flughafenstadt eine Arztpraxis führte, da wuchs Kloten vom Dorf zum Städtchen heran. In diesem wirkte später der Vater als Stadtrat. Heute tut es ihm seine Tochter gleich. Politisiert sie nicht in Bern, versucht Seiler Graf, Klotens Urbanisierung voranzutreiben. Eine schwierige Aufgabe, wie sie sagt: «Anderes kann neben dem boomenden Flughafen nicht entstehen.»

Quelle: Swisstopo/www.map.geo.admin.ch

Der Flughafen und Kloten: Für die Sozialdemokratin Priska Seiler Graf ist dies eine unzertrennbare Hassliebe. In der Primarschule war sie in einer sehr durchmischten Klasse mit vielen Migrantenkindern, deren Eltern auf dem Flughafen im niederen Lohnsegment arbeiteten. «Ich spürte, dass meine spanischen und italienischen Freunde bei den Hausaufgaben nicht denselben Support haben wie ich», erinnert sich Seiler Graf. Die Ungleichheit hat sie politisiert.

Heute lebt die 50-Jährige mit Ehemann und drei Kindern in einem Reiheneinfamilienhaus am Stadtrand, wo die grünen Äcker nah sind. An den Flugzeuglärm hat sie sich noch immer nicht gewöhnt. Gleichzeitig trauert Seiler Graf wie fast alle Klotener der Swissair nach. Ihr Verhältnis zum Flughafen ist als Stadträtin besonders ambivalent. Geht es dem Flughafen gut, geht es auch Kloten gut: Zwei Drittel der Unternehmenssteuern fliessen aus der Kasse des Flughafens in die Stadtfinanzen. Der Flughafen als Transitort wirkt sich auch auf die Gemeinde Kloten aus. Die hohe Bevölkerungs-Fluktuation ist einzigartig. Innerhalb von fünf Jahren wechselt die Hälfte der Bevölkerung des Agglo-Städtchens den Wohnort.

Kloten minus die Hälfte der Kurzzeitaufenthalter minus jene, die das anonyme Leben in der Agglomeration vorziehen. Nach dieser Rechnung verbleiben 1000 Einwohner, die zum harten Kern gehören, schätzt Seiler Graf. «Die Ur-Klotener haben eine eigene Identität und für diese Menschen überwiegt der dörfliche Charakter Klotens», sagt die Nationalrätin. Ihr selbst bleibt neben Politik und Familie kaum noch Zeit, sich ausserhalb der lokalpolitischen Aktivitäten zu engagieren, auch wenn sie noch immer vielen Vereinen angehört.

Dort, wo viele grüne Hänge in den vergangenen Jahrzehnten unter Terrassenbauten verschwanden.

Dort, wo der Feierabendverkehr wie ein rot-weisser Lavastrom aus der Stadt fliesst.

Um die Stadt Luzern greifen die Siedlungen wie Arme in die Landschaft hinaus. Aus der Luftperspektive scheint es, als hätte die Zersiedlung die Struktur des mehrarmigen Vierwaldstättersees kopiert. Gegen Norden hin streckt sich die Gemeinde Emmen ins Grüne hinaus. Im Westen der Luzerner Kernstadt ist das einstige Dorf Kriens längst zu einer mittelgrossen Schweizer Stadt herangewachsen, die baulich in die Kernstadt hineinfliesst. Trotz räumlicher Verzahnung stemmten sich die beiden Agglomerationsgemeinden Emmen und Kriens vor rund acht Jahren gegen eine Fusion mit der Kernstadt.

Ein Abend zwei Wochen vor Weihnachten. 6032 Emmen. FDP-Gemeindepräsident Rolf Born empfängt in seinem Büro im ersten Stock des Beton-Hochbaus aus den 70er-Jahren. Auch wenn er schon 1990 nach Emmen zog und bald das Präsidium des Sportclubs Emmen übernahm, bezeichnet er sich nicht als Einheimischen. Kennen tut er die Gemeinde bis an die Ackerränder. Er rekonstruiert mit gleichmässiger Stimme, wie Emmen in die Breite gewachsen ist. Selbst lebt der 56-Jährige in einem Einfamilienhaus aus zweiter Hand in Emmen-Dorf, wo nur wenig an die Ursprünge des ländlichen Ortes erinnert.

Quelle: Swisstopo/www.map.geo.admin.ch

Emmen, das keine Fusion wollte, stellte sich schon mehrmals die Frage nach der eigenen Identität. Bereits drei Mal sagte die Bevölkerung Emmens Nein zum Stadt-Begriff. Ob Stadt, Gemeinde oder Dorf, letztlich gehe es um juristische Begrifflichkeiten, findet Born. Historisch gesehen hatte Emmen ohnehin nie das Stadtrecht – aber als Agglomerationsgemeinde wuchs es im letzten Jahrhundert mit seinen neun Quartieren zu einer solchen heran. Seit 1956 würde sie die statistischen Vorgaben einer Stadt erfüllen. Born kommentiert: «Aber die Bevölkerung sagt: Es ist und bleibt: ‹Die Gemeinde›.» ‹‹Die Emmer gehen auf den Markt in Luzern, ins Konzerthaus KKL, in die Altstadt einkaufen – und sie wohnen in der Gemeinde. «Die gesamte Luzerner Agglomeration flacht im Vergleich zur pittoresken Altstadt ab, deshalb hat sich in keiner Gemeinde das Verständnis von einer Stadt entwickelt», sagt der Freisinnige. In seinem Rücken bewegt sich eine nimmer endende Auto-Kolonne zur kantonalen Verkehrsdrehscheibe am Seetalplatz hin.

Das rasche Wachstum hat in Emmen Abwehrreaktionen ausgelöst. Zuletzt sorgte die SVP als stärkste Partei im Ort mit einer Wachstumsinitiative für Schlagzeilen. Sie zielt nicht wie die Zersiedelungsinitiative der Jungen Grünen auf einen Bauzonen-Stopp, sondern auf die Bevölkerungszahl. Mit diesem Instrument will die lokale SVP das Wachstum innerhalb der Gemeinde im Fünfjahresschnitt auf 0,7 Prozent pro Jahr beschränken. «Plötzlich ging man in die Höhe, in die Breite und die Menschen erschraken – das geht auch mir manchmal so», sagt Born. Er hält die Initiative für nicht umsetzbar. «Dann müssten wir sagen, es gibt einen Baustopp.» Um Emmen aus den Lüften zu zeigen, führt der Gemeindepräsident auf das Terrassendach im elften Stock. Ein Lichtermeer umgibt den Beton-Hochbau.

Dort, wo Prestigebauprojekte entstehen und zugleich viele Menschen leben, die von der Sozialhilfe abhängig sind.

Dort, wo Dörfer verstädtern, aber in den herangewachsenden Städten ein dörfliches Bewusstsein bleibt.

Anders als Emmen hat 6010 Kriens, südlich des Sonnenbergs, im zweiten Anlauf den Stadt-Begriff angenommen. Hier am Fusse des eingeschneiten Pilatus schmetterte die Bevölkerung Fusionsbegehren mit der Kernstadt jeweils noch deutlicher ab als in Emmen. Und im Gegensatz zu ihrer nördlichen Agglo-Brudergemeinde hat das Wachstum in Kriens im letzten Jahrzehnt stagniert. Vor Ort sprechen die Kräne und Baugerüste im Zentrum der Gemeinde eine andere Sprache. Dicht neben dem historischen Gemeindehaus entsteht eine grosse Siedlung. Und auf der anderen Strassenseite wurde soeben eine ehemalige Teigwaren-Fabrik zu einer gemeinschaftlichen Siedlung mit 80 Wohneinheiten umgebaut. In dieser lebt auch Stadtpräsident Cyrill Wiget mit seiner Familie.

Im alten Gemeindehaus mit Glockentürmchen sind die Umzugskisten gefüllt. In zehn Tagen – wenn das neue Jahr beginnt – ist die Verwaltung im neu gebauten Stadthaus einquartiert. Seit Anfang 2019 ist Cyrill Wiget nicht mehr Gemeinde-, sondern offiziell Stadtpräsident. Mit dem Neubau stellte die Gemeinde den Einwohnern die Frage, wie die neue Verwaltung angeschrieben sein soll. Stadthaus, Stadtgemeinde oder Gemeinde? «Die Bevölkerung sagte: Ja, jetzt sind wir eine Stadt», schildert der grüne Stadtpräsident im königsblauen Hemd und mit leicht zerzaustem Haar. Kriens begegnet anderen Städten auf Augenhöhe.

Den Dorfplatz hat Kriens deswegen nicht aufgehoben, sondern gleich nebenan einen Stadtplatz geschaffen. «Die Dualität der alten und die Entwicklung der neuen Identität sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden, sondern sich ergänzen», sagt Wiget. Er selbst spürt das dörfliche Kriens im eigenen Velogeschäft. Jedes Jahr verkauft er ein paar hundert Geisseln. Das Geisselklöpfen ist ein dörfliches Relikt – das jeweils in der Vorweihnachtszeit 100 Geissler in den Krienser Strassen vereint.

Quelle: Swisstopo/www.map.geo.admin.ch

Der Velohändler Cyrill Wiget lacht, als er sich an eine Initiative erinnert, die er einmal mit ein paar Kumpels lanciert hat: Die Velofahrten im Kanton sollten durch Förderung des Veloverkehrs von 7 auf 14 Prozent verdoppelt werden. In der Stadt sagten 48 Prozent Ja zur Vorlage – im Entlebuch waren es noch deren 7. «Das sind wahnsinnige Welten», sagt der Grüne, der es in der bürgerlich-konservativ geprägten Agglo-Gemeinde zum Präsidenten geschafft hat. Luzern plus die Gürtelgemeinden bis Emmenbrücke ergeben für Cyrill Wiget eine «Smart City». Land ist, was hinter Malters beginnt und sich Richtung Bern zieht.

«Die Leute haben kein Problem mit der urbanen Entwicklung – sie profitieren davon», sagt der 56-Jährige. Die Identität müsse man ihnen lassen. In Kriens spürt er eine Wiederentdeckung der städtischen Lebensweise. «Die Menschen sehen wieder die Vorteile eines geteilten Wohnraumes, dafür haben sie eine Bäckerei im Haus, einen Nachbarn, der klingelt und vorbeischaut, einen Sandkasten mit anderen Mamis.»

In Kriens weht der Wind progressiver als in anderen Gürtelgemeinden. Zwar stellen SVP und CVP mit je sieben Einwohnerratsmitgliedern die stärksten Fraktionen. Bei sozialen Vorlagen und Nachhaltigkeitsthemen, so Wiget, bewege sich Kriens immer am nächsten bei der Kernstadt – wenngleich sie einen Rutsch weniger städtisch stimmt. «In der Stadt kann man ohne weiteres eine Tempo-20-Zone verlangen. In Kriens würde vielleicht eine Tempo-30-Zone für gut befunden.»

Dort, wo das Wohnzimmerfenster den Blick auf die Alpen freigibt und der Coop an der Hauptstrasse liegt.

Dort, wo jede Familie ihren eigenen Sandkasten im Garten hat und der Roboter den Rasen mäht.

Dann spricht der, der sich ein Leben lang dem Agglomerationsphänomen gewidmet hat. Benedikt Loderer redet so klug, wie Professoren aus Vorlesungs-Manuskripten lesen. Das Land gibt es in der Schweiz nicht mehr, sagt Loderer. In Biel, am Röstigraben lebt der vielleicht grösste Zersiedlungskritiker des Landes. Sein Bild der Agglomeration ist vernichtend. Benedikt Loderer steht am Eingang zu seiner Altstadt-Wohnung im Herzen Biels, die Arme auf das Treppengeländer gestützt. Schon 2003 beschrieb der ETH-Architekt und Publizist den Siedlungszustand der Schweiz als Leopardenfell, und er erfand den Begriff der Hüslischweiz. Als Herausgeber des Magazins «Hochparterre» schrieb Loderer: «Das Hüsli ist die Krankheit des Landes.» Fünfzehn Jahre später verwendet er noch immer dasselbe Vokabular. Mit seiner bildhaften Sprache politisiert er seit Herbst 2017 für die Grünen auch im Bieler Stadtparlament.

«Keiner, der auf dem Land sitzt, führt ein ländliches Leben», sagt er vor der deckenhohen Bibliothek. «Es sind alles reine Landkonsumenten. Wenn sie etwas anpflanzen, sind es Rosen, aber keinen Rosenkohl.» Für Loderer gibt es die Schweiz vor und die Schweiz nach dem Auto. Die Agglomeration beginnt nach 1950 und ist, so Loderer, eine Folge der Herrichtung des Landes zum Gebrauche des Automobils. «Die Agglomeriten», sagt er, «haben das Gefühl, sie seien auf dem Dorf.» Diese Haltung entspringe der antistädtischen Mentalität, da die Moralvorstellungen klar waren: Die Stadt ist schlecht und das Land gut. Das sentimentale Festhalten am Dorfcharakter stört ihn. Heute ändere sich dies wieder ein bisschen. «Wir müssen Abschied nehmen von der alten Vorstellung von Stadt und Land.» Loderer selbst wuchs «klassisch agglomeritisch» in einem Einfamilienhaus auf und wohnte dann 40 Jahre in der Zürcher Altstadt. Loderer glaubt nicht an eine politische Polarisierung, die mit Wohn- oder Lebensformen zusammenhängt. So wie man vor 300 Jahren habe sagen können, das ist ein Bauer – also benimmt er sich auch wie ein solcher –, sei dies nicht mehr möglich. Dann sagt er einen Satz, der nur auf Berndeutsch funktioniert: «Wenn dir eim säget, är benimmt sich wiene Agglomerit, denn wüsse mer ned, was das isch.» In der Agglomeration, wo die Menschen das Gefühl hätten, noch immer auf dem Land zu leben, sei die Verlustangst grösser als in den städtischen Zentren, so Loderer. Dies verursache den politischen Graben zwischen Kernstädten und Agglomeration.

Dort, wo ein Grossteil der Migranten versucht, sich in der Schweiz ihre Existenz aufzubauen.

Dort, wo Kindergärtler nicht mehr zum Himmel hochschauen, wenn ein Passagiervogel über dem Dorfkern abhebt.

Von Biel aus geht’s weiter westwärts. Der Röstigraben ist überwunden, als der Intercity Neigezug sich dem Neuenburgersee entlang gegen Genf hin schlängelt.

Gibt’s in der Romandie auch das Deutschschweizer Phänomen der mentalen Segregation zwischen Stadt und Land? Nein, sagt Politgeografe Michael Hermann: «Die Kernstädte sind weniger linksliberal als Deutschschweizer Kernstädte, im Gegenzug ist die Agglo linksliberaler als in der Deutschschweiz.» Das Widerspiel von traditioneller, heimatverbundener, konservativer Weltanschauung und der urban progressiven, ist also etwas Deutschschweizerisches. «Die Heidi-Vorstellung, dass die ländliche Gemeinschaft besser ist als die städtische, ist im frankophonen Raum weniger verankert», sagt Hermann.

Rein äusserlich unterscheidet sich das Bild in der Genfer Agglomeration kaum von jenem in der Deutschschweiz. Wer mit der PLR5 – einem kleinen Regional-Züglein – Richtung 1214 Vernier fährt, sieht urbane Siedlungen, breite Verkehrsadern und Baustellen, wie sie in Kloten, Emmen und Kriens zu sehen sind. Wie in Kloten, donnert auch in der Gürtelgemeinde Genfs im Minutentakt ein Flugzeug über den alten Dorfkern. Anders als in der Zürcher Flughafenstadt bringt der Fluglärm hier aber keinen Profit, sondern nur Plage. Denn die Gemeindegrenze Verniers endet da, wo die Maschinen die Startpiste hinter sich lassen. Sie heben über der Route de Meyrin ab, einer für Schweizer Verhältnisse gigantische Transitachse, die schnurgerade aus der Agglomeration an den Jet d’Eau Genfs führt und an die zentral ausgerichteten Strassen von Paris erinnert.

Als Vernier 1816 zur Schweiz kam war es noch ein Dorf. Es gab einen Bauernhof im Le Lignon, einen Bauernhof in La Châtelaine und einen in Maisonneuve. Heute haben riesige Stadtquartiere die Landwirtschaft verdrängt. In Le Lignon beispielsweise entstand in den 1960er-Jahren eine Cité, wie sie in der Schweiz einzigartig ist. In einem über einen Kilometer langgezogenen Blockbau leben heute knapp 7›000 Einwohner. Die kolossale Siedlung ist durch eine hufeisenförmige Schlaufe der Rhone und ein paar verbliebenen Ackerfeldern vom ehemaligen Dorfkern Verniers getrennt. Anders als in vielen Deutschschweizer-Agglomerationsgemeinden ist hier ein historisches Dörfchen ziemlich gut bewahrt. Durch die engen Gässchen kommen die Autos kaum an den Passanten vorbei.

Neben einer Nussbaum-Allee ist mit goldenen Lettern die Gaststube Vieux-Vernier angeschrieben. Holzofenpizza im Dorfkern einer Stadt mit 35‘000 Einwohnern. Zur Mittagszeit ist das Lokal prall gefüllt – im Hintergrund brummt Bravo-Hits Musik aus den Lautsprechern.

Quelle: Swisstopo/www.map.geo.admin.ch

Die Stadtverwaltung ist gleich am Eingang des alten Dorfzentrums in einem adeligen Landhaus mit riesigem Umschwung untergebracht. Die antiken Möbel im Empfangsbereich erinnern eher an ein Museum als an ein Stadthaus. Jeden Morgen erwacht Pierre Ronget mit dem 6.02 Uhr Flug. Der FDP-Stadtpräsident Verniers ist anders als seine Kantonalpartei gegen ein Wachstum des Flughafens. «Wenn ich als Freisinniger hier in Vernier die Flughafen-Interessen verteidige, mache ich bei den nächsten Wahlen keine einzige Stimme mehr», sagt Ronget. Im schwarzen Rollkragenpullover sitzt der 75-Jährige aufrecht in seinem Bürosessel. Auf dem Desktophintergrund leuchtet die goldene Kuppel einer orthodoxen Kirche in Moskau. Der freisinnige Maire ist praktizierender Orthodoxe und leitet seit 45 Jahren den Chor seiner Kirchgemeinde.

Nicht nur seiner Position in der Flughafen-Frage wegen gilt Ronget innerhalb der Mutterpartei als – O-Ton Ronget:«verlorener Linker». In Vernier gehen die Freisinnigen seit Jahren eine Allianz mit den Sozialdemokraten und den Grünen ein. Vereint bilden die drei Parteien die stärkste Kraft und haben alle drei Sitze in der Exekutive der Gemeinde inne. Der in den letzten Jahren im Raum Genf stark gewachsene Mouvement Citoyens Genevois (MCG) hatte in Vernier einen schweren Stand, obwohl die Gemeinde mit einem Ausländeranteil von über 44 Prozent Raum für populistische Anliegen böte. «Wir versuchen gemeinsam etwas aufzubauen, und nicht wie die Populisten nur zu zerstören», sagt Ronget.

Seit 1979 wohnt der Ur-Verniolan dem Einwohnerrat bei – seit nunmehr acht Jahren tut er dies als Stadtpräsident. «Une ville pas commune» – eine aussergewöhnliche Stadt (Das Wortspiel hiesse wörtlich übersetzt: Eine Stadt, keine Gemeinde). Diesen Slogan hat Ronget Vernier gegeben, er passe perfekt, findet er. Vernier hat alle Problematiken einer Stadt, aber gleichzeitig fehlt ihr, was eine traditionelle Stadt ausmacht: Vernier hat keinen klassischen Stadtkern, keinen Marktplatz und auch keine Überreste einer Stadtmauer. Der Slogan ist eine Anspielung auf das sektorale Denken, das in Vernier dominiert – eine gemeindeübergreifende Identität gibt es nicht. «Wenn ich ins Stadtquartier Avanchets gehe und frage, ob sie Verniolans sind, sagen sie: ‹Nein, wir sind Avanchets›», erzählt Ronget. Jedes einzelne der fünf Stadtquartiere hat seinen eigenen Rentnerklub.

Wieso sind Gemeinden wie Vernier in der Westschweiz nicht von der Kernstadt verschluckt worden, wie etwa Oerlikon in Zürich? Ronget überlegt lange. Dann sagt der Historiker in ihm: «Aus meiner Sicht leidet Genf darunter, Napoleons Invasion erlegen zu sein.» Die Stadt habe alle schlechten Gewohnheiten Napoleons behalten, unter anderem die Zentralisierung. In der Raumplanung etwa, entscheidet der Kanton, die Gemeinde Vernier kann nur Empfehlungen abgeben. «Genf hat eine derart eigene Politik geführt, dass die anliegenden Gemeinden sich sagten: Wir wollen uns nicht von der Stadt auffressen lassen», sagt Ronget und schiebt nach: «Ich bin sehr Anti-Napoleon. Ich bin Monarchist.» Er lacht aus voller Kehle.

Zum Schluss des Gesprächs druckt er das Lied der Escalade – die Hymne Genfs – mit seinen 68-Strophen aus und gibt sie mit auf den Weg. Steht die Identität Genfs am Ende doch über allem? «Ja, aber nur die historische Identität», sagt Ronget.

Dort, wo Prestigebauprojekte entstehen und zugleich viele Menschen leben, die von der Sozialhilfe abhängig sind.

Dort, wo Dörfer verstädtern, aber in den herangewachsenen Städten ein dörfliches Bewusstsein bleibt.

Der Heimkehrende sei erstaunt über die landläufige Selbstzufriedenheit, schrieb Max Frisch schon 1948. «Als Fachmann kann er höchstens die sachliche Erkenntnis fördern, dass wir ganz einfach verloren sind, wenn wir in dieser Art weiterdörfeln.» Die Reise durch vier Agglomerationsgemeinden, die sich im Nimbus grosser Schweizer Kernstädte bewegen lehrt: Die Schweiz hat seit Frisch weitergedörfelt. Trotz Urbanisierung der Agglomeration sind auch in den grossen Gürtelgemeinden, die längst mit der Kernstadt verzahnt sind, dörfliche Wurzeln erhalten geblieben. Mentalitäten ändern sich nur sehr langsam. So schwingen in der Vorweihnachtszeit in Kriens die jungen Generationen noch immer die Geisseln, in Kloten lebt die Dorffeuerwehr von den Ur-Klotenern, in Emmen identifiziert sich die Bevölkerung nicht als Stadt und in Vernier definieren sich die Menschen über ihr Quartier. Die Stadt- und Gemeindepräsidenten versuchen, im räumlichen Spannungsfeld ihre Rolle zu finden. Jede Gemeinde erzählt ihre eigene Geschichte. Noch sind jene Menschen da, welche Kloten kannten, als es noch ein Dorf war.

Text: Yann Schlegel, Fotos: Claudio Thoma, Boris Bürgisser und Yann Schlegel

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Yann Schlegel
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