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Von München nach Franken Eine etwas unglaubliche Radfahrt

Gemütlich, gemütlich war angesagt. Die Aufgabe als »Bauleiter« bei der Renovierung unseres Fachwerkhauses hatte mich weitaus mehr in Anspruch genommen als geplant. Dazu kam noch ein kleiner Arbeitsunfall mit einem Muskelfaserriss, der einen gigantischen Bluterguss hervorzauberte. Kurzum, mein unterirdischer Trainingszustand liessen mich demütig werden. Die Tour von München nach Unfinden am 8. August 2019 wollte ich in zwei gemütlichen Etappen unter die Räder nehmen.

Baustelle, Ausblick, Bluterguss, mit Ronny ganz oben!

Vor einem Jahr fuhr ich eine fast identische Strecke. Von München nach Freising auf dem Isarradweg, durch die Hallertau, nach Mainburg die Donau überquerend, hinab ins Altmühltal. Von da am König Ludwig Donau-Main Kanal entlang bis Nürnberg-Feucht. Dieses Mal wollte ich unbedingt über das Kloster Weltenburg fahren um mir endlich mal den Donaudurchbruch anzusehen.

Kurz nach sieben Uhr fahre ich los. Schlafsack, Biwaksack, Isomatte und andere Utensilien sind dabei. Eine große Wolke Freiheit umgibt mich.

Über Stachus, Odeonsplatz, Münchner Freiheit und die Ungerer Strasse gelange ich bei Unterföhring auf den Isarradweg. Die Isarauen bis Freising, ein getrübtes Idyll. Die Phythophtora-Wurzelhalsfäule befällt Eschen und Erlen. Es ist ein Pilz der 1995 erstmals nachgewiesen wurde und sich seitdem rasant ausbreitet. Dem Triebsterben kann man nicht entgegenwirken und so greift man in naturgeschützten Räumen nicht ein.

Am Vorabend hat es geregnet, der Himmel am Morgen ist bewölkt und es ist drückend schwül. Gemütlich über die Schotterwege fahrend erreiche ich Freising. Jetzt wird es mal kurz unerquicklich. Die B 301 nimmt mich auf, aber nach 6 oder 7 Kilometern, bei Attenkirchen, fahre ich schon wieder auf ruhig gelegenen Radwegen.

Schon ab Freising ist es ist hügelig geworden und langsam nähere ich mich dem klassischen Hopfenanbaugebiet der Hallertau. Die Dörfer die ich durchfahre sind oft wie ausgestorben. Es sind Schlafstätten geworden, meist mit einem Neubaugebiet neben dem alten Ortskern. Nur selten entdeckt man noch die eine oder andere Gelegenheit zum Einkauf.

Mittendrin in der Hallertau. Kleine Weiler säumen die Strasse.
Kurze Rast vor Mainburg

Nach Mainburg geht es parallel zur B 301 über kleine Sträßchen und Dörfer. Immer mal Wellen, aber nie unangenehm. Und endlich auch mal wieder etwas graveln. Mein Fuji Jari macht mir sehr viel Spaß. Seit über einem Jahr fahre fast nur noch dieses Rad. Es ist enorm vielseitig und bietet viel für wenig Geld. Jede Menge Ösen für drei Flaschenhalter, Gepäckträger und Schutzbleche. Neben der Standardbereifung 28 Zoll oder 700 erlaubt es der Rahmen auch 27,5 oder 650B Reifen zu fahren mit einer Breite von bis zu 2.0. Am Rad ist mit eine 10-fach Tiagra verbaut, die tadellos funktioniert, ebenso die mechanische Tektro Scheibenbremse. Ganz toll, das Kettenblatt 46/30 in Verbindung mit den Ritzeln 11 bis 34 hinten. Eine sinnvolle und angemessene Ausstattung für ein Gravelbike. Mit der oft verwendeten Compact-Schaltung 50/34 haben sicherlich viele Hobbyfahrer im Gelände und mit Gepäck nicht soviel Freude. Nachdem dieses Jahr Fuji das Jari auch mit einem Carbonrahmen anbietet, werde ich vermutlich umsteigen. Ich sitze noch komfortabler als auf meinem Canyon und mit einem Gewicht von 8,5 kg in Verbindung mit der großen Vielseitigkeit scheint das Jari für mich wirklich die eierlegende Wollmilchsau zu sein.

Ein Ort mit dem Namen »Train« wartet mit einer Dorfmetzgerei auf. Zwei belegte Semmeln, eine Cola füllen die Speicher wieder etwas auf. Ich fühle mich erstaunlich gut, was ich auf meinen ökonomischen Fahrstil zurückführe. Angenehmes Tempo – nicht langsam, nicht ballern. Immer noch viel Hopfen – vorbei und zwischendurch. Um die Mittagszeit sollte ich Kloster Weltenburg erreichen.

Hopfen, soweit das Auge reicht
Holzstämme für den Hopfenanbau werden oft schon durch Varianten aus Aluminium ersetzt

Ich streife die Orte Siegenburg, Biburg. In Abendsberg eine Überraschung. Ein Brauereibesitzer hatte ein Faible für die Arbeit des Architekten Friedensreich Hundertwasser. Ein Architekturprojekt das nach dem Tod des Künstlers, vom Architekten Peter Pelikan, einem langjährigen Mitarbeiter Hunderwassers bearbeitet und realisiert wurde. Bekannt ist der Kuchlbauerturm, 9685 Fotos zum Kuchlbauer Turm auf Google Maps sprechen für sich.

Hier trifft sich Kunst und Weißbier

Auch bei mir läuft alles rund und kurz nach Abendsberg, bei Sandharlanden eine schöne Abfahrt. Das Jari trägt mich hinunter ins Donautal nach Staubing. Zwei Kilometer noch, einige Kurven, dann bringt mich die schmale Teerstraße direkt zum Kloster Weltenburg.

Donaustrand bei Weltenburg

Am und im Kloster sind schon einige Touristen unterwegs, aber an einem Donnerstag hält sich das in Grenzen. Ich kaufe ein Ticket nach Kelheim, »15 Minuten bis zur Abfahrt«, erklärt mir die nette Dame. Vom Kloster sehe ich also nichts was mich weiter nicht stört. Die Landschaft, den Donaudurchbruch, das will ich sehen, außerdem möchte ich gerne weiterfahren. Ich fühle mich gut und bin gespannt wie weit ich komme.

Renate kommt :-)

An der Anlegestelle kann man schön den Weltenburger Durchbruch sehen. Das Naturschutzgebiet darf nur von den Fähren befahren werden. Es gelten hohe Umweltschutzauflagen, außerdem darf nur eine begrenzte Anzahl von Fahrten jährlich gemacht werden.

Donaudurchbruch

Über Lautsprecher gibt es allerlei Informatives während das Schiff dicht an den Felsen entlang nach Kelheim gleitet. Ich esse noch eine Kleinigkeit, »Brezn mit Obatzn«, ja ich bin noch nicht in Franken. 20 bis 25 Minuten dauert die Fahrt und kurz vor dem Ende taucht sie noch auf, die Befreiungshalle.

In Kelheim orientiere ich mich kurz und folge dann dem Altmühlradweg nach Riedenburg. Auf Schotter geht es flach dahin, weswegen auch die Flußradwege so beliebt sind. Von einer Überfüllung kann man aber nicht sprechen. Manchmal eine kleine Gruppe, ein Pärchen. Ich geniesse, die Landschaft, den Main-Donau-Kanal und die Altwasser. Auch architektonisch gibt es was zu bewundern.

Fußgänger- und Radfahrerbrücke

Ich erreiche Riedenburg und bin erstaunt wie gut es mir geht. Meine längste Fahrt dieses Jahr war ein »Hunderter« um den Starnberger See. Ich gehe mal davon aus, dass das ständige Gerüst auf- und absteigen auch einen Trainingseffekt hatte. Ich telefoniere mit meiner Frau, »ich schau halt mal wie weit ich komme«. Sie ist besorgt, da ich nicht einmal ein Schloß dabei habe.

Riedenburg

Dietfurt an der Altmühl – an einer Tanke kaufe ich Getränke, Apfelschorle, zwei Red Bull. Ich bitte die Frau auch mir eine Trinkflasche mit Leitungswasser aufzufüllen. »Ja, kann ich schon machen«. Sie fasst den verstaubten Bidon mit zwei Finger an und füllt ihn. Als ich das Pfand für eine Büchse und eine Flasche spendiere erhellen sich ihre Gesichtszüge wieder. »Wie weit es nach Neumarkt sei«, frage ich? »So 45 km mit dem Auto«, kam die Antwort. Neumarkt in der Oberpfalz war meine nächste Wegmarke. Dort hätte ich dann ca. 200 km. Ich fühle mich weiterhin eigentlich viel zu gut. Also weiter! Irgendwie lotst mich das Garmin anders als im letzten Jahr, denn ich fahre links vom Main-Donau-Kanal.

Schleuse Berching

Nach der Schleuse Berching treffe ich auf ein altes Ehepaar mit denen ich mich eine zeitlang unterhalte. Sie sind mit Pedelecs unterwegs und erzählen mir von ihren Radreisen. »Bis nach Santiago de Compostela sind wir gefahren«! Erst vor zwei Jahren als die Kraft immer weniger wurde sind sie auf die Akku-Unterstützung umgestiegen. »Viele bräuchten kein eBike«, sagt der Mann, aber keiner will sich mehr anstrengen. Wir frotzeln noch ein wenig über motorisierte Monster-SUV-Bikes bevor ich mich verabschiede. Der LDM-Kanal Radweg verläuft auf der anderen Seite der Strasse haben mir die Beiden erklärt, noch dazu teilweise neu ausgebaut.

geteerter Abschnitt des Ludwig Donau-Main-Kanal Radweges

Ich mache nochmal ein kleine Pause, und stelle mir die Frage ob Red Bull, ich zische gerade die zweite Büchse, irgendwie schon Doping wäre. Guter Dinge rolle ich weiter, denn jetzt spielt der alte Kanal wieder seinen Charme aus.

Das Jari vor einem alten Schleusenwärterhäuschen

Ein Hochgefühl stellt sich ein. Traumhaftes Wetter, aber nicht zu heiß. Auf idyllischen Wegen und weg vom Verkehr rolle ich Richtung Neumarkt.

Auch in Neumarkt gibt mir das Garmin eine andere Route vor. Bin ich letztes Jahr noch durch die Innenstadt gefahren, fahre ich nun ausschließlich auf Radwegen. Mein Hochgefühl ist beständig wie die Wetterlage und als ich das Schild sehe »Nürnberg 46 km«, weiß ich, dass meine Reise weitergeht.

Als ich einige Minuten später am Friedhof, der direkt neben dem Radweg liegt, vorbei komme, denke ich nur »perfekt«! Das ist das Spa des Langstreckenradlers. Kopf unter Wasser, das Salz abwaschen – »wie neugeboren« wäre übertrieben, aber »echte Wohltat« trifft es genau.

Willkommene Erfrischung und Bidons füllen.
Zwischen Neumarkt und Pfeifferhütte

Nach Pfeifferhütte fahre ich auf einem Radweg neben der B8 nach Feucht. Eine kleine Unachtsamkeit und ich verfahre mich dort, später queren geht nicht, da sind Gleise im Weg. Mir reicht es jetzt mit dem Herrn Garmin. Ich komme jetzt so auf 220 km und übergebe die Navigation jetzt an Frau Komoot. Sprachansagen mit Stöpsel in den Ohren und das große Display des iPhone sind richtig luxuriös. Frisch wie der Morgen bin ich natürlich nicht mehr, aber meine Beine sind immer noch richtig gut. Nein verstehen tue ich das nicht. Aber irgendwie bin ich jetzt im Langstreckenmodus.

Über Altenfurt/Fischbach fahre ich an der B4 entlang (Radweg) nach Nürnberg rein. Nicht so prickelnd, Industriegebiet, laut, ich hoffe zumindest auf Essen. Yep, ein McDrive. Ich mach einen auf Auto, fahre um die Hütte herum und sehe mindestens 10 Blechkisten vor mir. Nix wie weg, dauert zu lange. Hinter dem Dutzendteich dann ein Kentucky Fried Chicken. Ich hole einen großen Burger, den ich ein Stückchen weiter auf einem Obi-Parkplatz reinschiebe. Mittlerweile bin ich mir fast sicher es bis Unfinden schaffen zu können. Telefonat mit einer aufgeregten Frau. »Wo, Nürnberg – aber jetzt steigst Du in den Zug«! Ich verneine und verweise auf meinen unerklärlichen energetischen Zustand. Wir verabreden stündliche Telefonate. Die Dämmerung hat eingesetzt. Wo die Pegnitz in den Wöhrder See mündet geniessen die Nürnberger den lauen Sommerabend.

Für das Fuji habe ich noch kein Dynamolaufrad, ich habe mich erstmal mit einer LS 950 begnügt, die nun montiert wird. Durch das Zentrum, hinter der Burg vorbei überquere ich irgendwann den Nordring und fahre dann wieder auf dem Radweg an der B4 Richtung Erlangen.

Das letzte Bild dieses Tages. Sonnenuntergang mit Flieger und die schimmernden Dächer der Gewächshäuser.

Erlangen, wunderbar. Frau komoot dirigiert mich über die Äussere Nürnberger direkt in das Stadtzentrum. An der Universität vorbei über den Schloßplatz, die Innenstadt ist fest in der Hand der Studenten, die in Bars und Kneipen das Leben geniessen. Ich fahre gemütlich durch die Gassen und Sträßchen, am Schloßgarten vorbei und finde mich schon bald auf dem Radweg links neben der A73 wieder. Das taugt mir aber nicht. Ich muss nochmal auf der andere Seite der Autobahn wechseln, denn bei Bubenreuth muss ich zwingend an der OMV nochmal Getränke und Proviant aufnehmen, wenn ich mein Ziel erreichen will. Und das ist jetzt der Plan. Wasser, Cola, ein TripleShot (dreifach Espresso) Laugenstange. Ein weiteres Telefonat mit einer noch entsetzteren Frau. Nächster Call in Forchheim.

Ich ziehe ne dünne Regenjacke an, die ich offen lasse und fahre über eine Fußgänger-/Radfahrerbrücke auf die andere Seite der A73 und dann über dunkle Radwege Richtung Bamberg. Mittlerweile ist es richtig Nacht geworden und ich fahre recht vorsichtig vor allem bei Abzweigen und starken Kurven da meine Lampe zwar sehr gut nach vorne ausleuchtet, aber weniger in die Breite. In meinem Tunnel vergesse ich völlig, dass ich ja noch eine wunderbare Stirnlampe habe, mit der dieses Problem sofort gelöst wäre. Tja, so ist das. Immerhin sorgen Kaninchen, Hasen, Rehe, ein Fuchs für Abwechslung. Leuchtende Augenpaare in der Nacht, ich bin also tatsächlich da, wo sich Fuchs und Hase eine Gute Nacht wünschen. Die Schleuse Hausen leuchtet dann mal richtig schön, danach geht es wieder in die Dunkelheit. Ich komme nach Forchheim. Welch ein Unterschied im Vergleich zur Fahrt mit dem Auto. Auf dem Rad bekommst du nichts mit von Industriegebiet, Tankstellen und auch der Verkehrslärm der A73 auf der anderen Seite der Regnitz ist durch die Schallschutzwand kaum zu hören. Plötzlich führt der Radweg links hoch auf die verträumte Regnitzbrücke. Im Schein der Lampen auf der Brücke der nächste Call. Meine Frau erklärt mich für verrückt und ich versichere das Ganze locker und stoisch zu Ende zu fahren sowie einen weiteren Anruf aus Bamberg.

Auf dem Weg nach Bamberg, ein Schreckgedanke, jetzt einen Platten oder eine Panne. Ich befürchte das könnte mir alle Energie rauben und mich hilflos in der Pampa zurücklassen. Als mir bei einer kurzen Auffahrt im Wiegetritt das Hinterrad wegrutscht vermute ich schon einen Plattfuß, aber ich habe Glück, alles gut. Überhaupt ist mir heute irgendeine Macht sehr wohlgesinnt. An der Schleuse Strullendorf nochmal eine kleine Abweichung. Wie eine Motte fahre ich auf das Licht der Anlage zu. Ein kleiner Schlenker und ich bin wieder in der Spur. Bald bin ich Bamberg. Ich geniesse jede Strassenlaterne und auf dem Kunigundendamm fühle ich mich schon wieder ein wenig heimischer. Mein Anruf wird nicht mehr entgegengenommen, es ist so kurz nach Mitternacht. Frau komoot lotst mich diesmal auf die rechte Mainseite. Über Hallstadt, Dörfleins, Ober-, Unterhaid und Stettfeld erreiche ich Ebelsbach.

Schon in Bamberg war alles wie ausgestorben und auf der Fahrt durch die kleinen Ortschaften bin ich der Kapitän der Landstraße. Keine 10 Autos zwischen Bamberg und Unfinden. Von Ebelsbach eine lange Gerade, leichter Knick an Steinbach vorbei, Ziegelanger, Schmachtenberg, Zeil. Mittelalterlich erscheint der Kirchplatz mit seinem Kopfsteinpflaster.

Um die Kirche herum stoße ich auf die Krumer Strasse und gelange nach 3 km auf ihr in den gleichnamigen Ort. Zwischen Krum und Altershausen, ein Hänger, ich sandele plötzlich nur noch so dahin. 12 - 13 km/h zeigt das Garmin, aber nachdem ich den kurzen Stich zur Ortseinfahrt nach Alterhausen geschafft habe geht es wieder besser. Die Steigung zwischen Altershausen und Königsberg ist moderat. Sie endet mit Blick auf die illuminerte und restaurierte Burg und einem Hinweisschild 12%. Die darf ich jetzt runter rauschen. Noch ein paar Kurven in Königsberg und nach weiteren 800 Metern bin ich am Ortschild von Unfinden. Energie, Scotty ein Foto muss ich noch machen.

Es ist 2 Uhr Morgen oder Nacht oder egal. Ca. 19 Stunden war ich unterwegs und bin 335 km gefahren. Ich kann nicht begreifen, dass das so funktioniert hat. Einmal mehr hat das Leben seinen traumhaften Charakter offenbart.

Wer sich für die Route interessiert hier zwei Links. Mein Edge ist mir in Freising abgerauscht und ich musste es neu starten.

keep riding

© Klaus Wagenhäuser

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KLAUS WAGENHÄUSER
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