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Wünsche, Träume, Perspektiven Von Michael Ertel

Wie gelingt Integration? Durch gesellschaftliche Teilhabe. Und was ist deren wesentliche Säule? Arbeit. Die Firma Kaeser in Coburg hat sich 2016 auf den Weg gemacht, diese Verantwortung zu übernehmen und dieses Versprechen einzulösen. Mittlerweile sind dort 46 junge Flüchtlinge in Ausbildung. Ein leuchtendes Beispiel, wie Integration gelingen kann – auch wenn es viele Stolpersteine gibt.

Sein gesamtes, 35-jähriges Berufsleben hat Rüdiger Hopf beim Kompressorenhersteller Kaeser in Coburg verbracht: von seiner Ausbildung zum Industriemechaniker über seine Laufbahn als Ausbilder und Fertigungsmeister bis hin zum Leiter der Ausbildung von derzeit 300 jungen Leuten in Coburg und Gera. Ausbildung hat bei Kaeser eine lange Tradition – und Hopf kennt das Unternehmen seit Jahrzehnten in- und auswendig. Doch bei einer Ankündigung des Firmenchefs Thomas Kaeser Anfang 2016 stockt auch ihm der Atem: Es gäbe so viele neue junge Leute in Deutschland, Flüchtlinge, und für die müsse es eine Perspektive geben, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. „Als Unternehmen erkennen wir unsere gesellschaftliche Verantwortung und wir werden diese Menschen bei der Integration unterstützen – durch Ausbildung und Arbeit.“

Rüdiger Hopf, Ausbildungsleiter bei Kaeser

Gesagt, getan: Rüdiger Hopf und sein Ausbilderteam nehmen die Herausforderung an – und Kaeser startet in großem Stil mit der Ausbildung junger Flüchtlinge: 2016 zunächst mit 21, im Folgejahr 2017 mit weiteren 25. „Wir haben jetzt 46 Geflüchtete bei uns in der Ausbildung“, erzählt Rüdiger Hopf. Doch um soweit zu kommen, sind seit zwei Jahren intensives Engagement und persönlicher Einsatz notwendig.

Was Hopf und seinem Team am Anfang zugute kam, waren die Erfahrungen, die man bereits seit 2012 mit jungen Auszubildenden ausländischer Herkunft sammeln konnte. Für die weltweiten Niederlassungen wollte man die Qualifikation seiner Fachkräfte, die in den Ländern vor Ort arbeiten, durch eine Ausbildung im Dualen System in Deutschland sicherstellen. Zunächst hat Kaeser versucht seine Auszubildenden und Mitarbeiter dafür zu begeistern, für einige Jahre im Ausland zu arbeiten. „Als das allerdings nicht so wie gewünscht gefruchtet hat, haben wir im europäischen Ausland nach jungen Menschen gesucht, die bei uns eine Ausbildung machen möchten.“ Fündig wurde man vor allem in Spanien und Italien – nicht zuletzt auch aufgrund der dortigen hohen Jugendarbeitslosigkeit wollten viele die Chance auf eine berufliche Perspektive ergreifen.

„Unsere ersten ausländischen Auszubildenden kamen aus Spanien“, erzählt Rüdiger Hopf. Sie wurden über die Agentur für Arbeit vermittelt. „Sie waren sehr motiviert und ehrgeizig und arbeiten mittlerweile als Facharbeiter bei uns.“ Weitere Auszubildende aus Griechenland kamen hinzu, ebenso wie eine Auszubildende aus Vietnam. „Dieses Ausbildungsprojekt hat uns sehr geholfen, erste Erfahrungen zu sammeln, wie wir den Spracherwerb organisieren, die Sprachbarrieren und auch die Berührungsängste mit anderen Kulturen abbauen können.“

Die gleichen Wünsche und Träume

Persönlich, so erzählt Rüdiger Hopf weiter, habe er damals schon zwei Dinge gelernt: Wenn die Leute da sind, gebe es immer Lösungen, bestehende Hemmungen und Ängste abzubauen. Und: „Natürlich gibt es Unterschiede zwischen den Jugendlichen. Aber eines ist identisch: Egal wo sie hergekommen – sie haben alle die gleichen Wünsche und Träume.“ Das heißt, die Vorstellung, wie es im Leben weitergehen soll, ist sehr ähnlich: einen sicheren Arbeitsplatz haben, gutes Geld verdienen, eine Familie aufbauen, ... .

Doch schnell stößt man bei Kaeser auf Schwierigkeiten, die im Vorfeld der Flüchtlingsintegration so nicht abzuschätzen waren. Beispiel: Die ausbildungsbegleitenden Hilfen (ABH), die von verschiedenen Bildungsträgern angeboten werden. „Wir haben schnell gemerkt, dass dieses Angebot für unsere ausländischen Auszubildenden nicht ausreicht. Was wir benötigen, ist eine individuellere Betreuung des Einzelnen.“ Dies will Hopf allerdings nicht als Vorwurf an die Bildungsträger verstanden wissen. „Aber wenn den Auszubildenden grundlegende Deutschkenntnisse fehlen, kann der Lernstoff des Ausbildungsberufs nicht ausreichend vermittelt werden.“

Die Konsequenz: Kaeser hat selbst eine Deutschlehrerin eingestellt, die den Zusatzunterricht, durchgeführt von einem externen Bildungsträger, koordiniert. Zudem hat man den ergänzenden, vom Beruflichen Fortbildungszentrum (bfz) abgedeckten Fachunterricht noch gezielter fachspezifisch ausgerichtet. „So haben wir es geschafft, die Inhalte individuell nach Ausbildungsberuf aufzubauen.“ Und um den Auszubildenden ein konzentriertes Lernen zu ermöglichen, hat sich die Firma Kaeser auch um eine Verbesserung von deren Wohnsituation gekümmert. Einige von ihnen konnten im firmeneigenen Wohnheim untergebracht werden.

Große Dankbarkeit und „Familienersatz“

Sprache, fachliches Wissen, handwerkliches Können, ... das sind die Dinge, die erlernbar sind. Doch oft weniger kompensierbar sind die persönlichen Probleme, die vor allem die unbegleiteten jungen Flüchtlinge wie einen schweren Rucksack mit sich herumtragen. „Sie vermissen ihre Familien und den Zusammenhalt. Alles ist weggebrochen – und sie müssen sich in unserer Welt orientieren.“ Nicht selten hören Rüdiger Hopf und seine Ausbilder schlimme Fluchtgeschichten, die die Jugendlichen bis heute nicht loslassen. „Oft müssen sie noch Geld an die Schlepper zurückbezahlen oder sie haben Angst um ihre Familien, die sich noch in den Herkunftsländern befinden.“ Auch wenn das Ausbilderteam den jungen Leuten Sicherheit und Rückhalt geben will – dieser zusätzlichen psychologischen Herausforderung ist man nicht gewachsen. Deshalb wurde vor gut einem Jahr ein Sozialpädagoge eingestellt, der sich der jungen Leute und all ihrer individuellen Probleme annimmt.

Was Rüdiger Hopf immer wieder spürt, ist große Dankbarkeit. „Das Unternehmen ist für sie fast schon zu einem Ersatz für die Familie geworden.“ Das merke man zum einen an den Themen, die sie auf der rein menschlichen Ebene mit ihren Ausbildern besprechen wollen. Zum anderen aber auch rein äußerlich: Voller Stolz tragen sie ihre Arbeits- oder Sportswear-Bekleidung mit dem Kaeser-Logo – und dies auch in ihrer Freizeit. „Sie wollen Teil der Kaeser-Familie sein und das zeigen sie auch.“

Schwierige Vorauswahl

Wie kommt man nun zu den vielen jungen Flüchtlingen in Ausbildung? Über gut formulierte Motivationsanschreiben und Lebensläufe sicherlich nicht. „Das kommt zwar manchmal vor, wenn jemand mit deutschem Hintergrund geholfen hat, aber in der Regel bekommen wir Bewerbungsunterlagen, die nicht aussagekräftig sind“, erzählt Hopf. Deshalb verlässt man sich bei Kaeser auf Auswahlmethoden des Projektes „Integration durch Ausbildung“ (IdA), das von der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) seit 2015 forciert wird. „Wir machen einerseits verschiedene Tests und Kompetenzchecks, wie sie in dem IdA-Projekt vorgesehen sind und greifen auf die Hilfe einer extra eingerichteten Navigatorenstelle zurück. Zum anderen bieten wir ein mehrwöchiges Praktikum in den verschiedenen Ausbildungsberufen an.“

Das Ziel: Die jungen Leute sollen den Ausbildungsberuf „erleben“, das duale Bildungssystem in Deutschland kennenlernen – und schon vor einem möglichen Ausbildungsstart Kontakt zu den Menschen im Unternehmen haben. Es geht um Grundsätzliches: Wie fühle ich mich im Unternehmen aufgehoben? Wie komme ich mit den Kollegen zurecht? Traue ich mir zu, den Beruf zu erlernen? Und auch Kaeser möchte natürlich wissen, auf welchem Stand die einzelnen Bewerber sind: Bringt er die handwerklichen Fähigkeiten mit? Ist ihm zuzutrauen, die Ausbildung in der regulären Zeit zu schaffen? Sind grundlegende Kenntnisse in Mathematik und Physik vorhanden?

Doch allein schon diese Vorauswahl ist eine Mammutaufgabe. Rüdiger Hopf: „2016, also im ersten Jahr, hatten wir 65 Praktikanten, 2017 waren es sogar 120.“ Das hat natürlich im Ausbildungszentrum von Kaeser viele Kapazitäten gebunden, vor allem bei den Ausbildern, die in die Auswahl der Ausbildungs-Kandidaten direkt eingebunden waren. „Um ihnen die Arbeit zu erleichtern, haben wir extra eine interkulturelle Kompetenzschulung mit einer externen Dozentin durchgeführt. Unser Ziel war, einen Einblick in die Kulturunterschiede, die Auswirkungen auf das Miteinander im Betrieb und die Zusammenarbeit zu bekommen.“ Denn Ängste und Vorbehalte seien am Anfang eines solch großen Integrationsprojektes wohl die größte Hürde.

46 zusätzliche Ausbildungsplätze

Doch Kaeser meistert auch diese: Zuerst 21, dann im Folgejahr weitere 25 junge Flüchtlinge starten in ihre Ausbildung, überwiegend in Berufsbildern mit zweijähriger Lehrzeit wie Industrieelektriker, Maschinen- und Anlagenführer sowie Fachlagerist. Nach einem erfolgreichen Abschluss können sie die dreieinhalbjährige Ausbildung zum Elektroniker und Industriemechaniker anschließen. „In diesem Sommer legen die im Jahr 2016 eingestellten Flüchtlinge ihre Abschlussprüfung ab. Wir übernehmen sie anschließend als Facharbeiter – oder sie gehen ihren eigenen Lebensweg selbständig weiter.“

Dass die Ausbildung der jungen Flüchtlinge nicht überall im Betrieb auf Akzeptanz stieß, räumt der Ausbildungsleiter ein. Doch sein Pro-Argument – gegen Stimmen gerichtet, die meinten, heimische Jugendliche würden nun benachteiligt – ist schlagkräftig: „Es war von Anfang an von Herrn Kaeser klar formuliert: Diese Stellen für die Flüchtlinge sind zusätzlich geschaffen – sie nehmen niemandem die Ausbildungsplätze weg.“

Und auch einem weiteren Kritikpunkt, durch die Flüchtlinge leide bei Kaeser die Ausbildungsqualität, tritt Rüdiger Hopf energisch entgegen. Bei vielen Prüfungen würden die Azubis von Kaeser hervorragend abschneiden und für ihre guten Ergebnisse geehrt. „Das Flüchtlingsprojekt hat überhaupt keine Auswirkungen auf das hohe Niveau unserer Ausbildung.“ Bisher haben alle Kaeser-Azubis ihre Prüfungen bestanden, dreimal habe man es sogar geschafft, Bundesbeste auszubilden.

Thomas Kaeser, Geschäftsführer

Integrationsprojekt wird fortgesetzt

Vielmehr hadert der Ausbildungsleiter mit der Bürokratie, wenn beispielsweise die Ausländerbehörde die Arbeitserlaubnis entziehe und somit einer Weiterbeschäftigung des Azubis nicht mehr zustimme. Dies geschehe meist dann, wenn sich die jungen Leute nicht an Bestimmungen oder Auflagen halten. „Es gibt Regeln in Deutschland, die eingehalten werden müssen. Aber dennoch ist es sehr schade, wenn ein junger Mensch nach dem ersten Ausbildungsjahr seine Ausbildung nicht fortsetzen darf, obwohl seine Leistungen top sind. Das ist auch für uns nicht schön, denn wir investieren ja auch sehr viel Geld.“ Und es verursacht zusätzlichen Aufwand. Da man natürlich niemanden gegen Behördenbestimmung beschäftigen darf, sei man ständig am Kontrollieren, ob die Jugendlichen ihre amtlichen Termine einhalten würden. „Wir müssen permanent aufpassen, dass wir niemanden illegal beschäftigen – und das macht uns die Arbeit nicht leichter.“

Trotz der alltäglichen Schwierigkeiten: Das Unternehmen möchte an der Flüchtlingsintegration festhalten und Thomas Kaeser und dessen Ehefrau Tina-Maria Vlantoussi-Kaeser geben ihrem Ausbildungsleiter Rückendeckung, suchen den regelmäßigen Kontakt mit ihm. Für Rüdiger Hopf ist klar: „Das Projekt funktioniert nur dann, wenn die Firmenleitung komplett dahinter steht.“

Created By
Michael Ertel
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Credits:

Fotos: Michael Ertel; PR

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