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Flugverzicht und trotzdem quer durch Europa reisen? Eine ganz besondere Reise

Konstanz, den 02. Juni 2019

Text und Bilder: Charlotte Kurz; Layout: Theresa Gielnik

Greta Thunberg macht es vor: Die 16-Jährige fährt öfters mit dem Zug oder Bus quer durch Europa. Von ihrem Heimatort Stockholm bis nach London oder Rom ist die gebürtige Schwedin bereits gereist. Ohne in ein Flugzeug einzusteigen.

Für viele in meiner Generation ist das Reisen unverzichtbar. Aber in Zeiten des Klimawandels haben dann doch einige ein schlechtes Gewissen, wenn sie von Berlin nach Zürich, oder durch Zwischenlandungen sogar nur ganz kurze Strecken fliegen, wie zum Beispiel von Stuttgart nach Düsseldorf. Oft wird vom ökologischen Fußabdruck gesprochen, der durch Fleisch- und Flugverzicht reduziert werden kann. Günstige Flugreisen sind aber vor allem für Studierende mit geringem Budget sehr attraktiv.

Ich möchte herausfinden, ob es auch bezahlbare Alternativen für den 30-Euro Flug gibt. Der Besuch bei meiner besten Freundin in Göteborg steht an, ich entscheide mich für die Bahn und buche eine Fahrt von Stuttgart nach Göteborg. Für die Hinfahrt bezahle ich 58,55 Euro, mit BahnCard 25 Rabatt und luxuriöser Sitzplatzreservierung, für die Rückfahrt lege ich mit 63,45 Euro etwas mehr hin. Meine Familie und Freunde schauen mich alle schräg an, wenn ich ihnen von meinem Vorhaben erzähle: „Was? Mit dem Zug?“

Ich fühle mich tatsächlich etwas abenteuerlich, als ich in der Begleitung eines Freundes an einem kühlen Märzmorgen um fünf Uhr in den ICE nach Hamburg steige. Für die Uhrzeit passend, habe ich Plätze für den Ruhewagen reserviert, so dass wir ungestört vier Stunden schlafen können. Kurz vor Hamburg gibt es Frühstück, belegte Brote von zuhause, mein Kumpel nennt sie liebevoll „Hasenbrote“. Weiter geht’s mit dem dänischen Zug, der eher einem kleinen fahrenden Wohnzimmer mit gemütlichen Polstersitzen ähnelt, über Fredericia nach Kopenhagen. Problemlos steigen wir dort in den letzten Zug nach Göteborg und nach 15 Stunden Fahrt haben wir es endlich geschafft. Um acht Uhr abends steigen wir in der zweitgrößten Stadt Schwedens aus. Meine beste Freundin steht schon am Gleis und holt uns ab. War doch gar nicht so schwer, dachte ich mir.

Eine nicht ganz so schöne Rückreise

Nach einigen schönen und erstaunlicherweise unverregneten Urlaubstagen, trete ich meine Rückreise nach Stuttgart an. Diesmal fahre ich alleine, meine Freundin brachte mich um kurz vor sieben Uhr morgens zum Bahnhof. Gut gelaunt wollte ich mich schon von ihr verabschieden, da wirft sie einen Blick auf die Anzeigetafel und erstarrt. „Inställt“ und ein kleines gelbes Kreuz stehen an der Stelle, an der eigentlich die Gleisnummer meines Zuges nach Kopenhagen stehen müsste.

Der Zug fällt aus, ein Mitarbeiter der Bahn gibt Auskunft und erklärt, dass mindestens zwei Stunden kein Zug in Richtung Süden fahren wird. Mir wird klar, dass mein geplanter 18-Stunden Trip vermutlich sichtlich länger dauern wird und ich am Ende vielleicht sogar mitten in der Nacht irgendwo stranden werde. In diesem Moment werde ich etwas panisch und versuche, noch einen Stempel oder eine Notiz, dass der Zug ausfällt, auf meine Fahrkarte zu bekommen, da sich meine geplante Zugverbindung gerade in Rauch aufgelöst hat. Für die Deutsche Bahn ist die Verspätungsnotiz wichtig, damit ich auch in die nachfolgenden Züge einsteigen darf.

Der Bus als Alternative

Leider kennen die Schweden diese Praxis nicht und können mir nicht weiterhelfen. Der Mitarbeiter bleibt trotz meiner Panik freundlich und empfiehlt mir den Fernbus nach Kopenhagen. Meine Freundin checkt schnell die nächste Verbindung und tatsächlich, um sieben Uhr fährt ein Bus. Ankunftszeit am Kopenhagener Hauptbahnhof: 11.15 Uhr. Mein Anschlusszug fährt dort um 11.13 Uhr los. Ich drücke mir selbst die Daumen, dass es irgendwie reichen könnte.

Also sprinte ich in wenigen Minuten zum Bus, buche im Rennen das Ticket auf meinem Handy und lasse mich in die Polster fallen. Erschöpft schlafe ich etwas und wache kurz vor Malmö und der bekannten Öresundbrücke, die Schweden mit Dänemark verbindet, auf. Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass es mit meinem Plan knapp werden könnte. Glücklicherweise habe ich in diesem Moment einen Geistesblitz und checke in der Bahn-App, ob ein Regionalzug von Malmö nach Kopenhagen nicht schneller wäre. Meine Recherche habe ich noch nicht ganz abgeschlossen, da schließen schon fast die Bustüren an der Malmö-Station.

Minuten, die sich wie Stunden anfühlen

Ich winke dem Busfahrer hektisch zu, um zu signalisieren, dass ich doch noch aussteigen möchte. Eine gute Entscheidung, denn am Bahnhof in Malmö stehe ich am Gleis und sehe, dass ich mir nun tatsächlich fünf Minuten Umsteigezeit in Kopenhagen ermogelt habe. Überglücklich sitze ich im Zug, nur um festzustellen, dass dieser nicht pünktlich losfährt. Schließlich tuckert die Regionalbahn ganz langsam über die Brücke, die schöne Aussicht kann ich überhaupt nicht genießen. Mein Blick ist starr auf die Uhr gerichtet. Meine hart erkämpfte Umsteigezeit schmilzt langsam dahin.

Ich wende mich wieder etwas verzweifelt an die freundliche Kontrolleurin, die mir genau erklärt, welchen Weg ich am Bahnhof einschlagen muss, um meinen nächsten Zug doch noch zu erwischen. Die Zugtüren öffnen sich, ich werfe mich hinaus und renne nach links zum Aufzug. Schnell drücke ich den Knopf, der die Aufzugtüren direkt vor einer anrückenden, vollbepackten Großfamilie schließt. Gequält lächle ich die Familie durch die Fensterscheibe an, meine anderthalb Minuten sind schlichtweg zu kostbar.

Noch einmal Glück gehabt

Wie wild renne ich zum richtigen Gleis. Die Türen schließen sich hinter meinem Rücken und ich bin drin! Japsend und glückselig gehe ich zu meinem Platz, nur um ein paar Minuten später die Durchsage zu hören, dass dieser Zug bald durch Schienenersatzverkehrsbusse ersetzt werden muss. Mir ist das inzwischen egal, ich stehe seit knapp fünf Stunden unter Strom. Alle anderen Reisenden maulen etwas vor sich hin, bis wir an der Zugtür stehen und gerade in Richtung Busse aussteigen wollen. In dem Moment, als sich die Tür öffnet, ertönt die Durchsage: „Stopp, stopp, stopp! Die Gleise wurden repariert, wir fahren weiter.“ Alle Passagiere sind erleichtert und klatschen wie nach der Landung eines Billigfliegers – es gibt also doch noch Parallelen zum Fliegen.

Ich lehne mich entspannt zurück und genieße später auf der Fähre vom dänischen Rødby nach Fehmarn die frische Meeresluft. Später, im ICE von Hamburg nach Stuttgart, sind die Strapazen des Morgens schon fast vergessen, so reibungslos vergeht die restliche Reise. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet die Deutsche Bahn das entspannteste Reiseerlebnis des Tages bietet. Nach guten 18 Stunden Zug- und Fährfahrt falle ich zuhause ins Bett und muss sagen, das Abenteuer hat sich gelohnt. Quer durch Europa mit dem Zug: es geht! Und es muss ja nicht immer schief gehen, die Hinfahrt nach Schweden lief ab wie am Schnürchen. Das nächste Mal, wenn ich quer durch Europa reise, entscheide ich mich auf jeden Fall wieder für den Zug!

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