Camp IV Hotel für Flüchtlinge?

Camp IV

Für etwas mehr als ein Jahr war ich, neben meinem Beruf als Fotograf, in der Flüchtlingshilfe aktiv. Als Leiter einer Notunterkunft habe ich viele liebe Menschen, jedoch ebenso viele Schicksale kennengelernt. Seit drei Monaten ist Camp IV nun geschlossen. Die Flüchtlinge wurden auf verschiedene Kommunen in ganz Nordrhein-Westfalen verteilt. Zeit für einen kleinen Rückblick.

Wie alles begann ...

Es war ein wunderschöner Tag im Frühherbst. Jessica und ich sprachen über Gott und die Welt und über ihren neuen Job. Jessica schwärmte nur so von ihrer neuen Aufgabe. Das machte mich neugierig. Ich wollte mehr wissen. "Ich betreue Flüchtlinge in einer Notunterkunft", sagte sie sichtlich stolz. Im August 2015 und in den Folgemonaten kamen über eine Millionen Flüchtlinge, vor allem aus Syrien, nach Deutschland. Hunderte davon wurden in Behelfsunterkünften auch in Warendorf untergebracht. Was sind das für Menschen, wie ticken die, was haben sie erlebt und wie kann ich helfen? Dazu wollte ich einfach mehr wissen. Ohne lange zu überlegen, rief ich Jens vom DRK an und fragte, ob ich noch einsteigen kann. "Klar, du kannst sofort anfangen. Wir brauchen jede Hilfe." Wenig später kam dann mein Probetag. Für einen ersten Eindruck von der Flüchtlingshilfe wurden zunächst vier Arbeitsstunden vereinbart. Na ja. Daraus wurde natürlich nichts. Nach 15 Stunden Hardcore, am späten Abend kamen noch zwei Busse mit rund 200 Flüchtlingen nach Warendorf, war ich fix und fertig.

Mein erster Eindruck

Völlig übermüdet, hungrig und gesundheitlich ziemlich angeschlagen warteten Frauen, Männer und Kinder geduldig auf die ärztliche Erstuntersuchung. Die Halle war mit Neonlicht beleuchtet, es war kalt und muffig. Viele freiwillige Helfer, darunter Ärzte, Krankenschwestern und ganz normale Bürger, arbeiteten fieberhaft daran, die Menschen zu untersuchen und zu registrieren. Alle Flüchtlinge bekamen ein Plastikkärtchen mit einer Nummer ausgehändigt. Hiermit sollten sie sich als legitime Gäste einer unserer Notunterkünfte ausweisen können. Zu diesem Zeitpunkt gab es zwei Unterkünfte in der Emsstadt: Warendorf I, eine Landesunterkunft in einer ehemaligen Schule, und Warendorf II in einer Turnhalle, die vom Kreis Warendorf betreut wurde. Camp III, ursprünglich als Isolierstation für Menschen mit einer ansteckenden Krankheit gedacht, und Warendorf IV im ehemaligen Bürotrakt eines Industriebetriebes, sollten wenig später folgen.

Souad war unsere Dramaqueen

Onkelchen nannten wir den Boss des Sicherheitsdienstes

Omar ist It-Spezialist

Die Muttersprache von Hotaiba ist Französisch

Omar war Einzelgänger. Gern ging er ins Mr. Eds und genoss ein Gläschen Wein

Mein erster Arbeitstag

An meinem ersten Arbeitstag half ich den Ärzten bei der Erstuntersuchung, füllte Formulare aus und versorgte die Flüchtlinge mit Getränken. Auf was hatte ich mich da bloß eingelassen? Die Mehrheit war durch die Flucht sehr geschwächt und roch ein wenig streng. Sie konnten sich auf der Flucht nicht waschen. Finster blickende Männer, Frauen mit Kopftüchern, die nicht weniger freundlich aussahen - die Szenerie, verstärkt durch das Neonlicht, wirkte auf mich gespenstisch und wenig vertrauenserweckend. Von dem Getuschel, von dem ich glaubte es sei Arabisch, konnte ich nicht ein Wort verstehen. Und dann fuhr ich mit neun erwachsenen Männern aus einer mir bis dahin ziemlich unbekannten Kultur, tief in der Nacht zum Camp. Ich war mit ihnen völlig allein, wir brauchten jeden Fahrer. Ein bisschen mulmig wurde mir da schon. Nach der siebten oder achten Fahrt wurde ich dann entspannter, fragte einfach auf Englisch, ob jemand Radio hören möchte, denn die Fahrt würde ein paar Minuten dauern. Sie stimmten zu. Das erste Eis war ein wenig gebrochen.

Eingang zur Turnhalle Camp I

Die ersten Monate als Pionier

Die ersten Monate pendelte ich zwischen Camp I und Camp II. Es gab viel zu tun. Bettwäsche musste regelmäßig gewechselt und gewaschen, Arzttermine vereinbart und unendlich viele Gespräche geführt werden. Wir waren Pioniere, konnten auf keine fertigen Konzepte zurückgreifen. Und wir mussten viel lernen, sehr viel. Ursprünglich war es vorgesehen, dass die Flüchtlinge nur wenige Wochen in einer Notunterkunft leben sollten. Das war natürlich auch unseren Gästen bekannt. Aus Wochen wurden allerdings Monate. Wir lernten uns näher kennen, lachten und weinten zusammen. Viele unserer Gäste wuchsen uns sehr ans Herz, egal wie schwierig manche Persönlichkeit war. Dann kam der erste Transfer, auf den viele so sehr gehofft hatten. Es war kurz vor Weihnachten, der 9. Dezember. Es war kalt und die Sonne schien. Wir lagen uns in den Armen, nahmen Abschied voneinander. Tränen flossen auf beiden Seiten, eine ergreifende Situation. Selbst Onkelchen, so nannten wir den Boss des Sicherheitsdienstes liebevoll, war fix und fertig. Für einige unserer Gäste ging es endlich weiter, in eine, so hofften sie, bessere Zukunft. Wenige Stunden später kamen die ersten Whatsapp-Nachrichten mit Bildern und traurigen Kommentaren. "Wir wollen wieder zurück nach Warendorf. Es ist ganz furchtbar hier. Wir sind in einer Zeltstadt untergebracht." Es gab keine persönlichen Ansprechpartner, geschweige denn Gespräche mehr. Unsere Gäste waren mehr oder weniger auf sich allein gestellt.

Wenig begeistert waren unsere Gäste nach ihrem Transfer in eine kommunale Unterkunft. Eigentlich sollte es für sie besser werden... Omar schickte mir dieses Foto per Whatsapp.

Die Stimmung in unseren Camps war plötzlich nicht mehr ganz so gut. Es gab viele Fragen. Fragen, die wir Mitarbeiter der Flüchtlingshilfe nicht beantworten konnten. Auch wir erfuhren schließlich erst kurz vor einem Transfer, wer wohin geschickt wird. Ob das allerdings eine Wohnung, ein Haus oder eben eine Zeltstadt sein würde, war uns gänzlich unbekannt.

Camp IV wird eröffnet

Die Monate zogen ins Land, die Tage wurden wieder länger. Ende Februar wurde Camp IV eröffnet. Bis zu 200 Flüchtlinge konnten in den Räumen, ein rund 100 Meter langer Bürotrakt eines Industriebetriebes, untergebracht werden. Ursprünglich sollten hier nur alleinreisende Männer eine erste Unterkunft finden. So war der Plan. Die Zimmer boten je nach Größe Platz für acht bis 30 Personen. Privatsphäre gab es in den mit Stockbetten ausgerüsteten Räumen nicht. Alleinreisende Männer kamen nur wenige. Camp IV wurde zur Familienunterkunft. Das war nicht ganz unproblematisch. Wir versuchten, hier Menschen aus 17 Nationen irgendwie intelligent unterzubringen. Dabei mussten nicht nur Herkunft und Religion berücksichtigt werden. Auch das Zwischenmenschliche musste ja irgendwie passen, schließlich mögen wir auch nicht mit jedem Menschen ein Zimmer teilen. Darüber hinaus war Camp IV als Familienunterkunft so gar nicht geeignet. Der Fußweg bis in die Stadt betrug rund zwei Kilometer, der Weg von der Unterkunft zum Verpflegungszelt lag bei knapp 100 Metern. Spielmöglichkeiten für die rund 60 Kinder gab es weder auf dem Außengelände, noch im Gebäude selbst. Durch die ungünstige Lage der Unterkunft am Stadtrand in einem Waldgebiet, war es zudem sehr schwer, ehrenamtliche Helfer zu bekommen.

Den Deutschunterricht hatten wir selbst organisiert. Hilfe von offizieller Stelle der Landesregierung gab es dafür nicht.
Nusrat, Olli, Doha, Mulo, Omar, Shaimaa, Alaa und Abdullah spielen Memory

Angela war ein echtes Energiebündel...

Ein Herz und eine Seele: Fatme und Annette

Schadi und Abdelrahman waren ziemlich beste Freunde ...

Im Frühjahr durften die Kinder Gemüse anbauen. Das war ein riesen Spaß für alle und eine willkommene Abwechslung. In den Kindergarten oder zur Schule durften die Flüchtlingskinder nämlich nicht gehen ...

Es gab keinen Datenaustausch zwischen den Behörden

Irgendwie haben wir es dennoch mit viel Improvisation hinbekommen. Unser FSJler Olli organisierte mit ehrenamtlichen Lehrern den Deutschunterricht. In verschiedenen Altersklassen gab es hier von montags bis freitags ein tägliches Angebot. Mittlerweile hatten wir in Jörg einen Mitarbeiter von der Bezirksregierung im Hause, der uns vor allem bei den ganzen Formalien sehr unterstützt hat. Wie sich erst später herausstellte, hat er sich selbst - obwohl er im Dienst der Bezirksregierung stand - an so manchem "Fall" die Zähne ausgebissen. Behörden können echt anstrengend sein. Und das ist auch meine größte Kritik an der Flüchtlingshilfe, besser gesagt am Umgang der Behörden mit der Krise. Bis heute ist mir unverständlich, weshalb es keinen Datenaustausch zwischen den Kommunen, der Bezirksregierung und dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gegeben hat. Oder wie sonst kann es passieren, dass ein Familienvater zweimal registriert wird und erst acht Monate später fällt es einem Mitarbeiter der Flüchtlingshilfe (!) auf, dass da etwas nicht stimmen kann? Der Vater wurde von seiner Familie getrennt und musste das Camp verlassen. Das Problem war nur, dass er von da ab keinen "festen Wohnsitz" mehr hatte und auch keine finanzielle Unterstützung bekam. Erst nach tagelangem Email-Verkehr und endlosen Telefonaten, konnte dieses Problem gelöst werden.

Olumide war schwerst traumatisiert. Er war in seiner Heimat Kindersoldat ... Innerliche Ruhe fand er beim Trommeln und Trompete spielen.

Im Sommer 2016 rief die Warendorfer Gruppe von Amnesty International auf , sich gemeinsam gegen Rassismus, für Menschenrechte und Vielfalt auszusprechen... Olumide war mit ein paar Landsleuten dabei

Posttraumatische Belastungsstörungen und sinnfreie Regeln

Die größte Herausforderung überhaupt waren - neben den allgemeinen großen und kleinen Wehwehchen - posttraumatische Belastungsstörungen und andere psychische Probleme unserer Gäste. Aber auch die Arbeit wurde schwieriger. Die Pionierzeit war schließlich vorüber und es hatten sich bereits einige Routinen etabliert. Viele neue - zu einem nicht unerheblichen Teil völlig sinnfreie - Regeln wurden ausgearbeitet. Vor allem die Bezirksregierung quälte uns regelmäßig mit immer neuen Listen und Dokumentationen, die wir erstellen sollten. Wichtige Fragen allerdings konnte man uns nicht beantworten, wenn wir nicht nach anderthalb Stunden in der Hotline-Warteschleife schon vorher aufgegeben hatten. Und Fragen gab es eine ganze Menge. Zum Beispiel nach einer psychologischen Betreuung - nur für die schlimmsten Härtefälle. Oder nach Dolmetschern, die unsere Kranken zum Arzt begleiten konnten. Immer mehr Ärzte verweigerten nämlich mittlerweile die Behandlung, wenn nicht ein Dolmetscher von uns gestellt wurde. Dumm war nur, dass keiner unserer Gäste, die diese Aufgabe hätten übernehmen können, mehr Lust dazu hatte. Ofizielle Dolmetscher waren zu teuer. Um dem ganzen die Krone aufzusetzen, hatte die Bezirksregierung die Finanzierung von Krankenfahrten - bis auf begründete Ausnahmen - gestrichen. Das machte es nicht gerade einfacher, in den eigenen Reihen einen Dolmetscher zu finden. Hussein zum Beispiel, ein 70-jähriger Englischlehrer aus Syrien, hatte verständlicher Weise nach dem fünften Mal keine Kraft mehr, zu Fuß in die Stadt zu gehen, fünf Stunden zu warten und wieder zurück zum Camp zu laufen. Hussein, der neben Englisch und Kurdisch noch Arabisch sprach, hatte uns bis dahin nie im Stich gelassen. Wir teilten seine Meinung und hatten vollstes Verständnis für seine Entscheidung.

Viele Spielmöglichkeiten hatten die Kinder nicht ...

Das Catering war an manchen Tagen unterirdisch. Zohra, Ali Reza und Elya kochen hier ihre Mahlzeit selbst ...

Viyan, Mehrdod, Mizhüseyn, Gülnar und Malva

Motörhead, AC/DC und orientalische Klänge

Es war ein heißer Sommertag. Irgendwie waren wir alle ziemlich fertig. Den ganzen Morgen waren wir damit beschäftigt, unsere erkrankten Gäste zu versorgen, Krankenfahrten - soweit genehmigt - zu organisieren, Streitereien zu schlichten und viele Dinge mehr. Isabella hatte einen Booster für ihr Iphone dabei. Wir Flüchtlingshelfer und einige unserer Gäste saßen beisammen und hörten lautstark Motörhead und AC/DC. Für arabische Ohren sicherlich extrem ungewöhnliche Klänge, aber der Sound kam an. Natürlich blieb es nicht bei Heavy-Rock, aktuelle Popmusik und orientalische Klänge aus tausend und einer Nacht wechselten sich ab. Was für ein Kontrast. Ein wenig Entspannung hatten wir alle dringend nötig und auch verdient. Der Tag war wunderschön.

Eid al-Adha zum Ende des Ramadan

Zum Ende des Ramadan hatten Yasser und Heiko für unsere Gäste eine tolle Überraschung vorbereitet. Am 12. September hatte für Muslime das Opferfest "Eid al-Adha" begonnen - nach dem Ramadan die wichtigste islamische Feier. Das Opferfest feierten wir in unserem Verpflegungszelt. Die Freude war natürlich riesen groß, die Überraschung gelungen. Vor allem gab es endlich etwas zu Essen, was auch einem arabischen Gaumen mundet.

Sedra, Rama, Abdulrahman, Suad, Sidra und Rajae freuten sich auf das Opferfest

Nahat, Faten Faroooq, Nadia, Asya und Mulo

Was sich mit einem einfachen Seil so alles anfangen lässt. Schadi hatte aus einem Strick eine wirklich sehr einfache Schaukel gebastelt. Abwechselnd durften die Kinder unter Aufsicht schaukeln. Ein Sitzbrett gab es übrigens nicht ...

Tag X - Camp IV wird aufgelöst

Der Tag X, an dem Camp IV aufgelöst wird, rückt immer näher. Freude und auch ein bisschen Unbehagen sorgen beim versuchten Blick in die Zukunft für ein Wechselbad der Gefühle. Handynummern werden getauscht, letzte Gruppen- und Einzelfotos für die Nachwelt gemacht. Es herrscht Aufbruchstimmung. So plötzlich, wie die Flüchtlingswelle auf Deutschland hereinbrach, so unspektakulär, still und leise ebbte sie - zumindest in Camp IV - wieder ab. Viele Mitarbeiter kamen am frühen Morgen, um ein letztes Lebewohl zu sagen. Ein bisschen Drama lag in der Luft ...

Ein letztes Mal posen "meine" Jungs und ich für ein Selfie
Baker bekommt von dem ganzen Rummel nichts mit ...

Divine und Purity

Omar ist der Größte, finden auch Olli und Schadi ...
Mary, Purity, Divine, Maria, Max und Walentina

Gähnende Leere in Camp IV

Haben hier wirklich Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammengelebt?

Im Hintegrund ist die Deutschlandflagge zu sehen. Flüchtlinge haben sie aufgehängt, um Danke zu sagen

Wer hier gewohnt hat, ist unschwer zu erkennen. Abdulrahman hat sich mit Fingerfarbe auf der Fensterscheibe verewigt.

Created By
Andreas Poschmann
Appreciate

Credits:

Fotograf: Andreas Poschmann. Alle Fotos sind urheberrechtlich geschützt.

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