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Walk the Pfeiler Hammertag am Walkerpfeiler: Mit den letzten Sonnenstrahlen erreichen wir nach 16 KletterStunden den Gipfel der Grandes Jorasses. Erledigt, Erleichtert und um eine extreme Erfahrung reicher.

Jetzt ist es soweit, wie lange haben wir diesen Namen schon im Kopf. Walkerpfeiler. Markiert mit dem Etikett "saumäßig schwierig". Könnte auch sein, dass man den gar nie macht. Heute, an diesem Julitag, marschieren wir tatsächlich mit unseren knapp 16 und 18 kg schweren Rucksäcken los in Richtung Leschaux-Hütte. Das erste Teilstück in der Montenvers-Bahn haben wir noch mit Mundschutz zurückgelegt - Bergsteigen 2020 sieht halt ein bisschen anders aus.

Mundstücke, Fundstücke, Gletscherbrücke
Sieht eigentlich gar nicht so wild aus! Wird sich schon zurücklehnen! Schaut ja meistens alles steiler aus in der Draufsicht! Schnee schaut auch gut aus und überhaupt... ganz so hoch schaut er auch nicht aus!"

Diese unbeschwerte Ansicht war gut, denn so waren wir überzeugt, dass wir es schaffen werden... auch wenn wir genau wussten, dass es nicht einfach wird, gar nicht einfach. Kennt ihr nicht auch die ganzen Gruselgeschichten vom Walkerpfeiler? Klar: Für Profikletterer und Mixed-Experten ist das keine große Sache mehr und leicht in einem Tag machbar. Für "normale" Alpinisten wie uns aber nach wie vor eine große Nummer.

Way to go.

Moment, da erwähnen wir den ersten Haken: einen Tag. Nur so lange sollte das Wetter wirklich stabil und schön sein, tagsdrauf kündigen sich für den späten Nachmittag sehr sicher Gewitter an, die wahrscheinlich schon mittags vorbeikommen und vielleicht auch schon vormittags.

Freundlich begrüßen uns Wetter und Hüttenwirtin am späten Nachmittag auf der kleinen Leschaux-Hütte. Ein bisserl schwindet ihr Lächeln, als sie uns erzählt: "Your friends didn't come far." Das Fernrohr auf der Terrasse ist auf zwei Pünktchen am Walkerpfeiler gerichtet und davor stellen sich die Nordwand-Aspiranten an, um ihren Fortschritt zu analysieren. Oh, oh... Martin und Quirin sind wirklich erst bei der Hälfte. Schaut so aus, als ob die Verhältnisse doch nicht ganz so super sind. Eine Woche vorher sind die Seilschaften noch mit den Kletterschuhen vom Einstieg bis zum Ausstieg gekommen, aber vor zwei Tagen gab's ein ordentliches Gewitter mit Schneefall. Und in dieser Tour steht und fällt vieles mit den Verhältnissen. Eigentlich alles.

Elias, dich kennen wir doch vom Gasherbrum :-)

"Wir mussten jetzt schon achtmal von den Berg- auf die Kletterschuhen wechseln", berichtet uns Martin am Telefon, als er sich mit seinem Seilpartner im Cassin-Biwak auf die Nacht in der Wand vorbereitet. Die beiden sind aber guter Dinge für morgen und wir bleiben es auch.

Experimentielle Küche: Chicken-Curry-Couscous-Würstel.

Aus sechs mach vier

Von den sechs Seilschaften tauchen zum Frühstück um 00:30 Uhr nur noch vier auf. Am Abendessen wird's wahrscheinlich nicht gelegen sein, die haben es sich wohl doch noch anders überlegt. Sollten wir auch...?

Nix da. Hinein in die Nacht.

Zwei Seilschaften machten auf super light and super fast und wie zwei Glühwürmchen folgen wir ihren Stirnlampen, die uns immer wieder eine Richtung leuchten: Gletscher-Hatsch, Gletscher-Bruch, und endlich Granit, wenngleich mit etwas Bruch. Um drei Uhr sind wir beim Einstieg, mit Bergschuhen geht's noch im Finsteren am laufenden Seil dahin über Fels, nochmal Firn - zum ersten Stand neben der zweiten Seilschaft. Hinein in die Kletterschuhe. Andi startet los, nach dem das 50 Meter lange Seil spannt krabble ich hinterher.

Ein kurzer Ruck. Ein langes Fluchen. Stille.

"Hey Andi, was ist los? Alles gut?"

Was sich in der Sekunde vor dem kurzen Ruck so alles zugetragen hat, schildert Andi so:

Den nächsten Standplatz schon im Visier stelle ich überrascht fest, das meinen Fingern beim Quergang dorthin irgendwie der Fels abhanden gekommen ist. Mein Gleichgewichtssinn meldet eine Kippbewegung nach links. Was für eine überflüssige Meldung! Das habe ich aufgrund der fehlenden taktilen Informationen meiner Fingerkuppen schon befürchtet. Zugegeben, ein wenig merkwürdig finde ich es trotzdem. Obwohl mein Körper nicht so sehr Sportklettern und das damit verbundene Stürzen trainiert ist, springe ich instinktiv leicht ab und drehe mich dabei zum Fels. Cool, Sportklettern ist keine vergeudete Zeit.

Jetzt, wo ich eine stabile Flugposition eingenommen habe, kommt mein Gehirn zu Wort und meldet Bedenken über die Platzierung des letzten kleinen Klemmkeils zirka vier Meter schräg unter mir. Diese Bedenken teile ich und warte vorerst mal auf den kleinen Ruck, wenn der Klemmkeil ausreißt. Danach werde ich einiges zu tun haben.

Der Ruck lässt auf sich warten. Dafür schnürrt es die Finger immer mehr ein. Ach, ich habe ja noch Seilschlaufen in der Hand. Okay, dann schau' ich mal, was ich damit halten kann. Die Fluggeschwindigkeit verlangsamt sich, nun meldet zwar der Daumen Bedenken um seine Festigkeit, aber im Hinblick auf die Verlangsamung des Sturzes sieht er schnell ein, dass Letzteres gerade Vorrang hat.

Ganz weich komme ich zum Stillstand. Der Klemmkeil hat gehalten. Wow, Glück ge... klatsch. Vergleichsweise harmlos pralle ich dann doch noch zur Wand. Das überrascht mich zwar, aber ich nehme es wohlwollend zur Kenntnis. Ist ein guter Deal, wenn mir dafür ein schädlicher Langstreckenflug erspart bleibt.

Beim Aufrichten erwarte ich zwar diverse Schmerzen in den Rippen, doch auch die bleiben überraschenderweise aus. Blick auf den Daumen. Schaut krumm und lustig aus. Ist sicher kaputt. Lässt sich aber ohne große Schmerzen in alle Richtungen bewegen. Fein. Das Gehirn ordnet noch einen kurzen Systemcheck an. Das positive Ergebnis wird eine knappe Sekunde nach Flugbeginn mittels lauten Flüchen zuerst der dunklen Nacht der Grandes Jorasses Nordwand mitgeteilt und dann Marlies. Bei ihr war die vorige Sekunde abgesehen von einem kleinen Zupfer am Seil und einem großen Fragezeichen im Kopf recht wenig ereignisreich.

Schnell klettere ich wieder hinauf. Noch bevor mein Gehirn an der verhängnisvollen Passage im Quergang weiß, was es sagen soll, bin ich schon drüben beim Stand. Ganz glauben kann ich's noch nicht, dass ich einen 15 Meter Nachtflug in alpinem Gelände samt 13 kg Rucksack am laufenden Seil ohne ernstzunehmende Verletzungen überstanden habe."

Licht ins Dunkel

Ach du heilige Sch... Wir wissen beide, dass das anders hätte ausgehen können. Sicherheitshalber verrät mir Andi vorerst nicht, wie weit er geflogen ist - gesehen hatte ich ja nix, es war stockdunkle Nacht, der Mond nur eine Sichel. Aber der Schock steht in Andis Gesicht geschrieben und das Seil hat sich in seiner Hand eingraviert. Hey Schatz, geht's dir auch wirklich gut?

Dieser Mann im Speziellen und der menschliche Körper im Allgemeinen sind schon echte Wunderwerke. Es gibt nur einen Weg. Nach oben. Und das scharfe Seilende will Andi auch behalten. Es wäre zwar nett, wenn die Schlüsselstelle erst später kommen würde, wenn sein Kopf noch etwas Zeit zum Durchatmen hätte, doch die klettertechnisch schwierigste Stelle wartet ausgerechnet jetzt auf uns bzw. ihn. Direkt vor uns liegt der Rebuffat-Riss (VI+ oder VI A1 laut Topo). Es dämmert langsam, als die Seilschaft vor uns in gerader Linie darüber hinauszieht. Sollte man hier nicht nach rechts in den Allain-Riss queren? Auch Andi zweifelt. Gerade hoch, doch wieder hinunter. Nach Auschecken und Ausrasten entscheidet er sich aber auch für den Weg gerade nach oben. Ohne Rucksack, ohne moralischen Dämpfer und gut akklimatisiert wär das vielleicht schön zu klettern. So ist es einfach hart.

Im Rebuffat-Riss.

Wir versuchen, wieder in einen Fluss zu kommen, doch das Gelände und der Kopf laden nicht hundertprozentig dazu ein. Irgendwie will jede Seillänge erkämpft sein.

Wieder auf Steigeisen. Heikle Quergänge. Das kostet Zeit. Ist ernst und kaum abzusichern. Einfacher macht es, dass wir Spuren im Schnee finden. Und als die Sonne zum Vorschein kommt, bekommt die Nordwand zumindest einen freundlicheren Touch.

In der schönen 75-Meter-Verschneidung.

Die gewaltige 75-Meter-Verschneidung können wir wieder in Kletterpatschen antreten - genießen leider nicht, dazu wirkt die Schwerkraft zu sehr. Ein paar eisige Stellen lassen sich umtänzeln - und rund um die Fixseil-Passage wird's wieder grimmig, nicht dass wir uns zu sehr an guten Fels und gute Absicherung gewöhnen.

An und entlang von wild zerfransten Strängen arbeiten wir uns hinunter, hinauf und wieder höher. Vom Genussklettern sind wir ungefähr so weit weg wie ein Vegetarier vom Beuschel.

Es wird trockener, kompakter, steiler, bleibt ordentlich zum Anhalten - und die direkten Meter am Grat laufen endlich so dahin, wie wir uns das vorgestellt haben.

Metermachen im Mittelteil.
Na geh... was macht der Hubschrauber da?

Hoffentlich ist nix passiert! Denken wir uns und beobachten, wie der Hubschrauber mit einem Retter am langen Tau den Beginn des Firnfeldes im letzten Viertel anfliegt. Zurück kommt er alleine. Noch einmal zieht er hin - und alleine wieder zurück. Komisch.

Wie wir am nächsten Tag erfahren werden, war das ein Lieferservice: Ein Bergführer hatte ein Steigeisen verloren. Anstatt sich ausfliegen zu lassen, hat er sich Ersatz aus der Luft bringen lassen. Auf diese Idee muss man erstmal kommen! Chapeau!

Es ist aber auch wirklich eine Kunst, hier nichts abzuwerfen. Vor allem beim häufigen Schuhwechsel reicht eine kleine Unachtsamkeit und man hat ein großes Problem. Zu Beginn des Firnfelds schnüren wir wieder um. Über aufgeweichten Schnee und vereiste Stellen geht's zum Roten Kamin - und dort erwartet uns spannendes Mixed-Gelände. Dass wir die Kletterschuhe für den Rest der Tour gar nicht mehr anlegen werden, hat zumindest den Vorteil, dass wir die Bergschuhe somit auch nicht verlieren können.

Firn, Fels, Eis.

Zu unserem Glück ist vom Tag noch immer etwas übrig - von der Tour aber auch. Wir kommen der italienischen Dreier-Seilschaft immer näher, die am Tag vor uns eingestiegen ist. Von Martin, mit dem wir vor einem knappen Jahr vom Mont Blanc geflogen sind (mit dem Paragleiter), ist nichts mehr zu sehen - er ist bestimmt schon im Abstieg, denken wir - und sollten recht behalten. Die beiden kamen heute gut hinauf und hinunter!

Die Sonne senkt sich zum Horizont, ein bisschen einen Weg hat sie aber noch - wir auch.

Vor uns liegen noch immer ein paar Hände voller Seillängen. Die größten Schwierigkeiten liegen aber bereits hinter uns. Das Ausstiegsgelände wird einfacher - die letzten Längen sind nochmal zum Steigeisenkratzen, damit es nicht eintönig wird. Neben unseren italienischen Amici klettern wir gleichzeitig dem Ausstieg entgegen. Dem Ausstieg zum Gipfel.

Purer Wahnsinn.

Mit den allerletzten Sonnenstrahlen machen wir die allerletzten Schritte auf den Gipfel. Ein Zug über die Wechte - und wir fallen uns erledigt und erleichtert in die Arme. Wir haben den Walkerpfeiler geschafft! Der Plan ging auf!

Pünktlich zum Sonnenuntergang am Gipfel.

Ein ordentlicher Wind pfeift uns um die Ohren. Wir steigen zur ersten Felsrippe hinab, an dessen Beginn wir neben den Italienern unsere Matte entfalten. Zwei Quadratmeter zwischen Sternen und Abgrund fühlen sich nach 16 Kletterstunden an wie ein Himmelbett. Zum Kochen sind wir zu müde, wir beißen noch in eine Landjäger und verkriechen uns im Schlaf- und Biwaksack.

Die Nacht ist zum Glück sternenklar. Und der Abstieg, den ich von der Grandes-Jorasses-Überschreitung vor ein paar Jahren als ziemlich mies in Erinnerung habe, läuft ziemlich gut.

Morning glory.

Der Weg ist komplex, aber der Gletscher noch kompakt und mit einer Mischung aus Abklettern, Abseilen und zügig unter den Seracs queren erreichen wir am Vormittag die Boccalatte-Hütte.

Ein Bier vor vier?

Jep! 10:22 Uhr, um genau zu sein.

Prost!

Nicht mehr weit, aber noch ordentlich mühsam wird der Weg ins Tal. Andi spürt langsam doch, dass er seinem Körper einiges zugemutet hat.

Durstlöschen.

Hinein in die nächste Bar - und zufällig sind unsere Freunde ums Eck, die uns nach dem zweiten Bier im Val Ferret abholen (Merci!!) und mit uns am Nachmittag das dritte und vierte Bier des Tages trinken.

In Courmayeur gibt's dann noch Pizza und Aperol - und mit dem letzten Flixbus des Tages geht's um 8,99 Euro zurück nach Chamonix.

Wie genial, dass wir uns am nächsten Tag schon wieder im eigenen Bett wälzen dürfen (nur Andi halt etwas vorsichtiger :-) - ganz ohne zehn Stunden und hunderte Kilometer nach Hause fahren zu müssen. In Chamonix gehören die Campingbusse der Kletterer genauso zum Ortsbild wie der Mont Blanc. Wir bleiben wohl noch ein bisschen länger hier.

Was gibt es Schöneres, als den Tag nach einer solchen Tour?
Created By
Marlies&Andi Lattner
Appreciate

Credits:

www.hochzwei.media