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Kanada Über Patriotismus und Pamela George

Konstanz, den 14.11.18

Text: Charlotte Krause; Illustration: Manuel Fleig; Layout: Theresa Gielnik

Selten passiert es mir, dass mich ein wissenschaftlicher Artikel zu Tränen rührt. Und zwar nicht in einem berührend sentimentalen Sinne. Sondern, dass ein Text negative Dinge in mir hervorholt: Wut, Abscheu, Unverständnis. Die Tränen sind Tränen des Zorns.

Nun ist bereits die Hälfte meines Auslandssemesters in Kanada vorbei. Ich verbringe es in der Kleinstadt Guelph im Bundesstaat Ontario. Es erinnert mich ein bisschen an Konstanz, ähnliche Einwohnerzahl, gelegen an einem Fluss, Campus-Uni. Im Gegensatz zur Uni Konstanz jedoch eine größere Vielfalt an Studierenden. Menschen jeglicher Couleur sind vertreten. Aber das ist ein allgemeines Phänomen in Kanada: Identität ist fluide, jeder hat Familie, die nicht immer in Kanada lebt/lebte und/oder Vorfahren, die aus aller Welt in das wenig besiedelte Land mit den grandiosen Naturphänomenen strömten. Die meisten Migrant_innen kommen vornehmlich aus China, so auch zwei meiner Mitbewohner_innen. Auch dass ich aus Deutschland komme, ist eher wenig spektakulär. Viele haben Vorfahren aus Deutschland oder Verwandte von dort. Sobald mein Akzent auffällt wird meine Herkunft meist mit einem wohlwollenden Lächeln und einem „cool“ abgenickt, um mich dann direkt befragen zu können, was ich denn von Kanada halten würde.

Ja, das ist eine gute Frage, wie finde ich Kanada?

Nordamerika, ein Ort also, wo Viefalt groß geschrieben wird. Kanada versteht sich selbst als „mosaic“ und damit als einen Staat, der seinen Bewohner_innen die Integrität ihrer jeweiligen Kultur verspricht. Kanada gilt damit im Vergleich zu den USA als die bessere Variante mit dem hübscheren und besonneneren Staatsoberhaupt an der Spitze: Trudeau vs. Trump. In Kanada sind die Menschen noch zuvorkommend, die Polizist_innen tragen putzige Kostüme und werden „Mounties“ genannt. Auf kanadischen Münzen sind niedliche Elche und Bären abgebildet. Kanadier sind, was meine bisherigen Erfahrungen angeht, wirklich furchtbar freundlich und sehr an deinem Wohlergehen interessiert. Auch Patriotismus ist hier noch erlaubt – etwas das uns in Deutschland gründlich ausgetrieben wurde.

Man darf stolz auf Kanada sein und sich das rote Ahornblatt der Flagge auf Caps und Pullover drucken und ungeniert damit rumlaufen. Zu Recht?

Sicher macht der Staat Kanada vieles richtig. Aber einer meiner Kurse, der sich vornehmlich mit kanadischer Politik und speziell mit den damit einhergehenden Rechten für Frauen beschäftigt, hat mich durch die ausgiebige Menge an Lektüre ein paar Dinge in Frage stellen lassen. Denn die Siedlungsgeschichte Kanadas ist auch eine Geschichte der Kolonisierung. Und die war alles andere als friedlich. Dabei ist Siedlung so ein unschuldiges Wort. Es klingt nach zufriedenen Bauern, die die goldenen Ähren zu Kindern und Weib nach Hause tragen. In einer Siedlung – da grüßt noch der Bäcker den Metzger und „Thanksgiving“ darf zu Recht mit einem saftigen Truthahn gefeiert werden. In anstrengender Handarbeit werden Bäume gefällt und Häuser(chen) errichtet. Ein Neuanfang, ein verheißungsvolle Zukunft, das verspricht eine neu gegründete Siedlung. Jedoch nicht für alle Menschen. Vor den europäischen Siedler_innen gab es nämlich schon andere Menschen im Land. Und diese sind immer noch da.

Der Text, von dem ich anfangs schrieb, ist ein Aufsatz von Sherene Razack, die sich in ihren Arbeiten mit der kolonialen Gewalt (in Vergangenheit und Gegenwart) und dem zugehörigen Rechtssystem in Kanada befasst. Bevor ich nach Kanada kam, war Gewalt keines der Attribute, die ich diesem Land zuschrieb. Freund_innen von mir sind ins Auslandssemester nach Argentinien und Südafrika gegangen. Vor diesen Ländern wird man als weiße, europäische Frau gewarnt. Vor Kanada hat mich keiner gewarnt. Warum auch? Die einzige ehrlich formulierte Warnung galt Campingtrips, bei denen man sein Essen in Bäume hängen soll, damit Bären nicht von dessen Geruch angelockt werden. Die eigentliche Gewalt zwischen Menschen in Kanada ist dagegen subtiler, fast unsichtbar. Und für Tourist_innen und „normale“ Bürger_innen (das heißt nicht arm oder indigen, am besten weiß und westlich) nicht spürbar. Ein Freund von mir aus Quebec stellte einmal recht passend fest: Kanadier sind grundsätzlich nicht rassistisch. Nur gegen ihre eigene, indigene Bevölkerung.

Razack behandelt in ihrem Aufsatz den Fall von Pamela George, die am 17. April 1995 in der kanadischen Stadt Regina von zwei Studierenden, Steven Kummerfield und Alex Ternowetsky, ermordet wurde. Sie war Mutter von zwei Kindern und gehörte den Saulteaux an, einer Gruppe der First Nations, die vornehmlich in den kanadischen Provinzen Ontario, Manitoba, Saskatchewan und Alberta leben. Außerdem arbeitete sie als Prostituierte. Diese Eigenschaften reichen bereits aus, um das Risiko zu erhöhen, Opfer eines Gewaltverbrechens zu werden, wobei Frauen der First Nations ein dreimal höheres Risiko als andere Frauen in Kanada haben. Es gibt inzwischen ungezählte Fälle von verschwundenen Mädchen und Frauen der indigenen Bevölkerung. Die meisten wurden höchstwahrscheinlich verschleppt und ermordet, wobei ein Großteil der Fälle ungeklärt bleibt.

Warum mich gerade dieser Fall so sehr berührte?

Schließlich geschehen tagtäglich ungezählte Gewaltverbrechen. Schockiert hat mich in diesem Fall die Tatsache, dass die beiden Täter sich nicht einmal ansatzweise für ihre Tat schämten oder diese gar bereuten. Nach bestandenen Prüfungen an der Uni wollten sie einfach mal ein bisschen feiern. Dass dabei eine Frau ums Leben kam, erzählten sie in den darauffolgenden Tagen großspurig ihren Freunden und nannten Pamela George eine „Indian hooker“ (indianische Nutte). Daher wurden die beiden auch relativ schnell gefasst, wobei nach der Ermordung von George natürlich erst einmal Männer ihrer „Community“ von der Polizei gründlich durchleuteten wurden. Die beiden (weißen) Männer kamen mit dem Urteil Totschlag davon. Der Richter beschrieb ihre Tat als

„große Dummheit“,

nicht als grausames Gewaltverbrechen.

Für einen Abend verließen also diese beiden Studierenden die sichere Sphäre ihres weißen Wohlstandsvorortes und wurden sich einmal mehr ihres Status bewusst, indem sie ein verbotenes Viertel der Stadt aufsuchten. Dort gab ihnen allein ihre Hautfarbe die Gewissheit, nicht zu diesem „Abschaum“ zu gehören. Razack nennt dieses Phänomen „making of white“. Dominierende, betont maskuline Gewalt gegen das rassifizierte und sexualisierte „Andere“. Die beiden Studierenden handelten damit nach alten kolonialen Mustern, denn sexuelle Gewalt war bereits eine beliebte Strategie der Siedler, die im 19. Jahrhundert damit über die First Nations Macht ausübten und diese strategisch unterdrückten.

Das schlimme dabei ist, dass der Fall Pamela George kein Einzelfall ist. Ähnlich der Diskriminierung gegenüber der „black people“ in den USA, werden First Nations nach wie vor in Kanada benachteiligt: Im alltäglichen Leben, auf dem Arbeitsmarkt, per Gesetz.

Noch bis 1996 gab es sogenannte „Residential Schools“. Kinder der First Nations wurden aus ihren Familien gerissen, um dort umerzogen zu werden. Das Ziel dieser Schulen war es, die Kinder von den Einflüssen ihrer ursprünglichen Kultur so weit wie möglich abzubringen. Ihre eigenen Sprachen durften sie nicht mehr sprechen, stattdessen wurde nur noch Englisch und Französisch gelehrt. Die Haare wurden abgeschnitten. Die Kleidung ihrer Kulturen aus dem Schulalltag verbannt. Dabei kam es an vielen Schulen zu sexuellem Missbrauch, Brutalitäten und teilweise sogar zu medizinischen Versuchen an den Kindern. Mindestens 6.000 von ihnen kamen in Folge unbehandelter Krankheiten und Misshandlungen um. Die Sterblichkeitsrate lag fünf Jahre nach Schuleintritt bei 35 bis 60 Prozent. Die inzwischen erwachsenen Kinder dieser Schulen konnte ich in Montreal beobachten. Sie sind bisher die einzigen First Nations, die ich bewusst wahrgenommen habe: Sie saßen bettelnd in kleineren Grüppchen am Straßenrand. Ihre Gesichter waren leer.

Und wie geht Kanada mit seiner Vergangenheit und der daraus wachsenden geschichtlichen Verantwortung um?

Nun, Premierminister Justin Trudeau bezog in vielen seiner Reden Stellung zu dem Thema und sieht es als seine „sacred obligation“ (heilige Verpflichtung) an, sich der Situation und Not der First Nations anzunehmen. Die Dozentin meines Public Policy-Kurses, eine drahtige, zähe, kleine Frau erwiderte auf meine Frage, ob denn die derzeitige kanadische Regierung sich mit den Problemen der First Nations beschäftigen würde, mit einem trockenen Lächeln:

„Ja. Unser Justin. Mit Versprechungen ist er ganz groß.“

Der historische Anteil Kanadas an der Situation seiner Ureinwohner wird im allgemeinen Diskurs kaum thematisiert.

Mir kommt es so vor, als seien die First Nations die Vergessenen. Eben die mit den leeren Gesichtern am Straßenrand. Zudem berichten mir Kommiliton_innen von der University of Guelph, dass in ihrem Schulunterricht kaum über das Thema gesprochen wird. Immerhin findet in der Woche vom 22.-28. Oktober die „Aboriginal Awareness Week“ an unserer Uni statt, in der Studierende auf ihr „kulturelles Erbe“ aufmerksam gemacht werden sollen.

Die Frage ist, wie sehr diese politische Fragestellung dabei im Elfenbeinturm bleibt und inwiefern sich der Rest der kanadischen Bevölkerung darum schert.

Immerhin haben die meisten von ihnen ein schlechtes Bild über sie: First Nations gelten grundsätzlich als „Sozialschmarotzer“, die ungeachtet aller historischen Tatsachen selbst für ihr Unglück verantwortlich gemacht werden.

Um zum Ende zu kommen: Natürlich ist diese politische Problemstellung nur eine Seite Kanadas. Ich bin glücklich, hier zu sein.

Selten habe ich eine herrlichere Natur als in Kanada bewundern können. Ich finde es toll, nach Montreal reisen und Französisch hören zu können und mit meinen Mitbewohnerinnen chinesischen „Hot Pot“ zu kochen. Mit meinem neuen Kumpel Al flachse ich über sein Heimatland Saudi-Arabien, weil dort Frauen nun auch endlich Auto fahren dürfen.

Dem Rest bringe ich das Wort „Prost!“ bei (für viele sehr schwer, da unser kehliges /r/ so gar nicht der englischen Phonetik entspricht), schließlich möchte man auf möglichst vielen Sprachen gemeinsam anstoßen können.

In nur einem einzigen Land lerne ich so viele Kulturen wie schon lange nicht mehr kennen. Nur die Kultur derjenigen, die dieses Land zuerst besiedelten, bleibt für mich vorerst in Texte und Museen gebannt. Sie teilen sich keine WG mit mir, gehen nicht mit mir in die Uni oder in den Zumba-Kurs. Vielleicht bleiben sie bis zum Ende meiner Reise unsichtbar. Denn wenn selbst ein Staat sie nicht wirklich wahrnimmt, wie soll dann ein Gast sie sehen können?

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