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Vergib doch einfach!? Eine Reise der Vergebung - Teil 1

Ostern = Jesus = Vergebung

Ich freue mich, dass wir heute am Ostersonntag 2021 mit unserer Serie über das grosse Thema Vergebung beginnen dürfen. Diese Festtage symbolisieren das Thema Vergebung in aller Kraft mit dem Kreuz und der Auferstehung. Im Fokus steht aber eine Person, die eine totale Symbiose ist mit Vergebung, nämlich Jesus Christus. Vielleicht gipfelt das Thema in diesem Satz von Jesus am Kreuz, als er in Anbetracht all derer, die ihn verraten haben, betet:

Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun. Lukas 23,34

Da spüren wir bereits, dass Vergebung uns herausfordern wird.

Als ich mich in den letzten Wochen mit diesem Thema intensiver auseinandersetzte, wurde mir klar, wie wenig ich doch um die Prozesse der Vergebung wusste. Ich erschrak darüber und war gleichzeitig dankbar die richtigen Bücher bekommen zu haben. Es wurde mir aber auch bewusst, wie wenig wir in unserer Kultur noch wissen über Vergebungsrituale und Prozesse.

Matthäus 18,21-22

Lass uns hineinhören in einen kurzen, aber gewichtigen Dialog zwischen Petrus und Jesus:

Da wandte sich Petrus an Jesus und fragte ihn: »Herr, wenn mein Bruder oder meine Schwester an mir schuldig wird, wie oft muss ich ihnen verzeihen? Siebenmal?« Jesus antwortete: »Nein, nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal!«

1. Wenn mein Bruder an mir schuldig wird

Mit seiner Feststellung zeigt uns Petrus (und Jesus bestätigt es), dass es in dieser Welt immer so sein wird, dass Menschen aneinander schuldig werden. Immer wenn Menschen miteinander unterwegs sind, dann fügen sie sich bewusst oder unbewusst Schaden zu. Sie verletzen einander. Da gibt es jetzt die ganze Palette von grossen und kleinen Schäden die wir einander antun. Die Bemessung des Schadens ist sehr individuell. Es geht von einer Beleidigung bis zu Gewalt, von einem Diebstahl bis zur Vergewaltigung, das geht vom Mobbing bis zum unverschuldeten Autounfall mit Todesfolge. Manchmal kann ein unscheinbarer Satz den Mitmenschen stark schädigen. Je näher wir miteinander unterwegs sind, desto wahrscheinlicher ist diese Möglichkeit. Zum Beispiel in einer Familie:

Die Geschwister treffen sich zu einer Beerdigung. Eines Bruder's Frau ist nach langer Leidensgeschichte gestorben. Am Vorabend treffen sich die Brüder mit ihren Frauen zum gemeinsamen Essen. Die Familie trägt viele Verletzungen aus der Vergangenheit mit sich - Vergebungsprozesse sind unbekannt - nur die Methode "Schwamm drüber". An diesem Abend wird viel getrunken - Tradition in der Familie - und je mehr Alkohol um so empfindlicher sind die verletzten Seelen und um so offener der Mund. Gegen Mitternacht eskaliert es zwischen zwei Brüdern - einer ist der Ehemann der Verstorbenen. Er wird vom anderen Bruder aus der Wohnung geworfen. Eine peinliche Situation! Am nächsten Tag treffen sich alle wieder zur Beerdigung - als ob nichts gewesen wäre. Aber in den Seelen schreit es nach Rache, aber auch nach Vergebung. Wie können wir mit diesen Verletzungen umgehen?

2. Wieviel mal muss ich vergeben?

Wie können wir mit solchen Dramen umgehen? Für Petrus ist klar, wir Menschen brauchen eine Lösung für solche Angelegenheiten. Auch bei den Schriftgelehrten wird über das Thema eifrig diskutiert. Ihrer Meinung nach, muss man drei Mal hintereinander vergeben - dann nicht mehr. Petrus will gut dastehen - 7 mal wäre sein Vorschlag. Wenn wir uns die obige Situation dreimal hinter einander vorstellen, dann merken wie schwierig es wäre damit umzugehen.

Alle sind überrascht als Jesus von 70 x 7 spricht. Kann er das ernst meinen? Wie ist das möglich?

Der vergebende Gott

Jesus bringt nun die göttliche Dimension der Vergebung ins Spiel und bestätigt das, was Bibelleser längst wissen: Gott ist überreich an Vergebung. Wie oft wurde er in den Geschichten des AT von seinem Volk vor die Türe gesetzt. Wie oft haben sie ihn abgelehnt und sind fremdgegangen. Und wie oft hat er immer wieder die Hand geboten und sie zur Vergebung eingeladen. 70 x 7 ist die Formel Gottes!

Im Alten Testament finden wir eine Illust­ration der Liebe Gottes zu seinem Volk Is­rael. Im Buch des Propheten Hosea wird uns berichtet, dass Gott Hosea aufforder­te, eine Frau namens Gomer zu heiraten. Diese Frau schenkte ihm drei Kinder, ver­liess ihn danach, um mit einem anderen Mann zusammenzuleben und auch noch Geld durch Prostitution einzutreiben.

Wie muss Hosea sich gefühlt haben, als Gott ihm befahl, noch einmal um diese Frau zu werben, noch einmal einen Brautpreis für sie zu bezahlen, sie noch einmal zu heiraten!

Konnte Gott so etwas von ihm verlan­gen? Sah er nicht seine tiefen Verletzun­gen, seine gekränkte Ehre, sah er nicht die Unmöglichkeit einer solchen Vergebung? Wurde er nicht dadurch zum Spott für sei­ne Umgebung? Hosea gehorchte und nahm seine Frau wieder bei sich auf. Dies hatte sie nicht verdient, es war nicht ge­recht, es war ganz einfach Gnade. Warum verlangte Gott dieses von dem Propheten?

Einzig und alleine, um seine Liebe, Treue und Vergebungsbereitschaft seinem Volk deutlich zu machen. Einem Volk, das sich immer und immer wieder von Gott abwandte. Dem Volk, das Gottes Ein­zigartigkeit, seine Hilfe und Zuverlässig­keit wie kein anderes Volk der Welt er­fahren hatte. Tausendmal und mehr kehr­ten sie ihm den Rücken und Gott bot die­sem Volk Gnade an. Er würde es nicht verwerfen, obwohl es Gottes Zorn und seine Zurückweisung verdient hätte. Er steht zu seinem Wort, dass er barmherzig und gnädig ist.

Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade! Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. Micha 7,18

Vergebung ist auch für Gott nicht einfach

In all den biblischen Texten merken wir wie Gott gelitten hat, was für einen Preis er bezahlen musste. Vergebung ist nicht billig. Wie sollte es das für uns sein?

Am Höhepunkt dieser Vergebungslinie Gottes steht das Kreuz und der Liebesbeweis seines Sohnes!

Denn ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes. 1. Petrus 1,18-19

Woran erkennt uns Nachfolger von Jesus? Sind nicht wir Botschafter und Vorbilder der Vergebung? Sollten nicht wir Experten in diesen Prozessen sein? In Johannes 14,12 steht, dass wir das Gleiche und Grösseres als Jesus tun werden. Viele meinen hier handle es sich um Zeichen und Wunder - ich tendiere eher auf das Thema der Vergebung und Versöhnung.

Aber wie kann man richtig vergeben?

Zwei falsche Vorgehensweisen

Jemand wird an uns schuldig und verletzt uns. Unser Herz ist in der Werkeinstellung auf Vergeltung eingestellt - wir geben das zurück - wir können es auch Rache nennen. Auch wenn ich die Rache nicht ausübe - in meinem Herzen ist ein grosser Groll. Auge um Auge, um es mit Worten der Bibel auszudrücken. Mahatma Gandi meinte: Wenn wir alle nach diesem Prinzip mit Verletzungen umgingen, wäre bald der ganze Planet blind!

Ausserdem komme ich so nicht weiter. Wenn mir jemand eine Ohrfeige gibt und ich sofort zurückschlage, tut mir meine Wange nicht weniger weh. Ausserdem geht der Kreislauf der Vergeltung weiter.

Die billige Vergebung. Das hört man oft in christlichen Kreisen: Vergib doch einfach - Gott hat dir doch auch vergeben. Das wird oft zu schnell gesagt. Stell dir vor, dein Ehepartner betrügt dich und nun vergib doch einfach - das hört sich so billig an und ist ein Hohn für die Verletzte Person. Vergebung kann ein langer Prozess sein, manchmal geht er über Jahre, bis Vergebung möglich ist - aber der nächste Schritt zur Versöhnung ist noch gar nicht gegangen. Vergeben kann aber auch schnell gehen.

Wer nicht vergeben kann, der baut sein Leben weiter auf wackligen Baugrund - darüber in der nächsten Predigt mehr.

Der Pfad der Vergebung

Erzbischof Desmond Tutu aus Südafrika hat mit seiner Tochter Mpho A Tutu (Pastorin) ein Buch geschrieben aus den Erfahrungen der Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika. Aus den vielen schrecklichen Verletzungen, die aus der Geschichte Südafrikas im Apartheitsregime entstanden sind, ist ein vierfacher Vergebungspfad entstanden. Ohne diese Vergebungsarbeit hätten die Menschen in Südafrika keine Zukunft gehabt.

Der Stein

Wenn ein Mensch an dir schuldig wird.... Nimm einen handgrossen Stein in deine Hand und trage ihn eine lange Zeit in deiner Hand. Der Stein symbolisiert deine Verletzung, deinen Schmerz, die Schuld, die an dir geschah. Je länger du ihn trägst, desto schwerer wird er dir. Wenn du ihn nicht wegbringst, wird er dein ganzes Leben bestimmen.

1. Erzähle deine Geschichte

Egal was dir angetan wurde, fange an deine Geschichte zu erzählen. Erzähle sie einer vertrauten Person, einer Seelsorgerin. Erzähle ohne Rückschlüsse zu ziehen. Was hast du erlebt? Vielleicht ist die Person, die dir das angetan hat, gar nicht mehr am Leben oder nicht mehr erreichbar. Vielleicht willst du die Geschichte zuerst aufschreiben und dann erzählen. Erzähle sie mehrmals. Dadurch wirst du das Erlebte verarbeiten. Es wird weh tun, aber du merkst auch wie heilsam es sein wird. Du wirst die Geschichte nicht jedes Mal gleich erzählen. Du wirst Erkenntnis bekommen über deine Geschichte und die Geschichte des Täters.

2. Nenne deine Verletzung beim Namen

Vielleicht hast du mehrere Steine, die du mit dir trägst. Gibt deinen Verletzungen einen Namen. Vielleicht brauchst du dabei Hilfe. Wie nennst du den Schmerz (das Gefühl)? Lass dir dazu Zeit. Vielleicht beschäftigst du dich mit dieser Nennung, setzt dich damit auseinander.

Schreibe auf jeden Stein den Namen deiner Verletzung!

Bringe betend deine Verletzung immer wieder zu Gott.

3. Praktiziere Vergebung

Lass dir Zeit dazu. Warte auf den Moment, wo dein Herz weiss: Jetzt will ich vergeben. Aber zuerst:

Was Vergebung nicht ist:

  • Vergebung ist keine Schwäche. Wir bewundern all die Leute, die selbst schwerste Verletzungen verarbeitet haben und dann ihren Peinigern Vergebung zugesprochen haben.
  • Vergebung heisst nicht, dass Recht und Gesetz ausser Kraft sind. In Südafrika wurde viel Vergebung ausgesprochen, aber die Peiniger mussten trotzdem ins Gefängnis.
  • Vergeben heisst nicht vergessen. Es wäre schlecht wenn du deine Geschichte vergisst. Aber durch echte Vergebung kannst du sie hinter dir lassen.
  • Vergebung fordert keine Bedingungen. Du vergibst aus deiner freien Entscheidung. Dein Peiniger kann dazu nichts beitragen. Du hast das alleine in der Hand. Natürlich würde es helfen wenn die andere Seite Reue zeigt, aber das ist oft nicht möglich.
  • Vergebung heisst nicht, dass jetzt alles wieder ganz normal weiter läuft. Nein, vielleicht gibt es Konsequenzen.

Es braucht Mut zu vergeben, gleich wie es Mut braucht zu lieben. Du machst dich verletzlich. Aber gleichzeitig nimmst du jetzt die Zügel in deine Hand. Du verlässt jetzt die Opferrolle und übernimmst die Leitung. Ich vergebe dir (kann auch zurück in die Vergangenheit geschehen). Du kannst deine Zukunft frei gestalten.

Wasche deinen Stein und mache ihn sauber. Du bist frei!

4. Beziehung erneuern oder beenden

Jetzt wo du vergeben hast, bist du frei. Wie willst du die Beziehung weiterhin gestalten? Priorität hat immer, dass die Beziehung bestehen bleibt. Aber du stellst die Bedingungen. Es kann auch zu einer Trennung kommen. Paulus und Markus streiten sich auf der Missionsreise. Sie vergeben sich, aber es gibt keine gemeinsame Weiterarbeit mehr. Später arbeiten sie wieder zusammen.

Ich habe dir vergeben, aber wenn wir weiter zusammen den Weg gehen wollen, dann musst du aufhören mit.... Du definierst deine Bedürfnisse.

Etwas Neues hat begonnen. Male deinen Stein farbig an.

Gottes Schmerz

Er hat die Geschichte seines Schmerzes oft erzählt. In vielen Abschnitten der Bibel lässt er uns das wissen.
Er hat seine Verletzung ganz genau beschrieben: Der grösste Schmerz ist, dass die Menschen ihn ablehnen.
Er hat sich entschieden zu vergeben! Das Kreuz spricht die Sprache der Liebe. Zu vergeben, auch wenn wir Menschen noch gar nicht merken, dass wir Gott verletzt haben.
Er hat sich entschieden weiter mit dir zu gehen. Sein Wunsch ist, dass du bereust, dass du Jesus abgelehnt hast und nun seine Vergebung, die am Kreuz zur Vollendung kommt, annimmst.

Falls du Begleitung suchst, bei der Aufarbeitung deiner Verletzungen, sind wir gerne bereit mit dir den Weg der Vergebung zu gehen. Melde dich bei Harry und Judith Pepelnar, 078 886 57 00

Credits:

Erstellt mit Bildern von geralt - "school board empty" • maxknoxvill - "hand clean sponge" • jplenio - "secret forest darkness" • bertvthul - "avenue trees path" • Seaq68 - "forest away forest path" • jplenio - "tree nature forest" • sarajuggernaut - "stones rocks pebbles"