Loading

Floskel oder Beziehung? von Michael Dufner

Mein ältester Sohn ist im Preteens-Alter. Vorpubertierend! Ehrlich, da kenn ich manchmal mein eigenes Kind nicht mehr. Es ist wieder mal einer dieser Tage. Er kommt nach Hause und man spürt bereits beim Hereinkommen: Da hat sich etwas angestaut!

Es ist wieder mal einer dieser Tage. Er kommt nach Hause und man spürt bereits beim Hereinkommen: Da hat sich etwas angestaut! Ein negatives Wort ergibt das andere, bis ich einschreite und meinen Sohn verwarne. «Noch einmal so - und du gehst auf dein Zimmer!» Für ein bis zwei Minuten herrscht Ruhe. Wie ich diese geniesse :-)! Doch dann geht es weiter. Sprüche gegenüber einem der Geschwister - unter der Gürtellinie! Eine solche Haltung akzeptiere ich nicht. Es sind ja nicht nur die Worte, es ist auch der vernichtende Blick: Verachtend, genervt, von oben herab. Was ist bloss los mit meinem Sohn? Ich kenne ihn eigentlich anders, liebevoll, einfühlsam, sehr anständig und an Anderen interessiert, kommunikativ und warmherzig. Doch ich habe eine Ansage gemacht. Also bin ich konsequent und schicke ihn aufs Zimmer.

Beim Schreiben spüre und erkenne ich, was ich alles besser hätte machen können, aber in der Situation war es einfach so: Machtwort gesprochen, Machtwort ausgeführt. PUNKT! Die Massnahme zeigt jedoch nicht die erwartete Wirkung. Nach etwa 30 Minuten kommt meine Frau zu mir ins Büro und meint, ich müsse reagieren, der Junge ticke völlig aus.

Jetzt kann er was erleben!

Entschlossenen Schrittes mache ich mich auf. Im meinem Kopf drehen sich fiese Gedanken bezüglich Sanktionen. «Jetzt kann ER aber etwas erleben! So geht man in meinem Haus nicht miteinander um!» In diesem Eifer höre ich plötzlich das leise Flüstern des Heiligen Geistes. Ich bleibe stehen und ringe mit mir. Der Impuls ist so anders als alles vorher. Ich sammle mich kurz. «Jesus, bist du das?» Instinktiv wird mir bewusst: Dieser Anflug ist besser als das, was ich vorhatte. Also beschliesse ich, dem Reden des Heiligen Geistes zu gehorchen. Ich klopfe an die Zimmertür und öffne. Mein Sohn sitzt am Boden. An seiner Haltung, in seinem Blick erkenne ich, dass er weiss, dass er den Bogen überspannt hat. Egal was jetzt kommen mag - es ist ihm egal! Er hat seine Schutzmauer hochgezogen und sich in seine Grube verkrochen. So sage ich: «Bitte zieh dich an! Wir gehen gemeinsam in die Stadt zum Einkaufen.» Elektrofachgeschäfte begeistern meinen Sohn und mich gleichermassen. Der Junge schaut mich an und fragt: «ECHT? JETZT?». Mir fällt auf, wie sein Blick sich sofort aufhellt. Die Mauer ist eingestürzt, er steht auf und umarmt mich. Noch bevor wir im Auto sitzen platzt es aus ihm heraus. «Papi, ich habe in der Schule einen Abschiffer geschrieben. Nie wieder werde ich lernen! Es bringt ja sowieso nichts.» Nun verstehe ich seinen Frust, denn ich weiss, wie viel Zeit und Schweiss er in die Prüfungsvorbereitung investiert hat. Ich kann ihm nachfühlen, denn auch meine Sekundarschulzeit war von solchen Erlebnissen geprägt.

Nicht allein

Wie bin ich Jesus dankbar, dass er mir hier geholfen hat! Es wäre noch schlimmer gekommen, wenn mein Sohn zuhause auch noch Strafe und Frust hätte erleben müssen. Nach einiger Zeit kann ich ihm sagen, dass ich ihn liebe, egal welche Noten er nach Hause bringe. Ich kann ihn umarmen und gefühlte 100 Mal sagt er mir, wie sehr er mich liebt. Auf dem Heimweg erzähle ich ihm, wie ich eigentlich reagieren wollte und wie froh ich nun sei, weil Jesus mir immer wieder hilft. Darauf erhalte ich die spontane Reaktion: "Jesus ist halt der Beste!"

Wir sprechen darüber, wie wichtig es ist, dass wir Jesus haben und nichts allein machen müssen. Jesus hilft uns, in der Schule, bei der Arbeit, in der Ehe, bei der Erziehung, im Umgang mit den Geschwistern. Die Kunst ist, es nicht selbst zu machen, sondern Hilfe zu suchen und zuzuhören, bevor wir handeln.

"Jesus, was soll ich tun?"

In den letzten Ausgaben waren wir mit Mose als unserem Vorbild unterwegs und machten uns Gedanken über Gottes Strafe (4Mo 20,12). Wir lesen, dass Mose trotz dieser Konsequenzen nicht resignierte, denn die Hauptsache für ihn war seine Beziehung zum Herrn. Moses Beziehung zu Gott lässt uns Gottes Wesen erkennen.

Ähnliches erlebte ich mit meinem Sohn. Die Beziehung führte dazu, dass er erkannte: «Das nächste Mal hole ich mir Hilfe.» Mir wurde aufgezeigt, dass mein (unüberlegtes) Handeln immer unterbrochen werden kann mit der Frage "Jesus, was soll ich tun?", nicht als Floskel, sondern als Pflege der Beziehung. Gott ist Liebe. Es geht ihm um unser Miteinander mit ihm. Frust aussprechen hilft loslassen und neue Lösungen können erkannt werden.

Mose war nicht perfekt, er war kein Übermensch und seine Beziehung zum lebendigen Gott verschaffte ihm Akzeptanz und Autorität beim Volk. In seiner Schwäche zeigt sich die Stärke seiner Beziehung zu Gott. Ich muss im Alltag auch nicht perfekt sein, auch wenn ich das öfters möchte als mir bewusst ist. Ich darf in meinen Schwächen Jesus suchen. So werde ich Seine Stärke erleben. Darin möchte ich meinen Söhnen und Töchtern ein Vorbild sein.

Credits:

Erstellt mit Bildern von Jesús Rodríguez - "Not a known Avenue" • Daria Tumanova - "Person holding skateboard" • Scott Webb - "👌" • Billy Pasco - "Hold Out Till The Last Light"