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Auf zum grossen Fest Frisch von der Kanzel von Jürg Birnstiel

Regelmässig veröffentlichen wir ausgewählte Predigten von FEG Pastoren und Pastorinnen

Das Gleichnis der zehn Jungfrauen (Matthäus 25,1-13)

Das Gleichnis der zehn Jungfrauen musste schon viele Deutungsversuche über sich ergehen lassen, oft bleiben die Zuhörer beunruhigt zurück. Sie fragen sich, ob es für den Himmel reicht, ob sie wirklich genug Heiligen Geist haben. Doch, um es gleich vorwegzunehmen, das Öl ist in dieser Erzählung kein Bild für den Heiligen Geist.

1. Das verpasste Fest

Den grossen Rahmen der Erzählung bildet ein Hochzeitsfest. Entsprechend der damaligen Sitten wurde die Braut vom Haus des Vaters in das Haus des Bräutigams begleitet. Vermutlich wartete man im Haus der Braut bis der Bräutigam sich dem Haus seiner Braut näherte, um sie zu holen. Sobald bekannt wurde, dass der Bräutigam unterwegs ist, machte sich die Braut auf den Weg dem Bräutigam entgegen. Da es meist schon dunkel war, wurde sie von Frauen mit Lampen begleitet. Mit diesem Hintergrund beginnt Jesus seine Erzählung:

«Wenn der Menschensohn kommt, wird es mit dem Himmelreich wie mit zehn Jungfrauen sein, die ihre Fackeln nahmen und dem Bräutigam entgegengingen.» Mt. 25,1.

Anders gesagt: Wenn Jesus kommt, wird prinzipiell etwas Vergleichbares wie in dieser Geschichte geschehen. Gleich zu Beginn der Erzählung werden die Zuhörer überrascht. Jesus sagt:

«Fünf von ihnen waren töricht, und fünf waren klug.» Mt. 25,2.

Diese Unterscheidung der Jungfrauen ist bemerkenswert. Die törichten Jungfrauen hatten keinen Ölvorrat. Doch als der Bräutigam nicht kam, schliefen alle zehn Jungfrauen ein. Welche Bedeutung hat nun die Tatsache, dass diese Frauen eingeschlafen sind? Die Bibel und unser Sprachgebrauch verbinden mit dem Wort «schlafen» verschiedene Vorstellungen. Eine Vorstellung ist der Erholungsschlaf, den wir täglich nötig haben. Eine weitere Verwendung ist der geistliche Schlaf. Deshalb gibt es verschiedene Weckrufe, die uns auffordern, die Augen vor der Wirklichkeit nicht zu verschliessen. Paulus schreibt Timotheus:

«Wir dürfen nicht schlafen wie die anderen, sondern sollen wach und besonnen sein.» 1. Thess 5,6.

Viele Ausleger meinen, dass die Frauen in einen geistlichen Schlaf gefallen seien. Man müsste dann beantworten, warum die fünf klugen Jungfrauen auch eingeschlafen sind. Schlafen wird oft euphemistisch für den Tod verwendet. So schreibt Paulus:

«Wir wollen euch nicht im Ungewissen lassen über die, die entschlafen sind.» 1. Thess.4,13.

Und Jesus sagte zu seinen Jüngern, als Lazarus gestorben war: «

Unser Freund Lazarus ist eingeschlafen. Aber ich gehe jetzt zu ihm, um ihn aufzuwecken.» Joh. 11,11.

Ich gehe davon aus, dass Jesus in diesem Gleichnis den Schlaf als Tod versteht.

Die törichten und die klugen Jungfrauen sind eingeschlafen, sie sind gestorben, weil der Bräutigam nicht kam. Die Jungfrauen sind die Menschen, die vor der Wiederkunft von Jesus sterben. Es scheint so, als ob die Hochzeit ausgefallen sei. Bei den ersten Christen war genau das eine wichtige Frage: Was geschieht mit den Christen, die vor der Wiederkunft von Jesus gestorben sind?

2. Die überraschende Wende

Die Geschichte nimmt eine überraschende Wende.

«Mitten in der Nacht ertönte plötzlich der Ruf: ‹Der Bräutigam kommt! Geht ihm entgegen!›» Mt. 25,6. Die Hochzeit ist also doch nicht abgesagt! Der Bräutigam kommt, auch wenn ihn niemand mehr erwartete. Sie hatten das Fest verpasst! «Die Jungfrauen wachten alle auf und machten sich daran, ihre Fackeln in Ordnung zu bringen.» Mt. 25,7.

Doch die Törichten hatten kein Öl zum Nachfüllen und fordern die Klugen auf: «Gebt uns etwas von eurem Öl; unsere Fackeln gehen aus.» Mt. 25,8. Sie waren in Panik. Doch selbst wenn die Klugen hätten helfen wollen, es hätte keinen Sinn gemacht. Sie antworteten: «Das können wir nicht, es reicht sonst weder für uns noch für euch.» Mt. 25,9. Da blieb den Törichten nichts anderes übrig, als sich auf die Suche nach Öl zu machen. Die fünf Klugen gingen mit dem Bräutigam in den Hochzeitssaal und die Tür wurde verschlossen.

Einige Zeit später versuchten die törichten Jungfrauen, in den Festsaal zu kommen. Verzweifelt schrien sie: «Herr, Herr, mach uns auf!» Mt. 25,11. Der Bräutigam hörte sie rufen, aber er wollte ihnen die Türe nicht öffnen. Die Begründung war nicht das fehlende Öl, was wir erwarten würden: «Ich lasse euch nicht rein, weil ihr kein Öl habt.» Es geht hier nämlich nicht um das Öl, es geht um viel mehr. Der Bräutigam sagt: «Ich kann euch nur das eine sagen: Ich kenne euch nicht!» Mt. 25,12. Mit anderen Worten: Ihr seid gar nicht zu diesem Fest eingeladen.

Eure Namen stehen nicht auf meiner Gästeliste. Was für ein Schock für die törichten Jungfrauen!

Den meisten ist mittlerweile klar geworden, dass Jesus hier von der Auferstehung spricht. Die Rufe, die die Jungfrauen aufweckten, werden die Rufe sein, die uns in Zusammenhang mit der Auferstehung in der Bibel begegnen. Menschen, die im Glauben an Christus gestorben sind, das sind die klugen Jungfrauen. Die törichten Jungfrauen standen nicht auf der Gästeliste, weil sie mit dem Bräutigam nie in einer Beziehung standen. Mit anderen Worten: Diese Leute sind noch nie mit Jesus zusammengekommen. Jesus kennt sie nicht, weil sie nie zu ihm gekommen waren. Laden wir Jesus ein, dann werden wir Kinder Gottes: «All denen, die Jesus aufnahmen und an seinen Namen glaubten, gab er das Recht, Gottes Kinder zu werden.» Joh. 1,12. Und dann stehen wir automatisch auf dieser wichtigen Gästeliste und wir werden am Hochzeitsfest dabei sein.

Öl ist in dieser Erzählung also nicht ein Bild für den Heiligen Geist, ansonsten müssten wir uns fragen, ob wir genug Heiligen Geist haben. Wir müssten auch die Frage beantworten, ob ein Mensch den Heiligen Geist haben kann und trotzdem verloren geht. Das Öl steht für die Erkenntnis Gottes. Die törichten Jungfrauen wussten von Gott, aber sie blieben ihm fern. Die klugen wussten von Gott und demütigten sich vor ihm. Heute würden wir sagen: Sie bekehrten sich. So sind sie bereit für das Hochzeitsfest, denn sie stehen im Gästebuch unseres Herrn. Was für ein Glück!

«Glücklich, wer zum Hochzeitsmahl des Lammes (von Jesus) eingeladen ist! Auf alle diese Worte ist Verlass, denn es sind Worte Gottes.» Offb.19,9.

Jürg Birnstiel ist Pastor der FEG Zürich-Helvetiaplatz / Kirche im Volkshaus