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Rauschend Berauschend Twannbachschlucht Fotos & Text Chantal Vuillemin

Seit 1892 führt ein Wanderweg durch die Twannbachschlucht am Nordufer des Bielersees. Die romantische Schlucht ist auf ihre Weise einzigartig und entführt den Besucher in eine grüne, rauschende Welt.

Biel, Magglingen, los …

Die Reise beginnt in Biel an der Talstation der Magglingenbahn. Die Funiculaire (Standseilbahn) überwindet in rund fünf Minuten 437 Höhenmeter.

In Magglingen angekommen, kann der Wanderer auf der Terrasse des Sportzentrums das erste Mal das grandiose Panorama mit dem Bielersee, dem Mittelland und den Voralpen geniessen

Der Wegweiser in Magglingen zeigt direkt zum Eingang des Kurhausweges und dem Start der Wanderung.

Unter Vogelgezwitscher führt der erste Abschnitt der Wanderung über den leicht ansteigenden Kurhausweg in Richtung Vingelzberg und Twannberg. Der Wald bietet besonders an heissen Tagen eine angenehme Kühle und Schutz vor der Sonne.

Wer besonders aufmerksam ist, kann im dichten Gebüsch und Unterholz Mäuse und Eichhörnchen erspähen.

Sobald der Waldrand erreicht ist, führt der Weg durch idyllische Felder, Blumenwiesen und an grasenden Ziegen vorbei. Anstatt klangvollen Vogelgezwitschers erfreut nun das rhythmische Zirpen der Heuschrecken die Ohren. Auf dem Twannberg angekommen, hat der Wanderer die Gelegenheit, sich an einer der Feuerstellen niederzulassen und die weite Aussicht auf das Plateau de Diesse und den Chasseral zu bewundern.

Nach einigen Gehminuten wechselt die Szenerie, und der schattige Wald erhebt sich erneut, worauf bald das erste Wasserrauschen ertönt. Bisher ging der Weg stetig aufwärts. Die dabei überwundenen Höhenmeter bis auf circa 970 Meter über Meer werden nun auf dem Rest der Strecke wieder kompensiert. Der Weg führt bergab.

Bei Les Moulins endet der Waldweg vorerst und führt auf ein Trottoir. Um nun weiterzukommen, muss die Hauptstrasse überquert werden. Auf der anderen Seite steht das Glasatelier Zünd, eine Glasbläserei mit integriertem Restaurant. Hungrige können sich dort kulinarisch verwöhnen lassen, und Interessierte dürfen einen Blick hinter die Kulissen der Glasbläserkunst werfen.

Eine hölzerne Treppe führt zu weiteren Feuerstellen, und der Twannbach erscheint zum ersten Mal. Der Eingang zur Schlucht ist nur noch wenige Gehminuten entfernt.

Zurück unter dem schützenden Dach des Waldes kündigen Wegweiser, Informationsschilder und Verbotstafeln die Twannbachschlucht an.

Eines der ersten Schilder informiert die Besucher: Hier beginnt das Naturschutzgebiet. Das Pflücken von Blumen und Pflanzen, das Entfachen von Feuer und das Verlassen des Weges sind verboten. Insbesondere das Gebot, auf dem Pfad zu bleiben, ist von grösster Wichtigkeit. Dies dient nicht nur dem Schutz der Natur, sondern auch dem Schutz vor Steinschlägen. Zudem besteht ein Fahrverbot für Fahrräder.

Die Entstehung der Schluchtroute …

Im 19. Jahrhundert setzte eine Gruppe von Männern die Idee eines Pfades durch die Twannbachschlucht um. Diese Gruppe, die Aktiengesellschaft Twannbachschlucht, traf sich 1890 zu ihrer ersten Sitzung, wobei die Finanzierung von rund 8000 Franken bereits zusammengetragen werden konnte und das Unternehmen gesichert war. Die Gelder für die Bauarbeiten stammten laut archivierten Dokumenten und Protokollen von verschiedenen Geldgebern in der Umgebung. So spendeten etwa die Burgergemeinde Twann, die Gemeinden Lamboing und Diesse sowie die Jura-Simplon-Bahn Beiträge für das Projekt. Ein Verwaltungsrat, bestehend aus neun Personen, bestimmte fortan über die anstehenden Arbeiten in der Schlucht und war für die Auftragsvergaben zuständig.

Die Schlucht war damals unwegsam, was die Bauarbeiten stark erschwerte. Der Pfad durch die Schlucht wurde unter anderem mit Dynamit herausgesprengt.

Im Jahr 1892, zwei Jahre nach der ersten Sitzung der Aktiengesellschaft Twannbachschlucht, vermeldeten die Bauherren, dass die Bauarbeiten beendet seien. Bevor die Schlucht der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden konnte, ordnete der Verwaltungsrat nach einem Kontrollgang weitere Bauarbeiten an, um den Weg noch sicherer zu machen. Das genaue Datum der Eröffnung ist in keinem der Archivdokumente verzeichnet. Die Betreiber schätzen das Datum auf etwa 1892.

Fünf Jahre nach der ersten Zusammenkunft der Aktiengesellschaft Twannbachschlucht wurde diese aufgelöst. Heute betreibt Bielersee Tourismus, Twann-Ligerz-Tüscherz, den Pfad.

Durch die Schlucht …

Am Schluchteingang plätschert der Twannbach munter vor sich hin, und die Kronen der Laubbäume zaubern ein beinahe magisches Schattenspiel auf den Boden. Je weiter man in die Schlucht vordringt, umso imposanter türmen sich links und rechts die Felswände empor. Das Plätschern des Twannbachs steigert sich bald zu einem lauten Rauschen. Das Wasser fliesst immer schneller, bis es endlich einen der zahlreichen Fälle hinunterstürzt, um in einem friedlichen Becken zu landen und die Reise zum nächsten Wasserfall zu beginnen. Nebenbei summen Insekten umher, und das aufmerksame Auge nimmt das geschäftige Treiben der sechs- und achtbeinigen Bodentruppen wahr. Die intensiven Grüntöne der vielfältigen Flora in Kombination mit den groben, moosbewachsenen Felswänden und Felsbrocken erwecken den Eindruck, man befinde sich in einer Märchenwelt. Die Tierwelt der Schlucht verstärkt das märchenhafte Erscheinungsbild. Vögel wie Zaunkönige, Wasseramseln und Enten haben neben ihren Nachbarn wie Füchsen, Gämsen und Rehen in der Schlucht ihr Zuhause.

Pflege der Natur und Sicherheit für die Menschen …

Bevor die Schlucht 1892 eröffnet wurde, hatte der damalige Verwaltungsrat diverse Mängel am eigentlich fertiggestellten Fussweg festgestellt. Da die Verantwortlichen kein Risiko eingehen wollten, mussten die bemängelten Stellen überarbeitet werden. Heute führt die Schluchtwartin regelmässig Kontrollgänge durch, auch während der Wandersaison. Mängel werden umgehend dem Geologen gemeldet. Dieser entscheidet nach einer Besichtigung, welche Massnahmen getroffen werden müssen und ob die Schlucht geschlossen werden muss.

Während in der Hauptsaison nur kleinere, unaufschiebbare Unterhaltsarbeiten erledigt werden, stehen in den Wintermonaten die aufwendigen Arbeiten an. Sobald im November die Schlucht geschlossen wird, starten ausgiebige Kontrollgänge, um kritische Stellen ausfindig zu machen. Dann geht es los. Förster fällen alte, kranke und schiefe Bäume, Felsräumer sprengen Steine, und Werkhofarbeiter räumen den Weg frei. Die Überbleibsel werden zur Gestaltung der Schlucht genutzt. Steine und Äste bieten Unterschlupf für Kleinlebewesen, abgesprengte Steinbrocken helfen, das Bachbett zu gestalten. Die Felsen dürfen den Wasserlauf nicht stauen, und gleichzeitig soll das Bachbett nicht aufgeräumt, sondern natürlich wild aussehen. Die Sanierungsarbeiten dauern in der Regel eine Woche. Danach wird die Schlucht von einem Geologen inspiziert. Der Spezialist hat das letzte Wort und entscheidet, ob der Weg im Frühling wieder geöffnet werden darf.

Die Betreiber der Schlucht führen die Kontrollen und Unterhaltsarbeiten akribisch durch. Sie wollen auf jeden Fall Unfälle, wie zum Beispiel der tragische Vorfall in der Taubenlochschlucht 1998, verhindern. Damals starb ein neunjähriger Bub nach einem Steinschlag. Seit der Eröffnung der Schlucht musste bisher kein Unfall gemeldet werden, bei dem ein Besucher zu Schaden kam.

Der Weg unter dem Felsen durch die wilde Twannbachschlucht.

Die jährlichen Unterhaltsarbeiten sind einer der Gründe, weshalb die Schlucht während der Wintermonate von den Betreibern geschlossen wird. Ein weiterer Grund für die Schliessung ist der Sicherheitsaspekt.

Die vorwiegend aus Kalkstein bestehenden, porösen Felsformationen nehmen bei Regen und Feuchtigkeit viel Wasser auf. Dieses sickert durch das Gestein und tropft auf den Boden. Sobald die Temperatur unter null Grad fällt und das Wasser gefriert, bilden sich grosse Eiszapfen. Ein Durchkommen unter den Galerien der Schlucht ist für eine erwachsene Person nur noch schwer möglich und zudem gefährlich.

Daher werden ab November die Eingänge der Schlucht mit Ketten verschlossen, und es werden zusätzlich Warnschilder montiert, die auf die Schliessung und die Gefahren hinweisen.

Bitte nicht stören! Das Fledermausquartier Twannbachhöhle.
Alles hat seinen Preis …

Die Administration und der Betrieb eines Wanderweges sind für keinen der Beteiligten gratis. Der Unterhalt, die Expertise des Geologen und der Felsspezialisten sowie die Löhne für die wenigen Angestellten kosten jährlich zwischen 20 000 und 30 000 Franken. Der Verkehrs- und Verschönerungsverein Twannbachschlucht entschied daher, einen Wegzoll zu verlangen. Ab sofort sollte jeder einen kleinen Beitrag bezahlen, um durch die Schlucht zu wandern. Nach einer Beschwerde eines Besuchers gegen die Gebühr schritt der Dachverband der Schweizer Wanderwege ein. Die Erhebung von Gebühren jeglicher Art ist auf Schweizer Wanderwegen gesetzlich untersagt. Aber ohne die Beiträge der Besucherinnen und Besucher ist es nicht möglich, die fachgerechten Kontrollen und Sanierungen beizubehalten. Das Risiko, die Schlucht ohne den bisherigen Unterhalt weiterhin der Öffentlichkeit zugänglich zu halten, war für die Betreiber zu hoch, und die Schlucht müsste ohne finanziellen Zuschuss schliessen. Da eine vollständige Schliessung aber nicht in Betracht kam, hat sich der Betreiber entschieden, den Weg zu privatisieren. Heute ist er ein gemeindeeigener Wanderweg.

Als Konsequenz der Privatisierung wurde der Wanderweg durch die Twannbachschlucht aus dem Verzeichnis der Schweizer Wanderwege gelöscht. Die offiziellen, gelben Wegweiser zur Schlucht werden nun nach und nach vom Dachverband der Schweizer Wanderwege abmontiert und vom Twannbachschlucht-Betreiber durch weisse Schilder ersetzt. Mit dem Status Privatweg ist der Verein Bielersee Tourismus dazu berechtigt, am Eingang auf der Seite Twann einen Unkostenbeitrag zu verlangen. Die Höhe des Wegzolls wurde auf 2 Franken für Erwachsene und 1 Franken für Kinder festgelegt. Bei durchschnittlich 30 000 Besucherinnen und Besuchern pro Jahr kommt damit ein schöner Betrag für die Deckung der Kosten zusammen. Allfällige Überschüsse werden in einem Fonds angelegt und kommen bei grösseren Ereignissen wie zum Beispiel nach dem Sturm Lothar 1999 zum Einsatz.

Der Eingang der Schlucht auf der Twannseite mit Aussicht auf den Twannbach und Kassenhaus.
Schöne Aussicht am Ende …

Am untersten Ende der Schlucht ist zugleich das Ende des kühlenden Schattens erreicht, aber eine atemberaubende Aussicht auf das verträumte Winzerdorf Twann, den blauen Bielersee und die grüne St. Petersinsel wird frei. Der allerletzte Abstieg führt über eine schmale, gewundene Treppe hinab ins Herz von Twann.

Nun steht die Qual der Wahl bevor. Eine Schifffahrt bietet einen ruhigen Abschluss der Reise, der Zug lockt mit einer schnellen Ankunft in Biel. Wenn die Beine noch fit genug sind, kann der Weg entlang dem See oder über den Rebenweg von Twann über Tüscherz und Vingelz nach Biel zu Fuss zurückgelegt werden. Egal, welche Option gewählt wird, ein gutes Glas Wein aus der Region sollte der Wanderer vor dem Aufbruch unbedingt probieren.

Wissenswertes
  • Anreise: Von Biel Bahnhof, Bus Nummer 11 Richtung Magglingenbahn oder zu Fuss, etwa 15 Min.
  • Dauer: Etwa 2 Stunden 40 Minuten, ab Magglingen
  • Kosten: Gültiger Fahrausweis für Standseilbahn nach Magglingen
  • Eintrittsgeld Schlucht: 2 Franken Erwachsene / 1 Franken Kinder
  • Öffnungszeiten: In der Regel ab Ostern bis November. Während der Wintermonate ist die Schlucht gesperrt.
  • Ideale Zeit: Mitte April bis Mitte Mai, während Schneeschmelze am Chasseral
  • Anforderung: Leicht (Wanderweg), der Weg ist zu Beginn mehrheitlich flach oder leicht ansteigend, vor und in der Schlucht teils stark abfallend. Es wird gutes, festes Schuhwerk empfohlen. Je nach Wetterlage kann der Boden sehr rutschig sein, Handläufe sind vorhanden. Für die ungeschützten Wegabschnitte über Felder werden Sonnenschutz und Sonnencrème empfohlen. Der Schluchtpfad ist nicht mit Kinderwagen oder Rollstuhl befahrbar.
  • Verpflegung: Es gibt mehrere offizielle Feuerstellen entlang der Route. Im Glasatelier können sich Besucher kulinarisch verwöhnen lassen.
  • Rückreise: Mit dem Schiff, ca. 30 Minuten. Mit der Bahn, ca. 8 Minuten. Zu Fuss entlang dem Bielersee, etwa 1 Stunde 50 Minuten.
Links

Bielersee Tourismus Glasatelier Zünd Jura Trois-Lacs

Verkehrsbetriebe Biel Aare Seeland Mobil Bielersee Schifffahrt

Wanderroute von Biel über Magglingen durch die Twannbachschlucht nach Twann. Quelle: komoot.de
Höhenmeterprofil mit Start bei der Magglingenbahn Bodenstation bis nach Twann Bahnhof. Quelle: komoot.de

Impressum

Konzept, Text und Fotos: Chantal Vuillemin – Gesamtverantwortung: Robert Hansen, Chefredaktion; redaktion@derarbeitsmarkt.ch, ©www.derarbeitsmarkt.ch, Juli 2021

Created By
Chantal Vuillemin
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