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10 Jahre Syrienkrieg Ein unvollständige Chronologie

2011

März 2011: Wie in Tunesien und Ägypten während des sogenannten Arabischen Frühlings gehen die Menschen auch in Südsyrien auf die Straße. Sie fordern politische Reformen, Rechtsstaatlichkeit und Freiheit und wenden sich gegen Korruption und Willkürherrschaft des Assad-Regimes. Dieses schlägt die Demonstrationen in der Stadt Daraa gewaltsam nieder. Daraufhin weiten sich die Proteste auf andere Landesteile aus. Assad reagiert mit Härte auf die Unruhen und Massenproteste. Seine Sicherheitskräfte töten hunderte Demonstrierende und inhaftieren zahlreiche weitere.

Sommer 2011: Zahlreiche Oppositionelle entscheiden sich für den gewaltsamen Widerstand und schließen sich mit desertierten Soldaten zur Freien Syrischen Armee zusammen. Es entwickelt sich ein grausamer Bürgerkrieg, der zu einem Stellvertreterkrieg mit vielen, auch internationalen Akteuren wird. Auf welcher Seite diese stehen, ist oft abhängig von Religion und Herkunft. Der Iran, die Hisbollah aus dem Libanon sowie alawitische Kämpfer verbünden sich mit Assad.

2012

Januar 2012: Die radikal islamische Al-Nusra-Front, eine Terrorgruppe und Teil von Al Qaida, attackiert syrische Truppen durch mehrere Anschläge. Damit tritt eine weitere religiös motivierte Kämpfergruppe in den Konflikt in Syrien ein. Allen Parteien werden in den folgenden Jahren schwere Kriegsverbrechen vorgeworfen.

2013

Es wird bekannt, dass die syrische Regierung über chemische Waffen verfügt, die sie am 21. August in der Nähe von Damaskus eingesetzt haben soll. UNO-Chemiewaffeninspekteure finden vor Ort Beweise für die Verwendung des Giftgas Sarin. Ihren Berichten zufolge ist das Gas auch gegen Zivilisten in der Region Ost-Ghouta eingesetzt worden.

Es kommen neue Kriegsparteien hinzu. Der sogenannte Islamische Staat (IS) bringt die Stadt Rakka unter Kontrolle und verübt Gräueltaten an der zivilen Bevölkerung. In der Islamischen Front arbeiten verschiedene islamistische Gruppen zusammen. Sie wird aus dem saudi-arabischen Ausland unterstützt und stellt zu diesem Zeitpunkt das größte bewaffnete Bündnis der Oppositionellen dar.

2014

Juni 2014: Der IS erklärt die von der Terrororganisation besetzten Gebiete im Irak und in Syrien zum Kalifat. Im September 2014 lässt der damalige US-Präsident Barack Obama Stellungen des IS im Irak angreifen. Zeitgleich starten IS-Terroristen eine Offensive auf die kurdische Stadt Kobane an der Grenze zur Türkei. Die Islamisten gewinnen die Kontrolle über die Stadt, die jedoch von kurdischen Milizen zum Teil zurückerobert werden kann. 130.000 Syrer fliehen im Zuge der Kampfhandlungen aus Kobane in die Türkei.

2015

Frankreich und England beteiligen sich am Kampf gegen den IS. Auch Deutschland beteiligt sich am Militäreinsatz in Syrien durch die Entsendung von Truppen und durch Aufklärungsflüge. Russland greift auf Seiten des Assad-Regimes in den Krieg ein.

2016

Anfang 2016: Das Assad-Regime erzielt mit der Unterstützung Russlands große militärische Erfolge gegen die Oppositionellen. Friedensverhandlungen zwischen beiden Parteien scheitern. Waffenruhen, die neue Friedensverhandlungen ermöglichen sollen, sind von kurzer Dauer.

November 2016: Russland startet eine groß angelegte Offensive auf die Provinzen Homs, Idlib und die Stadt Aleppo. Im Dezember 2016 erobert Assad mit der Unterstützung Russlands das von oppositionellen Gruppierungen besetzte Ost-Aleppo zurück.

2017

April 2017: Nach Einschätzung von Expert*innen der OPCW (Organisation für das Verbot chemischer Waffen) wird bei einem Luftangriff auf den nordsyrischen Ort Chan Scheichun die Chemiewaffe Sarin eingesetzt. Es sterben mindestens 70 Männer, Frauen und Kinder durch den Angriff.

September 2017: Das kurdische Militärbündnis der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) kann Rakka, den zentralen Stützpunkt des IS, zurückerobern. Immer weitere Gebiete können von der Herrschaft der Terrormiliz befreit werden. Im Dezember 2017 nehmen die SDF die letzte IS-Bastion Handschin in Ostsyrien ein. Der IS gilt weitgehend als besiegt, hält aber noch vereinzelte Dörfer in der Region.

2018

Anfang 2018: Türkische Truppen nehmen zusammen mit radikalen islamistischen Milizen die nordsyrische Stadt Afrin ein. Im Zuge der Kampfhandlungen müssen zehntausende Kurden aus der Stadt fliehen. Die Stadt Duma wird mutmaßlich mit Chlorgas angegriffen.

Juli 2018: Die syrische Regierung kann mit Unterstützung der russischen Luftwaffe Rebellengebiete im Südwesten Syriens bei Daraa zurückerobern. Idlib in Nordsyrien bleibt die letzte Hochburg der Oppositionellen im Land.

2019

März 2019: Das kurdische Militärbündnis der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) besiegt im Kampf um Baghuz den IS. Dadurch verliert die Terrormiliz das letzte besetzte Territorium auf syrischem Boden und gilt im Land seither geographisch als besiegt. Tausende IS-Kämpfer können untertauchen.

Oktober 2019: Kurz nach Ankündigung des Abzugs der US-Truppen durch Präsident Trump startet die türkische Armee eine Offensive gegen die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) in der türkisch-syrischen Grenzregion. Die Türkei schafft dort eine sogenannte „Sicherheitszone“, die den kurdischen Einfluss in der Region eindämmen soll. Zudem sollen Millionen syrische Geflüchtete aus der Türkei dort angesiedelt werden. Das Vorhaben trifft international von vielen Seiten auf scharfe Kritik.

Jahreswechsel 2019/2020: Syrische Regierungstruppen und verbündete schiitische Milizen beginnen mit russischer Luftunterstützung eine Offensive in das letzte Gebiet der Aufständischen in Idlib. Bis Mitte Februar 2020 flieht ein Drittel der etwa drei Millionen Bewohner*innen des Gebietes in Richtung der türkischen Grenze. Vor allem zivile Ziele wie Krankenhäuser werden bombardiert. Die Türkei unterstützt die Rebellentruppen in Idlib, vor allem, um weitere Fluchtbewegungen zu verhindern.

2020

Es kommt zu erneuten Verhandlungen, geleitet von der Türkei und Russland, die in einen Waffenstillstand münden. Obwohl vorherige Vereinbarungen oft schon nach kurzer Zeit gebrochen worden waren, hält dieser Waffenstillstand für die Region Idlib. Andernorts kommt es weiterhin zu Angriffen.

Die ohnehin schon durch den Bürgerkrieg schwer geschädigte syrische Wirtschaft bricht ein. Die syrische Währung Lira verliert stark an Wert, die Preise, vor allem für Lebensmittel, explodieren um bis zu 250 Prozent. Viele Menschen hungern.

Das Coronavirus breitet sich in Syrien aus. Vor allem bei Ärzt*innen und medizinischem Personal werden Infektionen festgestellt, allerdings mangelt es landesweit an Testmöglichkeiten. Überall in Syrien fehlt es an Krankenhausbetten und adäquaten Behandlungsmöglichkeiten.

2021

Anfang 2021: Die Kriegsparteien fliegen weiterhin Angriffe. So sterben mindestens 57 Menschen Mitte Januar bei einem israelischen Luftangriff im Osten Syriens auf Waffenlager der syrischen Armee. Anfang März werden Dutzende Menschen bei einem Raketenangriff auf Raffinerien und einen Marktplatz im Norden Syriens in der Region Aleppo getötet.

Knapp zehn Jahre nach den ersten Protesten im März 2011 ist der Aufstand in den meisten Teilen des Landes niedergeschlagen ‒ bis auf den kurdischen Nordosten, die Provinz Idlib sowie Gebiete an der türkischen Grenze, die die Türkei besetzt hält. Es kommt weiterhin regelmäßig zu Anschlägen, Überfällen und Tötungen.

Tausende Menschen leben nach wie vor in Flüchtlingscamps. Die Lebensverhältnisse dort sind besorgniserregend. Eine Verbesserung der Situation der geflüchtete Frauen, Männer und Kinder ist vorerst nicht in Sicht.

Ärzte der Welt

Seit Oktober 2012 arbeitet Ärzte der Welt in den Flüchtlingslagern von Idlib, im Norden nahe der türkischen Grenze, um den Menschen dort eine medizinische Grundversorgung und Verhütung, Geburtshilfe, Schwangerschaftsvor- und -nachsorge zu bieten.

Ärzte der Welt ist, unter anderem, in sieben Kliniken in der Region Idlib aktiv, ebenso in acht Gesundheitseinrichtungen in den Provinzen Al-Hasakeh und Aleppo. Die Hilfsorganisation arbeitet eng mit lokalen syrischen Partnern zusammen.

Credits:

Niclas Hammarström, Nicolas Danicourt, Sasha Petryszyn, Zoé Brabant, Cecile Genot, Creative-Commons, Wikipedia