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Blockchain – eine Technologie zwischen Hype und Potenzial Von Michael Ertel

Die Digitalisierung verändert Wirtschaft und Gesellschaft – und sie produziert Begriffe, deren immense mediale Präsenz technologischen Entwicklungen als bald den Eindruck eines Hypes verleihen. Die Blockchain als sogenannte disruptive Technologie reiht sich ein zwischen Schlagworte wie digitaler Transformation und Industrie 4.0. Doch wo liegen tatsächlich ihre praktischen Potenziale, insbesondere für Unternehmen und ihre Prozesse? Einschätzungen, wohin der Trend geht und wo die Blockchain künftig ihren Platz finden wird, gibt der Wirtschafts- und IT-Experte Dr. Andreas Wagener von der Hochschule Hof.

Herr Dr. Wagener, wie erklären Sie in wenigen Worten das Prinzip von Blockchain?

Andreas Wagener: Eigentlich ist die Technologie im Grundsatz einfach zu verstehen. Sie wird nur deshalb als kompliziert empfunden, da eine der ersten Anwendungen dem Bitcoin zugrunde liegt und hier viel mit Kryptographie und Verschlüsselung, dem Mining, gearbeitet wird. Man wollte Institutionen des Bankensystems als zentrale Player, die sogenannten Intermediäre, herausnehmen und deren Job dezentral abbilden. Somit geht es bei der Blockchain-Technologie, die sich mittlerweile schon in einer dritten Generation befindet, immer um dezentrale Transaktionen. Kurz gesagt: Was das Internet für den Austausch von Informationen ist, ist die Blockchain für Transaktionen.

Das heißt: Blockchain kommt ohne zentrale Server aus?

Andreas Wagener: Genau, Blockchain funktioniert komplett dezentral. Die Nutzer selbst bilden die zentrale Organisation. Wer an dem System mitwirken und Transaktionen durchführen will, muss zunächst andere Transaktionen verifizieren, also das zugehörige Blockchain-Protokoll auf seinem Rechner zulassen, welches prüft, ob die Transaktionen der anderen korrekt sind. Nach diesem ersten Schritt hat man das Recht, selbst Transaktionen durchzuführen. Man packt also durch eine dezentrale Synchronisierung die Informationen auf alle Netzwerkteilnehmer und es braucht keinen Mittelsmann mehr.

Der Vorteil?

Andreas Wagener: Da die Transaktionen unveränderbar in eine Kette hineingeschrieben werden und sich einpassen, funktioniert Blockchain wie ein Reißverschluss: Fehlen Inhalte, geht er nicht mehr auf und zu. Die Informationen sind auf alle Netzwerkteilnehmer verteilt und müssen immer gleich sein. Vorteil ist auch: Man kann jetzt nicht einfach an einer Stelle gehackt werden, wie bei einer zentralen Datenbank. Es müsste jeder einzelne Teilnehmer gehackt werden – und das ist sehr unwahrscheinlich.

Wo sehen sie konkrete Anwendungen, die über die Transaktion von Kryptowährungen hinausgehen?

Andreas Wagner: Momentan wird die Technologie von IOTA sehr gehypt. Hier spricht man von Blockchain der dritten Generation, prädestiniert für das Internet der Dinge und Transaktionen zwischen Maschinen. Beispiel: Eine Maschine produziert etwas und übergibt es an die nächste Maschine. Dies ist eine Transaktion, bei der die eine Maschine eine Gutschrift bekommt und das Konto der anderen belastet wird. Da kann man viele Maschinen gleichzeitig in einem Kreislauf teilhaben lassen.

Und welche Prozesse, beispielsweise eines Industrieunternehmens, würden sich durch Blockchain abbilden lassen?

Andreas Wagener: Einige Blockchain-Projekte gehen derzeit in den Bereich der Supply Chain. Immer dann, wenn Ware übergeben wird, wird eine Transaktion in die Blockchain geschrieben. Man schickt als Hersteller etwas ab, übergibt das dem Spediteur – und dies ist eine Transaktion. Wenn dieser es weitergibt, beispielsweise von LKW auf Schiene, gibt es wieder eine Transaktion. So kann die Lieferkette komplett nachgebildet werden. Allerdings hat hier eine dezentrale Lösung nur dann einen Sinn, wenn ich dem zentralen Anbieter, also dem Logistik-Anbieter, nicht vertraue. Ein Beispiel, wo Blockchain wirklich nützlich sein kann, betrifft die sogenannten „Blutdiamanten“. Die Technologie ist hier gut eingesetzt, weil man wissen möchte, wo ein Diamant gefördert wurde und ob er aus einer vertrauenswürdigen Quelle kommt. Er wird vermessen und gefilmt und die einzigartigen Charakteristika werden in der Blockchain gespeichert. Somit ist für jeden Beteiligten eine lückenlose Transaktionskette vorhanden. Aber in vielen anderen, weniger sensiblen Lieferketten kann man sich durchaus die Frage stellen, ob man Blockchain wirklich braucht oder eine herkömmliche Server-Lösung nicht ausreicht.

Prof. Dr. Andreas Wagener

Blockchain ist vor allem dort sinnvoll, wo viele Partner involviert sind?

Andreas Wagener: Ja, und zum anderen geht es um viele Transaktionen, in denen eine zentrale „Machtfunktion“ hinderlich ist. Halten wir uns den Emissionshandel auf Staatenebene vor Augen: Warum wird dieser nicht auf Unternehmensebene umgesetzt? Dann könnte man die Verursachungsfrage besser klären und Einzelakteure könnten direkt und rund um den Globus miteinander handeln. Der eine hat Verschmutzungsrechte zu verkaufen, der andere kann sie einkaufen. Dafür gibt es eine Börse über Blockchain und man braucht keine zentrale Datenbank dafür. Es würden auch keine Vermittlungsgebühren fällig. Das wäre meiner Meinung nach eine sinnvolle Anwendung.

Im industriellen Bereich arbeiten Unternehmen immer öfter in Entwicklungskooperation zusammen. Wäre hier die Blockchain-Technologie einsetzbar?

Andreas Wagener: Generell ist Blockchain dort sinnvoll, wo es um digitale Rechte und Güter geht. Das kann man auf andere digitale Dinge übertragen, wie auf Konstruktionen in der Industrie, die man beispielsweise im 3D-Druck umsetzt. Wer wann und was daran gearbeitet hat, wird in die Blockchain geschrieben, geistiges Eigentum kann gesichert und in geschützter Form weitergegeben werden. Aber auch das macht nur dann Sinn, wenn viele beteiligt sind, etwa bei Crowd-Sourcing-Projekten. Wenn lediglich zwei Unternehmen entwicklungstechnisch kooperieren, dann langt auch ein Jobsystem mit Server.

Spielt also Blockchain für klassische, mittelständische Unternehmen derzeit noch keine Rolle?

Andreas Wagener: Ich glaube, das spannendste Feld sind nicht die Transaktionen zwischen Unternehmen, sondern zwischen einzelnen Maschinen oder Dingen. Ein Beispiel nannte ich schon: Eine Maschine produziert etwas und gibt es weiter. Dieser Prozess wird über Blockchain gesteuert. Das bedeutet, dass jede Maschine einen eigenen Kosten- und Leistungsträger hat, also ein eigenes Profitcenter ist. Die Controller in den Unternehmen können sich da freuen: Man kann Profitcenter auf die unterste Ebene packen und dort die Buchhaltung automatisieren.

Aber auch das klingt noch etwas vage und speziell.

Andreas Wagener: Es gibt schon einige Projekte im Industrieumfeld, aber ich glaube, dass da im Moment sehr viel Lehrgeld bezahlt wird. Es werden immer gleich die Dollars gesehen, die man verdienen möchte. Aber die Idee von Blockchain ist eben, dass es nicht wirklich ein Geschäftsmodell gibt. Denn hätte man eines, dann wäre man ja selbst wieder der Intermediär, also der zentrale Player, der durch Blockchain aber ja umgangen werden soll. Dennoch: Ich bin zwar skeptisch, was den Hype betrifft, aber ich glaube schon, dass Blockchain eine extrem spannende Technologie ist. Sie wird in der Zukunft eine große Rolle spielen, aber man muss noch den Weg finden, wie man sie in Organisationen sinnvoll hineinträgt.

Zur Person

Prof. Dr. Andreas Wagener ist Politik- und Wirtschaftswissenschaftler sowie gelernter Bankkaufmann. An der Hochschule Hof befasst er sich mit dem Thema der Digitalisierung, insbesondere Digitales Marketing (Berufungsprofil: eCommerce & Social Media). Zu seinen Schwerpunkten zählen dabei die Themen Künstliche Intelligenz & Datenökonomie, Blockchain, Industrie 4.0, das Internet der Dinge, Digitale Medien sowie alle Bereiche des „Digital Managements“. Seit 2017 leitet er den Studiengang Betriebswirtschaft an der Hochschule Hof. Er betreibt zudem den Blog www.nerdwaerts.de, der sich mit dem Digitalen Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft befasst und tritt regelmäßig zu diesen Themen als Referent und Keynote-Speaker auf.

Blockchain-Lab in Bayreuth

In Oberfranken setzt man sich auf höchstem, wissenschaftlichem Niveau mit der Blockchain-Technologie auseinander. Das Bayreuther Fraunhofer Institut für angewandte Informationstechnik FIT betreibt ein Blockchain-Labor für die Entwicklung und Evaluation von Blockchain-Lösungen. Anspruch der Einrichtung ist, aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse in praxistaugliche Anwendungen zu überführen. Ansprechpartner in Bayreuth sind Prof. Dr. Nils Urbach und Prof. Dr. Gilbert Fridgen.

Created By
Michael Ertel
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Credits:

Fotos: Adobe Stock

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