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Maria Rucker

SKULPTUR UND KLANG

Ausstellung in der galerie 13

Ob aus Marmorblöcken, Onyxstein oder Holz: die auf geometrische Grundformen reduzierten bildhauerischen Arbeiten von Maria Rucker bewirken eine Schärfung unserer Wahrnehmungsorgane.

Die Künstlerin verleiht ihren Objekten eine Leichtigkeit, Sinnlichkeit und Lebendigkeit, die den Betrachter über die Schwere, Härte und Kälte des Materials hinwegtäuscht - auch über den extrem anstrengenden Akt der Bearbeitung des Materials. Das Spiel mit Gegensätzen ist prägend für das Werk von Maria Rucker. Sperrige Außenflächen / polierte Innenflächen, unbearbeitetes / bearbeitetes Material, gefüllte / ausgehöhlte Formen, Schwere / Leichtigkeit, Ruhe / Unruhe kontrastieren gegeneinander und steigern die Eindringlichkeit beider Pole.

Überwindet man beim Betrachten die abweisend, raue, fast stachlige Außenfläche des „Opferschiffes“ (Foyer) findet der Betrachter in einer glatt bearbeiteten, weichen, Wärme und Geborgenheit ausstrahlenden Innenfläche Trost. Das Materialgewicht des Werkes wird negiert, indem durch die gedachte Aufhängung des Schiffes der Schwebezustand Leichtigkeit suggeriert.

Wurden hier bewusst die Gegensätze optisch gegenübergestellt, so überrascht die Sinnlichkeit im Werk „Venus“ (EG, großer Raum). Pralle Oberschenkel und ein Dreieck entfalten soviel fleischliche Präsenz, dass das kalte Material völlig in Vergessenheit gerät. Dem Onyxstein wurde wahrlich Leben eingehaucht.

Verlässt sich jedoch der Betrachter vermeintlich auf seine Seherfahrung, wird er nun im Werk „Dreiecksbeziehungen“ (EG) in die Irre geführt. Denn durch die aufgetragene gelbe Malerfarbe wird zunächst die Assoziation zur natürlichen gelben, mineralischen Ablagerung des Marmor – wie im Werk „Voll – leer“ (OG) - hergestellt, um bei genauem Hinsehen festzustellen, dass es sich um eine Augentäuschung handelt.

Und genau diese erfordert das Werk von Maria Rucker: Zeit nehmen zum Hinspüren.

So überraschen die scheinbar einfachen Ringskulpturen (UG) aus geometrischen Grundformen, die durch Verdrehungen und leisen Übergängen in andere Formen eine Metamorphose durchlaufen. Eine ungemein vielfältige Variation an Richtungswechsel, Raffungen und Ausdehnungen des angelegten Musters erfährt der Betrachter in „Um vier Ecken“ (UG). Wichtig ist der Künstlerin „sich nicht festlegen zu müssen, frei zu sein in der Ausdrucksart. Manchmal zieht es mich zu Strengem, manchmal zu Spielerischem.“

Sind Werke reliefartig ausgebildet (Foyer, kleiner Raum EG), weisen sie oftmals Strukturen auf, die ihre Anregung in der Natur, vor allem in der Hautoberfläche von Tieren fanden. In Anlehnung an die Makrophotographie, also das zoomartige Vergrößern eines Objektes, bezeichnet Maria Rucker diese bildhauerischen Arbeiten als Makroskulptur. Es ist das Staunen der Künstlerin über die Mannigfaltigkeit der Formen in der Natur, die es gerade im Kleinen zu entdecken gilt und durch ihre bildhauerischen Arbeiten unseren Blick für das Detail schärft.

„Ich vergrößere Details, manchmal sogar das Detail eines Details und setze dieses in eine plastische Form um, indem ich es teils vereinfache, teils mit Poesie oder Humor infiltriere. … Aus einem konkreten Detail wird ein abstraktes Ganzes.“

Weitere motivische Impulse erfährt die Bildhauerin vom Werkmaterial an sich. Oft verwendet sie vorgefundenes Abfallmaterial wie übriggebliebene Baulatten für das Werk „Ungemein lange Latte“ (OG) oder einen alten Grabstein für „Opferschale“ (EG). Durch die bewusste Wahl des Werkstoffes, der spezifischen Farbe, der Maserung, der besonderen Oberflächenstruktur gelingt es ihr, Material, Form und Inhalt zu einer Einheit zu verschmelzen. Sie bewegt sich dabei in einem weit gefassten Freiraum zwischen Realismus und Abstraktion, Naturbeobachtung und freier Erfindung.

Selbst ein ausgedientes hölzernes Küchenbrett findet im Werk „Schlangenring“ (Treppenhaus) eine Weiternutzung. Holz bietet andere Möglichkeiten als Stein – enge Kurven mit einer Stichsäge sind hier möglich und das Material arbeitet durch einen Schwundschnitt im Kernholz weiter, wie bei der Verarbeitung der umgefallenen Pinie „Einschnitt“ (EG). Die Künstlerin betont: „Nur beim eigenen handwerkliche Arbeiten entdecke ich durch das Material und Werkzeug neue Möglichkeiten.“ Es gilt die Gesetzmäßigkeit des Materials zu erkennen und mit Verständnis zu behandeln.

So entstehen Werke, die durch ihre pure Ästhetik den Betrachter in den Bann ziehen, aber auch Werke, in denen ein tief metaphorischer Sinngehalt spürbar wird. Besonders eindrücklich - intensiviert durch die Titelgebung – stellt sich dieses Gefühl ein im Werk „Opferschale“.

Tiefe, unregelmäßige Einschnitte, hervorgerufen durch eine Trennscheibe, lassen die Schale zerbrechlich, verwundet, gar selbst als Opfer erscheinen. Assoziationen zu Lebenslinien in einer Hand wären denkbar, vor allem wenn die Schale vom Licht durchflutete wird und ihr eine hautfarbene Transparenz verleiht...

Durch Einschnitte in den Marmor entlockt die Bildhauerin in „Klangstein“ (UG) dem eigentlich klanglosen Material feine Töne. Sie verleiht der stummen Materie eine zauberhafte Stimme. Dies inspiriert Maria Rucker zur experimentellen Musik/Kunst Performance, die sie gemeinsam mit Randolf Pirkmayer in der Galerie abhält.

Diese nun auf hörbare Pole basierende Arbeit fügt sich ein in das faszinierend stringente Gesamtkonzept ihres bildhauerischen Schaffens, dessen Anliegen in der Sensibilisierung unserer Sinneswahrnehmung liegt.

Text: Susanne Flesche, Kunsthistorikerin

Die Ausstellung ist von 18. September bis 6. November zu den Öffnungszeiten der Galerie zu besuchen. Selbstverständlich unter Berücksichtigung der Hygienevorschriften aus Anlass der COVID-19 Pandemie.

Sollten Sie den Wunsch haben, einen Einzeltermin außerhalb der Öffnungszeiten zu erhalten, bitten wir um telefonische Anmeldung.

galerie 13 - fritz dettenhofer

Created By
Paulo Mulatinho
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