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Portrait: Das ist Simon Rückblickend zum Wahlkampf 2017

Text: Saskia Volknant; Bilder: Nicolai Eckert; Layout: Nico Talenta

Ersterscheinung des Artikels: Ausgabe 01 des Wintersemesters 2017

BRD, AfD gleich OMG? CDU, CSU und FDP? SPD, Martin Schulz, der ICE? USA, IS, EU, Ohjemine.

Der Sommer in Deutschland verlief unter einem Hashtag, der sich angesichts seiner steigenden Popularität vermutlich auch in Zukunft alle vier Jahre seinen Platz in den Twitter-Trends und Parteiplakaten sichern wird. Denn wenn Politik, Parteien und Presse den Zenit an gesellschaftlicher Aufmerksamkeit erklimmen, dann ist definitiv wieder #BTW.

Nicht ins Gedicht passt eine Partei, die sich eines Akronyms verschlossen und auch sonst für sich in Anspruch genommen hat, Pauschalisierungen mit sachlichen Argumenten zu begegnen. Gleichwohl – oder gerade deshalb – ist „Die Linke“ oppositionsführende Partei des Bundestages der aktuellen Legislaturperiode. Nun bewirbt sich auch Simon Pschorr, ein 25-jähriger Rechtsreferendar, der vor nicht allzu langer Zeit noch an der Universität Konstanz studiert hat. Über berufliche Ziele, durchdachte Ideologien und den Versuch eines Weges in die Hauptstadt politischer Träume: Berlin.

Juli 2017

Es ist ein sommerlicher Tag mitten im Juli und noch raubt #G20 der #BTW die Show. Simons Terminkalender ist gefüllt: Als Rechtsreferendar arbeitet er im Landgerichtsgerichtsbezirk Konstanz, ist AG-Leiter für Jurastudenten der Universität und korrigiert die Probeklausuren der Examenskandidaten. Während die meisten seiner Kommilitonen einfach nur den Sommer genießen, ist Simon mit Wahlkampf beschäftigt. Seit der Kreisverband der Linkspartei in Konstanz den 25-Jährigen im vergangenen November zum Bundestagskandidaten wählte, gehören Podiumsdiskussionen, Vorträge und Informationsstände zu seiner Freizeitbeschäftigung.

Simon ist ein Überflieger, und das nicht erst seit gestern. Er weiß, wovon er redet, wenn er die Abläufe des G20-Gipfels in Hamburg kritisiert oder das jüngste Urteil des Bundesverfassungsgerichts über das Tarifeinheitsgesetz analysiert. Als Drittbester seines Abiturjahrgangs begann er sein Jurastudium in Regensburg und sollte es im März 2016 nach einem Studienortwechsel nach Konstanz als zweitbester Absolvent beenden. Heute, kurz vor dem zweiten Staatsexamen, hat er gute Chancen auf einen Richterstuhl. Obwohl er zuvor mit einem Geschichtsstudium oder auch mit einer Schauspielkarriere liebäugelte, ist er der festen Überzeugung, damals die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Jurist sein, so erklärt er, erfordere zwei Kernkompetenzen, die sich geeigneterweise in ihm vereinten: das freie Sprechen und die exakte Arbeit mit abstrakten Texten. Noch vor seinem ersten Staatsexamen konnte er eine Publikationsliste von zwei wissenschaftlichen Artikeln in Fachzeitschriften vorweisen. Letztes Jahr waren es schon fast neun.

Sein politisches Engagement begann mit der Teilnahme an größeren Demonstrationen, streifte Annäherungsversuche an „Bündnis90/Die Grünen“ und mündete im Eintritt in die Linkspartei am Tag seiner Ankunft in Konstanz. Er kandidierte 2015 für den hiesigen Gemeinderat, wollte 2016 in den baden-württembergischen Landtag einziehen. Das Problem dabei war kein kleines: beide Male verliefen ohne Erfolg. Und auch nun erscheint in einem Wahlkreis, der sein Direktmandat bei Bundestagswahlen bisher ausnahmslos an die CDU vergeben hat, ein Mandat für Simon aussichtslos.

Bis hierhin, könnte man meinen, ist Simon ein klassischer Outsider. Ein hochintelligenter Nerd, der weder vor Coolness strotzt noch irgendwie von ihr beeindruckt ist. Doch jede Persönlichkeit entwickelt sich mit ihren Erfahrungen und für Simon wird es die Politische sein:

„Es stimmt, dass ich nicht immer sonderlich beliebt war und es mir schwergefallen ist, auf Menschen zuzugehen“,

erzählt er. Wahlkampf sei für ihn deshalb auch immer eine persönliche Herausforderung gewesen.

„Aber es macht Spaß. Ohne ihn hätte ich niemals so viele verschiedene Leute kennengelernt. Und die besten Geschichten sind die der Menschen selbst.“

Seine Kandidatur für den Bundestag wurde vom Kreisverband der Linkspartei in Konstanz ohne Gegenstimmen und unter großem Beifall beschlossen.

August 2017

#charlottesville #altright #blacklivesmatter.

Die Rechtsextremen sorgen in Amerika für Aufruhr und mit vielen Deutschen fürchtet auch Simon den Einzug der AfD in den Bundestag. Rechtspopulismus ist für Simon die größte Gefahr des 21. Jahrhunderts.

„Komplexe Themen bieten keine simplen Antworten. Sie gaukeln lediglich eine Lösung vor.“

Über sachliche Argumente könne man sprechen. Hier sei es wichtig, differenzierte Formulierungen zu finden und angemessenen zu argumentieren. Rechtspopulismus wirke man nur mit „Fakten, Fakten, Fakten“ entgegen. Insbesondere auf dem Podium sollte man diese selbstständig für sich sprechen lassen. Sonst laufe man Gefahr, (Rechts-)Populisten durch emotionale Rhetorik eine Opferrolle zuzuschreiben, in der sie sich selbst besonders gerne sähen, um so auch das Publikum sympathisieren zu lassen. Auf einer Podiumsdiskussion begegnet er einem Reichsbürger, der Homosexuelle gerne vernichtet sehen will. Simon antwortet, er habe sich gerade nach §130 IV des Strafgesetzbuchs strafbar gemacht.

Wenn Ungerechtigkeiten das Land dominierten, glaubt Simon, biete die Linkspartei allein eine Alternative, die dem entgegensteuern könne. Gekonnt hantiert er mit Zahlen und Fakten, zitiert Thomas Pikkety und kommt zu dem Schluss, dass Deutschlands Vermögensverhältnisse so aristokratisch verteilt seien wie zuletzt vor dem ersten Weltkrieg. Wie könne es Unternehmen geben, in denen Arbeitgeber das Dreitausendfache eines Arbeitnehmers verdienen? Armut, meint er, sei ohnehin schon schlimm genug. Die Katastrophe sei es allerdings, arm zu sein in einem Land, in dem jeder andere sehr viel reicher sei.

Wenige Wochen später kommt Dietmar Bartsch, Oppositionsführer der „Linken“ im Bundestag, ins Konstanzer Konzil und wirbt für seine Partei. Für Simon, den Gastgeber, ein weiterer Spitzenpolitiker, den er kennenlernen darf. Herr Bartsch redet eine Stunde von der Schere zwischen Arm und Reich, über Merkels Asyl- und Außenpolitik. Er ist ein Profi, der weiß wie man sich in Szene setzt. Ein geübter Rhetoriker, der sein Publikum im Griff hat. Daneben sitzt Simon, der keine Sekunde aufhört zu strahlen und im Takt zu den Worten des Spitzenpolitikers nickt. Er wirkt wie ein stolzer Schützling, der auf Anerkennung vielleicht hofft, dennoch aber auch ohne sie überglücklich ist. Dass „Die Linke“ ihn nicht einmal auf die Landesliste setzte und somit die tatsächlichen Chancen auf einen Platz im Bundestag zugleich noch prekärer machte, spielt für ihn keine Rolle. Er kämpfe nicht für sich, betont er immer wieder, sondern für seine Partei, die die Interessen derjenigen wahrnehme, die sonst nicht zur Genüge gehört werden.

Bis hierhin, könnte man meinen, ist Simon ein politischer Idealist. Ein Träumer und Gutmensch, der an die linke Ideologie glaubt und dadurch – auf sympathische Weise – fast etwas naiv wirkt neben erfahrenen und abgebrühten Politikern. Doch gleichzeitig sind seine Aussagen fundierter, differenzierter und detaillierter als die Meisten eines AfD-Politikers. Er ist auch der festen Überzeugung:

„Ich kann die Welt nicht alleine retten. Das können wir nur zusammen.“

Man möchte ihm glauben und vielleicht ist es das, was ihn von anderen Politikern (zumindest noch) unterscheidet: der ansteckende Glaube an das Gute und nicht die Gier nach Macht, die sich in Rigorosität und nicht zuletzt auch im Populismus äußert.

September 2017

Wenige Wochen vor der Bundestagswahl dominieren das #TVDuell und der #Fünfkampf die Gespräche. Inzwischen hat es sogar den Außenminister auf eine Rede nach Konstanz verschlagen und auch Simon macht fleißig weiter Wahlkampf. Mindestens zwei Mal die Woche tritt er auf Podiumsdiskussionen auf und dreht regelmäßig Videos für seine Facebookseite, in denen er die Welt erklärt (#Simonsays).

Auf dem Wochenmarkt am Stephansplatz haben zwischen Marktständen voller Gemüse und Obst die Parteien ihre Programme ausgepackt. Während CDU und FDP große Stände und farbenfrohe Plakate aufgehängt haben, befindet sich Simon am Rande des Geschehens neben einem roten Wagen unter einem roten Schirmchen und verteilt Wahlprogramme.

„Es gibt keinen einfacheren Weg, die Leute zu erreichen“,

lächelt er und wedelt mit seinen Prospekten. Doch kaum jemand bleibt stehen und sucht das Gespräch. Dass ein Großteil der Bevölkerung die Meinung seiner Partei nicht teilen will, scheint ihn nicht zu stören. Einem Passanten, der erklärt, er würde die Linke nicht wählen, weil viele ihrer Mitglieder sich nicht von der SED und DDR lösen könnten, wünscht Simon unbeeindruckt einen schönen Tag.

„Möglicherweise erinnern sich vielleicht – und wenn überhaupt – manche „Hardliner“ der Partei an gewisse soziale Sicherheiten in der DDR“,

erklärt Simon entschlossen. Die politische Repression wurde unabhängig davon jedoch von keinem vergessen und auch sonst wolle niemand mehr dahin zurück. Und doch ist er nicht mit allem einverstanden, was die Linkspartei zum Teil auf Bundesebene vertritt. Die Russlandpolitik beispielsweise hält er für ausbaufähig und senkt die Stimme, als er sagt:

„Manche Machtpolitiker dürfen einfach nicht regieren.“

Wenige Wochen vor der Bundestagswahl steht Simon im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Er diskutiert, antwortet, nickt und redet weiter. Wenn man ihn dabei beobachtet, erkennt man, dass er es genießt. Das Rampenlicht, die Show, das Interesse. Tatsächlich gibt er zu, ein kleiner „Aufmerksamkeitsjunkie“ zu sein. Eine weitere Passantin drückt ihm die Hand, als sie sagt:

„Ich gebe Ihnen meine Stimme. Sie sind so motiviert!“

Der Südkurier veröffentlichte ein anerkennendes Portrait.

Die TAZ jedoch bescheinigt ihm Chancenlosigkeit. Wahlkampf und Kritik kommen Hand in Hand, und letztere fällt nicht immer konstruktiv aus. Er erinnert sich an eine geplante Veranstaltung im Rahmen seiner Landtagskandidatur 2016 in Gaienhofen am Bodensee. Der Veranstalter versprach, Plakate aufzuhängen. Als er ankam, waren weder Plakate noch Besucher da. In Singen wurde ihm zugerufen, er sei beim Vergasen vergessen worden.

„Das war nicht sonderlich nett, aber mein Gott, shake it off. Solche Äußerungen delegitimieren sich doch von vorneherein.“

Als seine Ehefrau jedoch von einer rechtsradikalen Website beleidigt wurde, erstattete er sofort Strafanzeige.

„Da werde ich fuchsteufelswild. Sie ist meine größte Unterstützung.“

Antrieb vs. Enttäuschung

Wenn Talent also mit Rückenwind wächst und Charakter mit Gegenwind, hat Simon gute Voraussetzungen. Dennoch lernt man schnell, dass Politik auch auf Kommunalebene keinen Halt macht vor verletzenden Erfahrungen. Was also überwiegt bei diesem Karrierewunsch? Woher kommt die Begeisterung und Energie, sich einer Kandidatur zu stellen, die von vorneherein aussichtslos erscheint?

Die Antwort steht in seinem Lebenslauf und könnte auch eine Checkliste für angehende Politiker sein: Zum einen ist es seine Ideologie, für die er nicht anders als leidenschaftlich kämpfen kann. Zum anderen ist es die intellektuelle Herausforderung, die Politik als Königsdisziplin des Detailwissens reizvoller als ein Jurastudium macht. Außerdem ist es Politik als Mittel zur Persönlichkeitsentfaltung, die einen introvertierten Menschen zur Extraversion zwingt und Freude daran erkennen lässt.

Bis hierhin, könnte man meinen, erfüllt Simon alle Voraussetzungen für eine Karriere als Spitzenpolitiker. Gehörte da nicht viel mehr dazu als bloß die Checkliste. Wählerstimmen sind es letztendlich, die eine politische Überzeugung und das, was #Simonsays, in die Wirklichkeit umsetzen können. Ob dies auch geschieht, muss an dieser Stelle offen bleiben. Bis zum Wahlergebnis ist seine Kandidatur lediglich ein Angebot an die Wähler. Bis dahin ist seine Überzeugung eine Alternative zu bestehenden Denkmustern. Bis dahin ist das, ganz einfach, Simon.

Nachtrag: der Artikel wurde am 18.09.2017 fertiggestellt. Eine Woche später lag das vorläufige amtliche Wahlergebnis der Bundeswahlleitung vor (vgl. Grafik). „Die Linke“ konnte auf Bundes- und Landesebene einen Stimmenzuwachs verbuchen.

Quelle: http://www.konstanz.de/rathaus/00749/02580/02585/index.html#sprungmarke0_1 (zuletzt besucht am 27.03.2018)
Created By
Campuls Hochschulzeitung
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