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30 Jahre nach Flugzeugabsturz: Die Katastrophe von Remscheid 30 Jahre nach dem Unglück in Remscheid schauen zwei WZ-Redakteurinnen zurück auf das Geschehen. Eine Multimedia-Reportage von Leah Hautermans und Daniela Ullrich

Sich die kriegsähnlichen Bilder vorzustellen, die sich hier vor drei Jahrzehnten abspielten, ist an diesem sonnigen Morgen schwer. Die tiefe Novembersonne strahlt hell, keine Wolke ist am Himmel zu sehen. Nur selten fährt ein Auto an uns vorbei, auch wenn mich später eine Anwohnerin warnen wird, dass die Straße gefährlich sei.

Es ist kalt an diesem Morgen, als wir uns auf den Weg nach Remscheid machen. Über verschlungene Wege und schmale Straßen nähern wir uns der Stockder Straße; dem Ort, an dem vor 30 Jahren ein Pilot in einem amerikanischen Kampfjet in dichtem Nebel die Orientierung verlor und in eine Häuserreihe flog. Der Ort, an dem sieben Menschen starben und Dutzende verletzt wurden.

Ich stehe mit meiner Kollegin Daniela Ullrich vor dem Neubau des Hauses Nummer 128, das durch den Flugzeugabsturz vollständig zerstört worden war. Sie lebte damals in Remscheid, ging in die erste Klasse, ihr Zuhause lag nur knapp 200 Meter unterhalb der Absturzstelle. Für mich ist dies unbekanntes Terrain, über 120 Kilometer in einer anderen Stadt aufgewachsen habe ich erst spät von der Katastrophe in Remscheid erfahren. Heute erzählt sie mir, wie sie den Tag damals erlebt hat. Während unserer Gespräche fallen ihr immer wieder Details ein, die den Schrecken von damals vergegenwärtigen. Gemeinsam erkunden wir den Weg, der sie am 8. Dezember 1988 von der Schule nach Hause führte, vorbei an dem brennenden, qualmenden Loch im Stadtteil Hasten.

8. Dezember 1988

Am 8. Dezember 1988, einem Donnerstag, versanken die Häuser auf der Stockder Straße im Nebel. Die Bürger der kleinsten Großstadt NRWs (110.600 Einwohner) gingen ihrem Alltag nach, es war Adventszeit, Weihnachten stand vor der Tür.

Etwa 80 Kilometer entfernt starteten zwei US-Kampfjets vom Militär-Flughafen Nörvenich bei Köln. Es sind Kampfflugzeuge vom Typ A-10, „Thunderbolt“, genannt „Warzenschwein“. Die Rotte raste im Tiefflug über die Landschaft, doch durch die schlechten Witterungsverhältnisse im Bergischen Land verloren die Piloten die Orientierung. In Remscheid wurde der Nebel dichter. Der Rottenführer schaffte es, sich mit einem Flugmanöver in Sicherheit zu bringen, der ihm folgende Captain Foster schaffte es nicht. Um 13.26 Uhr stürzte das amerikanisches Kampfflugzeug auf die Häuser in der Stockder Straße, die Maschine explodierte. Der Pilot versuchte noch, sich mit dem Schleudersitz zu retten, aber vergeblich. Mit ihm starben fünf Bewohner und Besucher der Stockder Straße, ein weiteres Brandopfer erlag später seinen Verletzungen. Mehr als 50 Personen wurden verletzt. Häuser, Autos, Firmengebäude brannten, durch die Explosion wurde Munition im Straßenzug verteilt.

Foto: Michael Sieber
Eine Verortung des Geschehens.

WZ-Redakteurin Daniela Ullrich berichtet:

„Remscheid, hier bin ich geboren, und hier auf dem Hasten habe ich die Grundschule besucht. Ich erinnere mich gern an diese Zeit. Mein Schulweg war lang, sehr lang sogar - rund 40 Minuten ging es von der Straße Volkeshaus bergauf zur Gemeinschafts-Grundschule Hasten. Ich ging als Erste los, wohnte am weitesten 'unten', nach und nach schlossen sich dann immer mehr Kinder an. Bis wir an der Schule ankamen, waren wir quasi auf Klassenstärke angewachsen. Aber bereits im ersten Winter, den ich die GGS Hasten besucht habe, legte sich ein Schleier über diese schönen Kindheitserinnerungen. Den Tag, an dem das geschah, kann ich exakt benennen: Es war der 8. Dezember 1988. Dieses Datum sollte mein und das Leben vieler weiterer Hastener verändern.“
Daniela Ullrich vor ihrer Grundschule. (Foto: Leah Hautermans)

November 2018

Wir treffen eine Anwohnerin, sie winkt uns von ihrem Balkon her zu sich. „Seid ihr wegen dem Flugzeugabsturz hier?“, fragt sie und deutet nach links. Namentlich und mit Foto will sie nicht erscheinen, verrät uns dafür aber viel darüber, wie es damals war. Die frühere Erzieherin wohnt nur zwei Häuser von der Unfallstelle entfernt. „Mein Bruder war im Krieg. Aber der meinte; das hier, das sah schlimmer aus als im Krieg.“ 1988 lebte sie bereits zehn Jahre in der Stockder Straße, weggezogen ist sie danach nicht - es sei schließlich eine Eigentumswohnung, und sich auf was Neues einlassen, das wolle sie auch nicht. Mit Nachbarn rede sie nicht mehr über das Unglück vor 30 Jahren, schließlich sei so viel Zeit vergangen. Trotzdem ist ihr das Entsetzen auch Jahrzehnte später noch anzusehen.

Immer wieder schlägt sie sich während des Gesprächs die Hände vors Gesicht.

Remscheid sei schließlich wie ein Dorf, „sowas passiert hier einfach nicht“. Eine Nachbarin sei gerade mit ihrem Dackel spazieren gegangen, als der Kampfjet in die Häuserreihe krachte. Dann stand sie plötzlich vor dem Nichts. „Schrecklich war das“, wiederholt die ältere Dame mehrfach und schüttelt fassungslos den Kopf.

(Foto: Michael Sieber)

In den Tagen nach dem Absturz bleibt die Gegend rund um die Stockder Straße abgeriegelt, Anwohner müssen ihre Ausweise vorzeigen, wenn sie nach Hause wollen. „Da haben Sie ja großes Glück gehabt“, habe ein Polizist ihr gesagt, als er ihre Einkaufstüten nach Hause getragen und erfahren habe, in welchem Haus sie wohnte. Und später? Da seien viele der Anwohner an Krebs erkrankt. Die Dame ist überzeugt, dass damals Giftstoffe aus dem Flugzeug ausgetreten seien.

Daniela Ullrich erzählt weiter:

„Der 8. Dezember 1988 war ein Donnerstag. Ich erinnere mich deshalb so genau daran, weil ich damals jeden Donnerstag die Evangelischen Gemeinde wenige hundert Meter von meiner Grundschule entfernt besucht habe. Damals ein Highlight in meiner Woche. Als ich morgens losging, wusste ich allerdings noch nicht, dass ich an diesem Tag nicht zu Frau Ibach in die Jungschar gehen würde.

Wann der Unterricht vorbei gewesen ist, kann ich gar nicht mehr sagen. Ich besuchte die 1. Klasse. Lange werde ich wohl keinen Unterricht gehabt haben. An einen Knall erinnern kann ich mich gut. Zu diesem Zeitpunkt war ich 'noch oben am Hasten', wo es abgesehen davon aber erst einmal ruhig blieb. Denn um uns herum wurde jahrhundertelang Werkzeug hergestellt. Ein lautes Geräusch war nichts besonderes - schon gar nicht für uns Kinder. Aber dann brach etwas aus, das ich erst gar nicht fassen konnte. Ich war als Kind bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht mit einem Ausnahmezustand konfrontiert gewesen. Chaos, würde ich es heute nennen. Pures Chaos, Panik, Wahnsinn. Nebel, überall war Nebel. Sirenen waren zu hören. Irgendwann fand ich mich beim Schuster des Ortes wieder. Irgendwer hatte mich dorthin gebracht. Meine allein erziehende Mutter war an dem Tag bei meinem jüngeren Bruder, der einen Krankenhausaufenthalt in Wuppertal zu absolvieren hatte.“

Daniela Ullrich an der ehemaligen Schusterei. (Fotos: Leah Hautermans)
War ich stundenlang ganz auf mich gestellt gewesen? Ich weiß es nicht mehr. Die Jungschar war wohl ausgefallen. Frau Ibach hatte sich beim Knall in den Finger geschnitten, hörte man später. Erst einmal sammelte mich meine Mutter beim Schuster ein - endlich. Gegen 17 Uhr war das.

„Der Tag des Absturzes bleibt für mich zunächst einmal immer mit dem Geruch dieses Schuster-Ladens verbunden. Ihn gibt es heute nicht mehr. Die Gabelung von Stockder Straße und der Oberhölterfelder Straße, die zum Volkeshaus führt, hingegen ist noch da. Ich habe diese Weggabelung noch heute vor Augen: Dunkel war es, auch hier weiter unten im Tal herrschte dichter Nebel, der in Schwaden durch die Häuserschluchten waberte. Polizisten, Feuerwehrmänner. Ich sehe das erste Mal in meinem Leben Maschinenpistolen. Man will uns nicht nach Hause lassen. Meine Mutter, auch ihr Tag war lang, bittet, bettelt, fleht den riesigen dunklen Mann mit der Waffe an, uns nach Hause durch zu lassen. Schließlich hat er Erbarmen. Wie die Stockder Straße zu diesem Zeitpunkt aussieht, erfahren wir durch das Fernsehen: In den Nachrichten ist es das Thema überhaupt. Was für andere eine Meldung von vielen ist, für mich es an diesem Tag die Realität: Den beißenden Geruch von Feuer und Rauch, das Licht der Scheinwerfer, die Angst -nichts davon werde ich je vergessen. Doch nur der Tag endete, die Tragödie nahm zu diesem Zeitpunkt für viele von uns erst ihren Beginn.“

Fotos: Michael Sieber

Das Jahr 1988: Wie der Kalte Krieg nach Remscheid kam

Der Konflikt zwischen dem westlichen Lager unter Führung der USA und dem östlichen Lager unter Führung der Sowjetunion zieht sich vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis zum Jahr 1991. Zwei Weltanschauungen - Kapitalismus und Kommunismus - werden dabei verteidigt, der Kalte Krieg mit Propaganda, Spionage, Drohungen und Aufrüstung von beiden Lagern ausgetragen.

Auch wenn es Mitte der 1980er Jahre, unter anderem durch Michail Gorbatschows Reformpolitik begünstigt, zu einer Annäherung zwischen den Westmächten und dem sogenannten Ostblock kam, war die Lage im Jahr 1988 noch nicht entspannt. Der Erste Golfkrieg endete, ebenso wie die sowjetische Invasion in Afghanistan. Trotzdem standen überall in der Republik vollbewaffnete Kampfjets, um einen möglichen Überfall der Länder des Warschauer Vertrags abwehren zu können, üben kurz vor Ende des Konflikts zwischen den beiden Supermächten US-Militärjets über der BRD noch für den Ernstfall. So auch am 8. Dezember.

Dem Kalten Krieg ist es auch geschuldet, dass die Unfallstelle in Remscheid schnell von amerikanischem Militär abgeriegelt wurde. Technische Details mussten geheim gehalten werden zu Lasten der Retter, denen - der „Tagesschau“ nach - die bewaffneten Spezialtrupps im erklärten Sperrgebiet den Zugang erschwert hätten.

Foto: dpa

Was war an Bord des US-Kampfflugzeugs?

Durch den Absturz des Kampfflugzeugs A-10 kam es in der Stockder Straße zu Bränden und Explosionen, die an Bord gelagerte Übungsmunition hatte sich durch den Aufprall in der Umgebung verteilt. In den Wochen nach dem Unglück klagten Anwohner und Feuerwehrleute über Krankheiten, über Hautausschläge am ganzen Körper. War uranhaltige Munition an Bord des Kampfjets gewesen? Schon am gleichen Tag verbreiteten sich rasend schnell Gerüchte unter den Betroffenen: Eine Anwohnerin, Veronika Wolf, berichtet auch heute noch, dass sie direkt nach dem Absturz von einem Amerikaner gewarnt wurde. Sie solle mit ihren Kindern eine Woche das Haus nicht verlassen. Es dürften nie wieder Kinder auf dem Gelände spielen; habe man ihr gesagt, berichtet eine weitere Remscheiderin.

Nach dem Absturz führten Bürger an, dass es eine Häufung von Krebserkrankungen unter den Anwohnern gebe. Eine Bürgerinitiative formierte sich, forderte Aufklärung. Der Boden wurde untersucht, und tatsächlich fanden sich Belastungen in der Erde: Dioxine, PCB und Schwermetalle - chemische, hochgiftige Verbindungen. Die ständen jedoch nicht im Zusammenhang mit dem Flugzeugabsturz, sondern seien auf die früheren industriellen Tätigkeiten in Remscheid zurückzuführen, erklärte die Politik. Die Amerikaner schweigen zu dem Thema.

Die Absturzstelle am 8. Dezember. (Foto: Michael Sieber)

Langzeitwirkungen von Dioxin können Störungen des Immunsystems, des Nervensystems, der Atemwege und der Schilddrüse sein. Auch schwer entzündliche Erkrankungen der Haut und Schädigungen der Leber sind möglich. Das toxischste Dioxin (2,3,7,8 TCDD) ist laut Umweltbundesamt krebserzeugend für den Menschen, andere Dioxine stehen ebenfalls im Verdacht, krebserzeugend zu sein. Dioxine „entstehen unerwünscht bei allen Verbrennungsprozessen in Anwesenheit von Chlor und organischen Kohlenstoff unter bestimmten Bedingungen, zum Beispiel bei bestimmten Temperaturen“, heißt es beim Umweltbundesamt, bei Temperaturen um die 300 Grad.

Veronika Wolf schreibt 2014 einen Tatsachenroman über den Vorfall, bietet am Ende eine Auflösung der Fragen rund um die Katastrophe an. Beantwortet sind sie auch 2018 noch nicht. Die Bürgerinitiative gibt es immer noch - das Schweigen der Amerikaner ebenfalls.

Das Haus an der Stockder Straße im Jahr 2018. (Foto: Leah Hautermans)

Daniela Ullrich berichtet:

„Jahrelang, jahrzehntelang habe ich nicht an den Flugzeugabsturz gedacht. Das Haus, in dem wir damals wohnten, lag keine hundert Meter von der Absturzstelle entfernt. Noch wochenlang lebten wir in einer Art Blase. Denn während die Welt die Geschehnisse abhakte, hatte der kleine Stadtteil Hasten noch lange darunter zu leiden.

Als meine Kollegin und ich bei unserer Recherche 30 Jahre später in der Stockder Straße eine Anwohnerin treffen, berichtet sie davon, dass sie noch wochenlang habe ihren Ausweis zeigen müssen. Während sie das erzählt, fällt es mir auch wieder ein: Meine Mutter hatte sich darüber ebenfalls beklagt, dass die Polizei sie sonst nicht zu unserer Straße durchgelassen hätte.

Doch das waren natürlich Lappalien im Vergleich zu dem, was die Betroffenen durchmachen mussten. Das macht das Gespräch mit der Anwohnerin klar, in dem ich nämlich auch erfahre, dass eine Klassenkameradin von mir noch immer im gleichen Haus wohnt wie zum Zeitpunkt des Flugzeugabsturzes – zwei Häuser neben dem, das vollständig zerstört wurde. Ich weiß, dass es in ihrer Familie einen Todesfall gegeben hat, der mit dem Absturz in Verbindung gebracht wurde: Kurz nach dem Unglück war ein Angehöriger an Leukämie erkrankt und nach kurzer, aber heftiger Krankheit gestorben. Auch ich hatte viele Probleme mit den Atemwegen, mein Bruder nicht. Er war auch nach dem Absturz noch lange im Krankenhaus in Wuppertal, hat nichts von alledem mitbekommen, was ich erlebt habe. Er hat die Luft in diesen Tagen nicht eingeatmet, nichts im Stadtteil angefasst. Den Sandkasten auf dem Hof vor unserem Haus hatten wir bereits nach der Katastrophe von Tschernobyl abbauen müssen. Obst von den Bäumen und Sträuchern in der Nachbarschaft war im Sommer '89 dann ebenfalls tabu.

Blick auf die andere Seite der Stockder Straße.

Erinnerungen, die mit der Erzählung der Anwohnerin alle wiederkommen. Auch die Erinnerung an meine Mitschülerin.

Ich schaue auf das Klingelschild. Tatsächlich steht da ihr Nachname. Soll ich klingeln? Soll ich Kontakt zu ihr aufnehmen? Ist es nicht sogar meine journalistische Pflicht?

Noch lange nach meinem Besuch in der Stockder Straße denke ich an die Klassenkameradin. Und ich denke an die Worte der Nachbarin: "Ich habe genug darüber gesprochen." Ich entscheide mich gegen eine Kontaktaufnahme. Auch, weil ich merke, was die Recherche mit mir macht. Denn ich habe offenbar noch nicht genug über meine Erlebnisse am 8. Dezember 1988 gesprochen.

Remscheid mahnt - die Erinnerung bleibt

Fünf Monate nach dem Absturz unterschrieben mehr als 157.000 Bürger die „Remscheider Mahnung“, mit der eine Einstellung „sämtlicher Übungsflüge über bewohnten Gebieten und alle Tiefflüge in unserem Land“ gefordert wurde.

Nachdem der Kalte Krieg 1990 langsam sein Ende fand, wurden Tiefflüge im Bundesgebiet zunächst reduziert. 2018 gibt es in Deutschland acht Tieffluggebiete zwischen 450 Meter und 300 Meter. Die Einhaltung der Regelungen zu Tiefflügen erfolgt seit 2007 durch die Zentrale Flugüberwachung in Köln-Wahn.

Der Gedenkstein für die Opfer auf dem Friedhof Ehrenhain. (Foto: dpa)

Remscheids Bürgermeister Kai Kaltwasser (CDU) legt an diesem 8. Dezember in stillem Gedenken einen Kranz an die Gedenkplatte im Ehrenhain Reinshagen nieder. Die Katastrophe von Remscheid - 30 Jahre später ist sie Teil der Stadtgeschichte geworden, doch viele Fragen sind noch immer offen.

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