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Viele Mücken und ein Plumpsklo Ein finnischer Sommer

Text und Bilder: Lea Luttenberger, Illustration: Julia Herzog, Layout: Pia Sautter

Wann sind Finn_innen am glücklichsten? Man sagt dann, wenn sie allein in ihrer Sauna sitzen und über ihren Tod nachdenken und darüber, wie die Menschen dann traurig sein werden.

Der finnische Staat ist einen Großteil des Jahres sehr bemüht, das Land touristisch attraktiv zu gestalten, für sich als touristisches Ziel zu werben und sich zu vermarkten. Wenn die angelockten Touristinnen und Touristen dann im Sommer scharenweise neugierig angereist kommen, macht ganz Finnland aber zu. Es verzieht sich in seine Sommerhäuschen und Saunen, wo es sich mit den ganzen fremden Menschen nicht auseinandersetzen muss.

Das Sommerhaus, in das ich mich seit ich denken kann jeden Sommer verzogen habe, ist das meiner Großeltern im Süden Finnlands. Es ist ein rotes Holzhaus mit weißen Fensterrahmen, von denen es in Finnland so viele gibt.

Bootsschuppen und Sauna sind separate Gebäude, beide auch in rot. Als ich klein war, gab es auf dem Grundstück nur ein Plumpsklo und kein fließendes Wasser. Das haben wir aus einem Schlauch im Garten aus dem Grundwasser geholt und dann gekocht, damit wir warmes Wasser zum Abwaschen hatten. Ich erinnere mich, wie ich mit meinen Eltern oder Großeltern draußen stand. Dort gab es einen Abwaschtisch, auf den wir zwei große Schüsseln nebeneinanderstellten. In die eine kam heißes Wasser mit Spülmittel, in die andere kaltes Wasser zum Schaum vom Geschirr wieder Abspülen. Und dann wurde eine Abwaschkette gebildet, an deren Ende ich zum Abtrocknen stand. Teil des Alltags war es auch, Blaubeeren für einen Kuchen zu sammeln. (Blaubeeren wachsen in finnischen Wäldern fast überall und sind nicht zu verwechseln mit Heidelbeeren, die es in Deutschland oft zu kaufen gibt! Sie sind kleiner, wachsen an Sträuchern und – wie der Name schon sagt – innen blau.) Es ist nicht so schnell erledigt, wie ein kleiner hungriger Kinder- oder auch Erwachsenenbauch denken mag, die ganzen Beeren zusammenzusammeln. Und oh diese Schmach, wenn der Eimer dann umfällt und sich die ganze blaue Herrlichkeit auf dem Waldboden verteilt. Dann wurden stattdessen Eierkuchen in einer gusseisernen Pfanne über dem offenen Feuer gebraten. Mit Erdbeeren. Die sind weniger mühsam zu sammeln.

Ein Tageshighlight war es, jeden Morgen durch den Wald zum Briefkasten zu laufen, der abseits vom Grundstück stand, um die Post zu holen. Und dann saßen wir als ganze Familie auf Terrasse in der Sonne und lasen Zeitung. Ich las tagelang Donald Duck-Zeitschriften (Aku Ankka), das am häufigsten gelesene finnische Wochenmagazin.

Mein Vater ist begeisterter Angler und so verbrachten mein Bruder und ich auch viel Zeit damit, Regenwürmer zu suchen und dann mit einer kleinen selbstgebastelten Angel aus Holz Katzenfische zu angeln. Katzenfische sind Fische, die zu klein sind, als dass ein Mensch sie essen könnte und daher den Haustieren der Familie zu Gute kommen. Nicht selten hatten wir auch einen Krautaal an der Strippe. Eine besondere grüne Spezialität, die auch Alge genannt wird. Manchmal machten wir eine Tour im Ruderboot zu einer der Felseninseln und angelten dabei sogar den ein oder anderen für Menschen essbaren Hecht. Der musste dann geköpft und ausgenommen werden. Das machten wir mit dem „puukko“, einem finnischen Allzweckmesser. Viele Stunden schnitzten wir mit diesem auch Borkenschiffchen, die dann im Meer um die Wette fahren durften oder putzten Pilze sauber, die wir beim Borke sammeln zufällig gefunden hatten.

Die musikalische Grunduntermalung bei all diesen Aktivitäten war das penetrante Gesssssssssimse der Mücken. Daueraufgaben des Sommers waren, sich in Selbstdisziplin zu üben und die Mückenstiche nicht aufzukratzen. Und beim Spielen auf keinen Fall einen Blaubeerfleck in die Kleidung zu bekommen.

Sollte die Kleidung doch mal etwas Beerensaft abbekommen haben, oder wurden die Finger gar nicht mehr sauber; spätestens dann wurde es Zeit für einen Saunagang. Der war trotz seiner Alltäglichkeit immer ein Erlebnis. Für die Großen gab es dazu ein Saunabier oder -cidre und die Kinder bekamen -fanta. Nachdem genug geschwitzt wurde und sich alle mit Birkenzweigen abgeklopft hatten, um das Schmerzen der Mückenstiche zu lindern, (als Kind durfte ich schummeln und saß auf dem Fußboden in einer kleinen Wanne mit Wasser), ging es auf zur Abkühlung ins Meer. Danach saßen wir dann noch eine ganze Weile auf der Terrasse vor der Sauna und tranken unsere Saunagetränke, auf das glitzernde Wasser blickend. Manchmal aßen wir dann auch noch eine Saunawurst, die in Alufolie gewickelt auf den Ofen gelegt wurde, um durchzubacken. Und weil es in Finnland im Sommer nachts kaum dunkel wird, konnten wir unendlich lang den Kreislauf von Sauna, baden, Terrasse wiederholen ohne das Gefühl zu haben, dass Zeit vergeht.

Einige Dinge haben sich geändert. Zum Beispiel bekomme ich mittlerweile zur Sauna auch Cidre und keine Fanta mehr und das Sommerhaus wurde umgebaut, sodass es jetzt auch fließendes Wasser gibt. Immer öfter fahren wir auch in ein gemietetes Sommerhaus am Polarkreis, wo einen die Rentiere und der eine oder andere Elch am Straßenrand anlachen und die Bevölkerungsdichte maximal bei drei Einwohner_innen pro Quadartkilometer liegt. Viele Dinge sind aber immer noch gleich. Die felsigen Inseln überall im Wasser, die Saunagänge, die Blaubeeren, die Seen, die unendliche Weite, die Ruhe und die von Mücken durchbrochene Ruhe. Ich verstehe so gut, wieso sich Finnland im Sommer in diese Natur zurückzieht. Es gibt kaum etwas Schöneres als allein in der Sauna zu sitzen und über sein Leben nachzudenken und darüber wie schön es ist, im Sommer in Finnland zu sein.

1. In Finnland muss man beim Autofahren immer das Licht anhaben, auch wenn es hell ist.

2. In Finnland gibt es mehr Mobiltelefone als Menschen. Das hat zur Folge, dass es keine öffentlichen Telefone gibt.

3. Die größte Wochenzeitschrift in Finnland ist „Aku Ankka“ (Donald Duck). Sie wird von über einer Million Menschen gelesen.

4. Zum Frühstück wird in sehr vielen finnischen Familien Haferbrei gegessen – in Wasser gekocht.

5. Die finnische Sprache hat 15 Fälle, dafür aber keine Präpositionen. Außerdem nutzt die finnische Sprache sehr viele Vokale. Sehr, sehr viele. Ein Beispiel für ein Wort, was das veranschaulicht: „hääyöaie“, wobei „y“ auch als Vokal gewertet wird und dem deutschen „ü“ entspricht. Hääyöaie bedeutet übrigens „Vorhaben der Hochzeitsnacht“.

6. Finnen haben den weltweit höchsten Kaffeeverbrauch (im Jahr 2016 10 kg pro Person).

7. Finnland = Einwohneranzahl vom Großraum Berlin auf der Fläche der Bundesrepublik Deutschland. Also ein paar Menschen, die weit voneinander weg übers ganze Land verstreut wohnen. Zu viel sozialer Kontakt ist halt auch anstrengend.

8. Milchtrinken wird in Finnland großgeschrieben. In Schulmensen gibt es zum Essen (das übrigens kostenlos ist) nicht nur gratis Wasser dazu, sondern auch diverse Milchsorten. Ja, diverse! Der Konsum von Vollmilch hat in den letzten Jahren abgenommen, die fettfreie Milch ist jetzt im Trend. Zusätzlich gibt es auch „piimä“ (eine Art Buttermilch) in verschiedensten Fettabstufungen. 123 l Milch wurden im Jahr 2016 pro Person durchschnittlich getrunken.

9. In finnischen Supermärkten gibt es keinen harten Alkohol. Der wird in Separaten Läden namens „Alko“ verkauft.

10. Der 6. Dezember 1917 ist der finnische Unabhängigkeitstag, einer der bedeutendsten Nationalfeiertage. Im letzten Jahr feierte Finnland sein100 jähriges Bestehen. Unabhängigkeit und Eigenständigkeit sind in Finnland aber das ganze Jahr über großgeschrieben. So tut man sich sein Essen immer selbst auf. Selbstbestimmte Mengen essen. Ob zuhause oder in der Mensa von Universität oder Schule. Auf großen Festen sind Kuchen nie fertig angeschnitten, damit sich alle ein Stück Kuchen in der Größe ihrer Wahl abschneiden können.

Created By
Campuls Hochschulzeitung
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