The Tiger Line Bei Blauthermik über die "no-fly Zone" bei meinem 368km-Flug - von Lex Robé

Ergänzend zu dieser Fotostory hab ich die Inflight-Emotionen in einem separaten Video verpackt:

Heute begrüßte uns deutlich mehr Gewölk als die Tage zuvor. Es hatte offensichtlich von der Küste her viele Feuchte rein geschoben. So starteten wir gegen 7:15 Uhr unsere Weitflug-Bemühungen und spielten uns die kommenden 20-30 Minuten mit der üblichen Thermik-Schnüffelei.

7:30 Uhr: Joe und die Portugiesen bringen sich mit mir in Stellung

Da wir um 7:45 Uhr schon mehrfach Basis gemacht hatten, beschloss ich es heute bereits um diese Uhrzeit zu versuchen und flog richtung WNW ab, obwohl die Basis gerade mal bei 1050m - also sehr tief - war. Joe Edlinger gleich hinterdrein - und Carlos wieder mal 200 m höher 😜.

Carlos und die restlichen Portugiesen wählten heute eine Route weiter südlich Richtung Juatama und Quixeramobim. Es herrschte fast reiner West-Wind, somit sahen beide Optionen vielversprechend aus...

Mittlerweile hatte ich wieder blutig gelernt, dass speziell am Anfang jeder Meter Höhe gold wert ist. So bin ich geduldig, teils in Nullschiebern kreisend, bis direkt zur Felskette Serra do Padre cecruist. Dort konnte ich ein direkt ein Bärtchen mitnehmen, das mich in 850m Höhe weiter Richtung West mit dem Wind driften lies. Joe hatte diesmal weniger Glück und stand bereits vor besagter Felskette. Somit war ich von nun an komplett auf mich allein gestellt und melkte geduldig jeglichen Heber und ließ den Wind die Kilometer-Arbeit machen...

Bei Damiao Carneiro (der letzten Geländeauffaltung, bevor es komplett flach wird) kam mich tief und musste mich mit 250m über Grund in den nachgelagerten Windschatten verblassen lassen bevor von dort eine Thermik weg zog. Es verlangte dennoch nach 20 Minuten zarten Gekurbels, bis ich wieder über 1000m kam.

Ich ritte die Bärte heute direkt mit dem Wind - über Sandpisten hinweg entlang einer Route, die mich südlich von Monsenhor Tabosa vorbeiführen sollte.

9 Uhr: Den kritischsten Part des Tages gemeistert! Blick zurück auf die letzten Hügel bevor es flach wird. Jetzt hieß es die erarbeitete Höhe nie leichtfertig auf's Spiel zu setzen…
9 Uhr: Blick voraus Richtung Boa Viagem (links) und Madalena (rechts) - und ich flog mitten durch Richtung Wolkenstraße in der Bildmitte

Auf meinem konservativen Weg weiter Richtung Westen konnte ich beobachten, wie es stetig weiter abtrocknete und sämtliches Gewölk sich im wahrsten Sinne des Wortes in Luft auflöste.

9:40 Uhr: es wurde blauer und blauer. "Entlang der Bodenmuster wird's wohl was Verwertbares geben"

Die nächste Stunde hatte nie wirklich gute Aufwinde zu bieten, aber zumindest fand ich des öfteren irgendetwas Zentriebares und kam nur zweimal unter 250m über Grund.

10:10 Uhr Das erste Mal ein Bart bis 1500m - somit die erste kleine Verschnaufpause für den konzentrierten Flachlandthermik-Schnüffler ;-)

Doch diese Freude währte nicht lang, denn bereits wenig später hatte ich um 10:40 Uhr den fettesten LowSave meines gesamten Brasilien Trips: 150m über Grund bei einem 40er-Bodenwind war ich darauf angewiesen, dass ein vor mir liegendes Feld einfach gehen musste! 20m tiefer und meine Landeeinteilunggschwelle wäre erreicht gewesen, denn dahinter war Kilometerweit nur unlandbares, hügeliges Gebiet. Doch wie inständigst erhofft stieß ich genau an der Texturkante dieser Landewiese auf einen zerrissenen und stark windversetzten Nullschieber, der mich die kommenden 20(!) Minuten bodenparallel über das Gedachs schob. Erst am Ende des Tales konnte ich in einen erlösenden 1,5m/s Bart einsteigen.

Hier kam wieder mal die exzellente und dabei effiziente Verbeißfähigkeit meines Ozone Zeno zum Tragen - nicht anders wie bei Menschen, wenn man gemeinsam durch Dick & Dünn geht, Höhen und Tiefen erlebt, entsteht bei mir immer eine Art tiefere Beziehung zu meinem "Partner" - und unsere hatte sich soeben so richtig gefestigt! #ILoveMyZeno ;-)

11 Uhr: Bild links: Blick zurück auf den kritischsten Lowsave meines gesamten Brasilien-Urlaubs; Bild rechts: Blick voraus Richtung Parque de Vaquejada und dahinter Oliveiras - und die ernüchternde Erkenntnis: nun war um mich herum endgültig alles blau geworden!

Unglaublich eigentlich: Dass sich binnen so kurzer Zeit der Tag von 6/8-Bewölkung auf komplett trockenlabil gewandelt hatte. Nicht nur, dass ich nun keine Berge mehr vor mir hatte, jetzt mir auch noch die Wolken zur Orientierung zu nehmen erhöhte die eigentlich schon ausreichende Komplexität des Spiels für mich nochmals enorm - ich kam mir fast vor wie ein Darsteller in einem Ben&Jerry's-Werbespot "Das war nich fairrr" ;-)

11:30 Uhr: Endlich mal richtig hoch an diesem Tag. Wobei "richtig" hier schon 1600m bedeutete...

Ohne nennenswerte Heber beziehungsweise Geländestufen flog ich die nächste halbe Stunde in einem Höhenband zwischen 300 und 700m über Grund mit exakt Rückenwind weiter Richtung West. Etwas nördlich von Cratéus war meine Peilung...

11:50 Uhr: Komfortzone sieht anders aus. "Such die Thermik! Such, such!"
12:10 Uhr: gegen 12 Uhr kam ich wieder mal so richtig tief und ich dachte schon ich werde heute Opfer der viel zitierten Thermik-Siesta. Ich versuchte meine Theorie mit dem Auslösen von guten Bärten im Windschatten vorgelagerter Gelände-Konturen weiter zu erhärten: Im rot markierten Lee dieses (im Bild oben) vorgelagerten Bergspitzes zog dann tatsächlich ein erlösender 2m/s-Bart weg und brachte mich das erste Mal auf knapp 2000m.

Wenigstens diese Theorie ließ sich durch mich in der Praxis relativ zuverlässig bestätigen.

12:15 Uhr: Das erste mal heute auf 2000m: "Into the great wide open!" :-)

12:45 Uhr: ca. 20km nördlich von Cratéus. Das Plateau kommt schon in Reichweite. Ich flog direkt auf die Wolken vor mir zu...

Nördlich von Cratéus dreht der Wind weiter auf Südost. Um ich nun am Rande des Plateaus angelangt und ich war mir unschlüssig wohin ich nun fliegen sollte: So machte ich erst mal in einem 1m/s-Bart Höhe, um mir mit der Entscheidung weiter Zeit zu lassen.

Durch die Schwäche des Bartes und dem dementsprechenden Windversatz schob es mich immer weiter nord-westlich auf das Plateau. Der dort stärker Richtung Südwest kanalisierende Wind machte die Plateau-Schneise Richtung Bebedor (siehe nächstes Bild) genau so schwierig zu erreichen wie ein Entlangsoaren der Plateaukante weiter Richtung Nord (übernächstes Bild):

13:40 Uhr: Auf der Suche nach Zivilisation: Blick Richtung südlichere Route und die Schotterpiste nach Bebedor
13:40 Uhr: Blick in Flug=Windrichtung und die nördliche Seite des Plateaus - HIER DRÜBER???

Beide Varianten waren bei dem SW-Wind gefühlt "unerreichbar weit weg". Ich probierte zuerst den Exit nach Norden, dann nach Süden - aber das einzige, was ich damit erreichte, dass ich bereits 300m tiefer war, als noch vor diesen Versuchen - und es mich noch weiter Richtung Plateau versetzt hatte!

Somit beschloss ich mit viel Gott- und Zeno-Vertrauen den Sprung ins Niemandsland zu wagen.

Warum war diese Entscheidung so stressvoll für mich? Ich hatte noch die ausdrücklichen Warnungen von Iarly Selbir (Termikzone) in meinen Ohr:

In der rot markierten Zone (siehe GoogleEarth-Screenshot im Titelbild oben) auf keinen Fall landen! Wenn man hier niedergeht dauert es mindestens einen Tag bis einen der Rückholer erreicht hat. Zudem werden diese Wege von Schmugglern, Räubern und Drogenhändlern genutzt - mit einem Wort: Outlaw-Area unter meinem Hintern - und ich war auf bestem Wege mitten hinein.

"Egal, jetzt hilft's nix..." mit 2400m ergab ich mich meinem Schicksal und steuerte auf die vor mir vollkommen zugewucherte Sertão zu.

"Schließlich hatte ich die letzten 3 Stunden auch kein hilfreiches Gewölk und fand trotzdem immer wieder was Brauchbares."

redete ich mir ein, um mich selbst wieder ein bisschen runter zu holen und voller Konzentration über dem verdorrten Ödland auf Thermik-Suche zu gehen.

13:45 Uhr: Da steh ich nun, ich armer... - ach was: irgendwas wird schon kommen - a bissl Suchhöhe hab ich ja...

Kaum auf das Plateau gekommen sank ich schon unweigerlich dem feindlichen Buschwerk entgegen. Getreu meiner mittlerweile erworbenen Flachlandkenntnisse, suchte ich nach möglichen Abrissstellen und versucht diese genau in Wind-Richtung zu überfliegen.

14 Uhr und 14:20 Uhr: linkes Bild: entlang des kleinen Grünwalds unten erhoffte ich mir Steigen. Dort ging es tatsächlich mit unspektatulärem 1,5m/s-Steigen konstant Richtung 3000m-Marke - und das im Blauen! Der rot eingerahmte Bereich markiert den schon weit zurück liegenden Thermiktrigger.
14:35 Uhr: Am Ende des Plateaus lief ich durch Zufall in eine 4m/s-Rakete, die sämtliche Inversionsansätze durchbracu und mich auf 3200m katapultierte - im Blauen. Yesss! 😁

Durch die lange Verweildauer in diesen Aufwinden und den gut anschiebenden 25er-Wind hatte ich so den ersten Teil des Plateaus schon überstanden. Doch der Blick nach vorne war nicht wesentlich menschenfreundlicher als zuvor - doch zumindest war ich hoch:

14:45 Uhr: Die Erleichterung ist klar erkennbar: für einen Bergflieger wie mich, der praktisch immer gute Landemöglichkeiten entlang seiner Alpen-Touren gewohnt ist, war das schon ganz großes Kopfkino!
15:45 "Von da komm ich her": Blick zurück auf die zweite markante Ridge bei Milton Brandao
16 Uhr: Blick zurück auf das abgeschiedene Gelände hinter meiner... ...und vorder meiner - Richtung immer tiefer sinkender Sonne...

Wie ich heute schon das 3. Mal feststellen durfte, ist der späte Nachmittag ein zuverlässiger Thermikbringer: dies erlaubte ein hohes Fliegen und ich sollte bis 17:20 Uhr nie wieder unter 2000m sinken. Welch Hochgenuss!!!

16:40 Uhr: WOW! Blick zurück auf die emotionale Reizüberflutung durch dieses "sehr spezielle" Gebiet. Was für ein Abenteuer!
17 Uhr: leichtes Gewölk vor mir zeigte an, dass es um diese Uhrzeit noch immer thermische Aktivität gab:

Somit galt es die Krönungs-Challenge des heutigen Tages in Angriff zu nehmen: den letzten Bart des Tages aufspüren und ausdrehen!

Irgendwo zwischen Piripiri und Campo Maior stieg ich bei 2100m in dem letzten Bart und konnte diesen bis 3200m um 17:05 Uhr ausdrehen. So eine Höhe hier im Flachen ist schon beeindruckend!

17:20 Uhr: Sunset, ich komme! Sollte es erneut wieder das Städtchen Cocal de Telha werden? Das wär doch der Hammer, wenn ich nach drei Tagen erneut bei denselben Leuten landen würde!!! 😜

17:30 Uhr: ich hatte noch gute Höhe und so flog ich kurzerhand Cocal de Telha hinweg, wieder entlang der asphaltierten Straße
17:40 Uhr: Mein Oudie4 zeigte mir dass ich spätestens um kurz nach sechs die Beine am Boden haben müsste (Bild links). Der Ostwind hatte sich mittlerweile schon auf ca. 10km/h abgeschwächt. Im letzten Bild sieht man rot markiert die Fabrik auf deren gemähtem Betriebsgelände ich direkt neben der asphaltierten Straße einlanden sollte...

Die Erfahrung lehrt mich, dass es aber um 18 Uhr schon vollkommen finster ist und so passte 17:45 Uhr als optimale Landezeit...

17:45 Uhr: Wieder in einer wunderschönen Wiese aufgesetzt und die letzten Strahlen der bereits untergegangenen Sonne genossen. Großartig!

Das Timing war optimal und reichte gerade noch zum Zusammenlegen des Schirmes bei Tageslicht. Es vergingen keine 20 Minuten nach der Landung bis der FlyWithAndy Resgate-Fahrer Keke mich mit offener Tür und Kofferraum freudig in Empfang nahm.

Wir fuhren die direkte Route über Castillo und Cratéus nach Hause. Aber nicht, ohne an einer Tankstelle für ein obligates Lande-Skol zu halten. Zufrieden konnte ich während der Rückreise einige Stunden schlafen. Die letzten 1,5 Stunden übernahm dann ich das Steuer - im Kopf noch immer high vom Erlebten. Ankunft in unserem Hotel Pedra Dos Ventos Hotel war gegen 2 Uhr.

Was für ein Tag, was für ein Abenteuer!

Hat Dir die Flatland-Story gefallen, dann gibt's hier Naschschub in Bild, Text und Ton:

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