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Ein Bild, das jeder Schüler kannte: Wie Wilhelm I. 1871 Kaiser wurde Die Reichsgründung im Januar 1871 erlebte mit der Proklamation im Spiegelsaal von Versailles einen symbolischen Akt, der nur bestätigte, was seit Wochen galt: Deutschland wurde endlich eine einige Nation

Berlin. Kleinstaaterei, Zollgrenzen überall, Zerrissenheit und ein Königreich, das bestimmend war im Norddeutschen Bund: Im Juli 1870, als Frankreich Preußen den Krieg erklärte, wollte der französische Kaiser Napoleon III. vor allem die Vorherrschaft seines Reiches in Europa manifestieren. Am Ende verlor er alles: Nach der Niederlage gegen den Deutschen Bund trug ein Preuße im östlichen Nachbarland eine Kaiserkrone, Napoleons Herrschaft endete wie damit die Monarchie in Frankreich und die Wut seiner Landsleute über den Verlust von Elsass und Lothringen sollte Jahrzehnte die Innen- und Außenpolitik prägen.

Otto von Bismarck geleitet Kaiser Napoleon III. am Morgen nach der Schlacht von Sedan zu König Wilhelm I. Nach verlorener Schlacht wird der geschlagene und gefangen genommene Kaiser zum preußischen König gefahren. Gemälde von Wilhelm Camphausen

Wilhelm I., bis zum 1. Januar 1871 König in Preußen, der beherrschenden Großmacht der deutschen Länder, war alles, nur nicht begeistert, als der symbolische Akt, ihn zum Deutschen Kaiser im Spiegelsaal des Schlosses Versailles zu proklamieren, am 18. Januar 1871 einen Wendepunkt in der deutschen Geschichte markierte. Er wäre lieber, wenn er schon die Macht im neuen Reich teilen musste und fortan in einer konstitutionellen Monarchie mit Parlament regieren, Kaiser von Deutschland geworden. Die Semantik macht den Unterschied. Den forderten die deutschen Fürsten, zuletzt der bayerische König Ludwig II., vor ihrer Unterschrift, die Voraussetzung für die Gründung des Deutschen Reiches war.

Preußische Batterie vor Paris. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-H26707 / CC-BY-SA 3.0

Das deutsche Kaiserreich war in der Rechenart der Historiker das zweite Reich. Das Heilige Römische Reich endete 1806 als Konsequenz der Napoleonischen Kriege, handlungsunfähig und machtlos gab Franz II. als letzter Kaiser des historischen Reiches, das am 2. Februar 962 mit der Krönung von Kaiser Otto I. in Rom entstanden war, die Krone ab, blieb aber österreichischer Kaiser. Nun also trug ein preußischer König die Kaiserkrone des neuen deutschen Reiches. Es heißt, dass Wilhelm I., der zur Inthronisierung 1871 ein 73-jähriger älterer Herr war, den seine Zeitgenossen als friedfertig beschreiben, wenig glücklich über die neuen Umstände war. Sein Kanzler Otto von Bismarck, der „Eiserne“, ist der starke Mann im Staat, er soll es auch in den ersten Jahrzehnten des Kaiserreiches bleiben, bis Wilhelms Sohn Wilhelm II. ihn 1890 nach erheblichen Differenzen entlässt.

Otto von Bismarck, der starke Mann im Staat. Foto von 1886, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=129540

Das Deutsche Kaiserreich war mitnichten von Säbelrasseln und Pickelhaube geprägt, die Gründerjahre nach 1871 bedeuten einen bemerkenswerten Aufschwung in Deutschland, die Industrialisierung erreicht ihren Höhepunkt, die Lebenswelt der Menschen verändert sich drastisch und aus der Landbevölkerung rekrutieren sich die Massen der Arbeiterschaft, die in den neuen Fabriken hart arbeiten. Der Aufstieg der Sozialdemokratie, die nach dem Ende des Verbotes durch die Sozialistengesetze von 1890 bis zum ersten Weltkrieg die stärkste politische Kraft im Reich werden wird, ist ohne diese Entwicklung nicht vorstellbar, und August Bebel, der umtriebige und eloquente Anführer der SPD, wird im Volksmund sogar Arbeiterkaiser getauft. Gleich zwei Regenten in einem Reich. Wissenschaft, Kultur und Kunst werden gefördert und deutsche Wissenschaftler sind immer dabei, wenn Nobelpreise für bahnbrechende Erfindungen und Forschung zu vergeben sind.

Nach dem furchtbaren ersten Weltkrieg von 1914 bis 1918 ging das in Versailles proklamierte Reich unter, formell beschleunigte das Prinz Max von Baden, der am 9. November die Abdankung Wilhelms II. verkündete. So wollte er nach Matrosenaufstand und Novemberrevolution nach der Niederlage des Heeres Ruhe ins Reich bringen. Der lange schon vom Generalstab dirigierte Kaiser flüchtete in die Niederlande, und Deutschland wurde mit der Weimarer Verfassung im Sommer 1919 Republik.

Wilhelm II. (M.) mit den Generälen Paul von Hindenburg (l.) und Erich Ludendorff. Foto: Robert Sennecke (1917)

Was bleibt, ist auch das wohl berühmteste Bild aus der Zeit des Deutschen Reiches von 1871. Anton von Werner, der ausführlich vom deutsch-französischen Krieg berichtet hatte, malte es nach Skizzen als Zeitzeuge im Spiegelsaal von Versailles. Das Werk gibt es in monumentalen meterlangen Ausführungen, nur eine Version hat allerdings den zweiten Weltkrieg überdauert. Kaiser Wilhelm I. schenkte sie 1885 seinem Kanzler Otto von Bismarck, der es in seinem Landsitz Friedrichsruh im Sachsenwald bei Hamburg aufhängen ließ. Die Fotografie war zur Reichsgründung 1871 zwar längst erfunden und es gab beeindruckende Lichtbildaufnahmen auch vom Krieg, aber Kronprinz Friedrich wollte den großen Moment im Leben seines Vaters Wilhelm I. traditionell überliefert sehen – als Ölgemälde.

Kaiser Wilhelm I., 1884. Foto: Wilhelm Kuntzemüller
Created By
Frank Jungbluth
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