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„Wo wir am Horn von Atalanta zum ersten Mal auf Piraten getroffen sind, das hat mich auch geprägt.“ Korvettenkapitän Bianca Seifert ist nicht nur die erste von rund 1.600 Marinesoldatinnen, die erfolgreich die Kommandantenprüfung zur Führung einer Korvette (Klasse 130) ablegte. Zugleich meistert sie als Mutter eines Sohnes ihr Familienleben und den Medienrummel um ihre Person als zukünftige Chefin auf der Brücke.

„Ich wäre Innenarchitektin geworden“. Eine klare und deutliche Antwort von Korvettenkapitän Bianca Seifert. Die 39-Jährige ist die erste Frau in der Deutschen Marine mit der Befähigung, eine Korvette der Klasse 130 zu kommandieren. Eine Berufswahl, die sich zwar offensichtlich nicht sofort abzeichnete, die die junge Frau aber mit ganzem Herzen vertritt. „Mit Sicherheit hätte ich draußen auch was anderes gefunden, was mich glücklich macht, aber ich habe es nie bereut, zur Marine gegangen zu sein“, berichtet sie im Büro ihres aktuellen Dienstpostens, der Marineoperationsschule (MOS) in Bremerhaven.

Mit einem Musterprozess im Fall Tanja Kreil, der in großem Rahmen vom Deutschen BundeswehrVerband unterstützt und finanziert wurde, und dem daraus resultierenden positiven Urteil im Jahr 2000 steht Frauen seit nunmehr 20 Jahren der Weg in die Bundeswehr offen. Sicher, seit 1975 wurden bereits Frauen als zivile Beschäftigte oder im Sanitätsdienst bei der Bundeswehr eingesetzt, doch der große Durchbruch für Laufbahnen im Heer, bei der Luftwaffe oder der Marine wurde für Frauen erst im Jahr 2001 erzielt.

Es ist deutlich festzuhalten: Korvettenkapitän Seifert hat ihre Chancen mehr als genutzt. Statt dem Beruf der Innenarchitektin wählte sie eine Laufbahn auf See. Auslöser für den überraschenden, beruflichen Kurswechsel war ihr jüngerer Bruder. Der leistet freiwilligen Wehrdienst bei der Marine, als Seifert nach dem Abitur an einer Schule am Niederrhein und einem Jahr Au-Pair in Amerika nach Deutschland zurückkehrt. Seine begeisterten Berichte über den Alltag und die vielfältigen Aufgaben an Bord führen dazu, dass Bianca Seifert ein Praktikum bei der Flotte macht und sich schlussendlich für die Militärlaufbahn entscheidet. 2004 beginnt Seifert ihre Ausbildung zum Marineoffizier mit der Grundausbildung in Flensburg. Drei Jahre studiert sie im Rahmen eines Pilotprojekts an einer zivilen Hochschule Medienproduktion, bevor sie 2011 an ihrem ersten Auslandseinsatz am Horn von Afrika teilnimmt. Faszination Marine, die Augen der 39-Jährigen leuchten, als sie von ihrem bis dahin größten Abenteuer auf See berichtet.

„Wo wir am Horn von Atalanta zum ersten Mal auf Piraten getroffen sind und diese auch aufgebracht haben, das sind Ereignisse, die mich auch geprägt haben.“ Da habe sie den Sinn der Bundeswehr und ihrer Einsätze nochmal so richtig verinnerlicht. Die Marinesoldatin nimmt noch an drei weiteren Auslandseinsätzen teil, bevor sie 2017 den Posten als Erster Wachoffizier (IWO) auf der Korvette „Ludwigshafen am Rhein“ besetzt. Anfang Februar 2020 legt der IWO Seifert dann an Bord der Korvette „Oldenburg“ den praktischen Teil der Kommandantenprüfung ab und besteht vier Wochen später auch den Theorie-Teil mit Erfolg.

2017 besetzt Bianca Seifert den Posten als Erster Wachoffizier (IWO) auf der Korvette „Ludwigshafen am Rhein“. Foto: Bundeswehr

Heute sind sowohl Bianca Seifert als auch ihr Bruder Korvettenkapitän, doch die Aufmerksamkeit der Medien gilt allein der 39-Jährigen. Schließlich ist sie nicht nur die erste Frau, die erfolgreich die Prüfung zur Kommandantin abgelegt hat, sie ist neben dem Beruf als Marinesoldatin auch noch Mutter eines inzwischen 12-jährigen Sohnes und dank ihres Studiums ein echter Profi im Umgang mit den Medien. Aber nervt das nicht manchmal, immer als sympathisches Aushängeschild für erfolgreiche Frauen in der Bundeswehr zu fungieren? „Manchmal schon…“ gesteht die junge Frau. Sie frage sich schon, warum der Trubel so groß sei, wo doch schließlich auch viele männliche Kameraden das gleiche geleistet haben, um ihre Prüfung zu bestehen. „Andererseits merke ich auch, dass es wichtig ist, anderen Frauen zu zeigen, dass es auch möglich ist, gerade mit Familie. Dass – wenn man weiß, auf was man sich einlässt - es dann auch mit Karriere und Seefahrt funktionieren kann.“

2020 erhält Bianca Seifert als erste von rund 1.600 Marinesoldatinnen ihr Kommandantenzeugnis, welches sie zur Führung einer Korvette der Klasse 130 befähigt. Foto: Bundeswehr/Steve Back

Kind und Karriere, das ist ein Balance-Akt, der Eltern schon in nicht-militärischen Berufen so einiges abverlangt. Für die Marineoffizierin war das eine noch viel schwierigere und härtere Herausforderung. 2010 war ihr Sohn gerade mal zwei Jahre alt, als Bianca Seifert zum ersten Mal als Mutter für einen längeren Einsatz in See stach. Aber er ist so aufgewachsen und kenne das für und wider, berichtet die 39-Jährige. Andererseits: „Mutti hat halt nicht den alltäglichen Job“, das finde Filius Seifert schon cool. Und wieso auch nicht? Seine Mutter ist nicht nur befähigt, ein 1.800 Tonnen schweres Kriegsschiff zu kommandieren, sondern an Bord auch eine Besatzung von 61 Frauen und Männern zu befehligen.

An der Marineoperationsschule (MOS) in Bremerhaven wartet die 39-jährige Marineoffizierin auf einen Kommandoposten an Bord. Foto: DBwV

Eine Frau als Vorgesetzte, das sei heute bei den Soldaten überhaupt kein Problem mehr, erklärt Korvettenkapitän Seifert. „Es gibt natürlich ältere Herren, […] die haben manchmal ein paar Vorurteile. Aber wenn die einen dann kennengelernt haben und merken, dass man genauso seinen Job macht, und den auch gut macht, dann ist das hinterher egal, ob das Mann oder Frau ist.“ Tatsächlich, so die 39-Jährige, gebe es zudem auch einige Frauen, die mit einer weiblichen Chefin ein Problem haben. Diese würden sich aufgrund der geringeren Frauenquote automatisch als weibliche Wesen gleichstellen und daher bei erteilten Befehlen versuchen, zu Diskussionen anzusetzen. Solchen Problemen begegnet die Marinesoldatin einfach offen im Gespräch, dann ist das Problem auch erledigt. Zudem scheinen einige Bundeswehrangehörige auch ganz zufrieden mit einer Frau als Vorgesetzten zu sein. „Ich glaube, dass es manchen Untergebenen leichter fällt, zu mir zu kommen, wenn sie Probleme haben, wenn zu Hause irgendwas ist, und mir das dann auch mitzuteilen. […] Ich glaube, dass Frauen da schon eher den sozialen Zugang haben.“

Zum Glück muss Bianca Seifert nicht mehr lange warten, um ihre Sozialkompetenz sowie auch ihre zahlreichen anderen Fähigkeiten auf See einzusetzen. In der ersten Dezemberwoche 2020 bekam sie ihre Vororientierung für das 1. Korvettengeschwader in Warnemünde. Im Oktober 2021 wird sie dann das Kommando über die Besatzung Bravo übernehmen. Zuvor gibt es aber noch eine wichtige Botschaft aus ihrem Büro in der MOS an alle deutschen Frauen, die sich für eine Karriere in der Marine interessieren. Rund 1.600 Frauen arbeiten derzeit in der Deutschen Flotte und genau wie Korvettenkapitän Seifert haben viele hier ihren Traumberuf gefunden. Doch man bzw. Frau sollte sich definitiv nicht blindlings ins Abenteuer auf See stürzen. Die Kommandantin in spe hat erfolgreich einen Weg gefunden, Karriere und Kind in ihrem Lebenskonzept zu vereinen, allerdings ist das keinesfalls leicht. „Ich würde mir wünschen, gerade wenn man zur Marine geht, dass man sich darüber bewusst ist, dass da Seefahrt mit einher geht.“