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Sweet Home oberbayern

Eigentlich fanden wir es vollkommen ausreichend, wenn wir uns unsere bayerische Heimat irgendwann später ansehen, wenn wir alt sind und nicht mehr ins Ausland reisen wollen. Doch wir lagen so falsch.

Ein Beitrag von Helmut Stark

Nein, es war nicht der bayerische Ministerpräsident Markus Söder, der uns mit der Aussicht auf Sommerurlaub in Deutschland motivierte. Aber natürlich waren die Reisebeschränkungen durch die Corona-Pandemie an unserem Entschluss beteiligt.

Also nehmen wir uns ein paar Tage Zeit, unsere Heimat neu zu entdecken. Doch schon auf der Autobahn Richtung Garmisch, die BAB 95, nervt der Ausflugsverkehr. Sichtlich hatten nicht nur wir den schönen Gedanken, Richtung Süden zu fahren. Bei der Ausfahrt Penzberg ist Schluss. Den bekannten Stau am Autobahnende in Eschenlohe und weiter nach Oberau und Garmisch-Partenkirchen sparen wir uns. Ebenso lassen wir den netten Badesee bei Gut Hub links, also eigentlich rechts liegen und fahren durch die Stadt Penzberg nach Sankt Johannisrain. Die Bekanntschaft mit einem Anwohner adelt uns zu Anliegern und legalisiert die Weiterfahrt auf der schmalen Straße. Durch Bauernhöfe und an wenigen Häusern vorbei kommen wir zur Kirche von Sankt Johannisrain. Inmitten von weiten Wiesenflächen liegt die kleine Kirche, vermutlich erbaut im Jahr 1332, malerisch vor der Kulisse der Alpen. Das sumpfige Bichler-Moos der Loisach, dahinter zum Greifen nah die Gipfel der bayerischen Voralpen mit Benediktenwand, Jochberg und Herzogstand. Die heutige Gestalt mit dem achteckigen Turm und charakteristischen Zwiebeldach bekam die Kirche in den Zeiten des Barock im frühen 18. Jahrhundert. Lange sitzen wir stumm auf der Wiese und genießen die friedlich Stille. Was für ein wundervoller Start in das Projekt Urlaub dahoam.

Mit einem fast schon schlechten Gewissen ob des Motorenlärms starten wir die Motoren unserer BMWs und rollen so leise wie möglich weiter. Wir biegen von der großen Überlandstraße nach Benediktbeuern ab, lassen uns treiben, biegen immer öfter auf die kleinsten Straßen und Sträßchen ab, da wo auf der Landkarte und im Navi nur noch schmale, graue Striche eingezeichnet sind. Fahren durch lichte Wälder, überqueren irgendwo zwischen Maxkron und Beuerberg den Fluss Loisach, haben nur noch einen groben Plan von der Himmelsrichtung im Kopf und die eigentliche Orientierung verloren. Genau das war gewollt. Entdecken, neugierig sein, nicht einfach abhaken. Sonst hätten wir die Allee aus uralten Eichen beim Gut Nantesbuch nie gefunden.

Von dem Gutshof, heute neben der Landwirtschaft vor allem ein Seminarzentrum, führt die Straße Allee beschattet den Hügel hinunter in die kleine Moorebene, umfährt einen Hügel, legt sich an die Geländestruktur statt über sie hinweg zu führen. Doch nicht nur aus diesem Grund fahren wir lediglich etwas mehr als Fahrradtempo. Mit offenem Visier spüren wir das Land mit allen Sinnen. Die Wärme der Sonne und den kühlenden Schatten, den Geruch von frisch gemähtem Gras und der Kühe, die auf der Weide stehen, das heuduftenden Aroma einer Sommerwiese und das erdig-schwere des Waldes. Eigentlich stören die Motoren. Und übermotorisiert sind wir mit unseren großen Reiseenduros ohnehin. Ein Wegkreuz im Schatten einer Eiche hinter Bad Heilbrunn mahnt zur Pause. Auch wenn wir die sakrale Bedeutung des in Bayern Marterl genannten Bildstocks ignorieren, ist es einfach nur beruhigend, auf der Bank zu sitzen und auf die Wiesen und Berge, hier das Stallauer Eck und den Zwiesel zu schauen. Das eigene Standgas fährt runter, wir dürfen und müssen nichts müssen.

Tages- und Ortswechsel. In Neuhaus am Schliersee treffen wir uns wieder, diesmal in größerer Runde, lassen die uns wohlbekannte Whiskey-Destillerie Slyrs links liegen und brettern auf der breiten Überlandstraße Richtung Bayrischzell. Die oft als illegale Rennstrecke missbrauchte, dementsprechend viel befahrene und Polizei-überwachte Sudelfeld-Straße steht heute nicht auf dem Programm. Unser Localguide Peter biegt in Aurach und dann gleich wieder in Stauden ab. Eine genaue Streckenbeschreibung wäre: „Am zweiten Misthaufen links, dann beim Briefkasten rechts und auf den Hühnerstall aufpassen“ oder so ähnlich.

Das Navigationssystem resigniert und fordert immer wieder zum Wenden auf beziehungsweise legt den Richtungspfeil irgendwo in den Wald. Wir rollen langsam durch Bauernhöfe, links das Wohnhaus, rechts der Stall, mitten auf der Straße stehen Bobbycar-Traktor und Dreirad. Fahrzeuge mit auswärtigen Kennzeichen werden hier manchmal misstrauisch angesehen. Zuagroaste. Wir halten an, nehmen die Helme ab, sprechen mit den Einheimischen. „Manche Touristen meinen, dass ihnen die Straße und die Gegend gehört, weil sie Geld bringen“, beklagt sich ein Landwirt. „Dabei wohnen wir hier seit Generationen und als Gast benimmt man sich nicht so.“ Doch bei uns wäre das was anderes, natürlich können wir mehrere Male am Hof wenden, um das beste Foto schießen zu können, und wünscht uns eine gute Weiterfahrt. Auch wir empfinden die Unterbrechung und das Gespräch nicht als Störung der Motorradfahrt, sondern fühlen uns mehr mit Land und Leuten verbunden. Wir kommen im engen Tal der Leitzach auf die kurvige Landstraße. Zuviel Verkehr, also biegen wir wenig Kilometer später rechts ab, steil bergauf in den Wald, noch mal rechts und stehen großen, braunen Augen von neugierigen Jungkühen gegenüber. Die drei Rinder auf der Weide schwanken zwischen Neugier und Furcht, doch die Neugier überwiegt. Die Motorräder und die Kamera sind zu interessant - aber irgendwann das Gras dann doch auch.

Wir trödeln weiter über Schotterstraßen und Hügel. An der Weggabelung steht die Kapelle Effenstätt und lädt zur Pause auf der Bank vor der kleinen Kirche. Wir bleiben nicht lange alleine, Fahrradfahrer passieren uns, grüßen freundlich. Ein Bauer älteren Jahrgangs mit einem vermutlich noch älteren Traktor tuckert vorbei. Die Sonne scheint und wir fühlen uns, als ob sich das Universum um uns dreht. Frieden.

Nur kurze Zeit später, beim Berggasthof Hocheck im kleinen Biergarten, am Nebentisch eine Gruppe Rentner mit ihren E-Mountainbikes, genießen wir den Rundblick in den Osten nach Bad Feilnbach. Im Nordwesten sind die Ausläufer von München zu erkennen. Das natürlich alkoholfreie Bier, ergänzt mit frischem Leberkäs und Brez‘n, schmeckt. Und kurz bevor wir einschlafen, weckt uns Peter zur Weiterfahrt. Es wird schneller und sportlicher. Die Kehren des Hundhamer Bergs bergab nach Bad Feilnbach sind gut ausgebaut und griffig. Doch auch aus diesem Grund ein Unfallschwerpunkt. Die Weiterfahrt über Raubling in Richtung Rosenheim lässt sich verkehrstechnisch nur wenig attraktiv gestalten. Zu breite Straßen, aber nur relativ wenig Verkehr. Nach der 65.000-Einwohner-Stadt Rosenheim werden die Dörfer kleiner, die Straßen enger. Nie gehörte Ortsnamen wie Prutting, Nöstlbach oder Seppenberg ziehen vorbei, das hügelig-waldige Voralpenland zieht uns in den Bann. Wie auf der Achterbahn, rauf, runter, links rechts, über Felder und durch Wälder.

In Höslwang an der alten BP-Zapfsäule gibts zwar kein Benzin, doch eine willkommene Ruhepause. Und in Kraiburg am Marktplatz die Pizzeria La Tavernetta mit wunderbaren Bruschetta und Pinsa, kleine Pizzen aus fest-fluffigem Teig. Weiter unten im Tal, direkt am Inn liegt die Ortschaft Waldkraiburg, die zweitgrößte Stadt in Südostoberbayern. Dabei entstand Waldkraiburg als eine der fünf Vertriebenenstädte erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Die verkehrsgünstige Lage am Inn und der Bahnstrecke machte Waldkraiburg bald bekannter als der wesentlich ältere Markt Kraiburg. Funde aus der Bronzezeit, römische Mosaiken und die schriftliche Erwähnung aus dem Jahre 772 belegen die lange Geschichte. Die farbenfrohe Altstadt lockt mit den engen und verwinkelten Straßen, durch die so gar nicht der Durchgangsverkehr passt. Die großen Überlandstraßen führen aus guten Grund nicht in die Stadt am Hügel der Innschleife. Fast nur ein Katzensprung sind die 30 Kilometer, wenn man auf den Überlandstraßen bleiben würde, zu unserer Verabredung zum Kaffee im Gut Lorber bei Neumarkt-Sankt Veit. Eine schattige Allee führt in den Innenhof des Dreiseit-Guts aus dem Mittelalter. Rechts das Wohnhaus, links die große Werkstatt, davor ein Pick-up mit Patina. Schmied und Metallbau steht im Branchenbuch, Liebhaber und Restaurateur alter Fahrzeuge wäre ein passenderer Begriff. Die Werkstatt ist des Schraubers Traum, die Fahrzeuge in alle Zuständen der Restauration ebenso. Und nebenan stehen die eigenen Pferde auf der Koppel und im Stall. Schon wieder so ein Platz, an dem wir uns denken, warum wohne ich hier nicht?

Über versteckte Schotter- und Waldwege, auf denen die Kinder und Jugendlichen illegal, aber gefahrenfrei das Auto- und Motorradfahren üben, machen wir uns wieder auf den Rückweg, kommen wir an Dörfern wie Hundsöd, Roitham und Dingbuch vorbei. In Seeon passieren wir das berühmte Kloster auf der Halbinsel im Klostersee. Hier war schon Mozart zu Besuch und in neuerer Zeit die CSU mit der Klausurtagung. Der Simssee hingegen lockt viel mehr. Beim Gasthof Hilger in Hirnsberg bekommen wir vorher noch ein zünftiges Abendessen im wieder geöffneten Biergarten. Bedienung Gabi macht für Fotograf Peter fast alle Spielchen mit, wechselt für uns die Mund-Nasen-Maske ins bayerische Design. Das Pärchen am Nebentisch mit den Harleys im Partnerlook und Wirt Wolfgang haben ihren Spaß daran. Zum Tagesausklang und für den Sundowner fahren wir an den Campingplatz Stein am Ufer des Simssees. Eigentlich ist der Campingplatz noch geschlossen, doch wir dürfen einfahren. Freundliche Fragen öffnen manchmal Türen. Im Sonnenuntergang sitzen wir am Ufer, die Luft ist schon warm-seiden, es ist still und friedlich. Der Blick reicht bis zu den Chiemgauer Alpen, vom Wendelstein bis zur Kampenwand. „I gangad gern auf‘d Kampenwand, wann i mit meiner Wampen kant“, kommt mir der bayerische Schüttelreim in den Sinn. Auf Hochdeutsch etwa: „Ich würde gerne auf die Kampenwand gehen, wenn ich das mit meinem dicken Bauch könnte“. Das wäre auch ein lohnendes Ziel, so ganz ohne Motorrad. Solange es in Bayern noch so viel zu entdecken gibt, ist die Aussicht auf „Urlaub dahoam“ gar nicht so erschreckend.

Hat euch die Geschichte gefallen? Dann würden wir uns über ein Herz (Appreciated) hier am Ende des Beitrags freuen. Und wer mehr über Motorradtouren lesen möchte, der- oder demjenigen empfehlen wir einen Ausflug zum Tourenfahrer, dort findet ihr einen Tourenplaner und jede Menge Tourenvorschläge für ganz Europa mit GPS-Daten und Reiseinfos.

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Credits:

© Alle Fotos von Peter Musch und Helmut Stark