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Julius von Payer: Erinnerungen an die Kälte, das Eis und die Finsternis von Werner m. thelian

Als 1897 der berühmte österreichische „Nordpolfahrer“ Julius Ritter von Payer die Sommerfrische in Preblau im oberen Lavanttal in Kärnten verbrachte, erregte seine Anwesenheit bei den anderen Kurgästen einiges Aufsehen. Immerhin war Payer ein Vierteljahrhundert zuvor mit der „Admiral Tegetthoff“ und ihrer Besatzung in das nördliche Eismeer aufgebrochen, um die arktische Welt zu erkunden und neue Gebiete zu entdecken. Dann aber wurde die große österreichisch-ungarische „Nordpol-Expedition“ zu einer zwei Jahre dauernden Odyssee, die Julius Payer und die Männer an seiner Seite beinahe das Leben gekostet hätte.

Vor 122 Jahren, im Sommer 1897, berichteten einige Zeitungen über die Ankunft eines besonders prominenten Gastes im Oberlavanttaler Kurort Preblau. Unter den anderen Kurgästen des damals weithin bekannten Alpenbades – vorwiegend Unternehmer, Bankiers, Ärzte, Professoren und hohe Beamte samt Familie – machte der Name des soeben eingetroffenen „Neuen“ rasch die Runde: Julius Ritter von Payer.

In fast jeder Zeitung Österreich-Ungarns hatte man seinerzeit über ihn berichtet, als er 1872 gemeinsam mit Carl Weyprecht, der Besatzung der „Admiral Tegetthoff“ und acht Schlittenhunden in See gestochen war, um im Auftrag Kaiser Franz Josefs das nördliche Eismeer zu erkunden. Es ging darum, eine einigermaßen sicher zu befahrende Route zu finden und hoch im Norden neue Gebiete zu entdecken. Dann aber war die „österreichisch-ungarische Nordpol-Expedition“ nicht nur dem Schiff, sondern beinahe auch der gesamten Besatzung zum Verhängnis geworden. Es folgte ein viele Monate lang dauernder Überlebenskampf in Kälte, Eis und Finsternis, der sowohl Julius Payers als auch Carl Wey­prechts Ruhm begründete.

Die große österreichisch-ungarische Nordpolexpedition wurde für die Mannschaft der „Admiral Tegetthoff“ zu einer zwei Jahre dauernden Odyssee. 1874 gab man das festsitzende Schiff endgültig auf und machte sich auf den beschwerlichen Heimmarsch über das Eis. Abbildung aus der Zeitschrift „Die Gartenlaube“ (1875).

Ein Mann mit Vorgeschichte

Julius von Payer hatte zum Zeitpunkt seiner Ankunft in Preblau schon 55 Jahre seines Lebens hinter sich. Er war Zeichner, Kartograf, Alpen- und Polarforscher, Offizier, Maler, Schriftsteller und Vortragsreisender. Geboren wurde der Sohn eines Ulanenrittmeisters am 2. September 1841 in Teplitz-Schönau in Böhmen. Man erzog ihn von Anfang an ganz im Sinne seines Vaters und des österreichischen Militärs, weshalb der Junge das Kadetteninstitut Lobzowa bei Krakau und danach die Theresianische Militärakademie in Wiener Neustadt besuchte.

Julius Payer, Offizier der k.u.k. Armee und Expeditionsleiter zu Lande. Abbildung: wikipedia.

1859 kämpfte er mit 17 Jahren in der Schlacht von Solferino, wurde danach für seinen Mut und seine Tapferkeit ausgezeichnet und zum Oberlieutenant befördert. Als österreichischer Offizier war er dann u.a. in Mainz, Frankfurt, Verona und Venedig stationiert, unterrichtete aber auch am Kadetteninstitut in Eisenstadt und arbeitete für das Militärgeografische Institut.

Alpinist mit über dreißig Erstbesteigungen

In das Blickfeld der Öffentlichkeit geriet er zunächst als Bergsteiger und durch spektakuläre Hochgebirgstouren, bei denen er u.a. an der Erschließung der Hohen Tauern und der Südtiroler Alpen mitwirkte und die Glockner- und die Venedigergruppe kartierte. Schließlich hatte Payer Dutzende von Gipfelbezwingungen aufzuweisen, darunter über dreißig Erstbesteigungen.

Nachdem er 1869 und 1870 als Offizier und Geograf an einer deutschen Nordpolexpedition teilgenommen hatte, wurde er nur kurz da­rauf für das wohl größte und auch gefährlichste Abenteuer seines Lebens verpflichtet. 1872 übernahm der nun 30 Jahre alte Payer im Rahmen der großen „österreichisch-ungarischen Nordpol-Expedition“ das Kommando zu Lande.

Diese Reise, von der von Anfang an klar war, dass sie in die Geschichte zumindest Österreich-Ungarns eingehen würde, absolvierte Payer an der Seite von Schiffslieutenant Carl Weyprecht. Dieser war der Expeditionskommandant zu Wasser und damit der Kapitän des Schiffes. Die „Admiral Tegetthoff“ war ein Segelschiff mit Hilfsmotor, das man eigens für diesen Zweck gebaut und entsprechend ausgestattet hatte. An Bord befanden sich insgesamt 24 Mann und acht Schlittenhunde. Ein neunter Hund wurde im Laufe der Expedition geboren.

Das größte Abenteuer seines Lebens

Die österreichisch-ungarische Nordpol-Expedition ging vor allem auf die Initiative von Graf Hans Wil­czek zurück. Wilczek gründete gemeinsam mit anderen betuchten Unterstützern den „Verein zur Förderung der österreichischen Nordpol-Expedition“ und stellte für das ehrgeizige Unternehmen gleich am Anfang 40.000 Gulden zur Verfügung. Nach einer kleineren Erkundungsfahrt, an der sowohl Payer als auch Wey­precht teilnahmen, fasste man den Entschluss, die große Expedition tatsächlich in Angriff zu nehmen.

Der sorgfältig ausgearbeitete Plan sah vor, zunächst das „Nowaja-Semlja-Meer“ näher zu ergründen und dann neue, weit östlich von Spitzbergen vermutete Gebiete zu entdecken. Man rechnete sich gute Chancen aus. Die „Admiral Tegetthoff“ war ein robust gebautes Schiff, und ihre Besatzung bestand durchweg aus erfahrenen Seemännern, die aus verschiedenen Teilen Österreich-Ungarns kamen, wobei die meisten Matrosen italienischer Abstammung waren. Aber der Schiffskoch Johann Orasch kam aus Graz.

Sogar in ihrer äußerst schwierigen Lage, eingefroren im arktischen Eis, ließen es sich die Männer nicht nehmen, an Bord der „Admiral Tegett­hoff“ das Weihnachtsfest zu feiern. Abbildung: wikipedia.

Am 13. Juni 1872 stachen das Schiff und seine Besatzung um sechs Uhr morgens von Bremerhaven aus in See. Am 14. August verließ die „Admiral Tegetthoff“ dann den eigentlichen Ausgangspunkt der Expedition, den Walfängerhafen Tromsø in Norwegen. Danach fielen die Temperaturen rasch.

Das Eis begann schon viel weiter südlich, als man eigentlich angenommen hatte. Bereits am 21. August wurde das Schiff vom Eis eingeschlossen und driftete so allmählich immer weiter nach Norden, ohne dass die Besatzung etwas dagegen tun konnte. Julius Payer schrieb in sein Tagebuch:

„Verzweiflung hätte uns erfüllen müssen, hätten wir an diesem Abend gewußt, daß wir fortan verdammt seien, willenlos den Launen des Eises zu folgen, daß das Schiff niemals wieder seinen Beruf werde erfüllen können, daß alle Erwartungen, (...) schon jetzt eitel und vernichtet waren, damit auch alle unsere stolzen Hoffnungen, daß wir nicht mehr Entdecker waren, sondern unfreiwillige Passagiere des Eises.“

Von da an wurde es immer schlimmer. Mitte Oktober begann durch die extrem niedrigen Temperaturen die von den Männern so sehr gefürchtete „Eispressung“, die das Heck des Schiffes eindrückte und auch das Ruder schwer beschädigte. Dann folgten 14 Monate, in denen das Schiff und seine Besatzung ständig vom Eis eingeschlossen und den Unwägbarkeiten der wilden und gefährlichen arktischen Natur ausgesetzt waren. Temperaturen von minus 46 Grad Celsius waren keine Seltenheit.

In seinen Gedanken kehrte Julius Payer in späteren Jahren immer wieder in die arktische Kälte und zum Abenteuer mit der „Admiral Tegetthoff“ zurück und schuf so eindrucksvolle Bilder wie auch dieses, das den Titel „Nie zurück!“ trägt. Abbildung: AEIOU – Das österreichische Kulturinformationssystem.

Unentwegt arbeitete die Mannschaft daran, das Schiff wieder freizubekommen. Aber alles war umsonst. Die Männer machten Bekanntschaft mit tiefster Finsternis, aber auch mit dem Zauber der Polarnacht. Sie bekamen es bei ihren „Landgängen“ auf dem Eis immer wieder mit Eisbären zu tun, verloren den Schiffsmaschinisten Otto Krisch durch Skorbut, entdeckten aber auch das neue „Kaiser-Franz-Josef-Land“.

Im Februar 1874 gab man die Bemühungen, das Schiff aus dem Eis zu befreien, weitgehend auf. Die Offiziere beschlossen, die „Admiral Tegetthoff“ im kommenden Frühjahr zu verlassen und mit der Mannschaft den langen und beschwerlichen Rückmarsch über das Eis anzutreten.

Der Weg nach Hause begann am 20. Mai 1874 und dauerte insgesamt 96 kräfteraubende und zermürbende Tage. Der Weg über das von Kilometer zu Kilometer immer weicher werdende Eis wurde zu einer immer größeren Tortur. Als man schließlich auch noch ein Depot, das man eigens für den Notfall angelegt hatte, nicht erreichen konnte, waren die Männer einmal mehr der puren Verzweiflung nahe.

Auch der Koch der Expedition, der Grazer Johann Orasch, fertigte mehrere Skizzen an, die später als Grafiken in Publikationen aufgenommen wurden. Hier das Zusammentreffen der Mannschaft der „Admiral Tegett­hoff“ mit Eisbären. Abbildung: wikipedia.

In der zweiten Augusthälfte erblickte man endlich zwei russische Schiffe. Die russischen Kapitäne erklärten sich nach zähen Verhandlungen bereit, die Männer an Bord zu nehmen und nach Hause zu bringen. Am 3. September trafen die Teilnehmer der österreichisch-ungarischen Nordpol-Expedition im Hafen von Vardø ein. Von dort aus ging es weiter nach Tromsø und schließlich nach Hamburg, wo sie am 22. September 1874 an Land ging. Die Männer wurden überall freudig begrüßt. Der Höhepunkt der Feierlichkeiten für die glücklich geretteten „Nordpol-Fahrer“ fand in Wien statt, wo Julius Payer von Kaiser Franz Josef in den erblichen Adelsstand erhoben wurde.

Die späteren Jahre

Zur Zeit seines nachweislichen Kur­aufenthaltes in Preblau im oberen Lavanttal in Kärnten hatte Julius Ritter von Payer das österreichisch-ungarische Militär längst verlassen. Im Privatleben hatte er eine Scheidung hinter sich und war von Paris, wo er jahrelang ein Maleratelier gemietet hatte, wieder in seine alte Wohnung in Wien gezogen.

In Wien arbeitete Payer weiterhin als Maler und Zeichner, verdiente jedoch einen beträchtlichen Teil seines Einkommens auf Vortragsreisen. Immer wieder sprach er über die österreichisch-ungarische Nordpol-Expedition, über die Unberechenbarkeit des Eises, über die wilde arktische Natur, die Eisbären, die Kälte und die Finsternis. Er veröffentlichte Bücher über die Expedition, die er selbst illustrierte, und war als Polarforscher und Geograf weltweit anerkannt. Er wurde zum Ehrendoktor der Universität Prag und zum Ehrenbürger der Städte Brünn, Fiume und Teplitz ernannt. Vor allem jedoch genoss er den Ruf, der beste außerhalb des Polarkreises geborene Hundeschlittenführer seiner Zeit zu sein.

Der Kurbetrieb in Preblau florierte jahrzehntelang, ehe in der Zeit des Ersten Weltkrieges die betuchten Gäste aus den Städten immer öfter ausblieben. Schließlich erfolgte der Niedergang. Foto: Archiv.

In späteren Jahren war er häufig bei schlechter Gesundheit, fühlte sich oft ausgesprochen krank und litt zeitweise an nervöser Erschöpfung. Aufgrund seines angeschlagenen Gesundheitszustandes suchte er immer wieder Kurorte und Heilbäder auf und wurde schließlich zu einem erklärten Anhänger der Naturheilmethoden von Arnold Rikli. Dieser pries vor allem die positiven Einflüsse von Luft- und Sonnenbädern in Kombination mit körperlicher Betätigung auf die Gesundheit.

1912 erlitt Julius Ritter von Payer einen Schlaganfall, von dem er sich nicht mehr erholte. Bis zu seinem Tod im Jahr 1915 blieb er auf Pflege angewiesen. Am 29. August 1915 starb er im Rikli-Kurort Veldes in Krain. Payers Lebensgefährtin, die ihn in den letzten Jahren immer begleitet und stets aufopfernd betreut und gepflegt hatte, folgte ihm wenig später freiwillig in den Tod. Der „Norpolfahrer“, der die Natur von ihren wildesten Seiten kennengelernt hatte, wurde am Wiener Zentralfriedhof in einem Ehrengrab der Stadt beigesetzt.

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Werner Thelian
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