Loading

Serienreviews Drei Serientipps aus der Redaktion

Konstanz, 07 April 2019

Fotos: Malin Jachnow

Transparent, seit 2014

(Theresa Gielnik)

Eine Fernsehserie, die mich seit ihrer Veröffentlichung richtig gepackt hat, war definitiv Transparent. Wenn man den Namen liest, klingt sie erstmal unspektakulär. Eigentlich ist er aber originell, wie ich finde. Das wird nach den ersten Folgen klar. Der Titel spielt nicht auf herkömmliche Bedeutungen von Transparenz als beispielsweise optische Eigenschaft eines Materials an. Es geht um ein Elternteil, das transsexuell ist – trans parent.

Von Transparent sind mittlerweile vier Staffeln erschienen, eine fünfte ist in Produktion. Jede Folge ist mit ca. 25 Minuten sehr kurzweilig, was zum Binge Watching verführt.

Um was geht’s?

Mort Pfefferman hat eine erfolgreiche Karriere als Professor für Politikwissenschaft hinter sich und befindet sich mittlerweile im Ruhestand. Er lebt alleine in dem alten Familienhaus in LA, in dem er früher mit seinen drei Kindern Sarah, Josh und Ali und seiner Ex-Frau Shelly wohnte.

Die Geschichte handelt im weiteren Verlauf davon, wie Mort – fortan Maura – beginnt, ihre lang versteckte Transsexualität auszuleben. Ihr Lebenswandel (zumindest nach außen hin) vom weißen männlichen Professor hin zur Rentnerin und Mapa (eine Wortschöpfung ihrer Kinder), wird von ihrem Umfeld nicht nur positiv aufgenommen. Als Transfrau wird Diskriminierung nun zur Alltäglichkeit. Ihre Kinder und Ex-Frau aber unterstützen sie, die Familie ist und bleibt Dreh- und Angelpunkt der ganzen Erzählung. Und nicht nur Maura hinterfragt und bricht mit heteronormativen Strukturen, auch Sarah und Ali rebellieren gegen konventionelle Geschlechterrollen und finden sich neu.

Immer wieder rückt ein anderes Familienmitglied näher in den Fokus der teilweise sehr expliziten Erzählung. Abwechselnd erhascht man Einblicke in die unterschiedlichen Leben und den Alltag der Eltern, Kinder und Enkel.

Ich finde, Transparent handelt von uns allen – egal ob hetero-, homo-, bi-, trans- oder intersexuell*. Mit Geschlechterrollen und -identitäten wird jede_r tagtäglich konfrontiert, deswegen geht es auch jede_n Einzelne_n etwas an – auch ohne Leidensdruck.

Neben der Verhandlung von Geschlecht geht es aber auch um die Pfeffermans als jüdische Familie. Um Familienbande und die besondere Verbindung unter Geschwistern, um Liebe und Partnerschaft, auch im höheren Alter. Es geht um Sehnsüchte und Begehren. Und um die Hürden des alltäglichen Lebens und Selbstfindung.

All diese Themen werden in einer runden Geschichte aufmerksam und schön erzählt, sodass man mit den Pfeffermans (mit-) lachen, weinen, bangen, betrügen und begehren kann.

Eine Fernsehserie, die ich wärmstens empfehlen kann!

The End of the Fucking World, 2017

(Niklas Lemperle)

Zwei 17-jährige Außenseiter nehmen gemeinsam Reißaus, werden dabei in einen Mord verwickelt und befinden sich plötzlich auf der Flucht vor der Polizei. Dabei hatte er doch vor, sie zu töten. Dieses skurrile Szenario bietet uns Netflix in der britischen Serie „The End of the Fucking World“. Die acht Episoden dauern jeweils nur 22 Minuten und sind gut in einem Rutsch durchzuschauen. Die Folgen überzeugen mit derbem Humor, starkem Storytelling und dem glaubhaften Einblick in die tiefmenschlichen Facetten zerbrochener Charaktere, die den Handlungsverlauf bestimmen.

Dementsprechend stellt sich James zu Beginn der Serie vor: „Ich bin 17 und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich ein Psychopath bin.“ Erzogen wird er von seinem wohlwollenden, aber völlig überforderten Vater Phil. Gefühle sind James fremd, in seiner Freizeit tötet er gerne Tiere. Jetzt hat er Lust auf einen echten Mord. Da kommt ihm das Interesse der vorlauten Neuen in der Schule gerade recht. Alyssa lehnt sich gegen jede Autorität auf, die ihr über den Weg läuft. Von ihrer familiären Situation frustriert beschließt sie eines Tages, abzuhauen. James soll sie begleiten, dieser willigt ein, denn es scheint ihm die perfekte Gelegenheit, seinen mörderischen Plan in die Tat umzusetzen.

Die Handlung nimmt schnell Fahrt auf, Alyssa und James knacken Autos, prellen die Zeche, stehlen und brechen in eine Villa ein. Ab Folge drei geht es dann so richtig rund, es kommt zum eingangs geschilderten Zwischenfall. Die Beiden müssen nun vor einem lesbischen Ermittlerduo flüchten, deren persönliche (Nicht-)Beziehung für eine Situationskomik sorgt, die für die Serie typisch ist. Das Geschehen wird regelmäßig von Alyssa und James aus dem Off kommentiert, sodass der Zuschauer die teils sehr unterschiedlichen Gefühle der Partner nachvollziehen kann.

The End of The Fucking World entpuppt sich als echter Geheimtipp auf Netflix. Die Geschichte wird keine Minute zu lang erzählt, die Story entwickelt sich schnell und wirkt genauso grotesk wie glaubhaft. Trotz herber Witze ist die Serie keineswegs nur etwas für Freunde von schwarzem Humor. Denn die Macher schaffen es, durch den Einblick in die Gefühlswelt der Charaktere und deren Hintergrundgeschichten allerlei Emotionen hervorzurufen. Auch die farbkräftigen Bilder der englischen Landschaft, durch die sich die jugendlichen Protagonisten auf ihrem „Roadtrip“ bewegen, wissen zu gefallen. Hinzu kommt ein gelungener Soundtrack, der stets die passende Stimmung erzeugt. So ist die Serie jedem, der, wie die Regisseure, nicht vor Tabuthemen zurückschreckt, nur zu empfehlen.

Mindhunter, seit 2017

(Leonie Thiel)

Mein persönliches Serien-Highlight der vergangenen Jahre, neben Stranger Things, war die Thriller-Drama-Serie Mindhunter, die im Oktober 2017 auf Netflix veröffentlicht wurde. Sehnsüchtig warte ich seither auf die 2. Staffel – die im Frühjahr 2019 starten soll. Und genau deswegen lohnt es sich, sich am besten jetzt gleich alle Folgen auf einmal zu gönnen!

Wir schreiben das Jahr 1977 in Amerika – eine Zeit mit vielen Krisen und Umbrüchen: der Vietnamkrieg war gerade vorbei. Schlaghosen waren modern, Hippies waren cool, die Leute hörten Bands wie Queen oder Led Zeppelin, Internet gab es noch nicht – und Kriminalpsychologie war bislang vielen noch kein Begriff. Doch die beiden FBI-Agenten Holden Ford und Bill Tench wollen Licht in Dunkel bringen – sie wollen die Psyche von Serienmördern ergründen und verstehen. Die Kriminalpolizisten besuchen und befragen verurteilte Straftäter im Gefängnis – dabei stoßen sie unter anderem auf den hochintelligenten Edmund Kemper, ein Charakter inspiriert vom realen gleichnamigen Serienmörder. Auch die Befragungen basieren auf echten Begebenheiten und bieten somit nicht nur Einblick in die fiktive Kriminalpsychologie, sondern lassen auch auf die reale Gedankenwelt von Psychopathen schließen. Doch diese ungewöhnliche Polizeiarbeit stößt auf Widerstand, viele Kollegen können nicht verstehen, was Holden und Bill bei irgendwelchen weggesperrten Verbrechern suchen.

Die Serie, die auf dem englischen Roman „Mindhunter: Inside the FBI’s Elite Serial Crime Unit“ (dt. Die Seele des Mörders) basiert, strahlt ein unheimliches Flair aus. An manchen Stellen ziehen sich die Befragungen etwas in die Länge oder die Dinge brauchen, bis sie ins Rollen kommen, doch die Spannung steigt stetig. Mindhunter ist ganz anders als die klassischen Serien-Highlights. Ein Thema – das sogenannte Profiling – das erst uninteressant erscheint, wird hier neu in den Vordergrund gestellt und durch ein exzellentes Drehbuch perfekt in Szene gesetzt. Auch die Schauspieler, Jonathan Groff, auch bekannt aus Clint Eastwood’s American Sniper und Holt McCallany, der bei Fight Club mitgespielt hat, heben die Geschichte auf ein anderes Level. Beide Charaktere der Polizisten wirken durch sie lebendig, authentisch und schaffen es, den Zuschauer mit in die Geschichte zu nehmen. Wer wie ich auf außergewöhnliche Serien steht, hat hier genau das Richtige gefunden. Es ist keine blutige Actionserie mit vielen Faustkämpfen und auch kein langweiliger CSI Miami Abklatsch, sondern eine Serie mit Tiefgang und einer sich langsam steigernden Spannung. Manch einem ist Mindhunter vielleicht zu langsam, vielleicht auch zu langweilig, denn die Serie kommt eben ohne großartige Actionszenen, Schießereien oder Familiendramen aus – aber es lohnt sich, der Serie eine Chance zu geben. Zu guter Letzt kann ich die Serie nur empfehlen, denn sie ist packend, fasziniert, verwirrend, gruselig und gleichzeitig richtig gut gemacht.

Report Abuse

If you feel that this video content violates the Adobe Terms of Use, you may report this content by filling out this quick form.

To report a copyright violation, please follow the DMCA section in the Terms of Use.