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Wo sonst niemand wäre... Die Corona-Krise macht ungewöhnliche Menschen zu Erntehelfern auf dem Spargelfeld

Reporter Stefan Freiwald hat sich für einen Tag als Erntehelfer bei Spargelbauer Christian Dreyer in Damme verdingt und bei der anstrengenden Arbeit Menschen getroffen, die das Corona-Virus zu Erntehelfern gemacht hat.

Zaghaft blinzelt die Sonne hinter den Dammer Bergen hervor. Die Vögel zwitschern in die morgendliche Stille über dem Spargelfeld von Christian Dreyer. Die Luft ist klar und kühl. Das Panorama auf der kleinen Anhöhe erstreckt sich bis hinüber ins Wiehengebirge. Es könnte so schön sein hier, aber ich muss zur Arbeit. Es ist mein erster Einsatz in der Ernte. Mein Magen fühlt sich flau an. Vielleicht liegt es an der Uhrzeit, zu der ich mich normalerweise noch zweimal im Bett herumdrehe. Die ersten Sonnenstrahlen erhellen das, was mir blüht: Mehr als 30 aufgehäufte Reihen à 300 Meter unter Folie liegen da und warten auf meine zarten Journalistenhände und meinen Bürostuhl-verwöhnten Rücken.

Christian Dreyer lächelt. „Haben Sie keine Handschuhe mit?“, fragt mich der Landwirt, um mir sogleich ein paar gelbe Gummihandschuhe in die Hand zu drücken. „Sie sind heute mit Cederic unterwegs.“ Schon steht mein neuer Kollege vor mir, lächelt und reicht mir die Hand. Moment, denke ich kurz, als Cederic da Silva mir zuvorkommt: „Hey, mit Handschuhen geht das doch.“

Corona hat sein Leben auf den Kopf gestellt

Wir schütteln uns die Hände. Für mich ist es das erste Mal seit bestimmt sechs Wochen, dass ich jemandem die Hand gebe. Ich schätze Cederic auf Anfang Mitte 20. Er hat schwarze, lockige Haare unter seiner Wollmütze, Brille, einen durchtrainierten Körper, ein verschmitztes Lächeln und eigentlich, wie ich später feststelle, immer gute Laune. Obwohl ich zunächst nicht ganz verstehe, woher er diese gute Laune nimmt.

Wie alle vier Erntehelfer auf dem Feld von Christian Dreyer wäre Cederic jetzt eigentlich ganz woanders. Doch Corona hat sein Leben – und das seiner Kollegen - auf den Kopf gestellt.

Bevor ich mehr erfahre, richten wir die Spinne ein. Das Fahrzeug mit dem merkwürdigen Namen Spargel-Spinne ist unser Begleiter für den Tag. Es erfüllt eigentlich nur eine, wenn auch sehr entscheidende Aufgabe: Es hebt vorne die Tunnelfolien an, führt sie über etwa drei Meter auf einer Schiene über unsere Köpfe hinweg und senkt die Folie danach wieder über den Wall. „Die Erleichterung ist enorm“, sagt Landwirt Dreyer. Ansonsten müssten wir mit Muskelkraft die Folie anheben und immer wieder ein Stück weiterziehen. Die Spinne spart Arbeitskräfte und verhindert, dass sich die Arbeiter auf dem Feld zu nah kommen. Jeder arbeitet für sich mit einer Spinne. Nur ich habe Cederic in gebührendem Abstand dabei, damit ich überhaupt weiß, was zu tun ist.
"Es kommt eben doch auf die Länge an."

Bücken, den Stängel mit zwei Fingern der linken Hand freilegen, dann mit dem Spargelmesser in der rechten Hand direkt neben der Stange in den Boden drücken, das Messer gefühlvoll nach außen drücken und auf ein herzhaftes Knackgeräusch warten. Dann ist der Spargel geschnitten. Theoretisch. Fragt sich nur, wo. Meine ersten Stechversuche dauern lange und liefern ein kümmerliches Ergebnis. „Es kommt eben doch auf die Länge an“, sagt mein Kollege Cederic und grinst. „Aber das kriegst du schon noch.“

Arbeitskräfte sind wegen der weltweiten Corona-Krise rar auf den Gemüsefeldern und Obstplantagen in Deutschland. Dort, wo sonst Tausende Osteuropäer von morgens bis abends immerhin zum Mindestlohn von 9,35 Euro fleißig stechen, pflücken und ernten, herrscht jetzt Leere. 300.000 Erntehelfer fehlen in dieser Saison, befürchtet der Deutsche Bauernverband.

Die Hälfte der Einnahmen bricht weg.

Christian Dreyer gehört zu denjenigen, die mit für ihn erträglichen Verlusten aus der Krise kommen werden, wie er hofft. Die Hälfte seiner Einnahmen werde ihm aber wohl wegbrechen, fürchtet er. Denn derzeit fällt die Gastronomie in der Umgebung, die gerne bei ihm gekauft hat, fast komplett aus. Er hofft, dass er das durch eine steigende Nachfrage beim Direktverkauf am Hof etwas kompensieren kann.

Leute einfliegen lassen? Keine Chance!

Vor drei Wochen sah es für den 43-Jährigen noch schwärzer aus. Da drohte der erste Totalausfall der Ernte seit 1980. Vor 40 Jahren hatten seine Eltern Elfriede und Reinhard den Betrieb gegründet, schon damals nur als Nebenerwerb. Seitdem bewirtschaften die Dreyers sechs Hektar ausschließlich mit Spargel. Vor vier Jahren sind sie auf Bio umgestiegen. Auf drei Hektar steht eine frühe Sorte, die bis Anfang Mai bewirtschaftet wird, danach ernten die Dreyers die zweite Fläche mit der späten Sorte bis Ende Juni ab. Mit vier bis sechs Erntehelfern sind sie meistens ausgekommen. Die kamen in den vergangenen Jahren direkt aus Rumänien nach Damme. Doch in diesem Jahr ließ sich keiner blicken, weil die Grenzen zu und die Auflagen gewaltig sind. „Ich kann es mir nicht leisten, die Leute einfliegen zu lassen und dann in Quarantäne zu stecken“, kommentiert Dreyer die strengen Vorschriften. Hinzu kämen etliche Hygiene-Regeln für die Unterbringung.

Im März hat Cederic da Silva seine Ausbildung zum Fitness-Trainer in Damme beendet. Im Herbst möchte der junge Mann eine weitere Ausbildung als Physiotherapeut dranhängen. In der Zwischenzeit wollte er sich einen Traum erfüllen: reisen und arbeiten auf der „Aida“. Nicht unter Deck des Kreuzfahrtschiffs, sondern oben bei den Gästen. Der Hobbytänzer sollte Kurse in Tango, Jive und Discofox geben, die Gäste beim Landgang in Palma, Barcelona, Rom und Athen begleiten. Dann kam das Corona-Virus.
Damian Stanowicki ist 30 und offenbar genauso sportlich und ehrgeizig wie Cederic. Vor vier Jahren ist der drahtige Pole mit seiner Familie zum Arbeiten nach Deutschland gekommen. Zuletzt hat er bei Adidas in Neuenkirchen als Lagerarbeiter geschafft. Statt wegen Corona Kurzarbeit zu machen, hat er gekündigt und nach einem Tipp eines Freundes bei Dreyers angeheuert.

Damian hat schon 240 Kilogramm Spargel an einem Tag geschafft, obwohl er erst seit einer Woche dabei ist. Laut Christian Dreyer ist das sehr beachtlich – aber noch nicht mit den Leistungen der Saisonarbeiter der letzten Jahre vergleichbar.

"Ich finde immer irgendwo Arbeit"

Aber was will er machen, wenn der Spargel geerntet ist? Auf die Erdbeerfelder? Zurück zu Adidas? „Ich weiß es nicht“, sagt Damian. Dann lächelt er und fügt an: „Ich kann arbeiten, ich will arbeiten. Ich finde immer irgendwo Arbeit.“

Ähnlich sieht das offenbar auch Konstantin, der weder Deutsch noch Englisch spricht. Er lächelt nur freundlich, wobei drei Goldzähne in der Sonne blinken. Der 45-Jährige kommt aus Rumänien und hat zusammen mit seiner Ehefrau an der Ostsee Ferienwohnungen geputzt hat. Dann kam Corona, Hotels und Ferienwohnungen mussten schließen. So machte sich Konstantin mit seiner Frau auf den Weg nach Damme. Über seinen Neffen in Bad Essen hatte er gehört, dass Dreyers händeringend Helfer benötigen. Jetzt sticht er den Spargel und sie schält und sortiert das frisch gestochene Gemüse bei Dreyers in der Garage.
Die 47-Jährige Eugenia kommt auch aus Rumänien. Ihr Mann arbeitet laut Christian Dreyer bei einem Bauern vor Ort – und über den hat sie erfahren, dass Erntehelfer gesucht werden.
Familie und Freunde packen mit an

Familie Dreyer verkauft den meisten Spargel direkt ab Hof. Dort wird das weiße Gold auch verarbeitet. Natürlich mit Abstand!

Nach der Wäsche und dem Kältebad wird der Spargel mit der Maschine geschält. Dann bearbeiten Theresa Dreyer und die anderen Helferinnen die Stangen per Hand nach. Danach geht der Spargel sofort in den Verkauf.

Zurück auf dem Feld. Mein Rücken meldet sich jetzt deutlich. Am Abend werde ich bestimmt Blasen an der rechten Hand haben. Dafür werden die Spargelstangen, die ich steche, deutlich länger. Die meisten jedenfalls. An Tempo muss ich noch deutlich zulegen. Bei Dreyers auf dem Hof werden die Spargelkisten der einzelnen Arbeiter gewogen, bei guten Leistungen gibt es zum Mindestlohn von 9,35 Euro einen Zuschlag. Den bekäme ich an diesem Tag sicherlich nicht.

Zum Mindestlohn von 9,35 Euro gibt es bei guten Leistungen einen Zuschlag.

Aber dafür gibt es eine große Tüte frisch geschälten Spargel. Jetzt weiß ich, warum das Gemüse auch das weiße Gold genannt wird. Ich werde mir jeden einzelnen Bissen auf der Zunge zergehen lassen und daran denken, dass Cederic, Damian, Eugenia und Konstantin bei Sonnenaufgang wieder gekrümmt auf dem Spargelfeld stehen werden. Dort, wo sie ohne das Coronavirus wahrscheinlich niemals gewesen wären.

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Stefan Freiwald
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