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Europa, wo bist du? Vom Suchen und Finden der europäischen Idee

Text und Bilder: Vivien Götz, Layout: Leonie Thiel.

Göteborgs typisches Straßenbild: Straßenbahn, Backstein und wenig Verkehr.

Ich kenne Mattheo seit einer halben Stunde. Wir sitzen in einer Bar in Göteburg und alles ist voller Internationals - jeder will neue Leute kennen lernen. Mattheo ist Italiener, lebt aber seit zwei Jahren in Schweden und schreibt gerade an seiner Masterarbeit in Philosophie. Wir reden über Marx, Seneca und die anstehenden Wahlen in Bayern. Offensichtlich ist der, zum ideologischen Showdown stilisierte, Wahlsonntag im Freistaat auch in internationalen Medien ein Thema.

Von der Wahl in Bayern kommen wir schließlich auf die Europawahlen zu sprechen. Das Selbstbewusstsein mit dem Orban, Le Pen und Co. in diesen Wahlkampf ziehen macht uns beiden Sorgen.

„Wie ist eigentlich die Stimmung in Italien?“, frage ich.

In den letzten Tagen hat der italienische Innenminister Matteo Salvini auch in Deutschland wieder Schlagzeilen gemacht. Er ließ einen Bürgermeister verhaften, der sein aussterbendes Dorf zu einem Vorzeigeprojekt der Integration gemacht hatte. Die Flüchtlinge, die inzwischen gut integriert sind, sollen nach Salvinis Willen alle umgesiedelt werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass solche Praktiken wirklich im Sinne der Italiener sind. Mattheo muss mich aber enttäuschen. Er kommt selbst aus einem kleinen Dorf aus dem Süden Italiens.

„Die Stimmung ist schlecht und viele haben das Gefühl, dass Salvini der starke Macher ist, auf den sie so lange gewartet haben“, erklärt er bedauernd.

Wir versuchen zu ergründen, woher das Bedürfnis nach starken Männern kommt und warum dieses Bedürfnis überall auf der Welt auf dem Vormarsch zu sein scheint.

Abendstimmung in Göteborg.

Europa - das bist du, denke ich mir. Seitdem ich im August in Göteborg angekommen bin, fühle ich mich zum ersten Mal in meinem Leben als Europäerin. Die gemeinsamen Werte, die Wirtschaftsunion, die Freizügigkeit - alles klar, aber gespürt habe ich Europa dabei nie. Worin Europa für mich tatsächlich sichtbar wird, das ist die Einstellung der Menschen, die ich in den letzten Wochen getroffen habe. Studierende aus Frankreich, Südkorea, Japan, Österreich und Schweden. Was die Begegnungen allesamt besonders gemacht hat, ist die Neugier auf das Gegenüber, die hier alle zu teilen scheinen. Diese Einstellung geht natürlich über Europa hinaus.

Die Erkenntnis aber, dass man viel von anderen lernen kann und das Zuhören und der Austausch über Grenzen hinweg wertvoll und bereichernd sind, das macht für mich den Kern der europäischen Idee aus.

Stockholms Inselwelt.

Ein anderes Mal im Sprach-Café unterhalte ich mich mit einem Schweden. Erik hat gerade seinen Master abgeschlossen und versucht mir die vielen möglichen Konstellationen zu erklären, mit denen in Schweden eine zukünftige Regierung gebildet werden könnte. Wir sprechen über Konservativismus, für den in Schweden auch die Christdemokraten auf keinen Fall stehen wollen.

„In Schweden verorten sich die Parteien eher auf einem Links-Rechts Spektrum“, sagt Erik, „wer konservativ ist, der hat keine Ideen für die Zukunft und das will sich hier kein Politiker nachsagen lassen.“

Wie anders das in Deutschland doch ist, denke ich mir. Erik ist überrascht wie zwiespältig meine Meinung zu Angela Merkel ist, für ihn ist sie die starke mutige Frau in der EU. Viele Schweden, nicht nur Erik, sind beeindruckt von Merkel und ihrer Flüchtlingspolitik.

„Wir müssen unsere Integrationspolitik verbessern, Deutschland ist da ein Vorbild“

Diesen Satz habe ich im schwedischen Wahlkampf von Anhängern verschiedenster Parteien gehört. Zur gleichen Zeit zogen in Chemnitz Menschen voller Wut auf genau diese Integrationspolitik durch die Straßen und zeigten den Hitlergruß. Die Zahl der Deutschen, die Merkels Flüchtlingspolitik als Vorbild für Europa bezeichnen würden, ist seit ihrem historischen „Wir schaffen das“ gefühlt kontinuierlich gesunken.

Blick über den Hafen von Stockholm.

Was Europa für mich gerade so erlebbar macht, das ermöglicht mir mein Studium, mein Stipendium und das Geld, mit dem mich meine Eltern unterstützen. Für alle die nicht studieren, oder im Studium jeden Cent umdrehen müssen, sind solche Erfahrungen oft viel zu weit weg.

Europa - du bist zu elitär, denke ich mir.

Die Vergabe von ein paar Tausend kostenlosen Interrailtickets sind da bei weitem kein Ausgleich. Emmanuel Macrons Vorschlag, den Austausch im Sinne des Erasmus-Programms auf Auszubildende und Schüler auszuweiten, müsste dringend in die Tat umgesetzt werden.

Die Europäische Union befriedet Europa – das ist das einfache Argument, mit dem dieses komplexe und oft undurchsichtige "Bürokratie-Monster" immer als Erstes verteidigt wird. Kein schlechtes Argument, aber auch das wird sich mit der Zeit abnutzen - vor allem dann, wenn sich dieser Frieden nur darin manifestiert, dass man sich in zähen Verhandlungsrunden eisig anlächelt, während die gemeinsame Wertebasis unter der Last nationaler Egoismen langsam zusammenbricht.

Europa - du bist fantastisch, denke ich mir.

Ich wünschte nur, es würde mehr getan werden, damit nicht nur Studierende die Möglichkeit haben zu erfahren, was dieses friedliche Europa eigentlich bedeutet. Die Europäische Union hat viele Fehler, aber sie ist es trotzdem wert, für sie zu kämpfen. Diesen Wert muss man breit vermitteln und ihn erlebbar machen, auf allen Ebenen des Bildungssystems und vor allem unabhängig vom Geldbeutel der Eltern.

Created By
Campuls Hochschulzeitung
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