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Vom Bilderbuch zur Realität mYANMARS gESCHICHTENERZÄHLER im Einsatz für den Frieden

Meine Geschichten finden mich meist auf Umwegen. Während ich das eine suche, begegnet mir das andere. So auch in Myanmar, wo ich mich eigentlich auf das Myanmar Art Social Project vorbereitet hatte. Doch wie sich bei meiner Ankunft herausstellen sollte, eignete sich der geplante Workshop nicht für eine Reportage. Dafür wurde ich mit einer anderen Organisation bekannt gemacht, The Third Story Project - ein Glücksfall, wie ich bald merken sollte.

Unterwegs in Dala

Erst aber, galt es eintauchen. Eintauchen in die mir fremde südostasiatische Kultur, die Gerüche, die Klänge, die Farben, die Logik, die Geschichte, das Thema - Frieden. Entwirren, auftrennen, neu verknüpfen und dabei den Faden nicht verlieren.

im Fischerdorf bei Dala

Je mehr ich mich dem Land physisch und in meinen Recherchen annähere, desto mehr verschwimmen die Konturen und desto vielschichtiger werden die Realitäten. Myanmar leidet an so vielen und so langandauernden Konflikten, dass es schwierig ist, sich einen Überblick zu verschaffen. Alles abzudecken ist unmöglich, doch nach welchem Kriterien sind in diesem Gewaltenwirrwarr die Prioritäten zu setzen? Chronologisch? Nach Grösse der bewaffneten Gruppe? Nach Anzahl Angehörige der ethnischen Minderheit? Nach Anzahl Opfer? Nach Popularität in den Medien?

Mitten in diesem Chaos von Konfliktsträngen, Rachegefühlen und Zerreissproben steht das Third Story Project (TSP). Die Organisation bezeichnet sich als "social enterprise", eine Wohltätigkeitsorganisation, die sich selbst finanziert. Das Konzept ist so einfach wie zielgerichtet: Gemeinsam mit Kindern verfasst TSP Kinderbücher zum Thema Frieden und Menschenrechte und verschenken diese an Kinder und verkaufen sie an Schulen und (internationale) Organisationen.

Erzählworkshop in Dala

Wie gelang es, aus der NGO ein Unternehmen zu entwickeln? "Es war eine Marktlücke. Es gab keine Kinderliteratur und es gab keinen Ort, an dem sich Kinder und Lehrer Bücher besorgen oder ausleihen konnten, wir decken beides ab." So, die Mit-Gründerin Mindy Walker in einem Gespräch.

Beim Malen der Geschichten

Um möglichst viele Regionen und Kinder zu erreichen, bildet TSP junge Menschen zu Geschichtenerzählern aus, zu Community Leaders, die sich in ihrer Gemeinschaft übers Geschichtenerzählen für den Frieden einsetzen. Dieses Ausbildungsprogramm lancierten sie 2017 unter dem Namen Story of Friendship.

Unterwegs in Dala

Das Büro von TSP liegt gut versteckt im turbulenten indischen Viertel von Yangon. Draussen die rudimentären Verkaufsstände mit Früchten, Nudeln und Fischen überladen. Dazwischen drängen sich Trikshaws und Autos. An niedrigen Plastiktischchen, die an Kindermöbel erinnern, wird an jeder Strassenecke Milchtee serviert. Männer in bunten Longyis und Frauen mit gelben Thanaka-Strichen im Gesicht schützen sich unter Regenschirmen vor der Hitze oder bieten Mangos und Wassermelonen auf dem Kopf gestapelt zum Kauf an. Eine Reihe von Mönchen in rotbraunen Roben ziehen durch die Strassen, barfuss, auf der Suche nach Almosen.

Im indischen Viertel, Yangon

Vom Strassenleben eingesogen hätte ich das schief hängende Schild fast verpasst, es deutet - auf Englisch - darauf hin, dass ich unverhofft beim richtigen Gebäude angekommen bin. Eine enge, steile, dunkle Treppe führt in den ersten Stock zum Büro, in dem sich Bücherstapel türmen und eine bunte Kinderbuchwandbemalung in grellen Farben einen Touch Märchenwelt verströmt.

Unterwegs zum Workshop

Hier treffe ich meine Protagonistin, Ei Pwin Rhi Zan, die Direktorin von Third Story Project. An die langen Namen in diesem Land muss ich mich noch etwas gewöhnen. "You can call me Rhi Rhi" (klingt wi "Schi Schi"), lacht die 29-jährige Unternehmerin mit strahlenden Augen. In einer Mischung aus unerschütterlicher Ruhe und energischem Tatendrang organisiert, telefoniert, chattet sie und packt die letzten Bücherbündel zusammen. Gleich soll es losgehen nach Taunggyi, wo ein Workshop stattfindet mit den Teilnehmern des Story of Friendship Programmes.

Mehr zu Third Story Project verrät uns Ei Pwin Rhi Zan gleich selbst:

Nach einer holprigen Nachtbusfahrt erreichen wir frühmmorgens die Hauptstadt des Shan-States, die auf 1400 Höhenmetern liegt und sich deutlich von den karibischen Temperaturen in Yangon unterscheidet. In meine Daunenjacke gemummt und mit meinem vollbepackten Rucksack auf dem Rücken finde ich nach einigem Suchen in den staubigen und sich ähnelnden Strassen schliesslich mein Hotel. Die Rezeption strahlt mir entgegen, wahrscheinlich bin ich für heute (oder für die ganze Woche?) der einzige Gast. Nein, Elektrizität gebe es gerade nicht, komme aber bestimmt bald wieder. Und dann sind wir auch schon am Ende ihres Englisch und meines Burmesisch angekommen. Touristisch fühlt es sich hier auf jeden Fall nicht an, in meinen vier Tagen Aufenthalt kann ich gerade mal einen Touristen erkennen.

Auf dem Markt von Taunggyi

Ich mache mich auf die Suche nach Frühstück, in den Kaffees ist alles in burmesischer Handschrift angeschrieben, ich kann kein einziges Zeichen erkennen. Die Menschen in den Strassen schauen mich erstaunt und interessiert an, etwas belustigt, nie aufdringlich, während sie in ihre dicken Hoodies gewickelt am Strassenrand Erdnüsse verkaufen, auf den zu viert besetzten Motorrädern um die Häuser knattern, mit ihren Chromstahl Lunchboxtürmchen am Essenstand anstehen und in ein Sonnenlicht blinzeln, das mich an die Hochanden erinnert, obwohl ich da nie war.

Zwischen den bleichen kopflosen Hühnern, Betelnussständen und Körben überfüllt mit Eiern finde ich schliesslich mein Glück, einen Pfannkuchenbäcker - Strassenpfannkuchen, eine Schwäche, die ich mir in Yangon zugelegt habe. Er bäckt mir in seiner Gusspfanne über dem Feuer für 10 Rappen einen wunderbar luftigen Pancake, schneidet ihn mit einer Schere in Stücke und mischt ihn in einem Plastikbeutel mit Kokosraspel.

Novizen in den Strassen von Taunggyi

Anschliessend verbringe ich den grössten Teil des Morgens damit, einen Ort zu finden, wo ich meinen Computer und meine Kamera-Batterien laden könnte. Erfolglos und ziemlich verzweifelt kehre ich ins Hotel zurück, ohne Strom fehlt mir so ziemlich alles, was ich zum Bloggen und Überleben brauche. Unter zwei Decken gepackt versuche ich den Ablauf der Reportage zu planen, aber auch dazu fehlt mir so ziemlich alles. Ausser "interethnic workshop" war nicht sehr viel Konkretes aus den Organisatoren herauszukriegen. Wer sind die Teilnehmer? Wer die Leiter? Das Publikum? Das Tagesprogramm? Abwarten und schauen, was passiert. Mein Gefühl sagt mir es kommt gut und es kam gut.

Begegnungen in den Strassen von Taunggyi

Auf meine letzten Prozente Akku erhalte ich eine SMS von Rhi Rhi, sie wolle mit mir und dem Team zu einem Weingut in der Umgebung fahren, zu einem Abenddrink. Das klingt gut, wenn auch Shan State doch eher für seine Konflikte als für seinen Wein bekannt ist und ich eigentlich dachte, Buddhisten würden nicht trinken. Hier erzählt mir Ei Pwint Rhi Zan in der sanften Abendsonne und mit Blick auf die Weinberge, was unter dem Story of Friendship Programm zu verstehen ist. Das romantische Ambiente macht es schwierig, sich die zerstörerischen Kämpfe in Gegenwart zu rufen, die den Shan State seit Jahrzehnten heimsuchen.

Und am nächsten Morgen waren sie plötzlich alle da, die Erzählerinnen und Erzähler, die aus ganz Myanmar zusammenkamen, um sich hier kennenzulernen, über ihre Erfahrungen auszutauschen und darüber nachzudenken, wie das Geschichtenerzählen in den verschiedenen Gemeinschaften und Konfliktsituationen angewendet werden kann, um Brücken zu bauen in der zerklüfteten Gesellschaft, Vorurteile und Hassgefühle einzudämmen, Verständnis und Interesse zu wecken.

Teilnehmer beim Kennenlernen

Die gut 50 Teilnehmer, die meisten unter 25, gehören den unterschiedlichsten ethnischen Gruppen an. Aber sie sind nicht deswegen hier, um die anderen Kulturen kennenzulernen, mit denen sie sonst kaum bis keinen Kontakt haben. Sie sind hier, um eine Leidenschaft zu teilen, ihre Leidenschaft für's Erzählen.

Beim Erzählen

Mal laut und ausdrucksstark, mal nachdenklich und ernst, mal spielerisch und übermütig tauschen sie aus über ihre Erfahrungen als Geschichtenerzähler, ihre Schwierigkeiten gewisse Themen anzugehen, ihren persönlichen Alltag und ihre Erfahrungen mit Konfliktsituationen.

Geführt wird die lebendige Gruppe von zwei jungen Leitern, die mit viel Geschick und Einfühlungsvermögen den kreativen Ausdruck und den Gruppenzusammenhalt fördern und dafür sorgen, dass die Friedensarbeit auch mit Spass verbunden wird. Ogga ist Community Manager und hat die nicht ganz einfache Aufgabe, die sehr gemischte Gruppe von jungen Menschen, die sich heute zum ersten Mal begegnen, abzuholen. Wie ihm dies gelingt und warum er mit Mönchen Community Building macht, erzählte er mir im Innenhof der christlichen Kirche, wo der Workshop stattfindet. Wie sich zeigte, ein sehr belebter und vielbenutzer Ort, mal wird Fussball gespielt, dann Theater, dann Lieder geübt.

Am selben Ort und Treffpunkt für verschiedenste engagierte Menschen begegne ich kurz nachher Ko Ko Lwin, einem Gruppenleiter eines interethnischen Workshops mit Jugendlichen aus Rakhine, also dem Staat Myanmars der seit 2012 von heftigsten Spannungen zwischen Buddhisten und Rohingyas erschüttert wird und die seit August einen neuen Höhepunkt an Zerstörung und Vertreibung erreicht hat. Aber gerade auch junge Menschen aus diesem Staat setzen sich für ein friedliches Zusammenleben ein, trotz Verletzungen, Bedrohungen und Prägungen durch ein zu tiefst gespaltenes Umfeld. Nicht nur Ko Ko Lwin, auch Ei Pwint Rhi Zan stammt aus Rakhine (Rakhaing, Arakan).

Wie von den meisten guten Geschichten, gibt es auch von der Ursprungsgeschichte des Namens "Third Story Project" mehrere Varianten. Eine davon verrät mir der Geschichtenerzähler Thant Zin Soe und auch, was ihn dazu antreibt, in einem Land wie Myanmar an die Wirkungskraft des Geschichtenerzählens zu glauben.

Auf unserer gemeinsamen Busfahrt mit Ei Pwint Rhi Zan hatte sie mir bereits verschiedene Geschichten aus der über 34 Kinderbücher fassenden TSP-Sammlung erzählt. Ob sie die Zeit finde, mir ihre Lieblingsgeschichte zu erzählen (und ohne die Schlaglöcher und das miserable neonblaue Licht bei der Busfahrt), frage ich sie mitten in die Bienenhaufen-Stimmung. Sie strahlt als hätte ich ihr einen Gefallen geleistet und nicht sie mir und findet in Kürze ein relativ ruhiges Plätzchen.

Als ich mich nach dem anstrengenden Tag zurückziehe, die Sonne ist schon längst hinter die Berge, ist das Organisationsteam noch immer im Planungsmodus: Lasst uns jetzt noch einmal den ganzen Ablauf des morgigen Tages durchgehen!" Und ich weiss wirklich nicht, woher sie jetzt noch die Energie dafür nehmen und mache mich mit meiner Kamera auf die Suche nach einer funktionierenden Steckdose. Es hatte sich herausgestellt, dass die Aussage, dass die Elektrizität in meinem Hotel "bald komme", doch etwas zu optimistisch gewesen war. Aber aus Mitleid schaffe ich es nicht, meine Buchung zu stornieren und so bleibe ich in meiner Kammer mit Stirnlampenlicht und kalter Dusche.

Mit meinem (neuen) Pfannkuchen in der Hosentasche stehe ich am nächsten Morgen auf dem Kirchenplatz vor dem Gemeinschaftstraum, wo die Veranstaltung stattfinden wird. Es werden noch die letzten Begrüssungs-Ballons angeklebt, auf den Tischen am Eingangsbereich legen die Geschichtenerzähler Kunsthandwerk aus, schwankend zwischen Stolz auf ihre Kultur und mangelnder Kenntnisse derselben, unsicher, aus welchem Material der Stoff gewoben ist, was die Muster auf den bunten Schirmen bedeuten und ob der Schmuck für Männer oder Frauen sei. Sie lachen verlegen und ich gestehe beruhigend, dass ich keine Ahnung hätte, woraus unsere Trachten gewoben sind. Wir trinken zusammen einen Getreidesaft aus einer geheimnisvollen schwarzen Kanne, über dessen Inhalt ich mangels Sprachkenntnisse nicht viel erfahre und dann geht auch schon das Programm los.

Mit den sanften Klängen der burmesischen Sprache im Ohr und vielen Kinderbuchzeichnungen in Erinnerung steige ich gemeinsam mit Ei Pwint Rhi Zan in den Nachtbus. Dankbar ein weiteres Projekt und besondere Persönlichkeiten kennengelernt zu haben, die beweisen, dass es immer wieder gelingt auch in sehr rauem Umfeld Neues zu schaffen und einen Funken Hoffnung zu streuen. Und dass es Menschen gibt, die auch dann - und gerade dann - wenn Statistiken und Landeskarten zu konfliktbetroffenen Gebieten einem die Stimme verschlagen und jede Vorstellung von Frieden verunmöglichen, die gerade dann ausziehen, um mit den Kindern eben diese Vorstellungskraft zu trainieren, die die Worte finden, das Unmögliche anzusprechen und die Bilder schaffen, die den Zuhörern andere Welten eröffnen. Welten, in denen Diversität ein Reichtum ist, Welten, in denen das Zusammenleben eine gegenseitige Hilfe ist und Welten, in denen die Kinder frei sind von vorgefertigten negativen Bildern und Narrativen, in denen sie gewöhnlich leben.

Nach einer langen Rückreise und 30 schlaflosen Stunden lande ich mitten im Advent in der Schweizer Heimeligkeit. Auf meinem Flug um die halbe Erdkugel habe ich noch das letzte Video geschnitten und denke mir, so, das wäre ein gutes Ende für die Geschichte. Doch dann war da diese Email, kaum war ich gelandet, die mich zurückholt in die Realität und mir einmal mehr vor Augen führt, dass die Geschichte in Myanmar kein Ende findet. "Nur damit du es weisst, einer unserer Mitbegründer wurde diese Woche verhaftet, nicht wegen Third Story Project, wegen seiner journalistischen Tätigkeit." Die Nachricht bestürzt mich. Nicht nur weil ich das Projekt begleitet habe und die leuchtenden Augen der Leiter, Mitbegründer und Kinder noch vor Augen habe. Auch weil es der vierte Journalist ist, von dem ich erfahre, der seit meiner Ankunft in Myanmar verhaftet wurde. Und es wird mir einmal mehr bewusst, wie viel Mut es braucht, Geschichten zu erzählen in einem Land mit so vielen Unsicherheiten und schwankenden Fronten, wie viel Unerschrockenheit, Fragen zu stellen, wie viel Überzeugung an Gerechtigkeit und Gewaltlosigkeit zu glauben.

Und doch gibt es solche, die es tun, die es wagen, die durchhalten.

Trotz allem.

Created By
Lea Suter
Appreciate

Credits:

Lea Suter

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