Altötting Von Sebastian Beck (Text und Fotos) und Hans Kratzer (Text)

Danke Hl. Muttergottes, weil Du mich 18 Jahre nicht erhört hast und mich durch diese vielen Prüfungen und Täuschungen das Beten gelehrt hast. (Inschrift auf einer Votivtafel)

Seit Oktober 2015 habe ich in der Altöttinger Gnadenkapelle fotografiert. Eine Expedition in die schwindende Welt des Katholizismus. Dunkel. Mystisch. Geheimnisvoll. Die ganze Geschichte an diesem Wochenende im Buch Zwei in der SZ. Hier ein paar Fotos.

Bruder Karl eilt über den Kapellplatz.

Es sind diese regnerischen Abende, an denen sich das Geheimnis von Altötting offenbart. Wenn die Wallfahrer und ihre Busse verschwunden sind, der Wind über den weiten Kiesplatz fährt und die Menschen in der Dämmerung mit dem Schirm zur Gnadenkapelle huschen.

Wer an einem solchen Abend hier eintritt, der wird regelrecht eingesaugt von der Dunkelheit des Altarraums, der kaum mehr als eine enge, achteckige Kammer ist. „Heilige Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes.“ Die Augen brauchen einen Moment, bis sie die Frauen erkennen, die in den höhlenartigen Nischen den Rosenkranz murmeln, und den Pfarrer, der ihnen seinen Rücken zuwendet.

Mesner Alois Burggraf hilft Pfarrer Josef Starnecker vor dem Rosenkranz in das Messgewand.

Nachtschwarz gestrichene Wände schlucken das Licht der Kerzen. Nur der Altar schimmert in Gold und Silber. In seiner Mitte thronen ein Schrein und darin die Marienstatue, das Zentrum der Gnadenkapelle, der Mittelpunkt Altöttings – und das Herz des katholischen Bayerns.

Es riecht nach Wachs und Weihrauch. Wer hier länger steht und dem hypnotisierenden Singsang des Rosenkranzes lauscht, den beschleicht ein seltsames Gefühl. Als hätten all die Jahrhunderte des Betens und Flehens die Kapelle in ein überirdisches Gebilde verwandelt, dessen Mauern manchmal für einen Augenblick gläsern werden.

Gerade einmal hundert Kilometer sind es von München nach Altötting, eineinhalb Stunden mit dem Auto, und doch tut sich hier eine spirituelle Welt auf, die für die meisten inzwischen noch fremder ist als ein buddhistischer Tempel in Thailand. Der Wallfahrtsort ist eine Exklave des Glaubens im säkularisierten Bayern, in dem nur 15 Prozent der Katholiken am Sonntag den Gottesdienst besuchen und die Dorfkirchen meist verschlossen bleiben.

Lichterprozession im Frühjahr
Ein Sonntag Anfang Januar. Altbischof Wilhelm Schraml liest die Morgenmesse.

Hier in Altötting gibt es Messen im Stundentakt. Die besonders Frommen beten rund um die Uhr, an sieben Tagen in der Woche. Im Schichtbetrieb.

Pfingsten 2016. Es regnet, es ist kalt.

Das Oktogon ist zugleich das Innerste der Kapelle und einer der ältesten Bauten Bayerns. Die Taufkapelle stammt wahrscheinlich aus dem Jahr 700 und damit aus der Zeit der Agilolfinger, dem ersten Herrschergeschlecht des noch jungen Herzogtums. In den Wandnischen sind Urnen mit 15 Herzen bayerischer Herrscher beigesetzt. Nirgendwo sonst verdichten sich die Symbole geistlicher und weltlicher Macht so wie hier. Nirgendwo sonst spürt man so deutlich die Kontinuität von 1500 Jahren bayerischer Geschichte.

Wenn es draußen vor der Kapelle so dunkel ist wie drinnen und nur noch der Regen zu hören ist, dann kommen die Menschen, die ganz alleine sein möchten. Diejenigen, die von Schuldgefühlen und Nöten buchstäblich niedergedrückt werden. Sie laden sich eines der Holzkreuze auf, die an der Nordseite lehnen, und umrunden die Kapelle auf Knien. Zehnmal. Vierzigmal. Nachts um drei. Ein archaisches Ritual der Reinigung und Buße, bei dem nur einer ihr Zeuge ist: der Nachtwächter.

Seit 24 Jahren verrichtet Andreas Ramersberger einmal in der Woche hier seinen Dienst, von halb neun Uhr abends bis morgens um fünf, wenn der Mesner seine Frühschicht antritt. Er wehrt die Besoffenen ab, die mit Bierflaschen und Eisenstangen schmeißen oder mit dem Messer drohen. Doch mehr noch als Nachtwächter ist Ramersberger eine Art Nachtseelsorger: Auf seinem Schwarzweißmonitor kann er beobachten, wie sie nachts um die Kirche schleichen, und er spürt auch, wann er aus seinem Versteck heraustreten und ein Gespräch anbieten sollte: Trennungen, Krankheiten, Schulden, das ganz normale Elend treibt die Menschen nachts zur Gnadenkapelle.

Nächtliche Anbetung
In der Sakristei

Andachten, Gottesdienste, Auf- und Zusperren und sogar die Reinigung - in der Gnadenkapelle folgt alles einem strengen Ritual. Einmal im Jahr wird sie nach den Weihnachtsfeiertagen zugesperrt und gründlich geputzt. Der Ruß der Kerzen lagert sich auf dem Gold- und Silberschmuck ab.

Das Weihwasser wird regelmäßig ausgetauscht, weil sich darin Bakterien vermehren.

2000 Votivtafeln hängen an den Wänden der Gnadenkapelle. Dazwischen stecken Menschen Zettel mit Bitten an die Muttergottes. Ein Wunder, dass die Kirche unter der Last der Schicksale noch nicht zusammengebrochen ist. Doch gerade die Votivtafeln künden auch von Dankbarkeit und Rettung aus der Not: Unfälle, Krankheiten, Krieg. Maria hat geholfen.

Pfingstwallfahrt

Ich danke Stadtpfarrer Günther Mandl, den Mesnern Alois Burggraf, Franz Auer und Diakon Thomas Zauner für ihre freundliche Unterstützung.

Fast wäre ich wieder katholisch geworden.

Fotografiert mit Leica Q 1,7/28mm und Leica M9 mit Elmarit M 2,8/135mm und Summarit 2,5/75mm

Created By
SEBASTIAN BECK
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