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Cosmin Haias präsentiert von mq 18 Kunstplatz

Seit ich Kind bin, übt Technik und Innovation eine große Faszination auf mich aus. Als Zehnjähriger baute ich Raketen aus allen Materialien, die ich in die Hände kriegen konnte. Wie die meisten Jungen in meinem Alter wäre ich gern Astronaut geworden.
Ich glaube, dass mir meine Erfahrung als Jugendlicher, der in einem totalitären Regime in einer Art Scheinwelt aufwuchs, geholfen hat und immer noch hilft, Dinge um mich herum kritisch zu hinterfragen. Auch in meinen Werken setze ich mich mit der Postmoderne, mit dem Primat von Subjektivität, Antirationalismus und moralischem Relativismus, auseinander.
Ein Leitmotiv in meinem Leben ist die Faszination für das Neue und dessen permanente Transformation. Die Geburt der Künstlichen Intelligenzen hat diese noch einmal beflügelt.

Was wolltest du als Kind werden? Und warum? Was ist aus dir geworden?

Ich hatte nie einen festen Plan davon, was ich werden wollte. Die Antwort auf die Frage wäre wohl "Astronaut" gewesen, aber sie kam nicht aus meinem Herzen, sondern entsprach eher dem, was die Jungs um mich herum alle sagten. Und ich wurde es ja bekanntlich auch nicht. Ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt "geworden" bin. "Werden" ist für mich ein starres Konzept. Leblose Objekte "werden": Ein Stuhl wird nach der Holzbearbeitung zum Stuhl, ein Stück Metall zum Metall - und bleibt es für immer. Ich denke, dass sich Lebewesen statt zu "werden" eher "verwandeln" - kontinuierlich, fluid und dauerhaft, ohne jemals eine endgültige, dauerhafte oder stabile Form zu erhalten.

Du bist Künstler und Ingenieur - eine seltene Kombination. Wann kam das Interesse für Kunst und Technik auf?

Schon als kleiner Junge habe ich leidenschaftlich gern gemalt. Ich habe immer noch Ölgemälde von 1978-79, da war ich gerade zehn Jahre alt. Nicht weniger interessiert hat mich aber die Technik. Ich erinnere mich, wie ich Raketen aus alten Aluminiumrohren hergestellt habe. Der Treibstoff bestand aus einer Mischung aus Phosphor, den wir aus Streichholzköpfen gesammelt haben und dem zerkleinerten Material von Tischtennisbällen. Während des Unterrichts zeichneten wir leidenschaftlich Panzer und Schiffe, wie wir sie in den Filmen sahen, die dir bisweilen sehen durften. Ich denke, ich habe beide Disziplinen schon seit meiner Kindheit zusammengeführt.

Gibt es in deinem Leben ein „Leitmotiv“ / ein wiederkehrendes Thema?

Das ist einerseits die Faszination für das Neue und dessen permanente Transformation. Technologische Innovationen haben mich schon immer in ihren Bann gezogen. Ein weiteres Leitmotiv ist das Bewusstsein, dass die Kunst Einfluss auf die Gesellschaft ausübt. Für mich hat sie eine große Kraft, Signale zu setzen. In der heutigen Zeit ist das vor allem in Bereichen wie Umweltverschmutzung, Klimawandel, Ausschöpfung der verfügbaren Ressourcen von Bedeutung.

Du hast mehr als die Hälfte deines Lebens in einem kommunistischen Land gelebt. Inwiefern hat dich das deiner Meinung nach geprägt?

Das hat mich natürlich sehr stark geprägt. Nach der politischen Wende hatte ich einen großen Hunger nach Informationen jedweder Art und nach Kultur. Das westliche Wertesystem war mir völlig unbekannt und wie jeder junger Mensch, der in den „goldenen Jahren“ des Kommunismus lebte, empfand auch ich das kommunistische System als chaotisch, deformiert und letztlich fehlerhaft. Allerdings haben mir gerade diese Erfahrungen geholfen, Dinge kritisch zu hinterfragen und zu bewerten. Wenn man mit diesem kritischen Blick durchs Leben läuft, dann erscheinen einem einige Theorien als äußerst fragwürdig: Moralischer Relativismus, Politisierung von Wissen, und die von Paul Feyerabend beschriebene „Anything goes“-Mentalität, Selbstreferenzialität und das Primat von Subjektivität sind einige Dinge, die Postmoderne und Postpostmoderne hervorgebracht haben, und die ich in meinen Werken in Frage stelle.

Warum beschäftigt dich das Thema „Künstliche Intelligenzen“?

Vor allem aus der oben beschriebenen Faszination von Innovation und Transformation. Mit der artifiziellen Intelligenz (A.I.) ist die zweite intelligente Spezies nach dem Menschen geboren. Mich bewegt die Frage, welche Auswirkungen das auf unsere menschliche Gesellschaft haben wird und wie sie sich dadurch verwandeln wird. Denn dass diese alles um uns herum verändern, ist zweifellos!

Nimmst du die Entstehung und Weiterentwicklung der A.I. eher als Bedrohung oder als Chance wahr?

Natürlich habe ich Bedenken hinsichtlich der Gefahren, denen wir bei der Entwicklung der A.I. ausgesetzt sein könnten. Wie bei allem gibt es auch hier Licht- und Schattenseiten. Es gibt bereits fragwürdige Einsätze der A.I. wie zum Beispiel die Analyse von Wahlverhalten und entsprechende Manipulationen oder die Nachahmung von Stimmen, die auf weltpolitischer Ebene fatale Auswirkungen haben könnte. Ich denke, eine Sondierung zwischen den für gut befundenen Entwicklungen und den schädlichen, wird einige Jahre dauern. Hoffentlich nur so lange, wie große Katastrophen vermieden werden können. Wenn aber einmal allgemein gültige Verträge oder Konventionen gefunden wurden, dann wird die Menschheit von der A.I. meiner Meinung nach unglaublich profitieren.

Wo genau siehst du Chancen in dieser Entwicklung?

In vielen Bereichen des täglichen Lebens hat sich die A.I. bereits verdient gemacht, ohne dass wir das groß zur Kenntnis nehmen. In Spezialgebieten ist das denke ich anders, etwa in der Nanotechnologie oder der Nanomedizin. Auch im Bereich der Quantencomputer, der Weltraumforschung oder der Automobilindustrie tut sich hier Unglaubliches. Ich denke, perspektivisch wird es kaum einen Bereich geben, der von der A.I. nicht profitieren wird.

Möglicherweise ist die A.I. auch dafür geschaffen, um uns aus der erstarrten, korrupten politischen Situation zu befreien, der wir uns gegenüber sehen und die das Potenzial hat, die Menschheit zur Selbstzerstörung zu treiben. Oder aber die Zerstörung erfolgt über die A.I. ;-)

In welchen Bereichen wird der Mensch der A.I. überlegen bleiben?

Ich glaube, dass sich diese Frage irgendwann gar nicht mehr stellen wird, weil die Grenzen zwischen den Spezies perspektivisch zerfließen werden. Nämlich dann, wenn wir unsere biologischen Grenzen überwunden haben und die Rechenleistung von Computern der des Menschen überlegen sein wird und wir auf neuronaler Ebene verbunden sind. Aber bis es so weit ist, wird der Mensch der A.I. im Bereich der Erzeugung von Kunst, Kultur und Wissenschaft überlegen sein.

Welche neuen Aufgaben kommen dabei auf die Kunst zu?

Diese Frage lässt sich für mich nicht beantworten. Die Bildende Kunst gehört zu den wenigen Disziplinen, von der die Mehrheit der Menschen immer noch meint, sie nicht zu begreifen. Ein Unverständnis, das nichts mit dem Unverständnis der technischen Disziplinen zu tun hat. Die genauen Wissenschaften sind logisch, man versteht sie, sobald man den Mechanismus versteht. Kunst dagegen ist manchmal irrational, provokant, erhaben, oder dekadent, genial, instinktiv oder apathisch, sie bringt emotionale Erfahrungen zu Tage, die nichts mit Logik zu tun haben, Konzepte, die versuchen, Emotionen durch ästhetische oder unästhetische Ansätze, abstrakte, obskure oder gewalttätige Aktionen, sozialen, politischen oder kulturellen Aktivismus zu wecken. Dies schließt jede Möglichkeit aus, Prophezeiungen bezüglich der Zukunft der Kunst zu treffen. Doch unabhängig davon, wie sich die Dinge im Zeitalter der A.I. entwickeln werden, meine ich, dass sie weiterhin die Rolle spielen kann, die sie im Laufe der Geschichte schon immer übernommen hat: Nämlich die Menschheit zu bändigen und zu humanisieren.

Es gibt einige Eigenschaften, die werden dem Menschen noch eine Zeit lang zu eigen bleiben, wie zum Beispiel das Mitgefühl. Zumindest so lange, bis die Grenzen zwischen den Spezies perspektivisch zerfließen werden.
Auch im Zeitalter der A.I. wird die Kunst die Rolle spielen, die sie im Laufe der Geschichte schon immer übernommen hat: Nämlich die, die Menschheit zu bändigen und zu humanisieren.

Cosmin Hais ist mit seiner Ausstellung MATRIX DER GEWALT und die stille Einsamkeit des Quantenkalküls vom 15. - 19. Mai 2019 in der Galerie WELTRAUM in München zu sehen.

Created By
Katrin Frische www.frische-biografien.de
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Credits:

Massimo Fiorito, Pietro Fiorito

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