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Crossing Vancouver Island Auftakt für ein halbes Jahr im Sattel

Zwei Mountainbikes, ein Zelt und sechs Monate Zeit: Von Vancouver aus fuhren wir gen Süden und erzählten währenddessen auf unserem Blog Backcountry Diaries Anekdoten von Bergen, Wäldern, Wellen, Freud und Leid einer Radreise, Begegnungen am Wegesrand und dem Outdoor-Leben aus einer Handvoll Packtaschen.
Die Tage in Vancouver sind gefühlt verdammt schnell vorbei. Ein paar Ausflüge in die immer nahe Natur, ein wenig SightSeeing, in Bars und Cafes rumhängen und grundsätzlich erstmal mit dem immensen Zeitkontingent klar kommen.
Stanley Park // Die Natur ist in Vancouver nie weit weg
Ich schalte runter. Es knarzt. Es knackt. Es quietscht und schleift und nichts geht mehr. Die Kette klemmt, der Freilauf hakt. Doch am Ende des Tages ist die erste Panne behoben und wir um ein paar Schrauber-Skills reicher.
Das Feuer prasselt, der Wind rauscht durch die Baumwipfel über uns ...
... und der Blick schweift über die Strait of Georgia, hinter der die Berge vom weichen Abendlicht ümhüllt werden.
Hand aufs Herz: Wir sind Experten für Übergepäck! Gut, dass wir zumindest die Surfboards zuhause gelassen haben.
Links, rechts, links, rechts. Berge haben sich zu meiner Spezialität entwickelt: Stoisch gelassen, in einem kraftschonenden niedrigen Gang trete ich den nächsten Hügel hoch. Der Blick geht nur bis knapp vor das Vorderrad. Das schont den Nacken und erspart den demotivierenden Anblick der Steigung. In meiner Funktion als Metronom fahre ich vorne weg.
Die Inselquerung ist eine mehrtägige Exkursion durch das Innere von Vancouver Island, über gefühlt 4000 Meter hohe Pässe und entlang bildschöner Seen, gesäumt von undurchdringlichen Regenwäldern. Und das ist jetzt keine Schreiber-Rhetorik, sondern mein voller Ernst, denn selbst wenn man ambitioniert in das Dickicht hätte vordringen wollen, wäre man vermutlich nach wenigen Metern in der misslichen Lage gewesen, ohne fremde Hilfe weder vor noch zurück zu kommen. Der Schwarzbär allerdings beherrscht die Fortbewegung durchs Unterholz offenbar Perfekt – so plötzlich, wie er Armlängen entfernt vor uns auftaucht, verschwindet er auch wieder in der grünen Wand.
Aus einer Straßenbreite Entfernung beobachten wir, wie der Bär langsam Richtung Waldrand davon tappst und dabei hier und da ganz entspannt an ein paar Zweigen knabbert. Als er nicht mehr zu sehen ist, machen wir uns langsam wieder auf den Weg. Die nächsten bergigen Kilometer vergehen wie im Flug, dem Adrenalin sei dank. Ziemlich geflasht von der Begegnung freuen wir uns über die nächste Abfahrt, zur Rechten ein beeindruckender Panoramablick über den Kennedy Lake.
Camping with a view // Unser Nachtlager am Ufer des Kennedy Lake ist das reinste Kanada-Idyll
"WHAT HAPPENS IN UKEE STAYS IN UKEE", SPRICHT EIN AUFKLEBER AUF EINEM FÜR BC OBLIGATORISCHEN OVERSIZE-PICKUP. UND MIT DIESER SIMPLEN STOSSSTANGEN-WEISHEIT IST SCHON VIEL ÜBER DAS VERSCHLAFENE NEST AN DER WESTKÜSTE VON VANCOUVER ISLAND GESAGT. UCLULET – NEBEN TOFINO IM NORDWESTEN EIN PFLICHT-STOP AUF DEM TOURISTISCHEN PILGERPFAD ENTLANG DER KANADISCHEN PAZIFIKKÜSTE – VERSTRÖMT DEN CHARME EINER ORTSCHAFT "AM ENDE DER STRASSE". EIN PAAR VERWITTERTE HOLZFASSADEN, DENEN MAN DAS RAUE, VON STÜRMEN UND ERGIEBIGEN NIEDERSCHLÄGEN GEPRÄGTE KLIMA DEUTLICH ANSIEHT, EINE SHOPPING MALL, DIE DEN KONSUM-ASSOZIATIVEN NAMEN NICHT VERDIENT, EIN SURFSHOP, EIN SCHNUCKELIGES CAFÉ UND EIN ÜBERSCHAUBARER, ABER DURCHAUS PITTORESK GELEGENER HAFEN. MIT DEN ANGEBOTENEN WHALEWATCHING-TOUREN UND ANGELAUSFLÜGEN ERINNERT MICH UKEE STARK AN DIE NOCH ETWAS VERLASSENEREN SIEDLUNGEN AN NEUSEELANDS KÜSTENLINIE NÖRDLICH DES FJORDLAND – ICH MAG'S. ICH MAG'S SOGAR SEHR. GRETA HINGEGEN BEKOMMT DEN BLUES. VOR ALLEM WENN ES REGNET, SO WIE GESTERN.
Mit zwei Löffeln Erdnussbutter intus läuft der Motor bestimmt noch ne Weile. Die Müsliriegel sind längst vernichtet, also behelfen wir uns eben anderweitig.
Grauwale strecken gelegentlich am Horizont ihre Köpfe aus dem Wasser oder hinterlassen zumindest eine Atemwolke, bevor sie buckelnd wieder in den Tiefen verschwinden.

Viel Holz, viel indianische Kunst, stylische Cafés und Bars - Tofino ist die Bohème der Westküste, während Ukee den Arbeiter mit dreckigen Fingernägeln mimt. Der Ort lebt vom Tourismus, den Whalewatchern, Kajakern, Surfern und Naturfreaks.

ANSTRENGEND WAR ES, EIN STÄNDIGES AUF UND AB. DREIEINHALB TAGE HABEN WIR GEBRAUCHT, UM VON PARKSVILLE NACH UCLULET ZU PEDALIEREN. DREIEINHALB TAGE, AN DENEN ICH MEHR ALS EINMAL DURCHRECHNETE, OB DIE REISEKASSE DEN SPONTANKAUF EINES VIERRÄDRIGEN GEFÄHRTS ZULASSEN WÜRDE. DREIEINHALB TAGE, AN DENEN WIR JEDEN ABEND, STOLZ AUF UNSER TAGESWERK, DAS ZELT AUFSTELLTEN, UNSERE VORRÄTE AN EINEM BAUM VERZURRTEN UND UNS – NACHDEM DER BENZINKOCHER VERSTUMMTE – IN DIE SCHLAFSÄCKE ROLLTEN. UNSERE KNIE, SEHNEN UND MUSKELN SPÜREN WIR DEUTLICH, ABER ERNSTHAFTE BLESSUREN BLEIBEN AUS. NACH UNSERER BISHER LÄNGSTEN ETAPPE VON ÜBER 70 BERGIGEN KILOMETERN UND DER ANSCHLIESSENDEN – AUS MANGEL AN ZIVILISATION UND ALTERNATIVEN – WILDGECAMPTEN NACHT AM UFER DES WUNDERBAREN KENNEDY LAKE FÜHLEN WIR UNS FAST UNBESIEGBAR. DER STOKE SASS AUF JEDEN FALL AN DIESEM ABEND MIT UNS AM SEEUFER UND FLÜSTERTE UNS MIT BERAUSCHENDER INTENSITÄT INS OHR, IN DIESEM MOMENT GENAU DAS RICHTIGE ZU TUN. JA, EINE GEWISSE AMBIVALENZ HAT DAS REISEN MIT DEN RAD SCHON INNE.
WENN ICH AN DIE WESTKÜSTE VON VANCOUVER ISLAND DACHTE – LANGE BEVOR DER PLAN ZU DER REISE ENTSTAND – HATTE ICH IMMER DICHTE WÄLDER IM KOPF, DIE BIS AN DEN TOSENDEN, KALTEN UND PERFEKTE WELLEN FORMENDEN PAZIFIK REICHEN. DIE WEITLÄUFIGEN STRÄNDE BEDECKT VON HÖLZERNEM STRANDGUT, DAS AUFGRUND SEINER SCHIEREN GRÖSSE SO MANCHEN FRACHTER AUF OFFENER SEE IN BEDRÄNGNIS BRINGEN KÖNNTE. IM HINTERGRUND VIELLEICHT SCHNEEBEDECKTE GIPFEL UND EIN PAAR MARODIERENDE BÄREN, DIE LACHSE DIREKT AUS EINEM NATURBELASSENEN FLUSS FANGEN.
Die Zeit in Tofino ist sehr entspannt. In zwei kleinen Etappen hangeln wir uns von Uclulet via Green Point bis zum hochgelobten "Bella Pacifica Campground" hinauf, um festzustellen, dass dort nicht mal mehr ein Platz für unser kleines Zelt zu finden ist.
NUN, WAS SOLL ICH SAGEN ... DAS WILDNIS-WONDERLAND IM GEISTE UNTERSCHEIDET SICH NUR IN BEINAHE NICHTIGEN DETAILS VON DER WESTCOAST-WIRKLICHKEIT. DICHTE WÄLDER – CHECK. UND TATSÄCHLICH BEFINDEN SICH DIE MOOSIGEN REGENWÄLDER IN PERFEKTER KOEXISTENZ MIT FEINEN SANDSTRÄNDEN, AUF DENEN LOSE VERTEILT MÄCHTIGE HOLZSTÄMME LIEGEN. DER KALTE PAZIFIK – CHECK. DER ATEMRAUBENDEN WASSERTEMPERATUR TROTZEN WIR BEI BEDARF ALLERDINGS MIT DEN EIGENS MITGEFÜHRTEN NEOPRENANZÜGEN. WOMIT WIR ZU DEN PUNKTEN "TOSEND" UND "PERFEKTE WELLEN FORMEND" KOMMEN, VON DENEN WIR UNS ANGESICHTS DES DEUTLICH HINTER SEINEN MÖGLICHKEITEN BLEIBENDEN PACIFICOS ABER LEIDER DISTANZIEREN MÜSSEN. NUR SOVIEL DAZU: 9"0 UND 8"6. NEIN, NICHT DIE KOORDINATEN DER ERHOFFTEN SURFSPOTS, SONDERN DIE LÄNGE DER BRETTER, DIE NÖTIG WAREN UM IN DEN HÜFTHOHEN UND MIT DEM DRUCK EINES UMFALLENDEN WASSEREIMERS BRECHENDEN WELLEN EINEN ANGENEHMEN, JEDOCH SURFTECHNISCH EHER FLACHEN NACHMITTAG ZU VERBRINGEN.
SCHNEEBEDECKTE GIPFEL – CHECK. ZUMINDEST WENN MAN DEN BLICK OSTWÄRTS ÜBER DAS BEINAH UNGLAUBLICH SCHÖNE TOFINO-INLET SCHWEIFEN LÄSST. BLEIBEN NOCH DIE SCHAURIG SCHÖNEN BEGEGNUNGEN MIT DER LOKALEN FAUNA – DOUBLECHECK. MITTLERWEILE IST UNS BEREITS BÄR NUMMER 2 AM STRASSENRAND BEGEGNET.
Nach fünf Tagen in Tofino schrumpft unsere Reisekasse zusehends und wir machen uns gut gesättigt, mit etlichen Cappuccini betankt auf den Weg zurück nach Uclulet, wo ich noch am selben Abend 50 herrenlose Dollar auf der Straße finde. Großartig und - da sind wir uns einig - mit Sicherheit auf unser immens gutes Karma zurückzuführen. Die 50 Bucks wechseln am nächsten Morgen an Bord der betagten Francis Barkley ihren Besitzer und ermöglichen uns eine sechsstündige Passage durch die teils in stimmungsvollen Nebel gehüllten Broken Group Islands zurück nach Port Alberni.

Langsam arbeitet sich die Sonne durch den dichten Pazifik-Nebel, der den Hafen von Ucluelet auch an diesem Morgen einhüllt.

Mit behäbig tuckerndem Schiffsdiesel schippert uns der um Erklärungen und Anekdoten nicht verlegene Kapitän durch Nebelbänke und vorbei an kleinen, bewaldeten Inseln, die wie Brotkrumen im Ententeich lose im küstennahen Pazifik verteilt liegen.

Auf dem Cowichan Valley Trail, einer ehemaligen Eisenbahntrasse zwischen Duncan und dem Cowichan Lake, kommen wir blitzschnell und ungestört vom motorisierten Verkehr voran.
Camp-Life auf Vancouver Island.
Mittlerweile sind wir via Nanaimo und Duncan zum Cowichan Lake geradelt und werden morgen bei Port Renfrew erneut auf den Pazifico treffen.
Manchmal öffnet der Pazifik spontan seine Kühlschranktüren und schickt eiskalte Nebelbänke ins Landesinnere.
Ankunft in Victoria // Nach 6 Wochen im Zelt ist so ein Hostel-Bett schon ein feiner Luxus.
Ein letzter Abend in Victoria, bevor wir Kanada Per Fähre verlassen und auf amerikanischer Seite in Port Angeles das nächste Kapitel auf unserer Reise in den Süden aufschlagen.

Unsere Reise haben wir auch über Vancouver Island hinaus umfangreich dokumentiert und können Ihnen entsprechendes Material zu Washington State, Oregon und Kalifornien anbieten. Die hier gezeigten Fotos sind eine exemplarische Auswahl und wurden für die reibungslose Scroll-Präsentation teilweise verkleinert. Wenn Sie mehr sehen möchten, schicke ich Ihnen gerne eine erweiterte Auswahl zu – bei Bedarf selbstverständlich auch in voller Auflösung. Weitere Velo-Fotos finden Sie außerdem in unserem Instagram-Feed und natürlich auf unserem Reiseblog, eher themenfremdes auf meiner Website. Falls Sie darüber hinaus Text-Referenzen benötigen, stelle ich Ihnen gerne eine Auswahl mit veröffentlichten Reisereportagen zusammen.

Credits:

Alan Klee // www.backcountrydiaries.com // www.alanklee.com

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