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Müllfreies Putzen lernen Wie ich einen Nachhaltigkeits-Workshop ganz alleine organisiert habe

Text und Bilder: Ema Jerkovic

Aufmerksam schaue ich in den Raum. Gruppe 1 verschüttet gerade ein wenig Soda auf dem Tisch, direkt neben den Kaffeeflecken auf dem hellen Holz. Gruppe 2 füllt ihre Behälter mit Wasser auf und Gruppe 3 reibt die gut riechende Olivenseife, die ich extra nur in Karton verpackt gekauft habe. Alle unterhalten sich erregt. Allmählich blende ich die hektische Geräuschkulisse aus und atme tief durch. Ich habe es geschafft. Einen ganzen Workshop alleine organisiert. Und dabei auch noch über müllfreies Putzen.

Jährlich verbrauchen wir 1,3 Millionen Tonnen Wasch- und Reinigungsmittel im privaten Verbrauch. Diese teilen sich auf in 630 000 Tonnen Waschmittel, 220 000 Tonnen Weichspüler und 480 Tonnen Reinigungs- und Pflegemittel, davon fallen etwa 260 000 Tonnen an Geschirrspülmittel an. Doch wieso ist das so problematisch? In Wasch- und Reinigungsmitteln sind auch chemische Mittel enthalten, die ins Abwasser gelangen. Und zwar nicht nur eine kleine Menge, sondern 630 000 Tonnen jährlich. Diese können langsam unsere Atemwege oder Haut angreifen. Auch sind herkömmliche Wasch- und Reinigungsmittel zumeist in Plastik verpackt. Man geht davon aus, dass Mikroorganismen nicht in der Lage sind, Kunststoffe vollständig zu zersetzen. Plastik ist biologisch inert und daher auch kaum einer Mineralisation unterworfen. Das bedeutet, dass Mikroplastikpartikel zwar kontinuierlich kleiner, aber nicht vollständig abgebaut werden. Weltweit wird eine Anreicherung von Kunststoffen an Stränden, in Meeresstrudeln und Sedimenten beobachtet. Kunststoffe überleben so bis zu 500 Jahre in Böden und Gewässern. Außerdem können unbekannte Zusatzstoffe unser Hormonsystem schädigen. Zahlreiche Studien beweisen, dass sich Chemikalien aus dem Kunststoff lösen und im Körper wie Hormone wirken – was den Stoffwechsel natürlich komplett durcheinander bringt. Dadurch können gravierende Gesundheitsschäden auftreten, von Allergien und Fettleibigkeit bis hin zu Unfruchtbarkeit, Krebs und Herzerkrankungen.

Mein Bewusstsein gegen diese Gefahren fing erst im September 2018 an, als ich für ein akademisches Austauschjahr nach Irland gezogen bin. Zwar gefiel mir die Stadt, die neue Uni und die gutgelaunten Leute, doch fand ich es erschreckend, wie viele Produkte eigentlich in Plastik verpackt waren. Ich fing an, mich noch intensiver mit Fragen und Prozessen auseinanderzusetzen, die die Umwelt und den Klimawandel betreffen. Als ich dann 2019 wieder zurück nach Deutschland zog, wohnte ich zum ersten Mal alleine in einer eigenen Wohnung. Schon in Irland habe ich die Zero-Waste-Bewegung im Internet entdeckt und wusste, dass ich in Zukunft auch so leben möchte. Mir war aber auch bewusst, dass ich nicht alles auf einmal ändern konnte, sondern schrittweise vorgehen musste. Ich entschied mich dann, im Haushalt, also vor allem bei den Putzmaterialien, anzufangen. Zero Waste ist nichts, was man einfach über Nacht „perfekt“ durchführt, sondern ein Prozess und jeder kleine Schritt ist ein Erfolg.

Doch was ist Zero Waste überhaupt? Die Zero Waste Bewegung boykottiert Müll. Es wird das Ziel verfolgt, ein Leben zu führen, bei dem möglichst wenig Abfall produziert wird und Rohstoffe nicht vergeudet werden. Dem liegen drei Gesellschaftskonzepte zugrunde. Zum einen existiert die Wegwerfgesellschaft, die geprägt ist durch eine Wegwerfmentalität, demnach eine Mentalität, die durch schnelles Konsumieren, den verschwenderischen Umgang mit natürlichen Ressourcen und Umweltverschmutzung geprägt ist. Dabei werden Einwegprodukte benutzt, obwohl diese eigentlich auch langfristige Konsumgüter sein könnten, jedoch wird die Pflege und Instandhalten der Produkte nicht verfolgt, sondern schnell zum Ersatz neue Produkte gekauft. Güter landen somit schnell in der Mülltonne. Der Weg eines Produktes ist demnach linear und wird von der Bewegung vermieden.

Die Recyclinggesellschaft ist geprägt durch einen Drang zur Wiederaufbereitung von Produkten. Dabei werden Produkte jedoch oft so bearbeitet, dass sie keine Primär- sondern Sekundärrohstoffe sind. Jedoch kann diese Sicherheit, diese Möglichkeit, immer zu recyceln, auch eine Beruhigung für das Gewissen sein, um immer mehr zu kaufen und letztendlich trotzdem eher den Werten einer Wegwerfgesellschaft zu verfallen. Trotzdem soll jeder Müll, der nicht vermieden werden kann, in der Bewegung recycelt oder kompostiert werden. Eine Kreislaufwirtschaft ist ein regeneratives System, in dem der Ressourceneinsatz, die Abfallproduktion, die Emissionen und die Energieverschwendung durch einen geschlossenen Energie- und Materialkreislauf minimiert bzw. aufgelöst werden. Der Weg der Produkte ist demnach zirkulär, wie ein Kreis, und die Idealvorstellung der Bewegung.

Doch zurück zu meinem eigenen Workshop. Er wurde von mir während der Projektwoche Nachhaltigkeit der Uni und HTWG angeboten und ist im Rahmen der Qualifikation N durchgeführt. Die Qualifikation N ist ein Nachhaltigkeitszertifikat der Uni Konstanz, über das man sich mit anderen Studierenden und Akteuren an der Uni und in der Stadt vernetzt, sich durch Schlüsselqualifikationsseminare weiterbildet – und ein eigenes Praxisprojekt durchführt. Lange Zeit war ich unschlüssig, was ich als Projekt durchführen könnte. Bis es mir wie Schuppen von den Augen fiel: Wieso nicht das weitergeben, mit dem ich mich in letzter Zeit so stark beschäftigt habe?

„Und diese Entscheidung hat sich gelohnt“, denke ich, während ich meine Workshop-Teilnehmer bei der Arbeit beobachte. Ein warmes, wohliges Gefühl breitet sich in meiner Brust aus. Passioniertes Wissen weitergeben macht unglaublich zufrieden und gibt mir Hoffnung auf eine andere, bessere Zukunft. Dieses Gefühl hält noch ein paar Tage an und wird durch eine lobende Mail einer Teilnehmerin verstärkt. Und es macht süchtig. Das wird wohl nicht mein letzter Workshop gewesen sein.