Die Psychologie des Bösen Wie gewöhnliche Menschen zu Tätern werden

Reiner Knudsen

Richtungscoach und Wegbegleiter

Praxis für seelische Männergesundheit

Psychologische Beratungspraxis

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twitter: @richtungscoach

Das Böse ist ein vorsätzliches Verhalten, dass unschuldige andere schädigt, missbraucht, erniedrigt, entmenschlicht oder vernichtet – oder der Gebrauch von Autorität und Rang, um im eigenen Namen solches Verhalten bei anderen zu fördern oder zu gestatten.

Prof. Philip G. Zimbardo, "Der Luzifer Effekt"

Psychologie ist nicht Entschuldiologie.

Prof. Philip G. Zimbardo

Das Stanford Prison Experiment

  • 1971, Stanford University, Palo Alto, USA
  • 24 durchschnittliche Studenten
  • zufällig bestimmt: 12 Wärter, 12 Häftlinge
  • Nachbau eines Gefängnistrakts im Keller der Universität
  • Geplante Länge: 14 Tage
  • Prof. Zimbardo selber übernimmt die Rolle des Gefängisleiters
  • Erniedrigendes und sadistisches Verhalten der Wärter ab Tag 2
  • Psychischer Zusammenbruch und Entlassung eines "Häftlings" an Tag 3
  • Abbruch des Experimentes an Tag 6
Zusammenbruch an Tag 3

Philip Zimbardo wird durch seine eigene Rolle in diesem Experiment selber Opfer der Wirkungszusammenhänge seines Experiments, Opfer der situativen Faktoren.

In diesem Augenblick, an diesem Ort schwor ich mir, jegliche Macht, die mir je zur Verfügung stehen würde, für das Gute und gegen das Böse einzusetzen, das Beste im Menschen zu fördern, für die Befreiung der Menschen aus ihren selbst auferlegten Gefängnissen zu arbeiten und allen Systemen entgegenzuwirken, die das Versprechen von Glück und Gerechtigkeit für die Menschen pervertieren.

Das hätte mir nicht passieren können.

Wir können nur das (von uns) erwarten was wir aus vergleichbaren Situationen kennen

Jeder Mensch kann in übermächtige soziale Situationen geraten, in der er sich irrational, dumm, selbst zerstörerisch, antisozial und hirnlos verhält .

Solche Situationen können das menschliche Wesen (individuell) so verändern, dass unser Sinn für die Stabilität und Konsistenz der individuellen Persönlichkeit, des Charakters und der Moral gestört wird.

Der Mensch ist nicht, er verhält sich.

Eine Situation ist nie eine Wahrheit! Sie ist immer die Sicht einer Person, sie ist immer eine Interpretation auf Basis einer Erkenntniswelt.

Sieben Wege, antisoziales Verhalten zu begünstigen

  • Alles beginnt mit einem gedankenlosen ersten Schritt
  • Entmenschlichung: Menschen ihre Menschlichkeit nehmen
  • Deindividuation (Anonymität)
  • Persönliche Verantwortung verschleiern
  • Blinder Gehorsam
  • Gruppenkonformität
  • Passives Tolerieren von antisozialem Verhalten durch Untätigkeit

Besonders gefährlich: Neue und ungewohnte Situationen

Entmenschlichung

Aussonderung bestimmter Menschen oder Gruppen aus der Gesamtheit der Menschen

  • Ausschaltung menschlicher Werte und Rechte
  • Begünstigt die eigene moralische Abkopplung
  • Reduziert kognitive Dissonanz
Flüchtlingsmassen (Bild: Getty Images)
Totes Flüchtlingskind

Zentraler Prozess bei Vorurteilen, Rassismus und Diskriminierung

De-Individuation (Anonymität)

Anonymität enthemmt durch das Reduzieren der Hinweise auf die individuelle soziale Verantwortlichkeit und reduziert das Bedürfnis nach kritischer (moralischer) Selbsteinschätzung

Krieger der Tribu Lunok (Bild: arco-images)
  • Der Akteur erreicht einen Zustand, in dem er nur agieren, aber nicht mehr reflektieren muss/kann
  • Die innere Steuerung ist ausgeschaltet
  • "Niemand weiss, wer ich bin"
Hooligans im Fußballstadion (Bild: welt.de)

Es ist nachgewiesen, dass "Krieger" viel häufiger übersteigerte Gewalt (Folterung, Verstümmelung, Vergewaltigung) anwenden, wenn sie ihr Äußeres verändert oder anonymisiert haben.

Das Prinzip der Deindividuation wird z.B. im Militär und bei Polizeieinheiten gezielt eingesetzt, um die Akteure zu enthemmen.

Blinder Gehorsam

Die (scheinbare) Berechtigung von Autoritäten, Anweisungen zu erteilen, wird nicht in Frage gestellt.

  • Die eigene (kritische) Reflexion kann unterbleiben
  • Die moralische Abkopplung gelingt
  • Die eigene Verantwortung wird bedeutungslos
  • "Ich habe nur einen Befehl befolgt"
Stanley Milgram's Gehorsam-Experiment (1961)
Das Elektroschockgerät
Es ist weder hirnlos noch sinnlos, sondern lediglich eine andere Gedankenwelt

Thomas Joiner Why people die by suicide über palästinenische jugendliche Selbstmordattentäter

Konformität

Dazu gehören zu wollen, Teil eines sozialen Systems zu sein, ist nach den physiologischen Grundbedürfnissen das für das Überleben wichtigste Streben des Menschen.

  • Die eigene Gruppe sichert das Überleben (Ingroup)
  • Die "Anderen" werden als Konkurrenten, als Gefahr wahrgenommen (Outgroup)
  • Autonomie dagegen erzeugt Stress – bis hin zur Aufgabe
  • In der Gruppe gelingt moralische Abkopplung am einfachsten
Konformitätsexperiment von Solomon Ash (1951)
"Die Zwölf Geschworenen" (Twelve angry men), 1957
Die eingebildete Gefahr, in die „Outgroup“ verstoßen zu werden, kann manche Menschen dazu verleiten, praktisch alles zu tun, um die beängstigende Ablehnung zu verhindern.

Prof. Philip Zimbardo The Lucifer Effect

Passive Toleranz

Die Toleranz von antisozialem Verhalten, das eigene Nicht-Handeln, fördert und befeuert das Böse.

Es entsteht die Angst

  • etwas Falsches zu tun,
  • sich zu blamieren,
  • aus der Gruppe der Zuschauer heraus zu treten,
  • eine Situation nicht zu überschauen
Perversion des Nichts-Tuns
Damit das Böse triumphieren kann, reicht es aus, dass gute Männer nichts tun.

Edmund Burke, brit. Staatsmann

Beispiel: US-Gefängnis Abu Ghraib (Irak), 2003

Das Gefängis Abu Ghraib

Der kritische Zellenblock wird von einer Reserveeinheit der Militärpolizei bewacht. Kaum einer der Soldaten hatte Erfahrung im Strafvollzug.

In diesem Zellenblock wurden die Verhöre der Gefangenen durchgeführt.

Es gab keine formelle Aufzeichnung von Namen oder Anklagen.

Die Verhörteams bestanden aus Zivilisten, die sich selbst den MP gegenüber nicht mit Namen und Befehl auswiesen.

Die MP wurden angewiesen, die Gefangenen unter Anwendung aller verfügbaren Mittel auf Verhöre "vorzubereiten".

Es gab keinerlei militärische Aufsicht in dem Zellenblock.

Die MP verloren jegliche moralische Wertvorstellung im Umgang mit den Häftlingen.

Sobald Häftlinge eingeliefert wurden, bekamen sie sofort Sandsäcke über den Kopf gezogen. Dann fesselte man ihnen die Handgelenke mit Kabelbindern, warf sie zu Boden, zog einige nackt aus. Uns allen wurde gesagt, sie seien nichts als Hunde. So entsteht ein bestimmtes Bild von den Leuten, und ganz plötzlich sieht man sie als Untermenschen an, und dann macht man Dinge mit Ihnen, die man sich nie hätte träumen lassen. Es war ausgesprochen beängstigend.

MP Ken Davis

Das System

Die MP wurden von den Vorgesetzten als "bad apples" – bei uns sagt man typischerweise "Einzelfälle" – bezeichnet (Dispositionelle Sicht)

Es wurde nicht gefragt, welche Verantwortung versagt hatte, um die Umstände in dem Zellenblock für MP und Gefangene erträglicher und handhabbar zu machen (Situative Sicht)

Es wurde nie eine Verantwortung derer eingefordert, die die systemischen Voraussetzungen geschaffen hatten (Systemische Sicht)

Abu Ghraib ist ...

lange her?

weit weg?

ein amerikanisches Thema?

Aktuell, hier bei uns, ein deutsches Thema:

Pegida

Entmenschlichung: "Viehzeug", "Gelumpe" und "Dreckspack"

Anonymität

Blindes Folgen von "Autoritäten" (Bachmann, AfD...)

Konformität

Was lernen wir?

Nur wer bereit ist, anzuerkennen, dass wir alle in Situationen kommen können, die uns zu unvorhersagbarem Verhalten veranlasst, kann aufmerksam sein

Aufmerksam ... für die Menschen, die wir nicht (mehr) bereit sind, als Menschen zu beachten und wertzuschätzen

Aufmerksam ... für den Moment, wenn wir geneigt sind, unsere eigenen Werte zu verraten, um "dazuzugehören"

Aufmerksam ... für die Situation, in der wir uns blind (scheinbaren) Autoritäten beugen

Aufmerksam ... für alles, was wir unterlassen, wenn wir wissen, dass wir handeln müssen

Aufmerksam ... für den ersten kleinen Schritt, den wir oder andere tun

Created By
Reiner Knudsen
Appreciate

Credits:

Pictures by prisonexperiment.org

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