Loading

Roboter und künstliche Intelligenz in menschlicher Verkleidung Richard copland

Roboter und die Dienstleistungsbranche

Die Serviceroboter-Branche wurde 2015 auf 7 Milliarden US-Dollar taxiert – ein Wert, der Erwartungen zufolge in den nächsten Jahren auf schätzungsweise 40 Milliarden US-Dollar ansteigen wird. Die Internationale Organisation für Normung ISO definiert „Serviceroboter“ als einen Roboter, der „nützliche Aufgaben für Menschen oder Geräte leistet, mit Ausnahme industrieller Automatisierungsanwendungen“. Nicht alles wird die Gestalt humanoider Roboter annehmen, aber mit Sicherheit werden Roboter den Menschen zunehmend Tätigkeiten abnehmen.

Unser Blick auf die automatisierte Wirtschaft wird sich grundlegend verändern. Manche werden in ihr eine Chance sehen, während andere erkennen werden, dass sie um einiges resilienter werden müssen. Einige Aspekte davon habe ich im ersten Artikel der Reihe, Leaving the Robotics Labs and Coming to a Workspace or Home Near You, vorgestellt. Ein anderer Aspekt dieser Resilienz ist, wie sich der zunehmende Einsatz von Robotern in der Arbeitswelt auf die Körperschaftssteuer und folglich die Staatseinnahmen auswirken wird.

In der europäischen Union gab es zuletzt Überlegungen, einen Roboter nicht mehr als ein Gerät, sondern als eine elektrische Person zu definieren – zwar nicht mit Rechten, die einem Menschen zustehen, aber zumindest mit einer Art „Persönlichkeit“, die es ermöglicht, den Roboter zu besteuern – offensichtlich mit dem Ziel, bestimmte Probleme wie beispielweise die Haftungsfrage im Fall von Unglücken leichter in den Griff zu bekommen. Die europäischen Gesetzgeber verwarfen vorläufig die Idee einer Robotersteuer, forderten aber eine EU-weite Gesetzesinitiative zur Regulierung der Zunahme der Roboter einschließlich eines ethischen Rahmens für ihre Entwicklung, ihren Einsatz und die Klärung der Haftungsfrage für von Robotern vorgenommene Handlungen – etwa im Fall von selbst fahrenden Autos.

Aber dann ist da noch die andere Frage: Nehmen Roboter womöglich den Menschen Arbeit weg, die diese selbst verrichten möchten oder sollten? In der Industrie übernehmen Roboter typischerweise die Four-D-Jobs (dumb, dull, dangerous und dirty): dumme, langweilige, gefährliche und schmutzige Tätigkeiten – repetitive Handgriffe, von denen kein Mensch träumt, sie ein Leben lang auszuführen. Es stellt sich hier also vielmehr die Frage, ob Roboter nicht den Menschen Tätigkeiten abnehmen, die diese ohnehin unterfordern und ihnen keine beruflichen Perspektiven bieten, und ob wir in der Vergangenheit nicht Menschen gezwungen haben, Arbeiten auszuführen, die wir besser Robotern überlassen sollten, die dafür im Zweifelsfall auch besser geeignet sind.

Erica – Eine lebendige Ava aus Ex Machina

Je mehr Roboter den Alltag prägen, desto deutlicher ist die Tendenz, Robotern ein menschliches Antlitz zu geben und ihr Verhalten dem des Menschen anzupassen. Und das selbst dort, wo in der Sache keine Notwendigkeit dazu besteht. Das ist kein neues Phänomen, denn schon immer gab es den Drang, Produkte, Artefakte, Dinge und Vermächtnisse nach unserem menschlichen Ebenbild zu schaffen – ob in der Kunst oder in der mechanischen Konstruktion.

Ein Projekt, das diese Bemühungen auf eine ganz neue Ebene hebt, sind die Arbeiten von Hiroshi Ishiguro, dem enfant terrible der japanischen Robotik, und seine Erica. Erica ist 23. Sie hat ein hübsches, neutrales Gesicht und spricht mit synthetischer Stimme. Sie verfügt über einen gewissen Grad an Autonomie, kann aber bislang ihre Hände nicht bewegen. Das Erica-Projekt am ATR Institute in Kyoto will eine neue Definition des „Menschlichen“ liefern, indem es eine Roboterform schafft, die so menschlich wie möglich ist.

In den Augen ihrer Schöpfer ist Erica die hübscheste und menschenähnlichste autonome Androidin der Welt. Geplant ist, einen Roboter zu schaffen, der denken und handeln kann und alles eigenständig tut – der vollkommen autonom und so menschlich ist wie ein Androide. Erica erinnert mich stark an Ava (Alicia Vikander) aus dem Film Ex Machina, die schöne Roboter-Frau, deren Fähigkeiten und Bewusstseinsgrad ein Programmierer aus einer großen Internetfirma eine Woche lang testen soll.

Erica hat 20 Freiheitsgrade, die überwiegend den Oberkörper betreffen. Ihre Arme kann sie noch nicht bewegen. Sie verfügt über ein 16-Kanal-Mikrofon-Array, um die Herkunft von Klängen zu lokalisieren, so dass sie erkennen kann, wer da mit ihr spricht. Sie hat 14 Infrarot-Tiefensensoren, um nachzuverfolgen, wo im Raum sich Menschen befinden; sie verfügt über Gesichtserkennungsfähigkeiten und eine unglaubliche Stimme. Wie die europäischen Parlamentarier sehen auch die Konstrukteure in Erica keinen Menschen und keine Maschine, sondern eine neue Form von anthropologischer Kategorie, zu deren Beschreibung uns bislang noch die richtigen Worte fehlen.

Science Fiction trifft Business

Während sich dies mehr wie Science Fiktion anfühlt und Sie sich vielleicht fragen, warum Sie darüber auf einer Plattform für zukunftsweisende Überlegungen zur Innovation in Unternehmen lesen, gibt es auch sehr praktische Gründe, warum Roboter humanoide Formen annehmen sollten. Ein namhaftes Beispiel dafür ist Baxter, einer der von mir in meinem ersten Aufsatz beschriebenen Industrieroboter. Er hat sechs Ausdruckszustände, die er zu jeder Zeit nutzen kann. Er kann traurig dreinschauen, wenn seine Energie zur Neige geht, weil wir als Menschen so geschaffen sind, dass wir Gesichter und Gesichtsausdrücke bevorzugt wahrnehmen. Wenn wir ein trauriges Gesicht sehen, fällt es uns leichter zu verstehen, dass dieses Gerät ans Stromnetz angeschlossen werden muss, als wenn wir auf eine sehr technische Anzeige des Ladezustands blicken.

Die Blickrichtung ist ebenfalls wichtig. Wenn Sie in einer Fabrik mit einem Roboter zusammenarbeiten, ist es hilfreich zu erkennen, wohin er schaut und was er als nächstes tun wird. Das lässt sich einfach dadurch bewerkstelligen, dass seine Augen, bevor er nach etwas greift, eine halbe Sekunde lang in die entsprechende Richtung blicken. Praktische Gründe sprechen also durchaus dafür, Roboter Menschen ähneln zu lassen. Wir erwarten, dass sie in den Umgebungen und Arbeitsbereichen funktionieren, in denen auch wir uns aufhalten.

Wir haben diese Arbeitsbereiche so eingerichtet, wie es für uns nützlich und ergonomisch ist. Unsere Schulen, Krankenhäuser, Wohnungen und Arbeitsplätze – es wäre sinnvoll, wenn sich ein Roboter nahtlos in beliebige solche Orte einfügen könnte.

Einen humanoiden Roboter dürfen wir uns also als etwas von dieser Art vorstellen, spiegelt sich darin doch unsere Beziehung zur Technik wider. Wenn wir an die Zukunft denken, denken wir an eine Zukunft mit menschlichem Antlitz, denn wir sind nun einmal Menschen.

Report Abuse

If you feel that this video content violates the Adobe Terms of Use, you may report this content by filling out this quick form.

To report a Copyright Violation, please follow Section 17 in the Terms of Use.