Wer Daten sammelt, braucht klare Ziele Von Michael Ertel

Wie wird die Digitalisierung Unternehmen und Produktionsumgebungen verändern? Ein Gespräch mit Parag Shah, Vorsitzender der Geschäftsführung der Dr. Schneider Unternehmensgruppe, über die Limits der Optimierung, die Kultur des Wandels – und den Faktor Mensch.

Parag Shah

Sehr geehrter Herr Shah, Digitale Transformation, Internet of Things, Industrie 4.0: Können Sie diese Begriffe eigentlich noch hören?

Shah: Nein. Diese Worte werden jetzt schon seit Jahren inflationär benutzt. Und irgendwie ist plötzlich alles „Industrie 4.0“. Doch was bedeutet es denn tatsächlich, wenn man eine Industrie-4.0-fähige Maschine hat? Ich rede lieber von einer unternehmensweiten vernetzten und integrierten IT-Architektur. Diese betrifft nicht nur die Produktion, sondern das gesamte Unternehmen. Das bringt es für mich besser auf den Punkt.

Was meinen Sie damit?

Shah: Wir müssen Systeme haben, die Daten aus sämtlichen Bereichen eines Unternehmens verdichten, zusammenfassen und auswerten – und dann die richtigen Informationen zum richtigen Zeitpunkt zur Verfügung stellen. Millionenfach Daten mit digitalen Systemen zu sammeln, ist heute nicht mehr das Problem. Das können auch unsere neuesten Fertigungsanlagen und Spitzgussmaschinen. Vielmehr besteht die große Herausforderung darin, wie ich mit der großen Datenmenge umgehe und die erzeugten Daten verarbeite.

Man sollte sich also im Klaren sein, welche Ziele man mit den generierten Daten verfolgt?

Shah: Genau. Wir reden mittlerweile von Künstlicher Intelligenz und selbstlernenden Systemen, die Daten auswerten, Erfahrungen sammeln und die beste Möglichkeit abwägen. Die Fragen lauten: Was ist der sinnvollste und beste Weg, nach der Abwägung aller gesammelten Daten? Welches Ereignis kann eintreten – und welches nicht? Doch diese Antworten liefert heute noch der Mensch. Er bildet die Schnittstelle und gibt vor, welche Daten in welcher Verdichtung und in welchem Zeitintervall die richtigen sind, die das Unternehmen oder den Prozess weiterbringen. Das heißt: Wer es versteht, die passenden Daten abzurufen und mit einer intelligenten IT-Architektur zu verarbeiten, wird einen Informationsvorsprung haben. Und das ist gleichzusetzen mit einem Wettbewerbsvorteil.

Predective Maintenance, also die vorausschauende Instandhaltung und Wartung der Maschinen, ist wohl einer der großen Vorteile der Digitalisierung in der Produktion. Wie weit sind Sie da?

Shah: Viele unserer Fertigungseinrichtungen sind bereits standardisiert und digital vernetzt. Sensoren messen den Verschleiß und wir verfügen über Methoden, mit denen wir über bestimmte Zeiträume eine präventive Instandhaltung und Absicherung der Produktionslinien vornehmen. Das ist bei uns schon seit einiger Zeit der Stand der Technik, den wir ständig durch die neuesten Technologien verbessern. Denn: Die Sensoren und Kamerasysteme werden immer besser, Computer und Software immer leistungsfähiger. Damit können wir die Informationen noch besser auswerten und unsere Prozesse noch individueller anpassen.

Gerade die kurzen Umrüstzeiten der Maschinen spielen in Ihrer Branche eine essentielle Rolle für die Wettbewerbsfähigkeit. Die von den Kunden geforderte Variantenvielfalt der Produkte steigt stetig. Ist hier das Potenzial schon erschöpft?

Shah: Eine Steigerung ist immer möglich. Allein durch die Weiterentwicklung der Werkzeugwechselsysteme, mit der man immer höhere Wechselgeschwindigkeiten erreichen, tut sich da sehr viel. Außerdem sind die Industrieroboter allein in den vergangenen fünf Jahren in ihrer Funktionalität deutlich besser geworden – und dies bei sinkenden Preisen. Natürlich setzen wir die für uns besten Systeme ein, weil sie zu einer weiteren Steigerung unserer Produktivität beitragen. Die Herausforderung wird in der Zukunft darin bestehen, die richtigen Systeme und Prozesse zu finden um Produktivität und Flexibilität optimal zu balancieren.

Wird man bei der Produktivitätssteigerung nicht irgendwann an Grenzen stoßen? Gibt es da ein Limit der Optimierung?

Shah: Das glaube ich nicht. Die Welt verändert sich einfach – und durch Veränderung hat man auch immer wieder neue Chancen. Wer meint, dass ein Prozess heute schon gut ist und ihn „einfriert“, der ist auf dem falschen Weg. Deshalb muss in einem Unternehmen eine Kultur des Wandels verankert sein. Das heißt: Man muss immer wieder bereit sein, sich zu verändern und neu zu definieren, beständig Prozesse zu analysieren und in Frage zu stellen. Und diese zu verbessern, ist für uns immer ein wichtiger Ansatz im gesamten Unternehmen, sowohl in den administrativen Bereichen, in der Produktion als auch in der Logistik. Im kompletten Wertstrom stellen wir jeden Prozess auf den Prüfstand. Und da gibt es immer wieder Optimierungspotenzial.

Heißt das: Automatisieren auf Teufel komm’ raus?

Shah: Nein. Ich glaube, Automatisierung macht nur dann Sinn, wenn die Flexibilität und der Mensch nicht darunter leiden. Wenn wir hochflexibel sein möchten, dann werden die Menschen auch weiterhin ein große Rolle spielen und die Automatisierung eine kleinere. Wenn wir allerdings sehr viel standardisieren, weil wir in einem Teil der Produkte große Volumeneffekte haben, dann werden wir dort natürlich mehr automatisieren. Das bedeutet: Durch Über-Automatisierung darf es nicht zu einer gewissen Starre kommen, die dann auf Kosten der Flexibilität geht.

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Sie haben ein lebhaftes Wettbewerbsumfeld. Entsteht nicht vor allem dadurch der Druck zum Wandel und zu immer höherer Produktivität?

Shah: Hier ist die Frage, wie man Druck auslegt. Ich empfinde ihn eher als Inspiration. Wenn wir heute die preislichen Erwartungen der Kunden nicht erfüllen, dann müssen wir uns intensive Gedanken machen, mit welchen innovativen Prozessen und Technologien wir in Zukunft doch die Ziele erreichen können. Der Treiber des „Preisdrucks“ ist in den meisten Fällen ja auch die Steigerung seiner eigenen Wettbewerbsfähigkeit. Das heißt: Wenn der Kunde weniger Autos verkauft, dann würden auch wir verlieren. Ich habe vorhin von einer Kultur des Wandels gesprochen. Diese macht sich bei uns neben dem ständigen technologischen Fortschritt auch in unserer Organisationsform und im Bewusstsein unserer Mitarbeiter fest. Deshalb empfinden wir den Druck von außen nicht als Stressfaktor, sondern als Inspiration und Herausforderung.

Wird ein immer höherer Automatisierungs- und Produktivitätsgrad nicht dennoch zu Einschnitten bei der Belegschaft führen?

Shah: Zunächst ist es wichtig, dass sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entsprechend der technologischen Entwicklung weiterentwickeln und weiterbilden können. Man muss sie mit den neuen Technologien konfrontieren. Ich teile die Ängste nicht, dass der Roboter irgendwann die Arbeit eines Mitarbeiters komplett übernimmt. Wir werden künftig eher eine Symbiose haben; also Systeme, die einerseits mit dem Mensch kollaborieren, andererseits in Bereichen arbeiten, die für den Menschen gefährlich oder unangenehm sind, wie beispielsweise in für den Menschen belasteten Produktionsbereichen.

Das heißt: Die Qualität der Arbeitsplätze steigt?

Shah: Ich glaube, die Qualität der Arbeitsplätze wird deutlich steigen. In dem gesamten Zusammenspiel von Produkt, Technologie, Markt, Segment und Produktionsumgebung wird der Mensch die wichtigste Rolle spielen. Um deren Qualifikationen und Kompetenzen herum kann man dann die Produktion inklusive der Automatisierung aufbauen. Wenn wir die hochqualifizierten Menschen nicht haben, welche die Maschinen steuern und bedienen können, dann nützt uns die beste Automatisierungstechnologie oder „Industrie 4.0“ nichts. Die würden wir dann niemals zum Laufen bekommen – schon gar nicht effizient. Wenn es irgendwann mal soweit kommen sollte, dass der Mensch keine Rolle mehr spielt, dann möchte ich das sicherlich nicht mehr erleben.

Created By
Michael Ertel
Appreciate

Credits:

WiMO

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