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«Wer immer beschäftigt ist, ist nicht bei sich selber» Bruder Christoph-Maria im Interview

Franziskanermönch Bruder Christoph-Maria lebt und arbeitet mit der Perspektive von Ewigkeit und blickt gelassen auf die Zeit. Wie der Mensch seine Zeit sinnvoll nutzen kann, erläutert er im Gespräch.

Interview Lars Bo Müller; Fotos Oscar Liberona

Was bedeutet für Sie Zeit? Zeit ist die Wirklichkeit und die Realität, in der ich lebe. Die Insel Werd, auf der unser Kloster steht, ist seit über 7000 Jahren besiedelt, was den Begriff «Zeit» relativiert und eine schöne Metapher darstellt. Wir leben auf einer Insel, führen ein Leben im Fluss. Wir sind mittendrin in der Zeit, die fliesst. Für eine bestimmte Zeit sind wir hier. Wie die Zeit wird das Wasser immer weiterfliessen.

Soll die Zeit nur mit «ora et labora», mit «beten und arbeiten», verbracht werden? Das ist nicht absolut gemeint. «Ora et labora» heisst, dass es beides braucht, ein Wechselspiel. Wer glaubt, dass ihm die gebratenen Tauben in den Mund fliegen, wenn er sich nur ins Gebet zurückzieht, liegt falsch. Es braucht, gut biblisch gesagt, auch die Arbeit. «Wer nicht arbeitet, hat auch kein Recht auf Nahrung», heisst es in den kirchlichen Lesungen. Trotzdem gehören Freizeit und Vergnügen dazu. Im Endeffekt geht es um Aktion und Kontemplation – um «Tun» und «Sein».

«Nur Gott kommt die reine Gegenwart zu.»

Erläutern Sie die Seite der Kontemplation. In der christlichen und auch jüdischen Philosophie kommt nur Gott die reine Gegenwart zu. Der Mensch ist immer im «Werden» und «Vergehen». Wenn ich «jetzt» sage, ist das schon wieder vorbei. Ich kann die Gegenwart praktisch gar nicht fassen. Der Einzige, der praktisch nur ist, ist Gott. Je mehr ich mich diesem Gott nähere, desto mehr komme ich in diese Gegenwart. Dies entschleunigt mein Werden und Vergehen. Am Ende sind Kontemplation und Gebet das «betrachtende» Sein. Ohne Zweck, einfach nur sein. Auch wenn ich kein Mystiker bin, ist es auch in meinem geistlichen Leben ein Ziel, solche zeitlosen «Ewigkeitsmomente» zu erleben. Dies ist die Seite der Kontemplation.

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«Wir leben auf einer Insel, führen ein Leben im Fluss. Wir sind mittendrin in der Zeit, die fliesst. Wie die Zeit wird das Wasser immer weiterfliessen.»

Erzählen Sie mehr über «Ewigkeitsmomente». Ich spreche von kurzen Momenten, die erreicht werden können. Nur Gott ist reines Sein und Ewigkeit. Der Mensch, wie er jetzt ist, ist zu klein, um die Ewigkeit und das zeitlose Sein zu leben und als Dauerzustand auszuhalten. Aber es kommt schon vor, zum Beispiel im Gebet, einen «Ewigkeitsmoment» zu erleben. Und dann kann er auch gleich wieder vorbei sein. Geistliche Übungen, Exerzitien, die zu einem zweckfreien Sein vor Gott führen, sind übrigens auch Arbeit.

«Wäre schön, wenn ich eine genaue Anleitung geben könnte, um Gott oder die Ewigkeit zu spüren.»

Wie kann ich lernen, «Ewigkeitsmomente» herbeizuführen? Ich kann das nicht erzwingen oder lernen. Ich kann nicht sagen: «Jetzt muss ich nach genauer Anleitung fünf Stunden meditieren, dann klappt es mit dem Ewigkeitsmoment.» Das wäre ja die Lösung von allem. Ich kann mich aber dafür bereitmachen, versuchen, in diese Wahrnehmung hereinzukommen. Üben und daran arbeiten. Wenn es geschieht, ist es ein Geschenk. Ich kann mich nur zur Verfügung stellen und wollen. Wäre schön, wenn ich eine genaue Anleitung geben könnte, um Gott oder die Ewigkeit zu spüren.

«Franziskaner zu sein, ist kein Beruf. Es ist eine Lebensform.»

Sie wenden Ihre Zeit nicht dafür auf, Ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Ich muss über diese Aussage schmunzeln. Wie kommen Sie darauf? Wir Franziskaner arbeiten für unseren Unterhalt, wir verdienen Geld. Ich bin bei einer Pfarrei angestellt, habe einen Lohn, einen Arbeitsvertrag und Ferien. Unser Leben wird nicht einfach von der Kirche finanziert. Erst wenn wir mit unserer Arbeit nichts verdienen würden, hätten wir die Möglichkeit, uns an «Gottes gedeckten Tisch» zu setzen, vom Orden unterstützt zu werden.

Unterscheidet ein Mönch zwischen Arbeitszeit und Freizeit? Franziskaner zu sein, ist kein Beruf. Es ist eine Lebensform. Idealerweise muss ich nicht zwischen Arbeit, Freizeit, Vergnügen und Pflicht trennen. Natürlich gibt es auch in meinem Leben Phasen, in denen mehr Arbeit anfällt. Mein Ideal ist, ein ausgeglichenes Leben zu führen. Ich möchte nicht alles in mein Arbeitsleben pressen und während der Ferien alles loslassen. Ich möchte meinen Alltag so gestalten, dass ein harmonischer Ausgleich besteht. Unsere Lebensform im Orden lässt diesen Alltag natürlich eher zu als ein normales Arbeitsumfeld. Unsere persönliche Lebensgestaltung ist relativ frei.

Wie frei verfügen Sie über Ihre Zeit? Der Klosteralltag scheint genau getaktet zu sein. Bei uns ist nicht jede Minute verplant. Es gibt Gebetszeiten, Essenszeiten und Gemeinschaftszeit. Dazwischen hängen die Tätigkeiten von den Aufgaben des Einzelnen ab. Woran wir uns halten, sind Gebetszeiten, die Horen, zu bestimmten Uhrzeiten. Sie geben einen Rhythmus vor, der bei uns relativ weit getaktet ist. Es gibt Ordensgemeinschaften, in denen der Takt enger ist, abhängig davon, ob ein eher nach innen gekehrtes oder ein eher apostolisches, nach aussen aktives Leben geführt wird. Von den üblichen sieben Horen betet unsere Gemeinschaft nur drei.

Ist das typisch für die Franziskaner? Innerhalb unseres Ordens gibt es schon Zweige, in denen das beschauliche Leben stärker betont ist, aber der klassische Franziskaner ist auch nach aussen tätig. Damit reduziert sich die Gebetszeit. Während meiner Arbeit in der Pfarrei habe ich Sitzungen und Treffen, in die auch andere Menschen einbezogen sind. Dann bestehe ich nicht auf allen Gebetszeiten.

«Letztlich glaube ich, dass Gott es gut mit mir meint.»

Welches war bisher die beste Zeit Ihres Lebens? Zu sagen, «das war meine beste Zeit», ist schwierig. Zeit ist ja nicht fassbar, sie ist ja eher eine neutrale Grösse. Ich habe nicht das Gefühl, dass es Zeiten in meinem Leben gab, die besser oder schöner waren als andere. Jede Zeit hat ihr Besonderes.

Wie sind Sie zu dieser Einstellung gekommen? Prophet Kohelet hat eine wunderbare Meditation über die Zeit geschrieben. Im Buch Kohelet, Kapitel 3, heisst es sinngemäss: «Alles hat seine Zeit. Es gibt eine Zeit zum Gebären, eine Zeit zum Sterben. Eine Zeit zum Suchen, eine Zeit zum Finden. Eine Zeit zum Arbeiten und eine Zeit zum Ruhen.» Der wichtigste Satz kommt für mich am Schluss: «Überdies hat Gott die Ewigkeit in alles hineingelegt.» Ich lebe auf dieser Welt nicht so, als wäre das die einzige Zeit, die ich habe. Ich lebe mit der Perspektive von Ewigkeit, was mir eine andere Sicht auf die Zeit ermöglicht. Eine Sicht, die relativiert und beruhigt.

Irgendwann sterben Sie. Was passiert danach? Das ist wahr, aber dann ist einfach ein Zeitfluss vorbei. Es gibt nicht «eine Zeit» und danach folgt die Ewigkeit. Die Ewigkeit ist etwas, das die Zeit überspannt. Hier liegt der springende Punkt, um einen gelasseneren Umgang mit Zeit zu finden. Ich muss nicht alles in meine Lebenszeit pressen, es ist nachher nicht alles vorbei. Daran glaube ich, auch wenn ich nicht weiss, was kommen wird. So gesehen kann ich gelassen auf die Zeit blicken.

Hat der Mensch eine Bestimmung hinsichtlich seiner Lebenszeit? Jeder Mensch hat Talente und Fähigkeiten, gute und schwache Seiten, gewisse Dinge können geändert werden, andere sind gegeben. Daraus das Bestmögliche zu machen, gibt dem Leben einen Sinn. Zu dem zu werden, von dem ich denke, das Gott will, was ich sein könnte. Dem möglichst nahe zu kommen ist – meiner Meinung nach – der Sinn des Lebens.

Der Sinn des Lebens? Für mich ist dies die Suche nach Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis, die im Idealfall nahe beieinanderliegen. Die Art des Lebens zu entdecken, in der ich am lebendigsten bin. Zu spüren, wo für mich die höchste Lebensqualität ist. Auf Dauer die Art des Lebens zu finden, in der ich spüre: «Das bin ich.» Derjenige zu werden, der ich sein kann. Dies gebe ich mir nicht selbst. Ich glaube, dass es mir von Gott gegeben ist. Letztlich glaube ich, dass Gott es mit mir gut meint. Seine Idee von mir ist die Form, in der ich am besten sein kann.

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«Der Stress nimmt zu, weil die ‹unverzweckte Zeit› nicht mehr stattfindet.»

Wie ist Ihre Sicht auf das Zeitmanagement der Menschen ausserhalb des Klosters? Der Tag hat nur 24 Stunden, das Leben hat nur eine begrenzte Anzahl Jahre, in die immer mehr hineingedrückt wird. Die Phasen von «einfach sein» werden immer weniger, was auch mit den modernen Medien zu tun hat. Beispielsweise wartet heute niemand mehr, ohne etwas zu tun – was für einen immer höheren Druck sorgt. Die modernen Medien sind dazu prädestiniert, ständig für kurzfristige Unterhaltung zu sorgen, uns abzulenken. Deswegen sind sie auch so reizvoll. Ich muss mich dann nicht mit mir selbst beschäftigen und habe nicht das Gefühl, etwas zu verpassen oder untätig zu sein.

«Der Mensch hat auch eine Seele, die Raum und Ruhe braucht.»

Was empfehlen Sie? Soll bewusster gewartet werden? Das Warten ist nur eine Komponente. Der Stress nimmt bei vielen Leuten zu, weil die «unverzweckte Zeit» nicht mehr stattfindet. Für die meisten Leute ist der Arbeitsweg mit dem Zug Arbeitszeit. Noch etwas kontrollieren, die E-Mails checken, ins Smartphone schauen oder überlegen, was morgen sein wird. Sie gönnen sich keine Ruhephase. Die «Beschäftigungsphase» dehnt sich immer mehr aus, und die Phase des «einfach Seins» wird immer kürzer. Die Menschen werden dadurch krank. Der Mensch hat auch eine Seele, die Raum und Ruhe braucht. Er braucht Momente, in denen er sich dessen bewusst ist. Wer immer beschäftigt ist, ist nicht bei sich selber.

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«Wer glaubt, dass ihm die gebratenen Tauben in den Mund fliegen, wenn er sich nur ins Gebet zurückzieht, liegt falsch.»

Unterscheidet sich die Realität des Klosterlebens von Ihrer Idealvorstellung? Das Ideal, eine romantische Vorstellung, ist das eine. Die echte Tiefe erreicht man aber erst in der Realität des Lebens, in der Konfrontation mit dem Alltag. So wenig wie ich ideal bin, sind es die anderen auch nicht. Wie bei einer Beziehung: Nachdem man zwanzig Jahre neben dem gleichen Partner aufgewacht ist, sind die Schmetterlinge im Bauch verschwunden. Aber erst dann kommt wirklich eine Tiefe. Im Kloster gibt es ganz normale zwischenmenschliche Kommunikation und Kommunikationsstörungen wie in jedem anderen Leben auch. Franziskus sagt: «Der Herr hat mir Brüder gegeben.» Ich kann sie mir nicht aussuchen und muss im Alltag das Beste daraus machen.

«Franziskus sagt: ‹Der Herr hat mir Brüder gegeben.› Ich kann sie mir nicht aussuchen.»

Werden Sie immer Franziskaner bleiben, ist Ihre Lebenszeitplanung abgeschlossen? Sie können genauso gut jemanden, der verheiratet ist, fragen, ob er oder sie für immer mit seiner Frau oder ihrem Mann verheiratet bleiben wird. Ich gehe davon aus. Bei uns Ordensbrüdern nähern wir uns dem stufenweise an. Erst werden zeitliche Gelübde über ein paar Jahre hinweg geleistet, insgesamt kann dies bis zu sieben Jahre dauern. Erst dann wird das sogenannte «ewige Gelübde», die ewige Profess, abgelegt, und man verspricht sich dem Orden für die Dauer seines Lebens. Wie das Leben so spielt, weiss ich erst am Ende, ob sich das Gelübde erfüllt hat. Meine Lebenszeitplanung ist nicht abgeschlossen, aber ich denke, meine Lebensform gefunden zu haben.

Also kein befristeter Arbeitsvertrag. Nein, das Ordensleben ist tatsächlich eine Lebensentscheidung, was heute schwierig nachzuvollziehen ist. Die heutigen Entscheidungen zu Lebensphasen sind immer kurzfristiger angelegt. Früher ist jemand von der Lehre bis zur Pension im gleichen Betrieb geblieben. In Zukunft wird es das gar nicht mehr geben. Die Phasen werden sehr viel kürzer. Unsere Lebensform als Franziskaner funktioniert da schon anders, weil sie auf einer tieferen Verbindlichkeit beruht. Etwas mehr Verbindlichkeit im Strom des Lebens würde wohl vielen Menschen guttun.

Bruder Christoph-Maria Hörtner (44) ist Priester und Guardian. Er lebt im Franziskanerkonvent Sankt Otmar im Werd in Eschenz auf der Insel Werd mitten im Rhein. Die Ordensbrüder der Franziskaner orientieren sich an den Regeln des Bettelordens des heiligen Franziskus von Assisi (1182–1226), der nach dem Vorbild von Jesus Christus lebte. www.franciscan.ch

Alle Fotos sind auf der Insel Werd im und um den Franziskanerkonvent entstanden. Sie zeigen das Wohngebäude des Klosters und die angebaute Kapelle. Darin befindet sich die Strahlenmonstranz mit einer Reliquie des Heiligen Otmars.

Impressum: Konzept, Text und Produktion: Lars Bo Müller – Fotos: Oscar Liberona – Gesamtverantwortung: Robert Hansen, Chefredaktion redaktion@derarbeitsmarkt.ch www.derarbeitsmarkt.ch

September 2019
Created By
Lars Bo Müller Oscar Liberona
Appreciate

Credits:

Dank an Franziskaner Bruder Christoph-Maria für seine Zeit und das Gespräch. Danke an Iwon Blum und Robert Hansen für das Coaching und Dank an derarbeitsmarkt.ch.