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«Zur Lust am Stöbern und Tauschen kommt die Freude an der Begegnung» Einmal im Monat wird eine Privatwohnung in Ittigen bei Bern zur Tauschoase für Secondhandliebhaberinnen.

Tauschlust statt Einkaufsfrust ist das Motto im «SwapShop» in Ittigen bei Bern. Die 31-jährige Jaidé Lourens hat ein paar Zimmer ihrer geräumigen Wohnung für ihre Passion fürs Nähen, Upcyceln und Tauschen frei gehalten. Einmal im Monat können Liebhaberinnen von Secondhandware am Kleidertauschtag völlig stressfrei das Outfit wechseln, neue Freundschaften knüpfen und dabei auch noch Umwelt und Budget schonen.

Interview und Fotos: Tina Köhler

Eine öffentliche Kleidertauschbörse in deiner Wohnung – wie bist du auf diese Idee gekommen?

Durch die Kündigung meiner Arbeitsstelle vor vier Jahren, die daraus entstandene zusätzliche Freizeit und meinen kreativen Drang, der es unmöglich macht, einfach mal nichts zu tun. Ich bekam damals meine Überzeit noch zwei Monate lang ausbezahlt, ohne arbeiten zu müssen. Ich überlegte also, was ich mit diesem zeitlichen Zugewinn tun möchte, und kam schnell auf die Idee einer Kleidertauschbörse.

Unter Freundinnen machten wir immer wieder Kleidertauschtage und hatten riesigen Spass, zu sehen, wie ein aussortiertes Kleidungsstück einer anderen Freundin besonders gut steht.

« Die Weiterverwendung der Kleider und der Austausch untereinander, das war immer eine doppelte Freude. So entstand bei mir der Wunsch, etwas Grösseres aufzubauen.»

Warum hast du für deinen «Tauschladen» die englische Bezeichnung «SwapShop» gewählt?

Ich komme selbst aus dem englischsprachigen Raum. Ich bin in Südafrika geboren und habe noch gut in Erinnerung, wie viel Erfüllung ich schon als Kind darin fand, bei uns zu Hause das wenige Vorhandene kreativ umzugestalten und gebrauchten Gegenständen dadurch neuen Wert zu schenken.

Kommen zu jedem Kleidertauschtag neue Leute?

Vor fast vier Jahren begann ich mit dem Aufbau der Tauschbörse. In dieser Zeit ist mein Angebot in der Berner Region Schritt für Schritt bekannter geworden.

Ich sehe immer wieder neue Gesichter. Natürlich verbreitet sich besonders unter Freundinnen die Idee des «SwapShop» schnell, und so wächst langsam der Kreis der Frauen, die regelmässig kommen. Über Facebook werden sie zusätzlich auf die Events aufmerksam, weil ich in den passenden Interessengruppen poste.

Farbenfrohe Ordnung im Kleidertauschraum. Im Vordergrund sind die selbst geschneiderten Modelle von Jaidés Label «Fraechdachs» zu sehen.
Ein Zimmer der Wohnung dient ausschliesslich als Näh- und Kleiderzimmer.

Im Keller hast du einen eigenen Raum für Kinderkleidung, obwohl du selbst keine Kinder hast ...

An die Kinderkleider habe ich von Anfang an gedacht, damit der «SwapShop» auch für Mütter eine Möglichkeit bietet, nicht mehr Benötigtes weiterzugeben und Kosten für den Kauf neuer Kleidung zu minimieren.

Für viele ist der Aspekt, Kinderkleider weitergeben zu können, wichtig, um nicht gezwungen zu sein, alles in die Altkleidersammlung zu bringen. Neben der Kleidung nehme ich für Kinder auch gebrauchte Bücher, DVDs und kleinere Spielsachen ins Sortiment auf.

Das umfangreiche Angebot wird gerade von Müttern sehr gerne genutzt.

Räume für den «SwapShop» ausserhalb der Wohnung zu mieten, kommt das für dich in Frage?

Ich bin letztes Jahr von Bern nach Ittigen umgezogen und habe zusammen mit meinem Freund die Wohnung nach dem Kriterium ausgewählt, hier noch Platz für ein Näh- und Kleidertauschzimmer zu haben. Zu Beginn des «SwapShop» hatte ich einen zusätzlich gemieteten Raum und anschliessend in meiner Berner Wohnung eine Dachmansarde.

Die Mansarde konnte ich praktischerweise als Kleiderraum nutzen. Nun alle Kleider- und Nähutensilien in meiner Wohnung zu haben, ist mit viel weniger Aufwand verbunden und lässt mir mehr Freiraum für Kreativität. Der «SwapShop» und die Kleidertauschtage sind Teil meiner Freizeit, deshalb soll die Freude daran im Vordergrund stehen.

Du bist Sozialpädagogin und arbeitest in einer psychiatrischen Einrichtung. Was motiviert dich, deine Freizeit der Secondhandkleidung zu widmen?

Ressourcen zu schonen, ist für mich sehr wichtig. Ich wollte eine Möglichkeit zur Verfügung stellen, die vielen Kleider, die wir nicht mehr brauchen, weitergeben zu können. Meist ist die Kleidung ja nicht kaputt, sondern wurde häufig nur ein paar Mal getragen oder hat der Besitzerin einfach nicht mehr gefallen. Ich habe das Projekt gestartet, weil ich diese Form des Kleidertauschs bisher nirgends gefunden habe.

Inzwischen sind wir wie eine kleine Community, die weiterwächst. Einige Frauen kommen immer wieder und kennen einander schon. Dann kommt zur Lust am Stöbern und Tauschen auch noch die Freude an der Begegnung.

Neue Synergien und Bekanntschaften sind ein wunderbarer Nebeneffekt, den ich bei den Tauschtagen immer wieder beobachte.

Du machst also immer gute Erfahrungen an den Tauschtagen?

Ich geniesse dieses ungezwungene Miteinander. Die Stimmung ist entspannt und locker, alle kommen leicht miteinander ins Gespräch. Geändert habe ich aber zum Beispiel, dass ich inzwischen keine Schuhe mehr annehme. Die nehmen zu viel Platz ein, und ich hatte manchmal doch ein wenig Angst, dass bei der Menge an Schuhen auch mal ein paar meiner eigenen plötzlich verschwinden.

Für die Kleidertauschtage im «SwapShop» hast du eine Mitgliederkarte mit Punktesystem entworfen. Wofür ist die gut?

Ich habe nach einem System gesucht, das ohne Geld auskommt und trotzdem fair ist. Für jedes mitgebrachte Kleidungsstück werden Punkte gutgeschrieben. Zuerst hatte ich die Punkte so verrechnet, dass jede Besucherin wieder so viel mitnehmen konnte, wie sie auch mitgebracht hat. Irgendwann habe ich allerdings gemerkt, dass manche Leute gerne noch etwas genommen hätten, aber knapp zu wenig Punkte hatten. Da ich inzwischen sowieso einen Überfluss an Secondhandkleidung hier habe, bekommt mittlerweile jede für das Mitgebrachte die doppelte Punktzahl gutgeschrieben. Das bewährt sich super.

Das Punkteprinzip unterstützt eine gerechte Verteilung und ermöglicht eine Bereicherung Einzelner gar nicht erst.

Wie viele Kleidungsstücke dürfen zum Tausch mitgebracht werden?

Ich habe die Anzahl einzutauschender Kleidungsstücke auf maximal 15 pro Person begrenzt, damit wirklich ausgewählte Sachen gebracht werden und ich nicht überschwemmt werde. Hin und wieder muss ich trotzdem aussortieren. Wenn Kleidungsstücke über einen langen Zeitraum hier sind und keine neue Besitzerin finden, gebe ich sie an ein Brocki weiter. Ausserdem kann nur noch Kleidung, die zur aktuellen Jahreszeit passt, gebracht werden. Sortieren, aufhängen, ordnen, weitergeben – das gehört alles nebenbei dazu.

Ich musste wirklich dazulernen, nur Sachen anzunehmen, die mit grosser Wahrscheinlichkeit noch jemand anders haben möchte.

Kannst du dir den «SwapShop» in einem grösseren Rahmen vorstellen?

Ich achte immer darauf, was zu meiner aktuellen Lebenssituation passt. Ich glaube, dieses Konzept wäre in einem grösseren Rahmen für mich nicht umsetzbar. Eine Vervielfältigung an mehreren Standorten ist denkbar, wenn noch mehr Leute Lust haben, etwas Vergleichbares aufzubauen. Ich persönlich habe zeitlich im Moment keine weitere Kapazität. Der «SwapShop» soll sich für mich nicht wie eine zweite Arbeit anfühlen, ich möchte dieses Hobby selbst auch geniessen können. Tauschtage finden deshalb nur noch samstags und nicht mehr unter der Woche statt. Da bin ich ausgeschlafen und kann mich ganz einbringen – so wünsche ich mir meine Freizeit.

An den Kleidertauschtagen wird auch das Wohnzimmer Teil des «SwapShop». Getauscht werden können Frauen- und Kinderkleider.
Hier kam noch keine Frau mit leeren Händen raus. Die Auswahl an Frauenkleidung ist gross …
Spieglein, Spieglein an der Wand … Es gibt genug Möglichkeiten, sich in den neu getauschten Kleidern zu bestaunen.

Woher kommt deine Passion für Secondhand?

Ich war schon als Kind eine Bastlerin, die aus jedem Karton noch etwas Hübsches gemacht hat. Ich werfe nicht gerne Sachen weg, die eigentlich noch brauchbar sind. Das kommt sicher auch aus meiner Geschichte, meiner Zeit in Südafrika, wo wir innerhalb der Familie häufig Dinge wiederverwendet und aus dem Nichts etwas Schönes gemacht haben. Heute nennen wir das Upcycling, und zum Glück gewinnt gerade die kreative Wiederverwendung von Gegenständen aller Art für viele Menschen erneut an Bedeutung.

Den Wert der Dinge zu sehen und ihnen wieder einen Nutzen zu geben, das war mir als Kind schon wichtig.

Auf deiner Website steht, du habest wohl eine «genetische Veranlagung zum Nähen». Das liegt also in der Familie?

Vor etwa vier Jahren habe ich mit einer Kollegin angefangen zu nähen, und jemand hat mich gefragt, woher ich das so gut könne. Erst dann kam mir in den Sinn, dass meine Grossmutter Schneiderin war. Sie hat aber keine Ausbildung gemacht, sondern immer ihre Schwester bei den Auftragsarbeiten beobachtet und von ihr autodidaktisch gelernt. Also habe ich das vielleicht ein bisschen von ihr.

Aus deiner Nähfreude ist inzwischen dein zweites Projekt «Fraechdachs» entstanden...

Das Nähen habe ich damals etwa zeitgleich mit dem «SwapShop» begonnen, weil beides zusammen eine tolle Synergie ergeben hat. Stoffe von Kleidern, die hier nicht getauscht werden, aber zum Beispiel ein spezielles Muster haben, kann ich verarbeiten und etwas Neues daraus entstehen lassen.

«Fraechdachs» ist mein neues Label für Kinderjeans, die ich aus kaputten Jeans und Stoffresten nähe. So entstehen ganz individuelle Modelle, die gleichzeitig ein Beitrag an faire und nachhaltige Mode sind.

Ich versuche dabei vor allem, robuste Kleidung mit viel Bewegungsspielraum zu entwickeln, und beschäftige mich gerne praktisch damit, welchen Bedürfnissen Kinderkleidung entsprechen muss.

Planst du, das Projekt «Fraechdachs» auszubauen?

Das könnte ich mir gut vorstellen, weil ich wirklich viel Freude an den Modellen habe. Keine Woche vergeht, ohne an der Nähmaschine gewesen zu sein. Ich habe bereits einige Auftragsarbeiten und regelmässige Kunden, die die Jeansmodelle von «Fraechdachs» wegen ihrer Bequemlichkeit und Originalität sehr schätzen. Weil ich alles aus gebrauchtem Material herstelle, sind auch die Preise entsprechend fair. Ich möchte gerne weitere Schnitte auszuprobieren, die Wiedererkennungswert haben. Ich werde mich auf wenige Modelle beschränken, aber dafür mit Farben und Mustern experimentieren.

Was macht die Kleidertauschtage für dich besonders?

Der Moment, wenn mehrere Frauen gleichzeitig hier sind, suchen, anprobieren und dann eine der anderen zuruft: «Hey, das ist von mir, das steht dir ja super!» Sofort wird miteinander gelacht, und aus diesem Wir-Gefühl entstehen neue Kontakte. Viele Besucherinnen sind glücklich darüber, wenn die eigenen, aussortierten Sachen durch den Tausch wieder einen Mehrwert bekommen. Ein Kleidungsstück wird dadurch gleichzeitig zum Erinnerungsstück und ist mit einer persönlichen Begegnung verknüpft. Ich sehe das als einen möglichen Weg, den Wert der Dinge wieder mehr schätzen zu lernen.

«SwapShop» Ittigen – so funktionierts:

An einem Samstag im Monat findet im «SwapShop» ein Kleidertauschtag statt, an dem nach Herzenslust gestöbert, anprobiert und getauscht werden darf. Die konkreten Daten werden auf der «SwapShop»-Website publiziert. Bis zu 15 Kleidungsstücke, passend zur Jahreszeit, dürfen aktuell mitgebracht werden.

Am Eingang ist das rosa Sparschwein mit fünf Franken zu füttern, als kleine Aufwandsent-schädigung für die viele Sortierarbeit. Von Jaidé Lourens bekommt jede Besucherin eine «SwapShop»-Visitenkarte als Punktekarte, auf der das Guthaben als Gegenwert für die mitgebrachte Kleidung eingetragen wird. Als Bonus wird der doppelte Wert gutgeschrieben, womit die Wahrscheinlichkeit gross ist, dass am Ende die Taschen voller sind als vorher! Wenn Punkte übrig bleiben, können sie beim nächsten Besuch im «SwapShop» eingelöst werden.

Schon gewusst? Um ein einziges neues T-Shirt zu produzieren, werden zirka 3000 Liter Wasser benötigt. Das ist so viel, wie ein Mensch in einem Zeitraum von drei Jahren trinkt.
In der Schweiz kaufen wir heute viermal mehr Kleider als noch vor 20 Jahren, geben aber immer weniger Geld dafür aus – und unterstützen damit eine Industrie, die Menschen- und Umweltrechte verletzt. 40 Prozent unserer Kleidungsstücke tragen wir nur zwei- bis viermal, bevor sie in der Altkleidersammlung verschwinden. In der Schweiz werden pro Person und Jahr 6,3 Kilogramm Kleidung entsorgt. Um dieser Verschwendung etwas entgegenzusetzen, ist Kreativität gefragt.
Quelle und weitere Infos: www.fashionrevolution.ch
Wer sich selbst mit Upcycling und Nähmaschine schwertut, findet über den Verein «Fashion Revolution Switzerland» jede Menge Praxistipps, um selbst aktiv zu werden, sowie Netzwerke für fair und ökologisch produzierte Kleidung.
Im «SwapShop» ist der Tauschrausch frei von schädlichen Nebenwirkungen, schont Geldbeutel und Gewissen und löst Glücksgefühle aus, die zusammen mit den getauschten Kleidern nach Hause getragen werden dürfen. Weitere Infos unter: www.mylittleswapshop.jimdofree.com

Impressum: Konzept, Text, Fotos und Produktion: Tina Köhler – Fachcoaches: Iwon Blum, Simone Gloor – Gesamtverantwortung: Robert Hansen, Chefredaktion – redaktion@derarbeitsmarkt.ch –www.derarbeitsmarkt.ch

Created By
Tina Köhler
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