Loading

Grenzenlos Literatur 2020 Die Bücher der Treffen vom 16. Februar 2020 und 26. April 2020 (nur via Skype)

Zur Einstimmung ein paar Zeilen aus dem Blog von Lojze Wieser:

„Es ist die Literatur, die unsere Ängste undUnsicherheiten eindämmt. Es ist die Literatur, die dir das Gefühl für die Zeit wieder gibt. Sie verwandelt Stunden in Minuten und Minuten in Tage. Die dir das Leben in eine Erzählung wandelt. Die dich klüger macht, fluider, charismatischer. Die dich an die Zukunft erinnert. Die dich solidarisiert, sensibilisiert, kristallisiert und sie erleichtert dir die Sprünge insUnbekannte. Sie ermöglicht dir die Überwindung von Widersprüchen und vom Paradoxen. Sie entflammt das Feuer in dir und revolutioniert dich. Die Literatur kommt Großteils – außer im ebook – zwischen Buchdeckeln daher. Die Literatur macht offen, sie weckt auf und sie macht frei. Wenn du ließt, hast du das Gefühl, mit dir ließt die ganze Welt. Literatur ist Solitär und Solidär. Einsam um Gemeinsam. “Bücher sind unsere Verbündeten”, sagt die spanische Schriftstellerin Irena Vallejo. Sie seien unsere Verbündeten zum Erhalt dessen, was uns am Wertvollsten ist. In Zeiten der Unruhe und Zeiten der Ängste kann Lesen das Instrumentarium zur Erneuerung der Zukunft werden, denn sie seien die Hüter des Wissens. “Späteren Generationen haben sie das Wissen, die Entwicklung und die Visionen vergangener Zivilisationen erhalten”. Und, sie sind empfindlich.die im Internet gefunden wurden.

Viola Ardone: Il treno dei bambini

Verlag Einaudi 2019

Alma Tomasi: "Es ist 1946 als Amerigo sein Viertel in Neapel verlässt und mit dem Zug und vielen süditalienischen Kindern die Halbinsel durchreist um einige Monate bei einer Familie aus Norditalien zu verbringen; eine Initiative der kommunistischen Partei um die Kleinen aus der Armut zu entreissen. Amerigo mit der Neugier und Schlauheit seiner 7 Jahren zeigt uns ein Italien das voller Hoffnung sich aufrichtet. Die Trennung von seiner Mutter ist ein grosser Schmerz aber es gibt keinen anderen Weg um Erwachsen zu werden. Sehr zu empfehlen!"

Joachim Bauer: Warum wir wurden wer wir sind

Verlag: Blessing 2019

Martina Sattmann: "Der Neurowissenschafter erklärt anhand der Spiegelneuronen, was es ausmacht, wie wir von Anderen wahrgenommen werden. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Es ist niemandem egal, angenommen oder abgelehnt zu werden. In Familie, Schule, Arbeitsplatz, sozialem Umfeld. Er nimmt uns an der Hand, schreibt freundlich und leicht verständlich. Ein Beitrag zur Friedenserziehung."

Buchvorstellung und Diskussion mit Joachim Bauer: Wie wir werden, wer wir sind

Gunther Baumann: Zawinul - Ein Leben aus Jazz

Verlag: Residenz Verlag 2002

Heinz Stipsits: „Ein absolutes MUSS für jeden Jazzfan und natürlich besonders für Zawinul-Fans. Josef Erich ‚Joe‘ Zawinul, geboren 7. Juli 1931 in Wien, aufgewachsen in Wien Erdberg und Oberkirchbach, gestorben 11. September 2007 in Wien, war zweifellos einer der allergrößten Jazz-Musiker des 20. Jahrhunderts, insbesondere war sein Einfluss als WEISSER auf die Musik der Schwarzen eindrucksvoll. Gunther Baumann portraitiert sehr einfühlsam den Weg des jungen Joe von Erdberg bis nach Malibu. Seine Begegnungen mit Friedrich Gulda, Dinah Washington, Wayne Shorter, Miles Davis und vielen anderen Größen des Jazz werden in launigen Interviews, gespickt mit hervorragenden Fotos, sehr authentisch dokumentiert. Gunther Baumann portraitiert sehr einfühlsam den Weg des jungen Joe von Erdberg bis nach Malibu. MERCY MERCY MERCY, Joe vielen Dank für Deine unsterbliche Musik!"

Mercy, mercy, mercy

Rolf Dobelli: Die Kunst des guten Lebens: 52 überraschende Wege zum Glück

Verlag: Piper 2017

Kurt Bauer: "52 Anleitungen, um im Leben etwas glücklicher zu werden."

Rolf Dobelli: Mit klarem Kopf ins Glück? | Sternstunde Philosophie | SRF Kultur

Theodor Fontane: Effi Briest

Erstausgabe 1896; Insel Verlag 6.Auflage 2011

Regina Prachner: "Ein Nachtrag zum vergangenen Fontane-Jahr (1819-1898), ein Klassiker, der wohl keiner Inhaltsangabe bedarf. Mich hat dieses Buch seit meiner frühesten Jugend begleitet, das erste Mal gab es mir meine Mutter zu lesen, als ich ca. 12 Jahre alt war - und es damals überhaupt nicht verstanden habe. Schon alleine die Tatsache, dass dieses junge Mädchen einen alten „Knacker“ heiratete, den sie erst zweimal flüchtig gesehen hatte, war mir völlig unverständlich. Die so dezent angedeutete Ehebruchsgschichte habe ich erst mit Verspätung (beim Auffliegen der Liebesbriefe) mitbekommen und die ganze Geschichte als überaus herzlos und unlogisch empfunden. Später als Fortsetzungsroman (als das dieser Gesellschaftsroman tatsächlich von 1894-1895 in 6 Folgen tatsächlich vorab in der Deutschen Rundschau erschienen ist) gehört im Radio von der unvergleichlichen Marianne Hoppe, dann den wunderschönen Schwarz-weiß-Film (1974) von Rainer Werner Fassbinder mit Hanna Schygulla in der Hauptrolle gesehen, und jedes Mal wieder motiviert, den Roman nochmal zu lesen, zuletzt wieder vor kurzem, zu Fontanes 200. Geburtstag am 30. Dezember 1819. Je öfter ich diesen Roman lese, und je älter ich selbst werde, desto mehr weiß ich ihn zu schätzen. Die feinen, detaillierten Beschreibungen, die Darstellung der Personen und ihres Umfeldes, die ein klares Bild der Gesellschaft der Wilhelminischen Epoche mit ihren starren, einengenden Umgangsformen, den überkommenen Moralvorstellungen, der kargen protestantischen Frömmelei abgeben, sind ein steter Genuss. Auch spart Fontane nicht mit Sozialkritik, die eher hintergründig so nebenbei erscheint (Roswithas tragische Geschichte), Humor blitzt auf, und die „Frage der Ehre“ wird in Frage gestellt. Die unausweichliche Verpflichtung zum Duell aus Gründen der Ehre mit all ihrer Absurdität und Tragik wird dargestellt als Anklage gegen eine Praktik, die allseits nur Leid hervorbringt. Die Parallelen zu Flauberts „Madame Bovary“ und Tolstois „Anna Karenina“ bezüglich der Ehebruchsgeschichte beschäftigen seit jeher die Literaturwissenschaft. Die fatalen (letalen) Folgen der absurden Ehrbegriffe werden von Schnitzler weitergeführt, in „Leutnant Gustl“ (1900), wo es aber nicht um Duellieren, sondern um Selbstmord aus Gründen der Ehre geht, und besonders im „Weiten Land“. Da gibt es Ehebruch von beiden Seiten, und wie die Gesellschaft unterschiedlich damit umgeht, und Duell. Vom „weiten Feld“ des alten Briest zum „Weiten Land“ Schnitzlers ist es nicht – weit!

Rainer Werner Fassbinder: Effi Briest (Film 1974)

Yuval Noah Harari: 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert

Verlag: C.H.Beck; Auflage: 10 (25. Juli 2019)

Peter Mlczoch: "Der israelische Historiker Harari breitet in weitem Bogen die Gefahren einer von künstlicher Intelligenz und Biotechnologie geprägten Zukunft vor uns aus. Nach dem Wegbrechen alter Ideologien und auch von Religionen sind wir gefordert, zu erkunden, wer wir wirklich sind. Rezepte für ein sinnvolles Leben werden nicht angeboten – außer Selbstbeobachtung durch Meditation."

3Sat Beitrag zu: "21 Lektionen für das 21. Jahrhundert"

Ilse Helbich: Das Haus

Droschl 2009

Reinhard Urban: "...

Ich möchte noch einmal irgendwo fremd sein. Ilse Helbich – Schreiben im Gegenwartszustand

Ilse Helbich: Grenzland Zwischenland

Droschl 2012

Reinhard Urban: "...

Buchbesprechung in Die Zeit (2015)

Karel Otto Hrubý: Fotograf, pedagog, teoretik

Verlag: Moravske Galerie v Brne 2017

Nadja Meister: "Die tschechische Photographie ist ausserhalb Tschechiens nur einem kleinen Teil der interessierten Öffentlichkeit bekannt. Einer, den es auch zu entdecken gilt, war Karel Otto Hruby. Aus seiner Hand entstanden nur wenige Monographien, jedoch zahlreiche Bildbände zusammen mit anderen, durchaus auch recht bekannten, Kollegen, wie Vilem Reichmann. Seinen Schwarz-weiß-Arbeiten wohnt ein besonderer Zauber inne, den die Mährische Galerie in Brünn 2017 aus dem Nachlass des Künstlern zu heben begonnen hat."

Fragments of Noir

Johannes Krause: Die Reise der Gene

Verlag: Propypläen 2019

Kurt Bauer: "Die neusten Erkenntnisse der Paläoantropologie. Hochinteressant"

Rassen, Ethnien, Populationen: Gibt es eine Basis für menschliche Gruppenbildung? Vortrag und Diskussion mit Prof. Dr. Johannes Krause, Paläogenetiker und Direktor des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte, Jena und Prof. Dr. Veronika Lipphardt, Wissenschaftshistorikerin, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg; Moderation: Prof. John A. Kantara, Wissenschaftsjournalist, Berlin

Ernst Lothar: das Wunder des Überlebens

Zsolnay Verlag 2020

Franz Meister: "Schon als Zsolnay seinen Frühjahrskatalog 2020 angekündigt hat, war mein Interesse an diesem Buch geweckt. nachdem ich „Die Rückkehr“ gelesen hatte. So wollte ich seiner Feder mehr über diesen mann erfahren, der eher einem älterem Publikum, als mir, etwas sagt. Meine Erwartungen wurden erfüllt. In Bescheidenheit beschreibt er sein Wirken und Werden und einige Dinge, die heute vielen etwas zu sagen haben, sind mit seinem Namen verbunden: Die Gründung der Salzburger Feststspiele, die Wiener Messe - ein Produkt der Ersten Republik, wie auch die Wiener Hochschule für Welthandel, aus der die Wiener Wirtschaftsuniversität hervorging. Sein Schaffen hat sich in weiterer Folge aber auf künstlerische Projekte konzentriert, Inszenierungen, zahlreiche Bücher - die heutzutage bestenfalls nur mehr antiquarisch erhältlich sind. Er übernahm das Theater in der Josefstadt - sein Vorgänger war niemand geringer als Otto Preminger -doch nicht lange konnte er dort wirken, denn im März 1938 war es Schluß mit der Kultur in Österreich. Eine abenteuerliche Flucht aus Wien begann. Seine Frau Adrienne Gessner war gleichzeitig auf Tournee in Prag. Es gelingt das Zusammenkommen und über Paris gelingt die Fluchtfortsetzung nach New York. Noch einmal von vorne anfangen: Englisch lernen und sofort anzuwenden versuchen. Buchübersetzungen, Kontakte zu Geflohenen pflegen, Netzwerke aufbauen, das materielle Leben sicherstellen und gleichzeitig Heimweh… Im Buch „Die Rückkehr“ gibt Lothar Zeugnis davon ab, wie wenig Rückkehrer gelitten wurden, wie sehr sie verdächtigt wurden und in Summe, wie alles andere als einfach ein Neubeginn (Wiederaufbau erscheint mir gar das falsche Wort zu sein) nach 1945 in Österreich gewesen sein mag."

Die graue Eminenz des österreichischen Theaters - Dagmar Heißlers Monographie zu Ernst Lothar

Cormac McCarthy: Die Abendröte im Westen

rororo 1998, Original: Blood Meridian or The Evening Redness in the West; Random House NY 1985

  • P.S.: Das Buch wurde 2011 bei Grenzenlos Literatur von Helmut Brohs (leider bereits †) erstmals besprochen.
Heinz Stipsits: "Zum Inhalt: Der Roman beginnt im Jahr 1849 und erzählt die Geschichte eines namenlosen Jungen von anfangs vierzehn Jahren, dessen Mutter gestorben ist und der aus seinem verwahrlosten Elternhaus in Tennessee flieht, als Landstreicher Richtung Westen zieht und sich unterwegs der Glanton-Gang, einer Gruppe von ehemaligen Soldaten und Desperados, anschließt. Diese ziehen plan- und ziellos durchs Land von Texas Richtung Mexiko, teils verfolgt und bedroht von Hunger, Durst und Indianern, teils selbst eine Bedrohung für Menschen, die ihnen begegnen, da sie beispielsweise von wehrlosen Indianern, die sie töten, die Skalpe erobern, für die sie von verschiedenen Gouvernements eine Prämie erhalten."
"Buchbesprechung: Ein gnadenloser Roman, Blutrot – nicht nur der Einband. Unglaubliche Grausamkeiten werden eher lakonisch beschrieben, diese ziehen sich wie ein blutroter Faden vom Anfang bis zum Ende des Werks. Der Genozid an der First Nation, ein Thema das in der amerikanischen Literatur gar nicht gerne vorkommt, wird genauso beschrieben wie die entsetzliche Skrupellosigkeit und Entmenschlichung an anderen Ethnien, aber auch unter den Desperados. Auch die Indianer sind natürlich um nichts weniger brutal. Der Roman bricht mit den Vorstellungen vom abenteuerlichen „Wilden Westen“und der kulturellen Leistung seiner Erschließung. Der ziellose Zug durch den Westen der USA und die pure Destruktivität der handelnden Personen kann als eine Metapher auf die Vergeblichkeit und die Fragwürdigkeit aller kultureller Anstrengungen und Leistungen des Menschen gesehen werden."

Reading Blood Meridian | Dr. Dan O'Hara | And So The Judge Returns Workshop

Ian McEwan: Machine like me

Verlag: Jonathan Cape; Auflage: 01 (18. April 2019)

Alma Culik: "Ian McEwan´s interessante Geschichte des Roboters Adam, der von Protagonisten als Gesellschafter, Freund und factotum für 86.000 Pfund gekauft wird und die Entwicklung einer Freundschaft mit ungewöhnlichen Folgen."

Diskussion mit Ian McEwan über Machines Like Me

Sabine Maier & Nadja Meister: Unter einem Himmel - Über Wege und Orte in niederösterreichischetschechischen Regionen

Museumsmanagement Niederösterreich April 2020

aus einer Buchbesprechung: "Österreich, Tschechien. geteilt - getrennt - vereint" war 2009 der Titel einer Niederösterreichischen Landesausstellung. Sie fand 20 Jahre nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs in Horn, Raabs und Telč statt. Seither ist ein weiteres Jahrzehnt vergangen und ein neues Buch über die ehemalige Randzone erschienen. Die Kulturredakteurin Sabine Maier und die Fotografin Nadja Meister dokumentieren den erfreulichen Wandel in ebenso informativen wie originellen Texten und hinreißenden Bildern. 24 Kapitel geben Einblick in fünf Regionen: Südböhmen, Waldviertel, Vysočina, Südmähren und Weinviertel. Durch die jüngere Zeitgeschichte – den Eisernen Vorhang – wurde die Region von 1950 bis 1989 leider komplett durchtrennt. Und damit abgeschnitten von einer über Jahrhunderte reichenden Tradition und gemeinsamen Geschichte. Nun aber versucht man, nicht zuletzt mit Hilfe der EU, das Gemeinsame über das Trennende zu stellen. Die Entdeckungsreise "in der Grenzen keine Rolle mehr spielen" beginnt mit der Architektur. So finden sich diesseits und jenseits Sgraffito-Häuser aus dem 16. Jahrhundert. In Gmünd, Weitra, Slavonice und Telč erzählen die Fassaden Geschichten. Der historische Teil der Renaissancestadt Telč samt dem Schloss zählt zum UNESCO-Welterbe. Das besterhaltene Barocktheater der Welt ist ein Teil des Schlosses von Český Krumlov. Die sensationelle Bühnentechnik und der Fundus von 350 Kulissen, 600 Kostümen und 2.400 Requisiten kommen bis heute zum Einsatz. Ein weiteres UNESCO-Welterbe stellt die Kulturlandschaft Lednice-Valtice dar. Das großartige Ensemble war ein Besitz der Fürsten Liechtenstein. Um 1800 stattete Alois I. vier Expeditionen nach Nordamerika aus, die 32.000 Pflanzen- und Samenarten nach Mähren brachten. Der barocke Park wurde zu einem englischen Landschaftsgarten, dessen Gestaltung den Flusslauf der Thaya einbezog und Bauten wie ein Minarett, Tempel, Burgen und ein fast 100 m langes Glashaus mit tropischen Raritäten umfasst. In den letzten Jahren restauriert, sind sie nun ebenso Attraktionen wie die Schlösser selbst. Die romantische Ausstattung der Parks geht großteils auf den Architekten und Erfinder Joseph Hardtmuth zurück, der 1805 bis 1812 als fürstlicher Baudirektor tätig war. Ende des 18. Jahrhunderts hatte er in Wien nach eigenen Erfindungen Steingut und Bleistifte produziert. Seine Söhne verlegten die Bleistiftfabrik Koh-i-Noor, damals die größte der Welt, nach Budweis. Sie besteht nach wie vor in České Budějovice. Ein anderer kreativer und zukunftsweisender Fabrikant war Jakob Christoph Rad. Als Direktor der Zuckerfabrik in Dačice erfand er den Würfelzucker. Kulinarisches fanden die Autorinnen gleichermaßen in Tschechien wie in Niederösterreich. Die Traditiion des Budweiser Biers begann 1265, Weitra war seit 1321 die älteste Braustadt Österreichs. Auch die berühmte Teichlandschaft in Südböhmen und im Waldviertel wurde im 14. Jahrhundert angelegt. 7.000 Teiche in Böhmen und 1.800 im Waldviertel versorgten Mitteleuropa mit Karpfen - und ihre adeligen Besitzer mit Wohlstand. Böhmische Teichbaumeister und Handwerker schufen kilometerlange Kanäle und riesige Wasserflächen. Handwerkskunst und historische Industrie ist das Thema eines eigenen Kapitels. Glas und Steinobjekte aus Gmünd, die Papiermanufaktur in Bad Großpertholz oder die Retzer Windmühle sind Besonderheiten aus Niederösterreich. Der Charme des Alltags begegnet in mehreren Sammlungen beider Länder, in denen Greißlereien, Apotheke, Schule und Spital rekonstruiert wurden. Auch technische Raritäten kann man in verschiedenen Sammlungen sehen. In Ziersdorf wie in Chvalovice-Hatec stehen hunderte "Wurlitzer". Das Bahnwärterhäuschen in České Budějovice erinnert an die einst längste Bahn des Kontinents, die mit Pferdekraft Bier nach Linz und Salz nach Böhmen brachte. In Laa an der Thaya gibt es ein Kutschenmuseum, in Retz eines für Fahrräder, in Znaim und Nová Bystřice Oldtimer Sammlungen. Der Hausindustrie wie den frühen Textilfabriken begegnet man im "Bandlkramerlandl" um Groß-Siegharts und Weitra. Die Archäologie öffnet Fenster in die Vergangenheit. In Dolní Věstonice kam eine Frauenstatuette aus Ton zutage, deren Alter auf 25.000 bis 29.000 Jahre geschätzt wird. Ihr und den Spuren eiszeitlicher Mammutjäger widmet sich der "Archäopark Pavlov". In Eggenburg fanden Johann Krahuletz, in Horn Josef Höbarth ur- und frühgeschichtliche Artefakte und bauten ihnen Museen. In Eggenburg entstand so der erste Museumsbau Niederösterreichs. Andere historische Objekte sind erst später zu Museen geworden. In Žďár nad Sázavou wirkten einst die Zisterzienser. Jetzt ist das "Museum der neuen Generation" eines der modernsten Europas. Mit Hilfe interaktiver Medien erfährt man alles Wissenswerte über die Geschichte des Ortes, des Schlosses und der nahen Wallfahrtskirche Zelená Hora, die seit 1994 zum UNESCO-Welterbe zählt. In Niederösterreich ist das Weinviertler Museumsdorf in Niedersulz, das größte Freilichtmuseum des Landes, Schauplatz zahlreicher Veranstaltungen. Wer sich mehr für die "Hochkultur", Burgen & Schlösser, Künstler und andere Promis interessiert, wird in den Schausammlungen und im vorliegenden Buch bestens bedient. Die überaus interessante und modern gestaltete Publikation behandelt außerdem Naturschönheiten, Unkonventionelles und Skurriles wie Mystische Orte, Kellerwelten oder Verrückte Plätze. Religion & Reformen und Das jüdische Erbe sind weitere Abschnitte übertitelt. Während in Niederösterreich Klöster wie Zwettl oder Altenburg erhalten und in jüngster Zeit beispielgebend restauriert wurden, sind in Böhmen und Mähren viele verlorene Klöster zu beklagen. Sie fielen den Hussitenkriegen und der kommunistischen Regierung zum Opfer, nur einzelne werden jetzt museal genutzt. Anders verhält es sich mit dem jüdischen Erbe, das in Südböhmen, Vysočina und Südmähren auch dank großangelegter Restaurierungs Projekte in einzigartiger Weise präsent ist. Über Zeitgeschichte. Die Stürme des 20. Jahrhunderts liest man: Wie in einem Brennglas spiegeln sich hier die Ereignisse einer stürmischen Epoche wider, deren zentrale Themen Trennung und Öffnung lauteten. Ein eindrucksvolles Beispiel des neuen Miteinander bildet das bilaterale Naturschutzgebiet Thayatal-Podyji. Zwischen der kleinsten Stadt Österreichs, Hardegg, und Čížov bestand bis 1950 eine Brücke, in deren Mitte die Grenze verläuft. Auf der tschechischen Seite wurden alle Bodenbretter entfernt, die Brückenkonstruktion verrostete. Heute verbindet die Brücke die beiden Länder wieder… Sie ist 14 25. April 2020 wieder zum Symbol geworden - aber diesmal zu einem Symbol des Miteinander und der Zusammenarbeit.

Museumsmanagement Niederösterreich

Joan Moreno: Tausend Seiten Lüge

Verlag: Rowohlt 2019

Ilja Fiser: "Der Spiegel, die renommierte Rechercheplattform des deutschen Sprachraums, war einem notorischen Lügner aufgesessen. Claas Relotius erfand jahrelang Reportagen, die das Kontrollsystem des Spiegels überwanden und ihm zahlreiche Preise eintrugen. Erst Juan Moreno, der gemeinsam mit Relotius eine Reportage bon der US/mexikanischen Grenze erstellte, enthüllte dieses Lügengespinst."

Portrait: Journalist und Schriftsteller Juan Moreno

Ingrid Noll: Die Apothekerin

Verlag: Diogenes 1994

Inge Fiser: "Kriminalroman - sehr spannend und subtil. "

Die mörderische Welt der Ingrid Noll Doku (2016)

Connie Palmen: Die Gesetze

Verlag: echomedia 2019

Andreas Pöll: „Marie Derit trifft ab 17 in den folgenden Jahren sieben interessante Männer.“

Ein philosophischer Hurenengel . Buchbesprechung Die Zeit 1993

Anna Pasternak: Lara Die wahre Geschichte hinter Doktor Schiwago

Verlag: BTB 2019

Franz Meister: "Dies ist ein Buch. dass zu einer Vielzahl an Gedanken weiterleitet. Da ist das Leben und das Umfeld des jungen Boris Pasternak, der noch Umgang mit Tolstoj hatte und Klavier bei Skrjabin lernte. Philosophiestudium in Deutschland und ein kurzer Ausflug nach Italien. Das Terrorregime Stalin, dass viele Freunde und Bekannte von Pasternak am Gewissen hat. Da gibt es den Lyriker und Übersetzer Pasternak, der sein Gehalt zur Unterstützung von Freunden und deren hinterbliebenen Frauen spendet. Vortragsabende mit Lyrik, die so begeistert aufgenommen wurden, wie später die Konzerte der Beatles - ein Publikum, dass zum überwiegenden Teil Gedichte auswendig gelernt hat. Das Liebesleben des Boris Pasternak, dass über zwei Frauen zu Olga, der Muse und Inspiration für Lara wurde. Olga, die Frau, die viel opferte um mit Boris Pasternak doch nicht zusammen leben durfte, die zwei Fehlgeburten hatte, die zu einem nicht unwesentlichen Teil dem Regime anzulasten sind. Olga ging zweimal für bzw. wegen Pasternak ins Gefängnis, in den Gulag - weil sich das Regime scheute Pasternak direkt in Haft zu nehmen. Und dann gibt es die nahezu abenteuerliche Geschichte, wie Doktor Schiwago als Buch erscheinen konnte - zuerst in Italien und fast überall auf der Welt. Das Regime, unter der Führung Chrustschows rächt sich mit mit einer Hetzkampagne besonderer Perfidie. Chrustschow attakierte Pasternak persönlich auf einem Parteitag. Jahre später gab er dann zu, Doktor Schiwago damals gar nicht gelesen zu haben.Erst 1988 durfte das Buch in der Sowjetunion erscheinen. Ein Nobelpreis, der nicht angenommen werden durfte… Die Frau, Olga Iwinska, kommt in diesem Buch, dass die Großnichte von Boris Pasternak anhand von allerlei Sekundärliteratur und Quellen aus dem Umfeld von Pasternak und Iwinskaya erstellt hat, möglicherweise zu knapp vor. Aber das ist hier nicht die Sache. Denn dieses Leben beider hatte soo viele Facetten, die in diesem Buch dargestellt werden, sodass es wert ist gelesen zu werden."

ARTE-Dokumentation: Ich lade sie zu meiner Hinrichtung ein - Der Fall Doktor Schiwago

BBC Documentary: The Real Doctor Zhivago (2017)

Erich Maria Remarque: Liebe Deinen Nächsten

urspr. Kurt Desch (1953?), gelesen in der Lizenzausgabe der Buchgemeinschaft Donauland, Kremayr und Scheriau

Peter Mlczoch: Die Schicksale dreier Personen, die zur Zeit des Nationalsozialismus aus Deutschland quer durch Europa flüchten müssen berühren und reißen mit. Die Rechtlosigkeit von Vertriebenen und deren Strategien zum Überleben lassen sich (glücklicherweise) zwar nicht direkt mit der Situation heutiger Asylwerber vergleichen und doch gibt es frappierende Ähnlichkeiten der damaligen „sans papier“ mit den Menschen, die zu uns flüchten, deren Asylanträge abgelehnt werden und die dann untertauchen. Remarque ist ein genauer Beobachter und seine Sprache „packt“ und lässt einen das Buch nicht aus der Hand legen. Der Roman wurde 1938/39 geschrieben und erschien zunächst auf Englisch und wurde bereits 1941 verfilmt.

Erich Maria Remarque - Gespräch mit Friedrich Luft (1962)

Thomas Ross: Die Untiefen der Donau

Verlag: Karolinger Verlag 2005

Alma Culik: "Thomas Ross, geboren in Berlin, wuchs im Weinwarterhof in Muckendorf auf, ging in Tulln zur Schule und seine Familie war wohlhabend und kultiviert. Der Vater, aus altem schottischem Adel, die Mutter aus dem Ullstein Verlag, führten ein zufriedenes Leben…."

Wikipedia Thomas Ross (Journalist)

Saša Stanišić: Vor dem Fest

btw 2014

Regina Prachner: "geb. 1978 in Visegrad als Sohn einer Bosnierin und eines Serben (1992 Flucht der Familie nach Heidelberg, seit 2013 deutscher Staatsbürger) erregte Stanišic einiges Aufsehen, als er die Verleihung des Deutschen Buchpreises an ihn zum Anlass nahm, vehement und heftig gegen die kurz zuvor erfolgte Verleihung des Nobelpreises an Peter Handke zu polemisieren. Vor allem wegen dessen Schrift „Gerechtigkeit für Serbien“, seiner Verurteilung der Luftanschläge der Nato und seiner Rede 2006 zur Beerdigung Slobodan Miloševićs. „Vor dem Fest“ ist ein Dorfroman und spielt in Fürstenfelde, einem fiktiven Ort in der Uckermark, in dem sich die Bevölkerung allmählich an das Leben nach der Wende gewöhnt hat. Dramatis personae sind u.a. der (tote) Fährmann – das Dorf liegt zwischen zwei Seen, die Leiterin des „Hauses der Heimat“ und Hüterin des (Geheim)Archivs, dessen Dokumente nicht an die Öffentlichkeit gelangen dürfen, zwei Halbstarke (einer davon stumm), ein Hühnerzüchter, der Bürgermeister, ein Beislbesitzer (dort wohl eher „Kneipe“ genannt), eine steinalte Malerin, ein junges Mädchen namens Anna, das beim traditionellen Annenfest geopfert werden soll – und dann doch nicht, ein lebensmüder ehemaliger Offizier, ein altersschwacher Glöckner und sein Adept, der kurz vor der Glöcknerprüfung steht – und eine Füchsin.Das Dorf am Vortag bzw. Vorabend des Annenfestes, das auf eine Tradition bis ins 16. Jahrhundert oder früher zurückgeht. Anscheinend soll dabei am Scheiterhaufen eine Hexe gebrannt haben, oder brennen, geschichtliches und tagesaktuelles werden verknüpft, die Erzählgegenwart mit der Vergangenheit, wobei Stanišić eine Art altertümliche Sprache nachahmt, die aber seine Erfindung ist. Vor dem Fest geschehen einige eigentümliche Dinge: die Malerin malt mitten im der Nacht mit Stirnlampe versehen und im See stehend, Anna hat einen asthmatischen Anfall, zwei ständig reimende Gesellen kommen ihr zu Hilfe, sie ihrerseits hält den lebensmüden Offizier, der sich aus Frust darüber, dass ihm der neumodische Zigarettenautomat keine Zigaretten ausspuckt, das Leben nehmen will, vom Erschießen ab, die Glocken aus dem Glockenturm stehen auf einmal auf einer Wiese, in das Archiv des Hauses der Heimat wird eingebrochen und der Sohn von dessen Hüterin dort eingeschlossen, und die Füchsin wird beim Eierdiebstahl ziemlich lädiert. Doch das Fest findet statt, und Anna wird nicht verbrannt. Seine Diktion hat mich gleich an Wolf Haas erinnert, ein Wolf Haas auf Uckermärkisch sozusagen. Das wurde mir in seiner Biographie bestätigt: Saša Stanišić schrieb seine Magisterarbeit 2004 über Wolf Haas. Originelles Detail am Rande: Bei der Deutsch-Abiturprüfung in Hamburg 2019gab es die Aufgabe, Fragen zu diesem Roman zu beantworten, ihn literaturwissenschaftlich einzuordnen, und ein weiteres Kapitel im Sinne des Autors hinzuzufügen. Saša Stanišić nahm incognito unter einem Frauennamen teil und erreichte 13 von 15 Punkten

Saša Stanišić: Vor dem Fest - Ein Interview nach dem Preis

Lew Tolstoj: Die Kreutzersonate

Verlag: Insel tb; Orig: 1891; Deutsch erst 1922

Heinz Stipsits: "Die Kreutzersonate. Eine Erzählung aus dem Russischen von Arthur Luther, mit Illustrationen von Hugo Steiner-Prag, Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig 1991 (aktuell: 2008 enthält auch das Nachwort) Bei einer längeren Zugfahrt sprechen Reisende über die Grundbedingung für eine glückliche Ehe, nämlich die Liebe. Diese Ansicht wird vor allem von einer älteren, rauchenden Dame vertreten. Patriarchalische anmutende Ansichten werden jedoch von einem alten Kaufmann rigoros vertreten. Posdnyschews Geschichte beginnt erst nachdem die meisten ausgestiegen sind. Er erzählt, dass er seine Frau aus Eifersucht erdolcht hat und wegen Handelns aus Eifersucht freigesprochen wurde. Nach vielen Jahren der sexuellen Ausschweifung, beschließt er als 30jähriger eine sehr attraktive Frau, die ihn wegen ihrer Sinnlichkeit anzieht, spontan zu heiraten. Nach der Geburt ihres fünften Kindes kann sie aus medizinischen Gründen keine weiteren Kinder bekommen. Als nun dreißigjährige Schönheit widmet sie sich nun ihren persönlichen Neigungen, besonders dem Klavierspiel. Worauf der Ehemann mit krankhafter Eifersucht reagiert, war doch das Gebären und Aufziehen der Kinder in seiner Wahrnehmung die einzige Versicherung gegen die mögliche Untreue seiner Frau. Er vermutet, dass sie jetzt bei dem gemeinsamen Musizieren der KREUTZERSONATE mit dem Geiger Truchatschewskij einen Liebhaber im Hause hat, vergeht vor Eifersucht und verlangt von ihr zu gestehen. Nachdem sie keinen Grund hat etwas zu gestehen was nicht sie nicht getan hat, erdolcht er seine Frau als vermeintliche Ehebrecherin in rasender Eifersucht. Mit dieser Novelle ist Tolstoi ein tiefgreifendes Psychogramm einer zerrütteten Ehe gelungen und gleichzeitig lässt es auch tief sein Inneres blicken, weil doch viele Analogien und Einstellungen zu Ehe, Sexualität und Liebe aus seiner eigenen Biographie erkennbar sind.
Trivia: Ludwig van Beethovens für Klavier und Violine Nr. 9 A-Dur op. 47 entstand 1802 und ist gemeinhin als Kreutzer-Sonate bekannt. Das etwa 40-minütige Werk ist charakterisiert durch Klangfülle (die Violine beginnt mit einem mehrstimmigen Solo), Virtuosität, überraschende Modulationen, weite melodische Bögen und abwechslungsreiche Sätze – vom furiosen ersten Satz über den meditierenden zweiten bis zum jubelnden Finale. Wie alle „Violinsonaten“ von Mozart und Beethoven ist sie „für Pianoforte und Violine“ geschrieben, nicht für „Violine und Klavier“. Ursprünglich war die Sonate dem Geiger George Bridgetower (1779–1860) gewidmet, der das Werk am 24. Mai 1803 mit Beethoven zur Uraufführung brachte. Nach dem Auftritt soll es jedoch wegen eines Mädchens zu einem Streit zwischen beiden gekommen sein, so dass Beethoven die Widmung wieder tilgte. Laut dem Beethoven-Biographen Thayer hat Bridgetower eine Frau beleidigt, die Beethoven wertschätzte, was ihn äußerst erzürnte. So wurde das Werk dem französischen Violinisten Rodolphe Kreutzer (1766–1831) gewidmet. Ironischerweise hat Kreutzer die Sonate nie gespielt und sogar für unspielbar erklärt."

Anne Maria Wehrmeyer (Violine) und Marie Sophie Hauzel (Klavier) aus Bayern gewannen beim zweiten Carl Bechstein Wettbewerb 2015 den 1. Preis in der Altergruppe 3 (14 und 15 Jahre). Beim Preisträgerkonzert am 18.10.2015 spielten sie aus Ludwig van Beethovens Sonate Nr. 9 op. 47

Lew N. Tolstoi: Hadschi Murat

Deutsche Übersetzung von Arthur Luther, Insel Verlag 2000

Heinz Stipsits: Hadschi Murat ist eine Erzählung von Lew Tolstoi, die in den Jahren 1896–1904 entstand und erst 1912 posthum erschien. Tolstoi verwendete sowohl seine Erfahrungen aus den Jahren 1851- 1852 im Kaukasus, sowie die Erinnerungen des Unterleutnants und späteren Generals Wladimir Alexejewitsch Poltoratzki und des Adjutanten und späteren Grafen Michael Loris-Melikow. Dies ist das letzte Werk Tolstois. Erzählt werden Episoden aus den letzten Lebensmonaten des historisch verbürgten Kämpfers und Muslimführers der Tschetschenen Hadschi Murat gegen die russischen Militärs des Zaren Nikolaus I. von Russland. Inhalt der Novelle: Im November 1851 taucht Hadschi Murat – auf der Flucht vor den Muriden des Imam Schamil – bei seinen Getreuen in einem tschetschenischen Aul im Ostkaukasus in der Nähe von Grosny unter. Wer Hadschi Murat Obdach gewährt, muss mit der Todesstrafe rechnen. Der Ankömmling wurde von Dorfbewohnern beobachtet. Schamil will ihn lebendig oder tot. Die Männer im Aul wollen Hadschi Murat festnehmen. Nach der dreitägigen Verfolgung jedoch möchte sich der Flüchtling einmal ausschlafen und glaubt weiter an sein Glück. Wenn er, Hadschi Murat, zu dem russischen Fürst Semjon Michailowitsch Woronzow überläuft, dann könnte er gegen Schamil zu Felde ziehen und schließlich in Dagestan und ganz Tschetschenien die Macht übernehmen. Er schickt einen Boten aus. Woronzow will Hadschi Murat wie einen Gast empfangen. Hadschi Murat entzieht sich der drohenden Verhaftung durch die Tschetschenen im Aul durch eine waghalsige Flucht und unterwirft sich dem Fürsten Woronzow. Dieser ist der Sohn des zaristischen Stadthalters in Tiflis. Die Meldung vom Übertritt Hadschi Murats geht in Tiflis am 7. Dezember 1851 ein. Hadschi Murat wird nach Tiflis geleitet und erzählt dort den Russen, Schamil verfolge ihn, weil er nicht gegen den Zaren kämpfen wolle. Hadschi Murat beteuert vor dem Statthalter, bis zum letzten Blutstropfen wolle er unter russischer Führung gegen Schamil kämpfen, doch er müsse vorerst noch warten, denn Imam Schamil halte Hadschi Murats Familie – die Frau, seine Mutter und seine Kinder – in den Bergen gefangen und hatte gedroht, er werde die Seinen, sobald Hadschi Murat angreift, umbringen. Im Stab des Statthalters vermuten allerdings einige Offiziere, der Überläufer wolle sie täuschen und ja nur die Schwachpunkte in den russischen Stellungen erkunden. Es wird ihm deshalb nicht vertraut, weil Hadschi Murat hat bereits in der Vergangenheit sowohl mit den Russen und gegen sie gekämpft. Adjutant Loris-Melikow lässt sich aus Hadschi Murats Leben erzählen. Dabei kommt heraus, Schamil hatte Hadschi Murats Bruder umgebracht. Deshalb wurde Hadschi Murat Fähnrich bei General Rosen. In der russischen Truppe diente jedoch Achmet Khan, einer der Todfeinde Hadschi Murats. Dieser hatte vergebens um eine Frau gefreit und war zu der Ansicht gekommen, Hadschi Murat habe die Werbung hintertrieben. Achmet Khan hatte nun bei der ersten Gelegenheit den Fähnrich Hadschi Murat gefangen genommen. Dem Gefangenen war die Flucht gelungen und er hatte fortan unter Schamil gegen die Russen gekämpft, weil er sich an Achmet Khan rächen wollte. Aber es gab zwischen Schamil und Hadschi Murat Streit um Beuteanteile. Schamil brauchte einerseits Hadschi Murat als tapferen und furchtlosen Kämpfer und andererseits wollte er ihn als gefährlichen Konkurrenten für das Amt des Imam loswerden. Hadschi Murat muss also um sein Leben fürchten, und deshalb ist er auf der Flucht vor den Muriden des Schamils, wie zu Beginn der Novelle geschildert wurde. Am 20. Dezember 1851 schreibt der Tifliser Statthalter Woronzow in der Sache Hadschi Murat einen Brief an russischen Kriegsminister Tschernyschew. Dieser wendet sich am 1. Januar 1852 an Nikolaus I. und der Zar schließt sich Woronzows Vorschlag an – Hadschi Murat soll gegen den Feind eingesetzt werden. Der Feind – das ist Schamil. Hadschi Murat beauftragt Getreue mit der Befreiung seiner Familie, während Schamil im Felde kämpft, jedoch das misslingt. Die Geiseln werden nach Vedeno gebracht um Hadschi Murat ebenfall dorthin zu locken. Hadschi Murats Sohn Jussuf muss dem Vater einen Brief schreiben, falls Hadschi Murat nicht bis zum Beiramfest nach Vedeno kommt, wird Jussuf der Kopf abgeschlagen und Jussufs Mutter sowie die Großmutter werden als Freiwild gejagt. Aber nein, viel schlimmer, Schamil korrigiert sich, indem er Jussuf wie einen Verräter behandeln wird – und ihm die Augen ausstechen lasse. Jussuf will sich selbst erdolchen, aber auch das misslingt und er wird in sein Gefängnis – eine stinkende Grube – zurückgebracht. Hadschi Murat fleht den Statthalter Woronzow in Tiflis vergeblich an, gefangene Gebirgsbewohner gegen seine Familie auszutauschen. Er lässt sich nach Nuha versetzen – in der Absicht, seine Familie selbst zu befreien. Woronzow ruft Hadschi Murat für den 12. April 1852 zu einer Besprechung nach Tiflis. Als Leser erfährt man vom Tod Hadschi Murats durch einen Kosaken, der den abgehackten Schädel Murats vorzeigt. Erst danach wird retrospektiv die genaue Art seines Sterbens im Kampf mit den Russen geschildert, sein Versuch unter Bewachung von Kosaken auszureiten um seine Familie auf eigene Faust zu befreien. Dieser Ausritt wird zur Flucht und endet in einem Gemetzel, wobei Hadschi Murat von einer Übermacht umzingelt wird und nach erbittertem Kampf mehrfach angeschossen und schließlich von einem seiner Todfeinde erschlagen und enthauptet wird. Hintergrund: Tolstoi reiste als junger Mann zu den russischen Truppen im Kaukasus, angezogen von der großartigen Landschaft, den hohen Bergen und den Menschen, die sich in Sprache, Kultur und Lebensweise sehr stark vom Stil der russischen Adeligen unterschied. Mehr als zwei Jahre verbrachte der junge Tolstoi im Land der Tschetschenen und lernte dabei sehr viel über die führenden Persönlichkeiten der Bergvölker. Hadschi Murat ist eine historisch verbürgte Figur, der vorerst gegen die Russen sehr erfolgreich kämpfte, aber Ende 1851 doch zu den Russen überlief. Konflikte innerhalb der Kaukasusführern aber mehr noch die Sorge um seine eigene Familie ließen ihn zu der Zarenarmee überlaufen, das schließlich mit seinem Tod bezahlt wurde. 50 Jahre nach seinem Aufenthalt im Kaukasus versuchte Tolstoi die Geschichte des Hadschi Murat, historisch und biographisch weitgehend korrekt, die Abläufe dieser Zeit zu erzählen. Für Tolstoi bot der Stoff die Möglichkeit, die Ressentiments von Russen gegenüber Kaukasiern zu thematisieren; die muslimische mit der christlich-orthodoxen Kultur in Dialog zu setzen; wie auch eine willkommene Gelegenheit, die Mächtigen seines Landes mit Satire zu überziehen. Es gelingt ihm großartig den kulturellen Unterschied der Bergvölker und der von ihnen gehassten russischen Besatzern darzustellen. Besonders deutlich wird dieser Kultur-Clash in jenem Kapitel wo sich der große Kriegsminister mit dem Zaren über den Muslimen Hadschi Murat als Überläufer und Spion für Russland berät. Allein schon die aufwendige Bürokratie um überhaupt einen Akt auf die Agenda des Zaren zu setzen wird beinahe schon als kabarettistische Einlage satirisch geschildert. Im Gegenzug dazu wird das einfache aber harte Leben der Bergvölker, die in Wahrheit bis heute eigentlich niemals den russischen Besatzern näher kommen konnten oder wollten. Und falls doch wie im Falle Hadschi Murats, dann doch nur aus sehr persönlichen Motiven um der eigenen Familie kurzfristig zu helfen. Tolstois Novelle führt den Leser in eine großartige Landschaft, in der seit der russischen Kolonisation des Kaukasus und dem daraus folgenden 50-jährigen Kaukasuskrieg (1817- 1864) bis heute immer noch ein ungelöstes Problem liegt, aber auch ein mächtiges Pulverfass lodert.

Buchbesprechung Deutschlandfunk: Hadschi Murat. Eine Erzählung aus dem Land der Tschetschenen

Quincy Troupe: Miles Davis - Die Autobiographie

Verlag: W. Heyne; Orig: 1989; Deutsch: 2002

Heinz Stipsits: „Miles Davis (1926 -1991) erzählt seine Lebensgeschichte sehr detailliert und umfangreich dem amerikanischen Journalisten Quincy Troupe, der zwei Jahre vor Miles Tod das Buch im Original unter: ‚Miles and Me‘ veröffentlicht hat. Copyright allerdings lag bei Miles, der immer alles selbst bestimmen wollte. Das Buch ist sehr reich an Namen, besonders von Jazzmusikern, aber auch anderen Künstlern, Schauspielern, Sängern, ein insgesamt zehnseitiges Namensregister beweist dies sehr eindrucksvoll. Natürlich wird sein musikalischer Werdegang von einem gutbürgerlichen Elternhaus in St. Louis, der Aufbruch nach New York, die ersten Auftritte mit Charlie Bird Parker, seine erste eigene Band, Paris –Juliette Greco, Fahrstuhl zum Schafott, seine Drogenprobleme, Krankheiten etc. Weltkarriere, Abstürze, seine Neuentwicklungen im Jazz, Richtungsgeber für viele junge Musiker etc. aufgezeigt. Geschichten von Skandalen, Sex, Drogen und dem täglichen amerikanischen Rassismus werden quasi als Künstlerbeichte, auch mit viel Lamento und Geschwafel, Banalitäten, Lügen und Wahrheiten erzählt, man weiß nicht recht als Leser, wo man sich gerade befindet. Schließlich wird auf 47 Seiten wird eine komplette Discographie, beginnend von 1945 bis zum letzten Livekonzert in Montreux im Juli 1991, mit allen Titeln, Besetzungen, Erscheinungsorten angeführt. Sein wahres Ich, seine Musikalität, seine Besessenheit für schnelle Autos und junge Frauen, sein Machismo zeigt sich aber nicht im Buch, sondern in dem wunderbaren Film: ‚Birth of the Cool‘, der erst im Januar 2020 in den Kinos angelaufen ist."

Birth of the Cool - theatrical trailer

Ljudmilla Ulitzkaja: Die Lügen der Frauen

Verlag: dtv; Orig. 2002; Deutsch 2003

Heinz Stipsits: "In diesem "Episodenroman" mit zeitlich linearer Entwicklung, wird die Veränderung der Haltung der Protagonistin/Erzählerin Shenja auf freundlich ironischer Weise beschrieben. Im Lauf der Episoden wird aus dem naiven Erstaunen über unglaubliche Wahrheiten und sehr glaubhafte Lügen immer mehr ironische Skepsis zu den ‚Tatsachen‘ entwickelt. Sehr berührend die letzte Episode: ‚Die Kunst zu leben‘. Ulitzkaja wurde mit zahlreichen Preisen für ihr Werk außerhalb Russlands geehrt, u.a. auch mit dem Russischen Booker-Preis (russischer Literaturpreis, um das als gefährdet angesehene russische Literaturschaffen zu fördern) aber auch 2014 mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur. Ihre Aussage über Russland: "Ich kenne kein Land, wo die Situation der Frauen so von Unglück geprägt ist." Immerhin aber ist dieses Unglück der Anlass ihrer Lügen, die von den russischen Frauen aus "ästhetischen" Gründen erzählt werden: Sie lügen sich ihr Leben schön. Ljudmilla Ulitzkaja war im Jahr 2012 an den Protesten gegen Präsident Putin beteiligt. Im Jahr 2014 beklagte sie die „beispiellose Manipulation“ der Öffentlichkeit durch die Propaganda, deren Lügen alle Rekorde brächen. Am 28. April 2016 wurde sie Opfer einer Seljonka-Attacke, ausgeführt von Mitgliedern der ‚Nationalen Befreiungsbewegung‘. Ulitzkaja meinte dazu, dass diese „armen, unglücklichen und manipulierten Idioten“ im Dienste des Kremls stünden."
Trivia: Eine Seljonka-Attacke (russisch зелёнка, Brillantgrün) ist eine Form von Protest, Provokation oder gewalttätigem Angriff auf eine Person, die vorwiegend im Gesicht mit einer grünen Farblösung übergossen wird. In den 2010er Jahren war dies in Russland und der Ukraine weit verbreitet. In der Folge wurde die Seljonka – und die grüne Farbe im Allgemeinen – zum Symbol des politischen Protestes in Russland. Opfer und Einfluss: Die Opfer von Seljonka-Attacken sind in der Regel russische Oppositionelle, darunter Sergei Mitrochin, Michail Kassjanow, Alexei Nawalny, Ljudmila Ulizkaja, Julija Latynina oder ukrainische Politiker (Arsen Awakow, Arsenij Jazenjuk, Oleh Ljaschko).

Buchbesprechungen: Die Lügen der Frauen

Chris Ware: Rusty Brown

Verlag: Pantheon; Auflage: 01 (24. September 2019)

Günter Exel: "Sie nennen ihn den James Joyce der Graphic Novel: Chris Ware hat die Erzählkunst im Comic revolutioniert und stellt dies mit seinem 2019 erschienen Meisterwerk „Rusty Brown“ eindrücklich unter Beweis. Fast 20 Jahre arbeitete er an dieser Graphic Novel, die vier Geschichten von Außenseitern an einem verschneiten Tag im Jahr 1975 in Omaha, Nebraska, beginnen lässt. Neben eine unerschöpfliche zeichnerische Phantasie tritt bei Chris Ware die Poesie des Erzählens über Bilder, Perspektiven und sogar visualisierte Geräusche. Mit stillen, meditativen Zwischentönen deutet er Innenwelten oft nur durch subtile Handlungen in der Außenwelt an. Was von der erzählerischen Attitüde manchmal an Stifter erinnert, sprengt zugleich in seinem zeichnerischen Fluss alle Grenzen des chronologischen Lesens und lädt zum Vor-, Zurück- und Querlesen ein. Eine gefährliche Einstiegsdroge, die Lust auf mehr macht!"

Video: Unboxing - Rusty Bown Chris Ware | Art of Comics Epi 32

John Williams: Nichts als die Nacht

Original: Nothing But the Night; 1948 Swallow Press Denver; Deutschsprachige Ausgabe 2017 dtv Übersetzung Bernhard Robben

Heinz Stipsits: "Nothing But the Night ist das literarische Debüt von John Williams, erschienen 1948. Die kurze Erzählung, die in nicht einmal 24 Stunden eines einzigen Tages spielt, ist eine psychologische Studie über Angst und Verstörung eines jungen Mannes, der von einem Kindheitstrauma sein ganzes späteres Leben nicht mehr loskommt. Obwohl es das Werk eines Zweiundzwanzigjährigen ist, ist es bereits ein packendes und aufrührendes Debüt. Das Werk ist noch nicht so drastisch naturalistisch wie Jahre später ‘Butcher’s Crossing’, aber die Stärke des Romans liegt darin, dass man nicht abstrakt werden muss, um von schwierigsten Seelenzuständen zu erzählen. Inhalt: Auf knapp 150 Seiten wird die Geschichte eines einzigen Tages im Leben des jungen Mannes Arthur Maxleys erzählt. Dieser bewohnt ein Appartement in San Francisco, geht offenbar keiner Arbeit nach, hat sein Studium abgebrochen, aber hat durch die regelmäßigen Schecks seines Vaters dennoch genug Geld für Alkohol, Kneipenbesuche und Taxis. Zurück von einem kurzen Spaziergang – statt in den Park in eine Bar mit einem Drink, obwohl er noch ziemlich gezeichnet vom Vorabend ist, erhält er in seinem Appartement einen Brief seines Vaters, der nach längerer Zeit im Ausland wieder in den USA zurück ist und in der Nachricht ein Treffen mit seinem Sohn im Hotel Regency vorschlägt. Arthur hat von seinem Vater seit Jahren nichts mehr gehört. Der Vater, Hollis Maxley, entschuldigt sich in dem Brief, dass er wegen seiner weltweiten Geschäfte so selten geschrieben habe. Ein Brief sei wohl verlorenen gegangen, da er nie eine Antwort erhalten habe, und er erkundigt sich, ob Arthur regelmäßig seine Schecks bekommt. In Arthur steigen flüchtige Erinnerungen auf, schattenhafte Erinnerungen an eine Familienkatastrophe, an seine Mutter und an den letzten Anruf seines Vaters in Boston. Seine Erinnerungen an diese Zeit sind verschwommen und lückenhaft. Der Vater erhielt damals die dringende Empfehlung, in Zukunft jeden Kontakt mit dem Sohn zu meiden. Arthur hinterlässt seinem Vater die Nachricht mit ihm abends im Regency gemeinsam zu essen. Er trinkt Whiskey, legt sich aufs Bett, wartet auf die erhoffte Wirkung des Alkohols und dämmert vor sich hin. Ein Bild seiner Mutter kommt ihm in den Sinn, an das zu denken er die letzten Monate krampfhaft vermieden hat. Er kramt aus der Kommode das in einen Seidenschal gewickelte Bildnis seiner Mutter heraus. Ihre „geisterhaften“ Augen starren ihn aus knittrigem Papier an. Sein Blick streift darüber hinweg, hin in den „blauen Dunst einer verlorenen Zeit. Eine Flut von Erinnerungen an die goldene Zeit seiner Kindheit steigt aus seinem Unterbewussten auf, als jeder Tag mit dem sehnlich erwartete Gute Nacht-Kuss der Mutter endete. Am Nachmittag, nach einem unerfreulichen Treffen mit einem Freund, Stafford Long, in einer Bar mit einigen Cocktails rastet Arthur völlig aus, nachdem Stafford ihn bittet, Geld von seinem reichen Vater zu besorgen. Durch sein rüdes Benehmen wird er vom Kellner unsanft vor die Tür gesetzt. Stunden später trifft er mit seinem Vater im Speisesaal des Regency zusammen. Während sie schweigend die Speisekarte studieren, beobachtet Arthur heimlich den Vater und überlegt, ob er ebenso von schrecklichen Erinnerungen heimgesucht wird wie er selbst. Einen Augenblick lang bemitleidet er ihn sogar, empfindet Sympathie für ihn. Der Vater fängt an zu reden, über die Unruhe, die ihn umtreibt, das rastlose Leben, das er führt, Geschäfte auf allen Kontinenten, die, wie er einräumt, ohne weiteres an andere delegiert werden könnten. Diese Art von Leben hat er satt. In diesem Moment glaubt Arthur eine Erscheinung zu haben: Eine Frau – sie sieht aus wie seine Mutter – nähert sich dem Tisch und spricht Hollis Maxwell an. Sie macht ihm sehr freundlich Vorhaltungen, warum er sie nicht angerufen und informiert hat, wo er ist. Hollis ist peinlich berührt, errötet und stellt Arthur, zu ihrer sichtlichen Überraschung, als seinen Sohn vor. Arthur reagiert schockiert, alles Flehen seines Vaters, wieder wie früher mit ihm zusammen zu sein, ihn und sich selbst aus ihrem Alleinsein zu erlösen, laufen ins Leere. Arthur fühlt, er wird den Vater nie wieder sehen und läuft mit Tränen in den Augen aus dem Hotel. Benommen bleibt er auf der Straße stehen, Geräusche, Lichter, die Unruhe der Großstadt stürmen auf ihn ein. Er betritt einen Tanzsalon, in dem ein Orchester spielt und beginnt zu trinken. Plötzlich fällt ihm auf, dass eine junge Frau neben ihm sitzt. Sie beobachtet ihn, ihr Blick ist ein wenig glasig, die Zunge ein wenig schwer. Sie heißt Claire. Er bestellt Champagner und dann große Gläser Brandy. Sie tanzen, und er merkt, dass er allmählich betrunken wird. Sie plaudern ein wenig, er streichelt ihre Hände und denkt laut, „Wie allein wir sind. […] Wie immer allein.“ Der Raum verdunkelt sich, man erwartet den Auftritt einer berühmten Tänzerin, und eine plötzliche Angst durchzuckt ihn. Direkt vor seinem Tisch beginnt der wilde Tanz, die Musik steigert sich dramatisch, sie erfasst ihn wie ein Rausch. Das Gesicht seiner Mutter taucht vor ihm auf, dieses Mal aber ganz fremd, dunkel, heiß und wild. Und schlagartig kehrt die Erinnerung wie in weißes Mondlicht getaucht zurück: Das Kind ist von einem lauten Streit seiner Eltern aufgewacht und die Treppe hinuntergetappt. Jedes kleine Detail dieser nächtlichen Szene steht ihm klar vor Augen. Er hört ganz deutlich ihre Stimmen, versteht jede Silbe, aber die Bedeutung ihrer Worte versteht er nicht. Er stößt leicht die angelehnte Tür des Musikzimmers auf und sieht, wie in Zeitlupe, den Vater mit dem Rücken zur Wand, die Arme hoch, Panik im Gesicht, von seinen Lippen kommen wimmernde Laute und vor ihm die Mutter, die eine Waffe auf ihn angelegt hat. Er kennt seine Mutter nicht wieder, aus ihren Augen lodern Wahnsinn und Ekstase. In diesem Moment drückt sie ab, der Vater bricht zusammen. Dann richtet sie den Lauf der Waffe in ihren Mund und drückt nochmals ab. Als Arthur die Augen wieder öffnet, fühlt er die Arme seines Vaters um sich geschlungen, seine Hände sind blutig, das ganze Zimmer ist ein See von Blut. Er schreit, befreit sich aus dem Griff des Vaters, rennt aus dem Zimmer und wird bewusstlos. Als Claire ihn an der Bar sanft mit der Hand berührt, wacht er allmählich aus seiner Trance auf. Claire ist über seinen Zustand erschrocken und sagt, er sehe aus, als habe er einen Geist gesehen. Sie verlassen die Bar. Claire lädt Arthur zu sich in ihre Wohnung ein. Sie steigen in ein Taxi, das „davon schießt wie ein Projektil, das im dunklen Lauf eines Gewehrs explodiert ist“. Er folgt ihr in die Wohnung, die plötzlich von silbrigem Mondlicht erhellt wird, das ihre anmutige Gestalt umschmeichelt. Er schluchzt auf, der Atem bleibt ihm weg. Er nimmt sie in die Arme, drückt sie an sich und würgt sie. Noch bei Bewusstsein fällt sie zu Boden, ein dünner Blutfaden rinnt aus ihrem Mund. Sie ruft ihn beim Namen. In diesem Moment strömen 24 Jahre seines Lebens, unterdrückte Liebe, Hass, Mitleid, Schrecken, Langeweile, Angst, wie ein reißender Strom durch seinen Kopf. Er stürzt sich auf sie, schlägt und schlägt auf sie ein. Das Licht geht an, ein Nachbar tritt ein. Wie Claire es wünscht, nimmt er Arthur beim Arm und führt ihn hinunter auf die Straße. Auf der Straße prügelt er ihn durch, Fäuste treffen sein Gesicht, und er bleibt halbtot auf dem Pflaster liegen. Nach einer Weile rappelt er sich auf, schwankt über die Straße in die Dunkelheit „wo kein Licht war, wo die Nacht auf ihm lastete, wo nichts war, wo niemand auf ihn wartete, wo er – endlich – alleine war.“
Hintergrund: John Williams, geboren 1922, meldete sich freiwillig zu den US Army Air Forces und wurde als Funker in SO Asien eingesetzt, wo er 22jährig auf einem Erkundungsflug in Burma abgeschossen wurde. Wie durch ein Wunder überlebten nur er und der Pilot, während fünf weitere Crewmitglieder starben. In der nachfolgenden Zeit der Genesung und Erholung in einem Lager im Dschungel entstand sein erstes Buch: Nothing But the Night, das er ohne Erfolg mehreren Verlagen anbot. Schließlich akzeptierte der Verleger, Poet und Universitätsprofessor Allan Swallow (1915–1966) das Buch, obwohl er es ziemlich dreary = trostlos fand und publizierte es 1948 in seinem anspruchsvollen Verlag. Wie von Swallow befürchtet, wurde das Buch ein Misserfolg sowohl beim Publikum als auch in finanzieller Hinsicht und geriet bald in Vergessenheit. Swallow empfahl aber seinem Autor, das Universitätsstudium fortzusetzen, und Williams immatrikulierte nach Kriegsende an der Uni Denver. Dort studierte er englische Literatur und schloss das Studium 1950 mit dem Master of Arts ab. Nach einigen Jahren an der University of Missouri kehrte er 1955 nach Denver als Lektor und Professor für Literatur zurück. Williams Literarisches Werk ist sehr schmal, und zu Lebzeiten war ihm nie ein Erfolg damit beschienen. Sein Erstlingswerk ‚Nothing But the Night‘ hat John Williams später praktisch verleugnet. Erst 12 Jahre später erschien sein zweites Buch, der Roman Butcher’s Crossing – (vorgestellt in Grenzenlos Literatur 2017) und war ebenso erfolglos. Sein dritter Roman mit dem Titel Stoner (ebenso vorgestellt in Grenzenlos Literatur 2017) hat Leben und Karriere eines Professors für Englische Literatur an der University of Missouri zum Thema und erschien 1965. Sein letzter Roman Augustus ist ein historischer Roman über Kaiser Augustus und seine Zeit. Ein fünfter Roman blieb unvollendet. Williams wurde 1985 emeritiert. Er starb 1994 in seinem Haus in Fayetteville in Arkansas. Zu Lebzeiten galt Williams unter Literaturkennern als Geheimtipp, seine großartige literarische Qualität wurde international leider erst posthum erkannt."

Book Review: How Always Alone: Nothing but the Night by John Williams

Die Fotos sind dem obig besprochenen Buch"Unter einem Himmel" - Sabine Meier (Text) und Nadja Meister (Foto), hrg. vom Museumsmanagement Niederösterreich 2020 entnommen.

Credits:

Nadja Meister - photography