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Mit Sturmgewehr am Check-In 1 Wenn Schweizer Soldaten den Flughafen Zürich bewachen müssen. Eine Reportage.

Der Himmel über Zürich ist an diesem herbstlichen Oktobermorgen mehr schwarz als grau, und aus den Wolken fallen schwere Regentropfen auf den Flughafen Zürich hinunter. Eilig hasten Reisende in kurzen Hosen und mit Rollkoffern in die Halle am Check-In 1 des Flughafens und bleiben plötzlich ungläubig stehen, zücken ihr Smartphone und machen Bilder einer nicht alltäglichen Szene direkt vor der grossen Anzeigetafel mit den Abflugszeiten: Eine Gruppe mit Sturmgewehren bewaffneter Soldaten der Schweizer Armee steht im Kreis und beobachtet das Treiben der Reisenden skeptisch und genau. Beinahe reglos stehen sie da und tragen Splitterschutzwesten, Kabelbinder und Reizstoffsprühgeräte bei sich.

Wenn Touristen an ihnen vorbei huschen, bleiben sie konzentriert ruhig stehen, und die Reisenden laufen mit fragenden Blicken zwischen den Soldaten durch: «Was läuft hier? Ist der Krieg mittlerweile auch bei uns?», fragt ein Reisender im Anzug beiläufig. Von den Soldaten erhält er keine Antwort. Ein Mädchen kommt die Rolltreppe hinauf und dreht sich fragend zu ihren Eltern, als sie die Szene bemerkt. Diese schütteln nur unwissend den Kopf. Die Szene mit den Soldaten im Kreis dauerte etwa zehn Minuten, dann verschwinden sie wieder irgendwo im Flughafen.

Verunsicherte Blicke im Check-In 1 des Flughafens.

Die Soldaten beobachten die Umgebung und Reisende.

Nicht nur in der Abflugshalle zeigt sich das Militär. An den Zäunen des Flughafens und an den Toren stehen Soldaten und kontrollieren die Zutritte zum Gelände. Es wurden Stacheldraht ausgelegt und Wachtürme aufgebaut. Gepanzerte Fahrzeuge patrouillieren rund um das Gelände oder stehen als Blockade bei Zugängen zum Flughafenareal. Am Tor 130 des Flughafens fährt ein gelber Lieferwagen vor. Verwundert schaut der Chauffeur aus der Fahrerkabine. Vor ihm stehen nicht die üblichen Sicherheitsleute des Flughafens. Stattdessen steht eine Gruppe Soldaten mit Sturmgewehren da, und einer macht entschlossen ein Handzeichen, dass der Fahrer anhalten soll. Er hält und lässt die Scheibe hinunter. Der Soldat fragt ihn nach den Zutrittspapieren.

Währenddessen beobachten weitere Soldaten die Kontrolle aus einem gepanzerten Mannschaftstransporter, das mit einem Wärmebildgerät bestückt ist. Ein anderer überprüft mit einem Spiegel den Unterboden des Wagens. Der Lieferwagen scheint in Ordnung zu sein. Er kann die Fahrt auf das Gelände des Flughafens fortsetzen. «Wir kontrollieren auch die Leute, die zu Fuss kommen», erklärt der Soldat.

«Halt Militär!» Soldaten bewachen den Zugang zu einem der Haupttore des Flughafens.

Rund 400 Soldaten sind am Flughafen im Einsatz.

Ein Soldat wartet auf seinen Einsatz.

Die Zutritte zu einigen klassifizierten Anlagen werden von Soldaten kontrolliert.

Während hinter ihnen die Menschen in die Ferne fliegen, stehen sie hier im Regen, und ein Wachtmeister schaut kurz einem startenden Flugzeug hinterher: «Das müsste die Maschine nach San Francisco sein. Klar wäre ich jetzt auch gern unterwegs in die Ferien, statt in diesem Füsel-Wetter hier zu stehen.»

Ein gepanzertes Mannschaftstransportfahrzeug (GMTF) der Armee.

Die Armee probe einen Ernstfall, heisst es auf Nachfrage bei der zuständigen Stelle: «Insgesamt sind aktuell rund 400 Soldaten aller Ostschweizer Kantone der Territorialdivision 4 im Einsatz. Nicht alle davon sind zu sehen», bestätigt der Kommandant Divisionär Willy Brülisauer. Die Soldaten sind im Rahmen einer gross angelegten Übung im Einsatz und nehmen subsidiär, das heisst weil die zuständigen politischen Behörden sie darum ersucht haben, Objektschutzaufgaben zur Unterstützung der Kantons-, insbesondere der Flughafenpolizei wahr.

Der Einsatz der Truppe am Flughafen im Video:

Der Toggenburger Divisionär Brülisauer klärt auf: «Das Szenario sieht vor, dass die Armee am Flughafen Zürich vorübergehend und in Zusammenarbeit mit der Kantonspolizei zum Schutz bestimmter Teile des grössten Landesflughafens der Schweiz aufgeboten wird. Wir trainieren somit gleich hier, real, was angesichts der aktuellen Lage zwar unwahrscheinlich, aber eben doch nie ganz auszuschliessen ist .» Die Armee schützt nebst dem Flughafen auch weitere „kritische Infrastrukturen“ in unmittelbarer Nähe. Darunter ein Kraftstofflager, eine Radaranlage und ein Rechenzentrum.

In der Kommandozentrale unter dem Flughafen sitzen Vertreter von Polizei und Armee sowie der Flughafen Zürich AG und weiteren zivilen Objektverantwortlichen zusammen und koordinieren die Einsätze. Politisch verwerflich sei der Einsatz mit bewaffneten Soldaten am Flughafen Zürich keineswegs: «Die Präsenz der Armee ist - wie in vielen europäischen Ländern - auch in der Schweiz durchaus nichts Aussergewöhnliches. Wichtig ist die klare Aufgabenteilung: Die Truppe beobachtet, meldet und alarmiert; die Polizei interveniert. Und: Das Militär erbringt seine Leistung ausschliesslich auf der Landseite. Das Übungskonzept wurde mit der Flughafenbetreiberin, die mit den Soldaten und ihren Vorgesetzten sehr zufrieden ist, im Detail abgesprochen.» Das Ziel sei es den Schutz von möglichen kritischen Objekten sicherzustellen, die für die Schweizer Bevölkerung lebensnotwendig sind. Die Ostschweizer Division übt zwei Mal fünf Tage „scharf“ am Flughafen. Die Übung soll im nächsten Jahr wieder durchgeführt werden.

Die Armee soll auch künftig am Flughafen üben.
Created By
Raphael Rohner
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