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UNZERTRENNLICH Rahmen und Bilder der Brücke-Künstler

Ausgerahmt, verloren, vergessen und wiederentdeckt! Kaum einer hat sie bislang beachtet: die originalen Rahmen der »Brücke«-Künstler. Durch Kunsthändler oder Sammler wurden die als zu schlicht empfundenen Künstlerrahmen oftmals durch vermeintlich prunkvollere Exemplare ersetzt. Auch in Museen und in der kunstgeschichtlichen Forschung spielten die Rahmen der »Brücke« nur eine untergeordnete Rolle. Bei Werkabbildungen auf Postkarten oder in Büchern werden die Rahmen noch heute zumeist einfach weggelassen.

Schwelle zwischen Kunst und Leben

Dabei waren sie für die Mitglieder der 1905 gegründeten Künstlergruppe von entscheidender Bedeutung. Für Ernst Ludwig Kirchner, Karl Schmidt-Rottluff, Erich Heckel, Emil Nolde, Otto Mueller und Max Pechstein stellten Bilder und selbst gestaltete Rahmen eine unzertrennliche Einheit dar, die beispielhaft für das expressionistische Konzept des Gesamtkunstwerks steht. Die Kunst soll nicht schmuckvoll eingefasst in ihrem Rahmen bleiben; vielmehr soll sie ausgreifen ins Leben, soll die Ausdrucksformen ihrer Zeit »unmittelbar und unverfälscht« in die Welt hinaustragen! Für die »Brücke«-Künstler markiert der Rahmen nicht die Grenze zwischen Kunst und Leben. Vielmehr ermöglicht er den Übergang von der einen Sphäre in die andere.

Entwicklung der »Brücke«-Rahmen

Die schlichten, monochrom gestrichenen Rahmen der frühen »Brücke«-Jahre 1905 bis 1907 lassen Einflüsse der französischen Impressionisten und Postimpressionisten erkennen. Dann entwickelt sich der von allen »Brücke«-Künstlern verwendete, schlichte Bretterrahmen zum Inbegriff der Gruppenidentität. Darüber hinaus kamen die Künstler zu sehr individuellen Lösungen, die sich im Laufe ihrer Schaffenszeit zudem änderten. Sie verwendeten besondere Profile wie den Rundstab oder die Giebelform, zierten die Rahmen mit Schnitzwerk oder fassten sie farblich, teils deckend, teils lasierend oder auch metallisch glänzend.

In unserer digitalen Version des 456 Seiten starken Katalogs UNZERTRENNLICH. Rahmen und Bilder der Brücke-Künstler, die ausgewählte Beispiele aus dem umfangreichen Band zeigt, können Sie sich zu den originalen Künstlerrahmen informieren und sich inspirieren lassen von den opulenten Abbildungen.

Frühe farbige rahmen

»Kannst Du dir ›Frühling im Zimmer‹ in einem hochroten etwas dunklen Rahmen denken? Du weißt nicht, wie das ganze Kolorit jubelnd aussieht.«

Emil Nolde in einem Brief an seine Frau Ada, 3. September 1905

Die zwischen 1905 und 1907 entstandenen Rahmen der Brücke-Künstler zeichnen sich durch ihre monochromen Fassungen aus. Die Maler orientieren sich in diesen ersten drei Jahren des Bestehens der Künstlergruppe am französischen Impressionismus. Dies gilt für die Rahmen wie für die Malerei.

Edgar Degas oder Camille Pissarro hatten in den 1870er-Jahren erstmals schlichte, einfarbige Rahmen verwendet. Ihre Absicht war es, die auf ihren Bildern erstrahlenden Lichtfarben durch eine neutrale Einfassung besondere Geltung zu verschaffen. Die neuen Rahmen wurden als Provokation empfunden und lösten einen Aufschrei der Empörung aus. Sie standen in denkbar größtem Kontrast zu den damals üblichen ausladenden, goldenen Gipsrahmen.

Karl Schmidt-Rottluff, Erzgebirgsdorf, 1905
Eckdetail oben links von Schmidt-Rottluffs Erzgebirgsdorf

In dieser impressionistischen Tradition finden sich auch bei der 1905 gegründeten Künstlergruppe »Brücke« einfarbig gefasste, schlichte Rahmen. Goldrahmen in den Dekorationsformen des Historismus wurden von den Künstlern der »Brücke« als »unecht« empfunden.

Erich Heckel, Blühende Zweige, 1905

Werke wie Schmidt-Rottluffs Erzgebirgsdorf oder Heckels Blühende Zweige, beide von 1905, zeigen, dass neben den Rahmen auch die frühen Gemälde der »Brücke«-Künstler von den Franzosen inspiriert sind. Die in reinen Farben nebeneinander gesetzten, kurzen Pinselstriche lassen vor allem Einflüsse von Vincent van Gogh und den Pointillisten erkennen. Die farbig gefassten Rahmen greifen die Töne der Gemälde auf.

Eckdetail oben rechts von Erich Heckels Blühende Zweige.

Bretterrahmen

Als im Januar 1918 im Kunsthaus Zürich eine Ausstellung seines Werkes vorbereitet wurde, hieß es in Kirchners Korrespondenz:

»Ich will die Bilder nur in einfachen Bretterrahmen.«

Ernst Ludwig Kirchner in einem Brief an Henry van de Velde, 16. Januar 1918

Mit »Bretterrahmen« verwendete Kirchner einen Begriff, der im Fachjargon nicht üblich war. Indem die »Brücke«-Künstler für ihre Rahmen einfache Holzbretter benutzten, interpretierten sie den seit der Renaissance bekannten Typus des Plattenrahmens neu. Die Holzbretter, die u. a. mithilfe von Nägeln zusammengehalten werden oder verleimt sind, haben auf der Rückseite anstelle eines Falzes lediglich eine Leiste, um ein Bild befestigen zu können. Bei der Fassung wurde die Beize, Farbe oder Bronze auf die weitgehend unbehandelte und ungeschliffene Oberfläche der Rahmenleisten aufgetragen, sodass das Brett in seiner Grundform und Struktur erkennbar bleibt.

Erich Heckel, Gläserner Tag, 1913
Max Pechstein, Liegendes Mädchen, 1910

Eckdetail unten links von Pechsteins Gemälde Liegendes Mädchen. In der Schrägansicht ist die überblattete, auf Stoß gearbeitete Eckverbindung gut zu erkennen.

Zwischen 1910 und 1913 trat der schwarze Bretterrahmen bei Erich Heckel, Emil Nolde, Ernst Ludwig Kirchner und auch Max Pechstein auf, wodurch er die Zugehörigkeit zur »Brücke« markierte und heute für den Expressionisten-Rahmen schlechthin steht.

Ernst Ludwig Kirchner, Erna mit Japanschirm, 1913

Kirchners Gemälde Erna mit Japanschirm ist ebenfalls von einem Bretterrahmen umgeben, dessen Eckverbindungen auf Stoß gearbeitet sind. Hinsichtlich seiner Fassung stellt der Rahmen jedoch eine Besonderheit dar. Auf einem historischen Foto von 1913 ist das Gemälde im originalen Rahmen, angelehnt an den Leuchtturm Staberhuk auf Fehmarn, zu sehen. Der Rahmen hat auf dem Foto seine ursprüngliche Goldbronzefassung. Die heute sichtbare ist jedoch eine schwarze Farbfassung, unter der sich noch die originale in Goldbronze befindet.

Historische Aufnahme von 1913: Gemälde von Kirchner am Leuchtturm Staberhuk auf Fehmarn, unten mittig Erna mit Japanschirm im Rahmen mit der ursprünglichen Goldbronzefassung. Auch die anderen Gemälde haben die typischen einfachen Bretterrahmen.

Variationen des einfachen Bretterrahmens gibt es in Form von angesetzten oder aufgeleimten Leisten sowohl außen als auch innen am Rahmen.

Karl Schmidt-Rottluff, Bildnis S. (Rosa Schapire), 1911

Variation eines Bretterrahmens: Eckdetail oben links von Schmidt-Rottluffs Bildnis S. (Rosa Schapire).

RundstabrahmeN

Der Rundstabrahmen, der eigentlich Halbrundstabrahmen heißen müsste, bildet seit dem Barock ein eigenständiges Profil. Damals wurde der Rundstabrahmen aus Holz gefertigt, grundiert und vergoldet. Die Brücke-Künstler variierten diesen traditionellen Rahmentyp, indem sie Nadelholz verwendeten und unterschiedliche Fassungen durchspielten: ohne Grundierung; schwarz oder mit Goldbronze gestrichen, zum Teil auch mit lasierendem Farbauftrag. Während bei Mueller, Schmidt-Rottluff und Heckel das einfache Rundstabprofil als Rahmenform bekannt ist, entwickelte Kirchner durch Hinzufügen weiterer Rundstäbe den doppelten, drei- und sogar vierfachen Rundstabrahmen.

Otto Mueller, Waldinneres mit Blume, um 1924

Eckdetail oben rechts von Muellers Gemälde Waldinneres mit Blume. Das Rundstabprofil ist in mattem Schwarz lasierend gefasst.

Ernst Ludwig Kirchner, Fünf Frauen auf der Straße, 1913

Kirchners Gemälde Fünf Frauen auf der Straße ist in einem dreifachen Rundstabprofil gerahmt. Es ist die einzige Berliner Straßenszene, die bis heute ihren originalen Rahmen behalten hat.

Kirchners Fünf Frauen auf der Straße im Profil mit den drei Rundstäben war auch Teil der Ausstellung Entartete Kunst 1937 in München. Auf dem historischen Photo ist der Rahmen einheitlich schwarz gefasst.

Der Originalrahmen zeigt heute eine Fassung, bei der das Schwarz an den Höhen abgenommen wurde.

Bretterrahmen mit Rundstab

Die Kombination von Bretter- und Rundstabrahmen ist eine konsequente Weiterentwicklung beider Varianten. Denn hierbei handelt es sich um nichts anderes als um einfache oder profilierte Bretterrahmen mit einem aufgesetzten Halbrundstab. Vereinzelt findet sich dieser Rahmentypus bei Otto Mueller, hauptsächlich verwendet hat ihn aber Karl Schmidt-Rottluff. Er deklinierte die Kombination aus Brett und Rundstab in allen denkbaren Möglichkeiten: in unterschiedlichen Proportionen, mit breiten und schmalen Platten und mit Rundstäben in verschiedenen Radien, die er meistens innen, in wenigen Fällen aber auch außen aufsetzte. Die Platten können außen zusätzlich abgestuft sein, wodurch die Rahmen eine noch plastischere Wirkung erzielen. Sie sind fast ausnahmslos in Bronze, einige wenige auch in Schwarz gefasst.

Karl Schmidt-Rottluff, Weißer Kopf, 1922

Die Eckverbindungen dieser Rahmen sind aufwendig gestaltet: Die aufliegenden Halbrundstäbe sind stets auf Gehrung geschnitten, die darunter liegenden Platten meist auf Stoß miteinander verbunden. Diese handwerklich anspruchsvolle Lösung garantiert die Stabilität der oft geradezu massiv ausfallenden Rahmen.

Eckdetail oben rechts von Schmidt-Rottluffs Gemälde Weißer Kopf. Wie meistens bei den kombinierten Bretter- Rundstabrahmen üblich ist auch hier der aufgesetzte Halbrundstab auf Gehrung und die Rahmenplatte auf Stoß gearbeitet.

Geschnitzte Rahmen bei Nolde

Emil Nolde versah seine Rahmen teilweise mit aufwendigen Schnitzarbeiten entweder in Form von Eckverzierungen oder auch auf der gesamten Rahmenleiste. Der 1867 geborene Maler begann 1884 eine Lehre zum Möbelschnitzer in der Flensburger Möbelfabrik Sauermann. Übungen im Zeichnen nach alten Holzschnitzereien gehörten ebenso zur Ausbildung wie das Schnitzen von traditionellen Mustern und Ornamenten aus Antike, Gotik und Barock sowie aus der heimischen Volkskunst. Diese Muster und deren zeitgenössischen Weiterentwicklungen sollten sich später nicht nur im Seebüller Wohnhaus des Künstlers wiederfinden, sondern auch an seinen Rahmen. Ganz im Sinne des für den Expressionismus so wichtigen Gesamtkunstwerks legte er so eine Einheit zwischen Gemälden, Rahmen und dem sie umgebenden Lebensraum an.

Emil Nolde, Zwei Frauen (Akte), 1916

Auf seine erste Zeit als Lehrling in der Flensburger Möbelfabrik Sauermann zurückblickend schreibt Nolde in seiner Autobiographie:

»Sehr viel zeichnete ich nach alten Holzschnitzereien. Die Spiralen und Schnörkel machten mir anfänglich unendliche Mühe. Es war mir nicht möglich, diejenigen mit doppelten Spirallinien richtig, genau und rund fertig zu bringen; ich zeichnete sie, sie immer und immer wieder wegwischend, bis endlich doch nach mehrstündigem Arbeiten eine fertig war. Es waren aber viele.«

Emil Nolde

Eckdetail unten rechts von Noldes Gemälde Zwei Frauen (Akte). Das Blatt- und Blütenornament ist zum Teil in Kerbschnitt-Technik in die Rahmenplatte geschnitzt.

Geschnitzte Rahmen bei Karl schmidt-rottluff

Auch Karl Schmidt-Rottluff fertigte Rahmen mit geschnitzten Ornamenten an und verfuhr dabei in zwei unterschiedlichen Gestaltungsweisen. Für Bilder von 1907 bis 1912 entstanden zunächst Rahmen, bei denen er die gesamte Platte expressiv mit geschnitzten geometrischen Formen oder Ornamentbändern versah. Durch die farbliche Gestaltung in verschiedenen Gold- und Silberbronzen wird die Schnitzornamentik, die in dieser besonderen Art der Ausführung nur bei Schmidt-Rottluff bekannt ist, akzentuiert. Ab 1912 bis 1914 gestaltete der Künstler dann Rahmen mit einer umlaufenden, gekerbten Linie, die er entweder holzsichtig stehen ließ oder in einem kräftigen Rotton färbte.

Karl Schmidt-Rottluff, Weinstube, 1913

Allen geschnitzten Rahmen von Schmidt-Rottluff gemein ist die Technik des Kerbschnitts, dessen Expressivität sich allein schon in der Kontur zeigt – dies gilt sowohl für die ornamentalen Formen als auch für die umlaufende Linie. Ausschlaggebend ist dabei auch, dass Schmidt-Rottluff meistens Nadelholz verwendete, das aufgrund seiner Maserung für die Schnitzerei eigentlich eher ungeeignet, hier jedoch Teil der Gestaltung ist. Die Fasern des spröden Holzes wurden bewusst nicht geschliffen, sondern in ihrer groben Struktur belassen.

Karl Schmidt-Rottluff, Weinstube, 1913 - die umlaufende, gekerbte Linie auf den Rahmenleisten ist in Mennige gefasst.

Profilrahmen

Profilrahmen wurden von allen »Brücke«-Künstlern verwendet. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass die Profile aus einem Stück gefräst sind. Ihre Gestaltung kann dabei sehr vielseitig ausfallen. Von einer geschrägten Außen- oder Innenkante bis hin zu verschiedenen Stufenabfolgen unterschiedlicher Bemaßung ist die Bandbreite der Ausführung groß. Ebenso vielgestaltig sieht es bei den Fassungen aus: Es gibt sie ein- oder mehrfarbig lasiert, in Bronze gefasst oder bemalt. In auffälligem Kontrast zu ihrer oft simpel anmutenden Ästhetik stehen die häufig handwerklich anspruchsvollen Eckverbindungen wie Überblattung oder Verzapfung.

Ernst Ludwig Kirchner, Marzella, 1909-1910

Im September 1910 erzielte die Künstlergruppe »Brücke« mit einer Ausstellung in der Galerie Arnold ihren Durchbruch. Eine Aufnahme der Schau in den prachtvollen Räumen der renommierten Verkaufsstätte für internationale moderne Kunst in der Dresdner Schloßstraße zeigt Kirchners Gemälde Marzella von 1909/10 bereits in dem Rahmen, von dem es noch heute umgeben wird. Bild und Einfassung bildeten von Beginn an eine Werkeinheit. Deutlich wird diese Zusammengehörigkeit in den aufeinander reagierenden Farbklängen. Die auf der Bronzefassung grün schimmernden Lasurschichten reagieren komplementär auf die Orangetöne des Gemäldes und greifen dessen grüne Farbakzente auf.

Die Installationsansicht der Ausstellung der KG Brücke in der Galerie Arnold in Dresden 1910 ist die früheste bekannte Aufnahme, auf der das Gemälde original gerahmt abgebildet ist.

GiEbelrahmen

Dem Giebelprofil liegt eine Dreiecksform zugrunde, die nicht unbedingt gleichschenklig sein muss. Der markante Rahmentypus wurde unter den Brücke-Künstlern von Otto Mueller und Emil Nolde verwendet. Während das Profil bei Nolde eher eine Ausnahme bildet, kommt es bei Mueller weitaus häufiger vor, es stellt sogar eine für ihn charakteristische Rahmenform dar. Das erscheint insofern auch konsequent, als sich die oft kantige Formensprache seiner Malerei in der Dreiecksform des Giebelrahmens widerspiegelt. In der Regel sind sie in mattem Schwarz oder in einem dunklen Braun gefasst, es gibt aber auch blauschwarze Beispiele und mit den Zwei Zigeunerinnen mit Katze sogar ein blaues.

Otto Mueller, Zwei Zigeunerinnen mit Katze, 1926/27

Eckdetail oben rechts von Muellers Gemälde Zwei Zigeunerinnen mit Katze. Die Fassung des Rahmens in Pariserblau zeigt einen Wasserschaden.

Keilrahmen

Auf einen Keilrahmen wird in der Regel die Leinwand aufgespannt. Von vorne ist der Keilrahmen für den Betrachter normalerweise nicht sichtbar. Bei Erich Heckel gibt es jedoch Gemälde, die von einem Keilrahmen umfasst werden. Es handelt sich dabei hauptsächlich um Werke aus den 1910er-Jahren. Der Keilrahmen wurde hierfür zum Schmuckrahmen umgearbeitet, wie etwa bei dem Rahmen zum Bild Geschwister von 1913.

Erich Heckel, Geschwister, 1913

Da ein Keilrahmen keinen Falz zur Befestigung und zum Schutz der Leinwand besitzt, muss dieser im Nachhinein gefräst oder eine Leiste aufgesetzt werden. Erst dann kann ein Gemälde mit entsprechend kleinerem Keilrahmen eingesetzt werden. Um einen Heckelschen »Keilrahmen-Rahmen« zu erkennen, ist ein Blick in die Eckverbindungen und auf die Rahmenrückseite notwendig: In den Eckverbindungen befinden sich Schlitze, die für die ursprünglichen Keile zum Spannen der Keilrahmenleisten vorgesehen sind. Auf der Rückseite sind die Leisten oft ihrem Maß entsprechend gestempelt, was seit dem 19. Jahrhundert üblich ist. Der Typus des »Keilrahmen-Rahmens« ist unter den Brücke-Künstlern nur bei Erich Heckel bekannt.

Eckdetail unten links von Heckels Gemälde Geschwister. In der Eckverbindung sind die Schlitze für die Keile zu erkennen, die üblicherweise zum Spannen der Keilrahmenleisten eingesetzt werden.

Farbige rahmen

Farbige Rahmen entstanden nicht nur in der Zeit des Bestehens der Künstlergemeinschaft »Brücke« 1905 bis 1913, sondern auch nach ihrer Auflösung gestalteten die Künstler ihre Rahmen und fassten sie in Abstimmung mit dem Gemälde. Das Spektrum, das sich uns darbietet, ist enorm. Die gesamte Palette an Pigmenten kam zum Einsatz. Die Farben wurden mal deckend, mal lasierend aufgetragen. Otto Mueller griff eher auf die erdigen Töne zurück, die er auch in seinen Gemälden häufig verwendete. Ernst Ludwig Kirchner bevorzugte dagegen grellere Farben. Bei ihm finden sich zahlreiche gestalterische Möglichkeiten im Umgang mit Farbe. Dies betrifft hauptsächlich die Rahmen, die während seiner Davoser Zeit von 1917-1938 entweder neu angefertigt wurden oder durch den nachträglichen Einsatz von Farbe ein neues Gesicht bekamen. Die üblicherweise in Goldbronze gestrichenen Rahmen wurden vom Künstler im Nachhinein mit im Bild vorkommenden Farben malerisch gestaltet. Historische Ausstellungsansichten belegen eindeutig, dass Kirchner etliche seiner Gemälderahmen farblich gestaltet hat, nachdem diese bereits in Museen ausgestellt worden waren.

"Ungerahmte Bilder gebe ich niemals auf Aussstellungen, das geht bei meinen Arbeiten nicht. Wenn ich etwas mache, so recht und so gut als irgend möglich, sonst lieber nicht."

Ernst Ludwig Kirchner in einem Brief an Lucas Lichtenhahn, 5. Oktober 1937

Ernst Ludwig Kirchner, Bildnis des Dr. Carl Hagemann, 1928/1931-32

Ernst Ludwig Kirchners Porträt des Chemikers, Sammlers und Mäzens Carl Hagemann trägt einen farblich zum Gemälde passenden Rahmen: Die unterschiedlichen Stufungen des Rahmens greifen abwechselnd die das Bild bestimmenden Blaugrün- und Rottöne auf.

Detailansicht oben links

Kirchners Skizze auf der linken Skizzenbuchseite unten links zeigt das Rahmenprofil, das u.a. für das Gemälde Bildnis des Dr. Carl Hagemann verwendet wurde.

Ernst Ludwig Kirchner, Blonde Frau in rotem Kleid (Bildnis Frau Hembus), 1932

Auch auf dem originalen Rahmen zu Kirchners Gemälde Blonde Frau in rotem Kleid (Bildnis Frau Hembus) finden sich die im Bild verwendeten Farben wieder. Der flache und zunächst in Goldbronze gefasste Profilrahmen bietet eine geeignete Fläche für den lebhaften und künstlerisch expressiven Farbauftrag. Bild und Rahmen, die im Laufe der Geschichte voneinander getrennt wurden, konnten für die Ausstellung wieder zusammengeführt werden und stellen eine beeindruckende Einheit dar.

Graphikrahmen

Druckgraphik, Zeichnungen unterschiedlicher Technik sowie Aquarelle sind häufig Teil eines Mappenwerks, sie werden in dieser Form gehandelt und von Kunstliebhabern erworben. In Ausstellungen werden die Blätter meistens in verglasten Wechselrahmen, lose in Vitrinen oder auch ohne Rahmen, schlicht und einfach an die Wand gepinnt, präsentiert. Eine vom Künstler festgelegte, selbst angefertigte oder gar gestaltete Rahmung ist für graphische Arbeiten eher unüblich. Der Rahmen zu Ernst Ludwig Kirchners Farbholzschnitt Farbentanz aus seinem umfangreichen graphischen Werk stellt eine Ausnahme dar.

Ernst Ludwig Kirchner, Farbentanz, 1933

Für den Rahmen zum Farbentanz verwendete Kirchner ein handelsübliches Profil der 1930er-Jahre, das er in Abstimmung mit den Farben des Holzschnitts farbig gestaltete. Der Künstler setzte sich hier mit dem Phänomen der additiven Farbmischung auseinander. Bild und Rahmen behandeln die Grundfarben Rot, Gelb und Blau. In Anlehnung an Goethes Farbenlehre stellte Kirchner im Druck die Farben als im weißen Licht der Sonne tanzende Frauen dar. Auf dem Rahmen setzte der Künstler die Farben vermittelnd zum Bild ein – die Lichtkante des linken Rahmenschenkels ist passend zum personifizierten roten Farbton leuchtend rot gestaltet und die untere und rechte Lichtkante, dem Bildmotiv entsprechend, in einem Blauton.

Die historische Photographie, die Kirchner selbst gemacht hat, zeigt eine Präsentation seiner Papierarbeiten in Wechselrahmen und Vitrinen.

UNZERTRENNLICH. Rahmen und Bilder der Brücke-Künstler

hg. von Werner Murrer, Lisa Marei Schmidt und Daniel J. Schreiber, Koenig Books, London 2020

Bei der 456 Seiten umfassenden Publikation handelt es sich nicht nur um einen Ausstellungskatalog, sondern sie ist zugleich das Standardwerk zu den originalen Rahmen der Brücke-Künstler. In zehn Essays von national und international renommierten Experten wird das Thema von unterschiedlichen Seiten beleuchtet. Zahlreiche Kurztexte und ausführliche Rahmenbeschreibungen geben belastbare Informationen zu verschiedenen Rahmenarten und ihrer Fertigungsweise.

Die Publikation ist ein wichtiger Beitrag zur kunsthistorischen Forschung, ein großartiges Tool für Sammler und Experten, aber auch ein ästhetisches Highlight für Bibliophile und Kunstbegeisterte: der Band greift die Idee des Gesamtkunstwerks der Brücke-Künstler auf und zeigt erstmals Bild und Rahmen als kompositorische Einheit. Speziell für den opulenten Bildteil wurden sämtliche Kunstwerke in ihren Rahmen fotografiert und hochauflösende Detailfotos bieten einen beispiellosen Blick auf die technische Ausführung und farbige Gestaltung der Rahmen.

Hardcover, 456 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 30,5 x 24,5 cm; Verlag der Buchhandlung Walther König; ISBN 978-3-96098-728-4; Redaktion: Bernd Müller, Isabel Fischer, Rajka Knipper; Gestaltung: Annika Riethmüller

Mit großzügiger Unterstützung der Ernst von Siemens Kunststiftung und der RNK Stiftung

Auf der Suche nach den Rahmen der Brücke-Künstler - Der Film zur Ausstellung

Ein Film der Sammler und Jäger Filmproduktion GmbH, 2019

Mehr Informationen zum Ausstellungsprojekt

Created By
WERNER MURRER RAHMEN
Appreciate

Credits:

Bild- und Werknachweis: Erich Heckel, Blühende Zweige, 1905, Öl auf Leinwand, Brücke-Museum, Berlin, Photo: Nick Ash; Erich Heckel, Gläserner Tag, 1913, Bayerische Staatsgemäldesammlungen - Sammlung Moderne Kunst in der Pinakothek der Moderne München, Photo: Nikolaus Steglich; Erich Heckel, Geschwister, 1913, Öl auf Leinwand, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Photo: Anette Fischer, Heike Kohler; Ernst Ludwig Kirchner, Erna mit Japanschirm, 1913, Öl auf Leinwand, Aargauer Kunsthaus, Aarau, Photo: Brigitt Lattmann; Ernst Ludwig Kirchner, Fünf Frauen auf der Straße, 1913, Öl auf Leinwand, Museum Ludwig, Köln, © Rheinisches Bildarchiv Köln; Ernst Ludwig Kirchner, Marzella, 1909-1910, Öl auf Leinwand, Moderna Museet, Stockholm, Photo: Prallan Allsten; Ernst Ludwig Kirchner, Bildnis des Dr. Carl Hagemann, 1928/1931-32, Öl auf Leinwand, Städel Museum Frankfurt am Main, Photo: Horst Ziegenfusz; Ernst Ludwig Kirchner, Blonde Frau in rotem Kleid (Bildnis Frau Hembus), 1932, Öl auf Leinwand, Privatsammlung, Photo: Galerie Henze & Ketterer, Wichtrach/Bern, WERNER MURRER RAHMEN, München (Rahmen); Ernst Ludwig Kirchner, Farbentanz, 1933, Farbholzschnitt, Sammlung E.W. Kornfeld, Bern/Davos; Otto Mueller, Waldinneres mit Blume, um 1924, Leimfarbe auf Rupfen, Sammlung Hermann Gerlinger im Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See, Photo: Nikolaus Steglich; Otto Mueller, Zwei Zigeunerinnen mit Katze, 1926/27, Öl auf Leinwand, Museum Ludwig Köln, © Rheinisches Bildarchiv Köln; Emil Nolde, Zwei Frauen (Akte), 1916, Öl auf Leinwand, Nolde Stiftung Seebüll, Photo: Dirk Dunkelberg; Max Pechstein, Liegendes Mädchen, 1910, Öl auf Leinwand, Aargauer Kunsthaus, Aarau, Photo: Brigitt Lattmann; Karl Schmidt-Rottluff, Erzgebirgsdorf, 1905, Öl auf Karton, Brücke-Museum, Berlin, Photo: Nick Ash; Karl Schmidt-Rottluff, Bildnis S. (Bildnis Rosa Schapire), 1911, Öl auf Leinwand, Brücke-Museum, Berlin, Photo: Nick Ash; Karl Schmidt-Rottluff, Weißer Kopf, 1922, Öl auf Leinwand, Brücke-Museum, Berlin, Photo: Nick Ash; Karl Schmidt-Rottluff, Weinstube, 1913, Öl auf Leinwand, Brücke-Museum, Berlin, Photo: Nick Ash; Historische Photographien: Gemälde von Ernst Ludwig Kirchner am Leuchtturm Staberhuk auf Fehmarn: Ernst Ludwig Kirchner, Glasnegativ, 11,8 x 8,8 cm, Kirchner Museum Davos, Schenkung Nachlass Ernst Ludwig Kirchner 1992; Ausstellung der KG Brücke in der Galerie Arnold in Dresden, 1910: Ernst Ludwig Kirchner, Glasnegativ, 18 x 24 cm, Kirchner Museum Davos, Schenkung Nachlass Ernst Ludwig Kirchner 1992; Präsentation von Papierarbeiten Kirchners in Wechselrahmen und Vitrinen, Unbekannter Ausstellungsort: Ernst Ludwig Kirchner, Glasnegativ, 10,5 x 15,5 cm, Kirchner Museum Davos, Schenkung Nachlass Ernst Ludwig Kirchner 1992; Skizzenbuchseite: Ernst Ludwig Kirchner, Skizzenbuch 121 (1925), 21,9 x 17,4 cm, Fol. 93, Bleistift, Kirchner Museum Davos, Schenkung Nachlass Ernst Ludwig Kirchner 1990; Installationsaufnahme der Ausstellung Entartete Kunst 1937 in München (Ausschnitt): Zentralarchiv, Staatliche Museen zu Berlin; Copyrights für die abgebildeten Werke: Erich Heckel: © Nachlass Erich Heckel, Hemmenhofen; Emil Nolde: © Nolde Stiftung Seebüll; Max Pechstein: © Max Pechstein-Urheberrechtsgemeinschaft, Hamburg/Tökendorf; Karl Schmidt-Rottluff: © VG Bild-Kunst, Bonn, 2020; Literatur- und Zitatnachweise siehe: UNZERTRENNLICH. Rahmen und Bilder der Brücke-Künstler, Ausst.-Kat. Brücke Museum Berlin/Buchheim Museum der Phantasie, Bernried 2020, hg. von Werner Murrer, Lisa Marei Schmidt und Daniel J. Schreiber, S. 48, 65, 168 und 456; Texte (Zusammenstellung aus Katalog- und Ausstellungstexten): Katrina Schulz (Brücke-Museum, Berlin), Daniel J. Schreiber (Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See), Marianne Saal und Maria Tischner (WERNER MURRER RAHMEN).