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100 Tage Leiter Vision Schweiz Interview mit Hans-Joerg Rätz

Hans-Jörg Rätz, du bist nun 100 Tage Leiter der Vision Schweiz. Ein Ereignis, das alles Bisherige in den Schatten stellt, mit Namen Corona. Wie hast du diesen unsichtbaren Virus erlebt?

Den Einstieg in die Leitung der Vision Schweiz habe ich mir schon anders vorgestellt. So wie ich mussten sich alle unsere Gemeindegründer zuerst mal informieren, sortieren und dann darauf reagieren. Völlig neue Fragestellungen kamen auf uns zu. Man hörte von der heranrollenden Welle und war dann doch überrascht, als sie da war.

Vermutlich warst du in der Einstiegsphase deiner Arbeit wegen des Virus ziemlich reiselos? Wie hast du die digitalen Begegnungen mit den Gemeindegründern erlebt?

Ich konnte bereits gegen Ende 2019 und im ersten Quartal 2020 einige Gemeindegründer besuchen. Mit Corona fand leider die Retraite in Ilanz nicht statt. Sobald es aber wieder möglich ist, werde ich auch noch die anderen Orte, in denen wir Gemeinden gründen, besuchen.

Mir sind direkte Begegnungen viel lieber als virtuelle Treffen. Auf kleinste Interaktionen kann man nun nicht mehr reagieren. Das fehlt mir sehr. Alle Kontakte finden jetzt am Telefon oder über Internet statt.

Kannst du diesem Virus etwas Positives abgewinnen?

Auf jeden Fall! Diese Pandemie wird zeigen, wer wir wirklich sind. Sie testet unsere Identität in Christus und wie stark unsere Beziehung zu Ihm tatsächlich ist.

Wir werden in unserem grundlegendem Gemeindeverständnis hinterfragt. Mit einem Schlag stehen Räumlichkeiten monatelang praktisch leer. Unsere Missionare und Pastoren können ihren gewohnten Dienst nicht mehr tun. Wenn sich eine solche Situation über viele Monate hinzieht, ist es logisch, dass das Gemeindeverständnis hinterfragt wird. Ich sehe hier Gemeinschaften mit stark eigenverantwortlichen und missionarisch aktiven Kleingruppen im Vorteil. Von Natur aus leben sie einen Stil, der den Glauben nach aussen trägt.

Wir werden massiv in unserem gewohnten Verhalten gestört und in Frage gestellt. Das betrifft besonders unseren Umgang mit Mobilität und Umwelt. Manche Gottesdienstbesucher fahren sonntags an drei oder vier anderen Gemeinden vorbei. Hier stellen wir uns kaum Umweltfragen, obwohl sie durchaus berechtigt wären. Wahrscheinlich will uns Jesus gerade aufrütteln. Die Frage ist, ob wir uns auch stören lassen.

Wir können nicht mehr auf die bewährten und eingespielten Methoden und Formen zurückgreifen. Das lähmt und verunsichert uns. Es ist ja nicht so, dass man uns Hände und Füsse amputiert hätte. Wir können immer noch Begegnungen mit Menschen haben und das Evangelium mit ihnen teilen. Aber einfach anders, etwas weniger professionalisiert und programmfokussiert, dafür schlichter und natürlicher. Das würde sich Jesus wohl so von uns wünschen.

Ist Corona eine Gefahr für die Gründungsprojekte?

Diese Frage bewegt mich natürlich! Ich habe den Eindruck, dass unsere Gemeindegründer sehr gut unterwegs sind. Die Projekte, die schon länger bestehen, sind vielleicht etwas stabiler als die jüngeren Projekte. Dort ist die Jüngerschaft von Menschen und die Zugehörigkeit zur Gemeinde gerade am Entstehen. Corona bremst die aufgenommene Fahrt ab. Das Umstellen auf virtuelle Treffen war zuerst für viele fremd, bis man merkte, dass durchaus Gruppenidentität und Zugehörigkeitsgefühl entstehen können.

Welche Auswirkungen von Corona siehst du in den Finanzen für die VS?

Wir können die laufenden Kosten decken. Unsere Mitarbeiter müssen bis jetzt keine Einbussen hinnehmen. Wir sind bei den Spendeneingängen im Minus, wie in anderen Jahren um diese Zeit auch, aber die weitere Entwicklung kann ich nicht voraussagen. Unsere Gemeinden und individuellen Spender sind auch von der wirtschaftlichen Entwicklung abhängig. Da mache ich mir keine Illusionen. Ich weiss aber auch, dass unsere Gemeinden und Spender treu hinter uns stehen. Persönlich haben wir wohl selten so viel gespart wie in den letzten Monaten. Dadurch sind uns neue Möglichkeiten zum Geben geschenkt worden.

Was hat dich bei den Arbeiten der Vision Schweiz in den ersten Monaten ermutigt?

Die Entschlossenheit unserer Gemeindegründer, am Auftrag dran zu bleiben. Dann auch die Bereitschaft zur Kooperation und die Aufnahme meiner Person als neuer Leiter. Mit einigen Gemeindegründer-Ehepaaren konnte ich auch schon sehr persönliche Gespräche führen. Ich erlebe eine grosse Offenheit mir gegenüber. Ich fühle und weiss mich willkommen. Das ist eine wichtige Basis für die Zusammenarbeit.

Hat dir Gott besondere Gedanken oder Ideen zum Thema Gemeindegründungen in der Schweiz aufs Herz gelegt?

Schön wäre es, im nächsten Jahr ein neues Projekt unterstützen zu können. Aber ich habe Gott noch nicht mit diesem Anliegen bestürmt! Kennenlernen und verarbeiten ist angesagt. Ich bin nicht der Macher und Umsetzer, der Neues aus dem Boden stampft, sondern vielmehr der Ermöglicher – natürlich immer mit dem Missionsrat zusammen. Dort, wo uns etwas erzwungen erscheint, sind wir zurückhaltend.

VS und VE sind in einem Boot. Wie erlebst du die Zusammenarbeit?

Jürg Wüthrich und ich kennen uns schon lange. In Vielem denken wir ähnlich und verstehen uns gut. Teilweise könnten wir geklont sein, so gut verstehen wir uns. Ich freue mich sehr, mit ihm zusammenzuarbeiten. Die VE ist mir ebenso wichtig und bestens bekannt.

Herzlichen Dank für das Interview.

Markus Hauser, Missionsrat VS