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YOM KIPPUR Der Neuentwurf der Rabbinen und die Entwicklung bis heute

Yom Kippur (יוֹם כִּפּוּר) wird gewöhnlich mit „Tag der Sühne“ übersetzt und als „der Versöhnungstag" bezeichnet. er wird am zehnten Tag des Monats Tischri (Greg. K. Sept. od. Anf. Okt.) gehalten, und hat seinen Ursprung in der Bibel, wo er als Yom ha-Kippurim (יום הכיפורים = Tag der Sühnungen) erscheint. Es war der Tag an dem Israel die Sühnung der Sünden gewährt wurde. Gleichzeitig fand an ihm auch die sühnung des Heiligtums und der Priesterschaft statt, was ihn zum kultischen Höhepunkt des jahres machte. Im Mittelpunkt standen Blutriten, welche durch Sünd-, Räucher- und Brandopfer, sowie einem besonderen Sündenbockritual begleitet wurden.
Im biblischen Opferkult wird Sühne als das Resultat verschiedener Blutriten beschrieben, bei denen Blut von rituell geopferten Tieren, den Sündopfern, verwendet wurde. Für den Opfernden bewirkte das Blut dieser Tiere Sühne („Versöhnung mit Gott“).
„Denn die Seele des Fleisches ist im Blut, und ich selbst habe es euch auf den Altar gegeben, Sühnung für eure Seelen zu erwirken. Denn das Blut ist es, das Sühnung tut durch die Seele in ihm.“

(3. Mose 17:11; Elberfelder)

am versöhnungstag hatte der Hohepriester, der den sühneritus durchführte, die leitende und wichtigste rolle. er handelte stellvertretend für das ganze Volk und die Prieseterschaft, und sprach auch ein kollektives Sündenbekenntnis aus. Es war der einzige Tag im Jahr, an dem er das Allerheiligste des Heiligtums betreten durfte. An diesem Ort befand sich die Bundeslade, welche mit der Gegenwart Gottes in Verbindung gebracht wurde. Dorthin brachte er Blut von zuvor geopferten tieren hinein, und applizierte dieses rituell auf die Lade. Die so erzeugte Gottesnähe sollte Israel zusätzlich Wohlstand, Gedeihen und Sicherheit gewähren. Das Volk beobachtete den Ritus, hielt strenge Arbeitsruhe und demütigte sich durch fasten.
Der Versöhnungstag war zu biblischer Zeit ganz auf das Heiligtum bezogen, und sein Mittelpunkt war das Opfer, welches zentral in der israelitischen Religion verankert war.

(Vgl. Corinna Körting, April 2007; Christian Eberhart, Februar 2017)

Nach der Zerstörung des Tempels 70 n. Chr. standen die Rabbinen vor dem Problem wie Israels Sünde gesühnt werden sollte, da das Opferritual des Tempels nun nicht mehr möglich war.
Sie hatten dafür folgende Lösung:
In Avot de Rabbi Natan wird berichtet, dass Rabban Yohanan Ben Zakkai und Rabbi Joshua gemeinsam neben den Ruinen des Tempels gingen und sich wie folgt unterhielten:
„Wehe uns!“ rief Rabbi Joshua: „da der Ort, wo Israels Sünde gesühnt wurde zerstört ist!“„Mein Sohn,“sagte Rabban Yohanan zu ihm: „sei nicht betrübt! wir haben eine andere Sühnung, die genauso gut ist. Und was ist sie? Taten der Barmherzigkeit, wie gesagt ist: ‚Denn ich habe Lust an der Barmherzigkeit, und nicht am Opfer!‘“( Hosea 6:6)

(Avot de Rabbi Nathan 4:17; eigene Übersetzung aus: Judah Goldin, 1955, S.34)

der Neuentwurf des Feiertages begann.
Die Rabbinen ersetzten das Opfersystem des Tempels, indem sie erklärten, dass Gott Taten der Barmherzigkeit anstatt Opfer fordere. Die Idee war, dass „das Opfer des Herzens", bis zur messianischen Erneuerung des Tempels, der Ersatz für das Tieropfer sei. Der Tempelritus wurde durch liturgische Kompositionen, Lesungen, Gebete und Sündenbekenntnisse „vergeistigt“, und das Wesen des Opfers neu bestimmt.
So wurde zum Beispiel die Lesung der „Avodah“, ( עֲבוֹדָה = Dienst) bei welcher der Tempelritus des Hohenpriesters rezitiert, und oft dramatisch nachgespielt wurde, zu einem der prägendsten Ereignisse der Liturgie dieses Tages. in ihr entwickelte sich auch Das kollektive Sündenbekenntis des HohenPriesters zum individuellen Bekenntnis des Einzelnen.
Die neuen Bestimmungen der Rabbinen wurden in Mischna und Talmud niedergeschrieben, die dem Versöhnungstag ein ganzes Traktat namens Yoma widmen. Findet man zum Beispiel in Levitikus lediglich die Anweisung sich zu demütigen, nennt die Mischna nun sechs konkrete Dinge von denen man sich enthalten sollte. die Rabbinen betonten auch ganz besonders reue „Teschuva“ (תשובה = Umkehr) als unbedingte Voraussetzung um Sühne zu erlangen.

(Vgl. Michael D. Swarz, 1997, S. 138; Daniel Stöckl Ben Ezra, 2003, S. 51)

Seit dem dritten Jahrhundert findet sich in der rabbinischen Literatur zudem die Idee eines großen Gerichts, an dem über das Schicksal der Menschen und Kreaturen entschieden wird.
„Alle werden an Rosch HaSchana gerichtet, und ihr Urteil ist an Yom Kippur besiegelt.“

(Tosefta, Rosch HaSchana 1:13; eigene Übersetzung aus: Jacob Neusner, 1981, S. 252)

auch Im Talmud wird beschrieben, dass am ersten Tag des Jahres himmlische Bücher zum Gericht geöffnet werden. Eines für die „ganz Schlechten“, eines für die „ganz Guten“, und ein Buch für diejenigen, die dazwischen liegen. Das Schicksal „der ganz Guten“ und „ganz Schlechten“ ist schon bestimmt, das für die „Dazwischenliegenden“ entscheidet sich bis Yom Kippur.

(Vgl. Talmud Bavli, Rosh Hashanah 16b)

durch den einfluss der Rabbinen entwickelten sich Die Tage zwischen Rosch Haschana (רֹאֹשׁ הַשָּׁנָה) und Yom Kippur so zu einer intensiven Zeit der Vorbereitung, deren Fokus sich vom TempelDienst des Hohenpriesters auf Selbstreflexion, Reue, Buße, Gebete, Versöhnung und gute Taten verlagerte.

(Vgl. Evan Zuesse, 2006)

heute wird Yom Kippur als der Abschluss und Höhepukt der „Hohen Feiertage", die als „Yamim Noraim“ (ימים נוראים) oder „Aseret Yemei Teshuva", (עשרת ימי תשובה) bekannt sind, gehalten.
Man verbringt den Tag gewöhnlich mit Fasten und gemeinsamen Gebeten in der Synagoge, deren Liturgie an diesem Tag besonders lang ist. Es wird kein leder, kein schmuck und nur einfache Kleidung (von vielen nur weiß) getragen, und man grüßt sich mit:
„mögest Du eingeschrieben werden für ein gutes Leben!“
Selbst Juden, die die religiösen Gesetze sonst nicht so ernst nehmen, halten sich an diesem Tag streng an die Bestimmungen.
Die heiligsten Tage des Jahres werden von Bekenntnissen und Gebeten der Reue und Buße, den „Slichot“, (סליחות = Bitten um Vergebung) begleitet. „Israel“ bekennt seine Sünden und hofft auf Gottes Güte und seinen Bund. In Jerusalem treffen sich dazu hunderte von Menschen an der Klagemauer, um diese gemeinsam zu singen.
Bis heute hat sich ein umstrittenes Blutritual erhalten, das vor allem von sehr religiösen Juden durchgeführt wird. Es ist unter dem Namen Kapparot bekannt. Dabei wird ein lebendes Huhn über den Kopf geschwungen und die Sünden des Opfernden auf das Tier übertragen, welches direkt im Anschluss rituell geschlachtet wird.

Vorsicht! Folgendes Video enthält blutige Szenen mit Tieropfern.

In Israel steht an Yom Kippur im ganzen Land der Verkehr still.
Mit dem Blasen des Schofarhorns bei Sonnenuntergag wird das 25-stündige Fasten beendet.
Das „Fasten Brechen“ hat sich für viele zu einem Fest in fröhlicher Atmosphäre entwickelt, zu dem Freunde und Bekannte eingeladen werden.
Die Lösungen der Rabbinen und deren Neukonstruktion des Feiertages sind für die meisten religiösen Juden allerdings nur eine Übergangslösung. So wartet ein Großteil des Judentums nun schon seit nahe 2000 Jahren sehnsüchtig auf den Wiederaufbau seines Heiligtums, welches die Fortführung des Opferkultes, und damit auch die ursprüngliche biblische Einhaltung des heiligsten tages im jüdischen jahr gewähren würde.

Literaturverzeichnis:

Christian Eberhart (Februar 2017), Sühne (AT), in: WiBiLex, http://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/suehne-at/ch/d3d9d3ccbb7aa79f57b73059f92cfcd2/( letzter Zugriff: 30.01.2018)

Corinna Körting ( April 2007), Jom Kippur (AT), in: WiBiLex, http://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/jom-kippur-at/ch/b1ab261a1efe30d61ffb1e9910639548/( letzter Zugriff: 30.01.2018)

Daniel Stöckl Ben Ezra, The Impact of Yom Kippur on early Christianity. The Day of Atonement from Second Temple Judaism to the Fifth Century, Tübingen 2003, S. 51

Evan Zuesse, (2006), Calendar of Judaism, in: Encyclopaedia of Judaism, http://dx.doi.org.emedien.ub.uni-muenchen.de/10.1163/1872-9029_EJ_COM_0026 ( letzter Zugriff: 30.01.2018)

Jacob Neusner, Tosefta. Translated from the Hebrew. Second Division. Moed. The order of Appointed Times, New York 1981, S. 252

Judah Goldin, The Fathers According to Rabbi Nathan. Yale Judaica Series Volume 10, London 1955, S. 34

Michael D. Swarz, Ritual about Myth about Ritual: Towards an Understanding of the Avodah in the Rabbinic Period, in: The Journal of Jewish Thought and Philosophy Volume 6, 1997, S. 138

Credits:

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