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«Wir Frauen müssen immer noch kämpfen» Die Effretikerin Dorothea Hollender leitet das einzige Mädchenhaus der Schweiz. Es bietet Schutz für bedrohte sowie misshandelte Mädchen im Alter von 14 bis 20 Jahren. Das Haus steht in Zürich.

Der Standort des Mädchenhauses Zürich ist zum Schutz der Mädchen geheim. Wurde dieser schon einmal aufgedeckt?

Dorothea Hollender: Soweit ich weiss nicht. Aber es kommt immer wieder zu Anonymitätsverletzungen durch die Mädchen selbst, weil sie sich nach einer gewissen Zeit nicht mehr bedroht fühlen und die Achtsamkeit nachlässt. Sie vergessen, dass sie sich nicht im Umkreis des Mädchenhauses verabreden sollten oder sie schalten das Standortsignal ihres Handys nicht ab. Bereits wenn wir die Mädchen abholen, müssen sie die Standortsuche unbedingt ausschalten, damit sie niemand zurückverfolgen kann.

Wie oft zieht das Mädchenhaus innerhalb der Stadt um?

Wir sind seit über zehnJahren am jetzigen Standort. Ein Umzug steht bald einmal an. Wir suchen Räume rund um Zürich, es muss aber nicht unbedingt in der Stadt sein.

Worauf achten Sie da?

Es sollte ein belebtes Viertel sein, wo eine solche Einrichtung nicht auffällt. Ein alleinstehendes Haus wäre zum Beispiel nicht geeignet.

Die meisten Mädchen, die aufgenommen werden, sind zwischen 14 und 17 Jahre alt. Aus welchen Gründen kommen sie zu Ihnen?

Alle haben über Jahre massive Gewalt erfahren, zumeist innerhalb der Familie. Mit der Pubertät kommt oft der Punkt, an dem sie es nicht mehr aushalten und sich sagen: «Jetzt reicht es. Ich muss gehen.» Viele der Mädchen wurden auch am Leben bedroht, hier herrscht akut Handlungsbedarf. Und dann gibt es auch überforderte Eltern, die ihr Kind sogar dazu auffordern, zu gehen. Auch Vernachlässigungen kommen vor: Es gibt Eltern, denen es schwer fällt, eine emotionale Verbindung herzustellen. Gleichzeitig beharren sie auf strikten Regeln. Wir beobachten, dass sich die Mädchen in solchen Familienverbänden oftmals auf der untersten Hierarchiestufe befinden. Wenn es Probleme gibt, bekommen sie es zuerst zu spüren. Das hat mit patriarchalisch geprägten Familienstrukturen zu tun und kommt in allen Kulturkreisen vor. So gesehen hat sich in der Gesellschaft noch nicht viel geändert. Wir Frauen müssen immer noch kämpfen.

Sie kommen aus dem sozialpädagogischen Bereich. Haben Sie diese Hierarchien auch schon früher beobachtet?

Ja. In der offenen Jugendarbeit in Effretikon, bei der ich vor 27 Jahren mitgeleitet habe. Schon damals war die Unterdrückung der Mädchen in den Familien ein Thema.

Nach einem durchschnittlichen Aufenthalt von 31 bis 60 Tagen kehren die meisten der Mädchen wieder zurück zur Familie oder zu Verwandten. Ist das wünschenswert?

Ja, sofern es gut läuft. Wir arbeiten systemisch. Wir klären ab, inwiefern und in welcher Form Kontakte während des Aufenthalts im Mädchenhaus zu der Familie sinnvoll sind. Letztlich ist für 14-/15-Jährige die Familie natürlich auch Heimat und wenn die Eltern bereit sind, konstruktiv mitzuarbeiten und selbst Fehler einzugestehen, dann sollte eine Heimkehr möglich sein.

Findet die Misshandlung der Mädchen nicht häufig genau im nächsten sozialen Umfeld statt?

Doch. Das ist auch das Risiko. Aber wir haben fast keine Fälle, bei denen nicht auch die Kesb involviert ist. Bei jedem Eintritt machen wir eine Gefährdungsmeldung bei der Kesb. Diese hört die Eltern in der Folge an. Auch wenn das Mädchen unser Haus wieder verlässt, was teilweise schon nach einer Woche passieren kann, ist die Behörde informiert. Häufig prüft man auch eine sozialpädagogische Familienbegleitung oder verordnet regelmässige Gespräche bei Sozialdiensten oder Kinder- und Jugendhilfezentren . Viele Mädchen bekommen einen Beistand. Was aber nach dem Austritt eines Mädchens zurück in die Familie genau passiert, wissen wir nicht.

Sie bleiben mit den Mädchen nicht in Kontakt?

Nein. Manchmal hören wir etwas über andere Kanäle von einem Mädchen, das einmal bei uns war. Aber eigentlich sind die Fälle mit dem Austritt abgeschlossen. Wir würden aber natürlich gerne öfter hören, was aus ihnen geworden ist. Ab und zu kommt es auch vor, dass sich Ehemalige bei uns melden. Das freut uns immer!

Wie reagieren die Eltern, wenn man ihnen den Aufenthaltsort ihres Mädchens nicht verrät?

Das ist unterschiedlich. Die Meisten sind sehr wütend, aber es gibt auch diejenigen, die auch aus einer gewissen Überforderung heraus, fast erleichtert sind, dass sich nun jemand einschaltet und sich um ihr Kind kümmert. Wir rufen die Eltern jeweils an und informieren sie darüber, dass sich ihre Tochter in einer sozialpädagogischen Einrichtung befindet. Die Mädchen kommen freiwillig zu uns und das betonen wir auch. Ansonsten führen wir aber keine Elterngespräche. Wir arbeiten mit einem partizipativen Ansatz und ziehen die Mädchen nach Möglichkeit stets mit ein. Das Prinzip der Freiwilligkeit werten wir sehr hoch, das heisst auch, dass keine Behörde ein Mädchen bei uns «platzieren» kann. In diesem Punkt unterscheiden wir uns von den meisten anderen Heimen. Wenn jemand platziert wird, nimmt er/ sie eine Abwehrhaltung ein. Und gerade Jugendliche verweigern sich dann komplett. «Unsere» Mädchen wollen aber etwas verändern, sie sind daher meistens kooperativ.

Was bedeutet der Entscheid, ins Mädchenhaus zu gehen, für die weitere Entwicklung der Mädchen?

Es ist eine Art Ermächtigung und es gibt ihnen ein gutes Gefühl. Der Schritt ins Mädchenhaus ist ein Paradigmenwechsel in ihrem Leben. Sie realisieren, dass sie eine Wahl haben. Und das Recht, selbst zu bestimmen. Oftmals haben sie so viel Gewalt erlebt, dass diese Selbstbestimmung eine ganz neue Erfahrung für sie ist.

Der Schritt ins Mädchenhaus ist ein Paradigmenwechsel in ihrem Leben. Die Mädchen realisieren, dass sie eine Wahl haben. Und das Recht, selbst zu bestimmen.

Wie wird das Mädchenhaus von den Behörden wahrgenommen?

Wir sind ein anerkanntes und dadurch auch finanziell unterstütztes Heim. Der Austausch mit den Behörden ist gut. Wir werden auch hin und wieder direkt von den Behörden für Platzierungen angefragt. Ich denke, weil wir in unseren Lösungsansätzen nicht dogmatisch sind und immer auch die spezifischen Situationen der Mädchen miteinbeziehen, werden wir positiv wahrgenommen.

2017 baten 93 Mädchen um Aufnahme im Haus, jedoch konnten aus Kapazitätsgründen nur 48 davon untergebracht werden. Was geschieht mit den anderen Mädchen?

Wir haben Platz für sieben Mädchen. Sind alle Plätze belegt, verweisen wir zum Beispiel an die Opferhilfeberatungsstelle Kokon. Oder wir leiten sie an Kriseninterventionsstellen weiter. 2017 waren wir bis Mai übervoll. Es waren alles sehr komplexe Fälle und die Mädchen sind lange geblieben. Aber als sie nach drei Monaten alle weg waren, kamen keine Anfragen mehr. Das ist dann ärgerlich. Einerseits, weil wir denjenigen, die es brauchen, keinen Platz anbieten können und andererseits, weil der Kanton uns vorgibt, wie viele Mädchen und junge Frauen wir aufnehmen müssen. 75 Prozent der Tage sollten wir belegt sein.

Nächstes Jahr wird das Mädchenhaus 25 Jahre alt. Zu diesem Anlass wird ein Imagefilm produziert. Ist die Einrichtung schweizweit zu wenig bekannt?

Mit dem Film wollen wir, dass Mädchen wissen, dass sie zu uns kommen können, wenn sie bedroht werden. Sie können jederzeit anrufen und wenn wir Platz haben, nehmen wir sie noch am selben Tag auf.

Sie leiten das Mädchenhaus seit zwei Jahren. Gibt es einen Fall, der sie in dieser Zeit besonders betroffen gemacht hat?

Generell sind das Fälle, in denen Mädchen bedroht sind und flüchten müssen. Besonders umgetrieben hat mich jedoch ein Fall, bei dem ähnlich wie in diesen verstörenden Psychothrillern von Joy Fielding der Wahnsinn unter der Decke der Normalität stattfand. Von aussen gesehen war das eine normale, gut situierte Familie, aber ihre Tochter wurde zu Hause systematisch über viele Jahre abgewertet und tyrannisiert.

Können Sie abends überhaupt abschalten, wenn Sie ständig solchen Schicksalen begegnen?

Als Geschäftsführerin stehe ich nicht jeden Tag im direkten Kontakt mit den Mädchen. Für unsere Sozialpädagoginnen ist es aber sicher nicht einfach. Die Beziehungsgestaltung zu den Betroffenen ist sehr komplex: Eine zu starke Gewöhnung vonseiten der Mädchen ist nicht wünschenswert, weil sie nicht lange bei uns sind. Gleichzeitig ist natürlich die Vertrauensbildung essentiell, weil sie die Basis für die sozialpädagogische Zusammenarbeit darstellt. Aufpassen muss man vor der sogenannten «sekundären Traumatisierung», dass man also die Schicksale der Mädchen nicht auf sich selbst überträgt und mit allfälligen eigenen Erfahrungen vermischt.

Das Mädchenhaus Zürich ist das einzige Mädchenhaus in der Schweiz. Es ist eine stationäre Kriseneinrichtung für junge Frauen von 14 bis 20 Jahren, die von Gewalt betroffen sind und Schutz brauchen. Unter den Telefonnummer 044 341 49 45 und 079 478 46 79 können sich Betroffene zu jeder Tages- und Nachtzeit melden telefonisch oder per sms/ WhatsApp melden. Angeboten werden vorübergehender Wohnraum sowie 24-Stunden-Betreuung und –Beratung. 2019 feiert der Verein Mädchenhaus Zürich sein 25-jähriges Bestehen. Zu diesem Anlass wurde ein Imagefilm gedreht. Am 25. November 2018 wird dieser zum ersten Mal im Tanzhaus Zürich gezeigt. Weitere Informationen unter www.maedchenhaus.ch.

Die Effretikerin Dorothea Hollender leitet das Mädchenhaus Zürich seit zwei Jahren. Hollender hat in Berlin Soziale Arbeit und Sozialpädagogik studiert. Vor 27 Jahren baute sie in Effretikon die Mädchenarbeit im Jugendhaus Effretikon auf. Später arbeitete sie bei der Pro Infirmis Wetzikon und Frauenfeld. Lange Jahre leitete sie die Kleinkindberatung in Uster.

Bilder: Nicolas Zonvi / Text: Mirja Keller

Created By
Mirja Keller
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