Orcas Wintererlebnisse An den Küsten Nordnorwegens

Plötzlich taucht eine tiefschwarze Rückenflosse aus den blaugrauen Fluten auf. Wassertropfen schiessen in die Höhe und zerstieben zu Nebel. Der Luftstoss ist auch aus 100 Metern Entfernung gut zu hören. Dann sticht der Kopf des Orcas aus dem Wellenberg, erhaben elegant wirkt das tonnenschwere Tier. Die charakteristischen weissen Flecken sind gut zu sehen. Weitere Tiere kommen empor, um Luft zu holen. Eine Gruppe Orcas zieht vorbei, auf der Suche nach Hering, ihrer Leibspeise.

Heringe finden sich während der Wintermonate in grossen Schwärmen vor den Küsten Nordnorwegens ein. Die Orcas folgen ihnen. Die Menschen versuchen einige Augenblicke dieses Naturspektakels zu erhaschen, wenn die Jagdgründe der Wale für die Naturtouristen auf einer Tagestour erreichbar sind. Einmal Auge in Auge mit einem der intelligentesten Jäger der Meere sein, inmitten dieses Getümmels von fressen und gefressen werden: Die Heringe versuchen panisch, dem Tod zu entkommen, Buckelwale schiessen mit weit geöffnetem Mund aus der Tiefe empor, Orcas ziehen ihre Bahnen und Seemöven verspeisen was vom Gemetzel übrigbleibt. Diese grandiosen Bilder, von geduldigen Naturfilmern eingefangen, ziehen vor dem inneren Auge auf und der Blick gleitet suchend über das Meer. Grosses Glück gehört dazu, zu genau diesem Zeitpunkt am Ort des Geschehens zu sein. Der Ozean scheint endlos weit. Am Horizont türmen sich die schneebedeckten Bergkuppen entlang der nordnorwegischen Küste. Im Rücken und hinter abertausenden von Wellenbergen sind Grönland, Island oder Spitzbergen das nächstgelegene feste Land. In der Mitte schwimmt das 15 Meter lange Fischerboot. Und irgendwo in diesen dunklen Fluten ist der von allen gesuchte Heringschwarm.

Sven Gust ist von Bremen nach Norwegen ausgewandert. «Northern Explorers» organisieren seit 2009 in der Arktis und im Nordatlantik für Gäste aus aller Welt Touren zu Eisbergen und -Bären, Seelöwen, Tiefseekorallen – und Orcas.

Das ehemalige Fischerboot «Sjøblomsten» – auf deutsch «Meeresblume» – fährt noch bei Dunkelheit mit den Expeditionsteilnehmern aus dem Hafen von Andenes am nördlichsten Punkt der Inselgruppe der Lofoten und Vesterålen vor der nordnorwegischen Küste. Lufttemperatur: 0 Grad. Wassertemperatur: 7 Grad.

Das alte Walfangschiff «Sjøblomsten» hat keine Harpunen mehr an Bord. Touristen sind mit Kameras bewaffnet auf der Jagd nach dem perfekten Bild.

Wo die Heringe auftauchen, sind auch die Orcas nicht weit. Sie haben eine effektive Jagdtechnik entwickelt und sind damit äusserst erfolgreich. Obwohl einige Orca-Populationen auch Jagd auf zwei Meter lange Robben machen, ist kein Zwischenfall mit Schnorchlern oder Tauchern bekannt.

Die Sonne steht unter dem Horizont. Die Gischt der Wellen spritzt über die Köpfe der Passagiere. Das Schiff schauckelt. Dabei sind das nur die harmlosen Wellen im Fjord, die den Horizont zum Wackeln bringen. Ein Gast ist seekrank. Er lehnt sich im Heck des früheren Fischerbootes an die weiss getünchte Metallwand, die Kapuze der dick gefütterten Winterjacke über das Gesicht gezogen.

Zwischen den Wellenbergen blitzen kurz die Positionslichter eines Schiffes auf. Möven kreisen über einem Fischerboot. Der dunkle Himmel berührt das Meer, die Wolken können sich nicht entscheiden, ob sie Schnee oder Regen herunterieseln lassen. Die Kamera ist auf hohe Emfindlichkeit gestellt, die Blende ist offen, die Belichtungszeit ist hoffentlich kurz genug, um den Moment einzufrieren, wenn der Orca aus dem Wasser schiesst. Die Finger sind klamm und umklammern den Griff der Kamera. Die Hand schützt die Frontlinse vor der Gischt. Der Rumpf des Fischerbootes klatscht in die Wellen. Feinste Salzwassertropfen erfüllen die Luft. Das Beiboot tanzt am Seil.

«Orcas, elf Uhr», schreit Matrose Matti vom Oberdeck. Kapitän Tom kurbelt am Steuerrad, die «Sjøblomsten» dreht bei, nimmt Kurs auf die Rückenflossen, die das Meer entzweischneiden. Hektik macht sich breit. Die Reissverschlüsse der Trockentauchanzüge surren synchron, Brandon, Uli, Christina, Francesco, Jenny, Brian und Chris setzen sich ihre Kopfhauben auf, greifen nach den Taucherbrillen, den Flossen und den Kameras. Sven holt das rote Beiboot längsseits. Und schon surrt der Aussenborder, verfolgt Sven mit seiner Truppe die Orcas, fährt seitwärts an die Tiere heran, sucht einen Steuerkurs, um die Schnorchler in den Weg der Orcas zu bringen, damit seine Gäste einige unvergessliche Augenblicke mit den Meeressäugern verbringen können.

Vor Andenes operieren mehrere Anbieter, meist mit schnellen Schlauchbooten. In den letzten Jahren hat der Tourismus mit den Walbeobachtungen vor allem im Winter stark zugenommen, seit die Orcas im Januar regelmässig vor der Insel zu sehen sind. Der Meeresgrund sinkt wenige Seemeilen vor Andøya bis auf drei Kilometer ab. Dort sind die Fanggründe der Pottwale, die nach Riesentintenfischen tauchen. Der Reichtum an Leben lockt während jeder Jahreszeit diverse Walarten an.

Die Orcas sind schnelle Schwimmer. Das Fischerboot kann nur knapp mithalten. Wichtig ist, den Tieren nicht den Weg abzuschneiden, sondern sich einer Gruppe parallel zur Schwimmrichtung anzunähern. Mit dem Beiboot kommen die Schnorchler wenige Meter nahe an die Tiere heran.

Orcas in Familienverbänden und die Fluke eine Buckelwales im Andfjord zwischen dem nordnorwegischen Festland und der Inselgruppe der Vesterålen. Die Tiere mit den langen Rückenflossen sind Männchen. In Gruppen sind die Orcas auf der Suche nach Hering. Sie treiben und drängen die Fischschwärme zusammen, schlagen schliesslich mit ihren Schwanzflossen in die Fischsuppe und fressen die betäubten Tiere.

Nicht immer lässt das Wetter die Fahrt zu den Orcas zu. Die Winterwinde wühlen das Meer stetig auf. Die Fischerboote sind für solche Konditionen gebaut. Die Mägen der Touristen nicht. Das Alternativprogramm führt an die Strände der Insel Andøya. Fast zwei Monate lang zeigt sich die Sonne vor Andenes nie. Die Wintermonate sind geprägt von blauem Licht und langen Nächten. Klart der Himmel auf, wabert oft Polarlicht von Horizont zu Horizont.

Sonnenwinde schleudern gigantische Mengen an elektrisch geladenen Teilchen in den Weltraum. Das Licht braucht zwölf Minuten, bis es auf der Erde eintrifft. Visuell sichtbare starke Sonneneruptionen lassen sich auf der Erde als Polarlicht voraussagen. Drei Tage dauert die Reise der Elektronen und Protonen bis zur Erde, wo das Magnetfeld sie einfängt. Sie kollidieren in 100 Kilometern Höhe mit Luftmolekülen der Erdatmosphäre. Die Kollisionen dieser winzigen Teile erzeugen Licht, das wir als meist grüne, manchmals auch rote und violette Bänder und Wellen am Nachthimmel sehen.

Sturm ist angesagt. Wind aus Nordwest. Böen in Orkanstärke. Haushohe Wellen. Die Schneeflocken fliegen waagrecht. Die Sjøblomsten bleibt im Hafen vertäut. Am Strand liegen angeschwemmte Weichkorallen und Seetang. Der Wind drückt die tief fliegenden Wolken an die schroffen Felswände. An einigen Stellen reisst der Himmel auf. Die oberste Wolkenschicht leuchtet orange.

Die Gezeiten und der Wind formen vergängliche Skulpturen. Luftblasen sind gefangen im Eis, Schmelzwasser zeichnet weiche Formen in den Sand. Eiskristalle wachsen in der kalten Luft, die Gischt des salzigen Meerwassers bringt die fragilen Formen zum Schmelzen. Das Wetter wechselst sein Gesicht in hoher Kadenz. Die Sonne steht Ende Januar nur kurz über dem Horizont. Dann nehmen wieder Schneeschauer die Sicht. Im Wind tanzen weisse Flocken, legen sich auf die rundgewaschenen Kieselsteine.
Farbenspiele auf dem Meer. Der Scheinwerfer eines Fischerbootes durchschneidet den Nebel. Der Mond steht über dem Leuchtturm von Andenes. Wellenberge glitzern im Licht der ersten Sonnenstrahlen seit einem Monat. Möven kreisen über dem Schiff und lauern auf Futter. Blau ist die vorherrschende Farbe, flankiert von Goldgelb. Violett leuchtet der Himmel.

Impressum

Konzept, Text, Fotografie, Video: Robert Hansen www.roberthansen.ch, www.abgetaucht.ch, kontakt@roberthansen.ch

Fotografie unter Wasser: Uli Kunz, www.uli-kunz.com

Drohnenpilot: Sven Gust

Northern Explorers, www.northern-explorers.com, info@northern-explorers.com

© Robert Hansen, Januar 2017

Created By
Robert Hansen
Appreciate

Credits:

Text, Fotos, Filme von Robert Hansen

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