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Ein Mann der Stärke

DER MEIRINGER ROLAND FUCHS (51) IST EINER DER ERFOLGREICHSTEN UND BESTEN KONDITIONSTRAINER DER SCHWEIZ. MIT DEM SC BERN HOLTE ER DREI MEISTERTITEL. SEINE ATHLETEN KILIAN WENGER UND MATTHIAS GLARNER WURDEN MIT IHM SCHWINGERKÖNIGE. WIE HAT DIESER FUCHS DAS GEMACHT?

Roland Fuchs schaut auf sein Handy. «Noch zehn Sekunden», ruft er. «Kommt, da geht noch was!» Matthias Glarner schlägt mit einem grossen Hammer auf einen LKW-Reifen. Kilian Wenger wirbelt ein dickes Seil durch die Luft. Nils Mani macht Ausfallschritte, in beiden Händen schwere Gewichte, eine Metallkette rasselt um seinen Hals.

Konditionstraining im neuen Aussenbereich des Fitnesszentrums S4 in Wilderswil. «Das geht schneller! Mit beiden Händen! Haut richtig drauf!», feuert Roland Fuchs seine Athleten an. Es ist Mitte November, etwa fünf Grad Lufttemperatur, leichter Regen fällt vom grauen Himmel.

In der Pause atmen die Athleten schwer. Ihre Gesichter sind schmerzverzerrt. «Das gefällt mir, Giele», sagt Fuchs. Es steht die letzte Runde des Zirkeltrainings an. Der Konditionstrainer schwört seine Athleten ein: «Was wir vorher gemacht haben, das kann jeder. Jetzt machen wir den Unterschied».

Etwa eine Stunde vorher. Am Empfang des S4 sitzen Matthias Glarner und Nils Mani. Sie trinken Kaffee und unterhalten sich mit Roland Fuchs. Es geht um den Tanzkurs, den Kilian Wenger mit seiner Freundin macht. Es wird viel gelacht. Im Hintergrund läuft ein Skirennen im Fernsehen.

Als Wenger um kurz vor 10.00 Uhr mit seinen beiden Brüdern eintrudelt, sagt Fuchs: «Jetzt reichts nur noch für einen Espresso». Die Sportler ziehen sich um. Danach wird konzentriert aufgewärmt und dann hart trainiert. «Ich mag meine Athleten, aber ich habe kein Problem, sie zu quälen», sagt Roland Fuchs.

Wie Kilian Wenger und Roland Fuchs vier Monate quasi als Ehepaar lebten.

Als Kilian Wenger 2010 in Frauenfeld Schwingerkönig wird, ist Roland Fuchs erst knapp ein Jahr sein Konditionstrainer. Trotzdem ist ein wichtiger Teil des Erfolgs Wengers physische Dominanz. Im Moment des Triumphes macht Roland Fuchs sich Sorgen um seinen neuen Schützling. «Hoffentlich beraten ihn die richtigen Leute», denkt er. Aber die richtigen Leute sind nicht zu finden.

«Es waren alle mit der Situation überfordert», erinnert sich Kilian Wenger. Fuchs übernimmt Verantwortung. «Roli war die ersten vier Monate der wichtigste Mann. Wir haben fast wie ein Ehepaar gelebt», sagt der Schwingerkönig. Kilian Wenger wohnt in dieser Zeit quasi bei Familie Fuchs in Unterseen, geht nur zum Schlafen heim. Als die beiden alles Wichtige geklärt haben, kehrt Roland Fuchs wieder zu seiner Funktion als Konditionstrainer zurück. Und er findet: Kilian Wenger hat sein körperliches Potenzial noch nicht ausgeschöpft.

In den folgenden sieben Jahren gewinnt der Diemtigtaler 13 Kranzfeste, holt 51 Kränze. Aber die Dominanz, die man ihm nach Frauenfeld zugetraut hatte, bleibt aus. «Es hat auch Phasen gegeben, wo ich das Training mit Roli kritisch hinterfragt habe. Aber ich bin immer zum Schluss gekommen, dass es das Richtige für mich ist», sagt Kilian Wenger.

In dieser Zeit professionalisiert Roland Fuchs das Training für die Schwinger. Für jeden bastelt er individuelle Trainingsprogramme. «Wir haben einen Gang hochgeschaltet», sagt der Meiringer. Am Eidgenössischen Schwingfest in Burgdorf 2013 holen alle vier – Anderegg, Glarner, Wenger und Zenger – den Kranz. Der ganz grosse Erfolg bleibt aber aus.

«Jeder Trainer hat Selbstzweifel», sagt Roland Fuchs. Man müsse sich ständig reflektieren. Er lerne täglich etwas dazu, auch von den Athleten. Fuchs sagt: «Das ist das Spannende am Trainerjob. Du musst dir heute überlegen, was der Sportler morgen braucht. Und dann machst du etwas, wofür du erst viel später Feedback bekommst.»

Wie Roland Fuchs den 15-Jährigen Matthias Glarner trifft und ihn zum König macht

Berufsbildungszentrum Interlaken, 2001. Matthias Glarner hat gerade seine Lehre als Polymechaniker begonnen. Der 15-Jährige besucht den Sportunterricht bei Roland Fuchs. Als dieser sieht, wie der Jungschwinger trainiert, bietet er ihm seine Hilfe an. «Ich wollte nicht, dass er Bodybuilder wird», sagt Fuchs.

Matthias Glarner kommt in die Trainingsgruppe, in der Roland Fuchs diverse Hobbysportler auf hohem Niveau trainiert. Neben Glarner stehen Skifahrer, Tennisspielerinnen, Golfer auf der Matte.

Das zweite gemeinsame Training ist ein Laktattest. Weil Glarner keine Veloschuhe dabei hat, macht Fuchs ihn kurzerhand mit Klebeband an den Pedalen fest. Glarner strampelt bis zur Erschöpfung. Beim Ausfahren bekommt er einen Krampf in der hinteren Oberschenkelmuskulatur. Weil er nicht vom Rad absteigen kann, lehnt er sich vorne über den Lenker, um die Muskeln zu dehnen. «Bevor Roli mich losgebunden hat, holte er seine beiden Söhne und gemeinsam haben sie sich kaputtgelacht», erzählt Matthias Glarner heute. «Das zeigt eigentlich ziemlich gut, was Roli auszeichnet.»

Obwohl Glarner Sportwissenschaften studiert und 2014 seinen Master abschliesst, steigt er nie aus dem Training bei Roland Fuchs aus. «Wir sind jedes Jahr vorwärts gekommen. Das Training hat sich immer weiterentwickelt, sich nie abgenutzt», sagt der Meiringer Schwinger.

Die Zusammenarbeit gipfelt in Glarners Triumph am Eidgenössischen Schwingfest in Estavayer 2016. Als er im Schlussgang Armon Orlik ins Sägemehl zwingt, sitzt Roland Fuchs zu Hause vor dem Fernseher.

Es ist ein intensiver, spannender Kampf zwischen Armon Orlik und Matthias Glarner. Orlik probiert es mit Kurz, Glarner mit Fussstich, zwei Mal ist er kurz davor, seinen Gegner auf den Rücken zu zwingen. Roland Fuchs fiebert zu Hause mit, kann vor Aufregung längst nicht mehr auf dem schwarzen Sofa sitzen, sondern kauert auf dem Wohnzimmerboden in seinem Haus in Unterseen. Sein T-Shirt ist durchgeschwitzt.

Schon über 13 Minuten dauert der Schlussgang als der Kommentator sagt: «Jede Trainingsminute in den letzten zwei Jahren können die beiden jetzt so was von gebrauchen.» Kurz darauf kontert Glarner einen Kurz von Orlik und wird Schwingerkönig. Während Simon Anderegg und Niklaus Zenger den Meiringer auf die Schultern heben, weint Roland Fuchs zu Hause wie ein Schlosshund.

Kurz danach steigt Fuchs zu Glarners Manager ins Auto. Zwei Stunden später sind sie in Estavayer. Sie platzen mitten in die Pressekonferenz des Schwingerkönigs. Heute sagt Glarner: «2016 hat alles zusammengepasst, und Roli ist ein Teil davon, ein sehr wichtiger Teil».

Konsequenz sei ein Geheimnis des Erfolgs, sagt Roland Fuchs. Nicht nur bei Matthias Glarner, auch bei ihm selbst. «Ich habe meinen Job immer mit der gleichen Leidenschaft gemacht.» Trotzdem musste er lange auf die grossen Erfolge warten. 2016, nach dem zweiten Meistertitel mit dem SCB und dem Königstitel Glarners, wurde Roland Fuchs zum Trainer des Jahres nominiert. Ungewöhnlich für einen Konditionstrainer.

Die Auszeichnung schmeichle ihm, sagt Fuchs. Und natürlich freue er sich über Erfolge seiner Athleten. Aber: «Es wäre überheblich zu sagen, der Erfolg kommt wegen mir». Dennoch hat sich mit den Titeln etwas geändert. Der Erfolg ersetze jedes Argument, sagt Fuchs. Er habe ihn gelassener gemacht. «Ich habe vor allem mir selbst bewiesen, dass meine Methoden funktionieren.»

Warum Roland Fuchs an einem Mittwochnachmittag mit Kari Jalonen auf dem Golfplatz Unterseen steht

Ein Oktobermorgen in Bern, stahlblauer Himmel, hinter der Postfinance Arena geht bald die Sonne auf. Roland Fuchs fährt in die Tiefgarage. Er schaut auf sein Handy. Es ist kurz nach halb acht Uhr am Morgen. Mit dem Engagement beim SC Bern geht für Roland Fuchs ein Traum in Erfüllung, den er seit seinen ersten Erfahrungen im Eishockey 1991 hegt. Seit sechs Jahren ist er nun Konditionstrainer des Eishockeyclubs. Fuchs sagt: «Ich freue mich jeden Morgen aufzustehen und hierher zu fahren.»

Im Sommer leitet Fuchs das Training mit harter Hand. Dann lässt er die Spieler die 11'674 Treppenstufen auf den Niesen hinauf laufen. Oder Lastwagen über den Flugplatz Interlaken ziehen. Vor allem aber bringt er sie im Kraftraum an ihre Leistungsgrenze. «Ich versuche sie psychisch und physisch aus der Komfortzone zu holen, weil ich glaube, dass erst dort die Anpassungen stattfinden», sagt Roland Fuchs.

Im Winter läuft das Training anders ab, individueller. Dieser sonnige Mittwoch im Oktober ist ein sogenannter «Energy-Day». Nach anstrengenden vier Spielen in sieben Tagen haben die Spieler eigentlich frei. Die meisten kommen trotzdem, machen ein paar Übungen im Kraftraum oder auf dem Eis. Roland Fuchs gibt hier und da Anweisungen, Trainingsinputs, scherzt mit den Athleten. Nur mit den verletzten Spielern trainiert er an diesem Tag intensiver.

Er habe Erfahrung, sei kreativ und höre seinen Athleten zu, fasst Roland Fuchs seine Qualitäten als Konditionstrainer zusammen. SC Bern Headcoach Kari Jalonen erklärt es so: «Wir Coaches trainieren Menschen und sind da, um den Spielern zu helfen. Das ist eine grosse Stärke von Roli: Er kann mit Menschen arbeiten und er will den Spielern immer helfen.»

Roland Fuchs erlebt mit Kari Jalonen den vierten Trainer in seiner Zeit beim SC Bern. Aber erst der Finne macht Fuchs zum vollwertigen Mitglied des Trainerteams. Als Jalonen 2016 in Bern anfängt, schaut er Roland Fuchs drei Wochen lang beim Sommertraining zu. Ohne Feedback. Dann sagt er: «Ich vertraue dir».

Der Konditionstrainer kümmert sich in dieser Zeit um das Wohlbefinden der neuen Coaches, lädt sie zu sich nach Unterseen ein, hilft Jalonen ein Velo zu finden, besucht mit seiner Frau die Hochzeit des Videoassistentens Samuel Tilkanen in Finnland. An diesem Energie-Day im Oktober geht Roland Fuchs mit Kari Jalonen auf den Golfplatz Unterseen. Dort kann auch der Konditionstrainer Energie tanken.

Am Abend sitzt Roland Fuchs auf einem Ledersessel in seinem Fitnesszentrum in Wilderswil. Das S4 – noch so ein Traum, der in Erfüllung gegangen ist. «Wenn sich ein Traum erfüllt, gibt das ein Gefühl von innerer Ruhe», sagt Fuchs. Ein Bein hat er lässig über die Armlehne gelegt, er nimmt einen Schluck von seinem Kaffee. Roland Fuchs schaut auf sein Handy. Zum Abendessen will er pünktlich zu Hause sein.

Der 51-Jährige arbeitet viel. Schon seit langem. Oft sind es 70 oder mehr Stunden die Woche. Gezählt hat er das nie. «Bei dem, was ich gerne mache und gut kann, da fliessen Arbeit und Freizeit ineinander.» Aber es bleibt wenig Zeit für die Familie. «Das alles wäre nicht möglich gewesen ohne Nicole. Sie hält mir den Rücken frei», sagt Roland Fuchs. Bei jedem neuen Projekt habe seine Frau stets ihren Segen geben müssen. «Weil es auch jedes Mal für sie ein Preis ist, den sie bezahlen muss.» Nun will er ihr etwas zurückgeben.

Seit vergangenem Sommer ist die Last weniger geworden. Roland Fuchs hat seine Tätigkeit als Sportlehrer am Bildungszentrum Interlaken beendet. Es bleiben sein Fitnesszentrum, der SC Bern, seine Athleten und vielleicht ein bisschen mehr Zeit für die Familie. Roland Fuchs sagt: «Wenn ich Glück habe, kommen die Athleten jetzt zu mir».

Created By
Nils Sager
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Credits:

Nils Sager

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