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Startschuss für die Ausbildung zum „Heimatschutz“ Viel Einsatz, voller Eifer und ein fieser Hindernis-Parcours

„Nur ein besseres THW in Flecktarn zu sein, darf niemals der Anspruch der Bundeswehr werden“, brachte es der Bundesvorsitzende André Wüstner am 6. April auf den Punkt. An diesem Tag starteten bundesweit rund 320 Soldatinnen und Soldaten ihre Grundausbildung im neuen Pilotprojekt der Bundeswehr.

Von Sonja Schmidt

35 Rekruten sind es derzeit noch beim „Freiwilligen Wehrdienst im Heimatschutz“ (FWD-HSch) in Hannover. Anfangs waren es 40, aber 5 haben bereits nach wenigen Tagen das neue Ausbildungsmodul der Bundeswehr verlassen. „Persönliche Gründe“, erklärt Oberst Ralf Broszinski, der Kommandeur der Schule für Feldjäger und Stabsdienst der Bundeswehr in Hannover. Eine Ausstiegsquote von rund 10 Prozent sei aber in jeder Grundausbildung der Streitkräfte zu verzeichnen, kein Grund zur Panik.

Panik blitzt nur kurz in den Augen der jungen Rekruten auf, die sich nun vor den Augen der versammelten Pressemeute über eine Holzwand wuchten müssen. Den aufgebauten Hindernis-Parcours haben sie in den wenigen Tagen ihrer bisherigen Ausbildung noch nicht gemacht.

Ein Klassiker der Grundausbildung: Der Hindernis-Parcours stellt die Rekruten bei ihrer ersten Überquerung vor einige Herausforderungen. Foto: Bundeswehr/Kai-Axel Döpke

Die Grundausbildung findet an 13 Standorten statt, es ist die gleiche Ausbildung, die jeder andere Rekrut absolviert, der in die Bundeswehr eintritt. Diese Tatsache macht aber leider die Holzwand in Hannover auch nicht niedriger.

„Ich habe gedacht, ich wäre sportlicher, aber die Bundeswehr hat mir gezeigt, es ist nicht so!“, zieht Marie-Therese Kuhlmann ein vernichtendes Fitness-Fazit. Die 19-Jährige aus Oldenburg stammt aus einer echten Militärfamilie, ihr Vater hat seinen Wehrdienst abgeleistet, Opa und Uropa waren bei der Marine, die Entscheidung für den FWD-HSch traf Rekrutin Kuhlmann allerdings aus Pandemie-Gründen. Die gelernte Kosmetikerin fand Corona-bedingt keinen Job und überbrückt nun die Zeit – in ihrem Fall mit mehrmaligen Schwungholen an der Holzwand. Mit einem kleinen Hilfe-Schubs von einem ihrer Ausbilder klappt es zum Glück.

Rekrut Dennis Brauns hat die Wand spielerisch in Rekordzeit bewältigt. Auch der 20-Jährige aus Hannover hat sich aus Corona-Gründen für das neue Ausbildungsmodul der Bundeswehr entschieden. Das Studium der Geowissenschaften war Brauns aufgrund der Vorlesungen via Laptop einfach zu theoretisch. Jetzt kann der Sportfan sich auspowern, dafür hadert er mit der dauerhaft geforderten Konzentration. „Dass man nicht kopflos dasteht und Befehle befolgt, sondern jederzeit konzentriert ist, neue Aufträge erhält“, erläutert Brauns.

Die Tage in der Grundausbildung sind lang, täglich um 5:15 Uhr aufstehen, Stubenappell, ab zum Frühstück, verschiedene Unterrichts- und Sporteinheiten, erst um 22 Uhr ist Zapfenstreich. Allerdings wird die Anstrengung auch anständig entlohnt. 1.550 Euro brutto im Monat bekommen die Rekruten, wesentlich mehr als die 426 Euro Taschengeld, die man beispielsweise im Freiwilligen Sozialen Jahr bekommt. Im Vorfeld hatten viele zivile Hilfsorganisationen kritisiert, die Bundeswehr würde ihnen durch diesen finanziellen Bonus die ganzen Freiwilligen streitig machen.

„Wir müssen aufpassen, dass hier keine Neid-Debatte entsteht“, betont Stabsfeldwebel Thomas Schwappacher, der Vorsitzende Streitkräftebasis im DBwV-Bundesvorstand. Die FWDL Heimatschutz machen sechs Monate eine geistig und körperlich fordernde Ausbildung, da nähmen die Soldatinnen und Soldaten einiges auf sich. „Man sagt schnell mal, die bekommen viel zu viel, ich sage eher, das Taschengeld im Freiwilligen Sozialen Jahr ist viel zu gering. Da ist eigentlich die Politik gefordert.“

Fest steht: Für einen Großteil der vier Frauen und 31 Männer in der Lagenstein-Kaserne wäre ein Freiwilliges Soziales Jahr schlicht und einfach nicht infrage gekommen. Sie haben sich gezielt für die Bundeswehr entschieden, wie Yiran Li aus Braunschweig. Seit er klein war, habe er sich für die Bundeswehr interessiert, betont der 25-Jährige, der die Lücke zwischen VWL-Bachelor und Master mit dem FWD-HSch füllt. „Ich hatte schon immer militärische Bücher in den Bücherregalen, von Clausewitz bis Moltke, von daher war das für mich schon immer eine Option.“

Vier Frauen und 31 Männer leisten derzeit in der Lagenstein-Kaserne in Hannover ihren Dienst im neuen Ausbildungsmodell „FWD-HSch“. Foto: Bundeswehr/Kai-Axel Döpke

Eine Option, die nun ausschließlich im wörtlichen Sinne im Sand verläuft, denn es geht bäuchlings unter einem gesteckten Drahtgeflecht hindurch. Nach drei Monaten Grundausbildung erwartet die 35 angehenden Soldatinnen und Soldaten eine viermonatige Spezialausbildung mit den Schwerpunkten Objekt- und Katastrophenschutz. „Dazu zählen Schutz von wichtiger Infrastruktur wie Bahnanlagen und Verkehrsknotenpunkte, Sicherungsaufgaben wie die Sicherung von militärischen Flugplätzen, Abwehr von Gefahrenstoffen, weitere Sanitätsausbildung und auch eine Ausbildung zum Brandschutz“, fasst Oberst Broszinski zusammen.

Die Langenstein-Kaserne ist auf Grundausbildung ausgelegt, ob für SaZ, FWDL oder FWDL Heimatschutz spielt für Oberst Ralf Broszinski keine Rolle. Foto: Bundeswehr/Kai-Axel Döpke

Stellt sich nur folgende Frage: Woher kommen eigentlich Ausrüstung, Material und Kasernenplätze? „Wir rechnen mit ungefähr 1000 Rekrutinnen und Rekruten pro Jahr. Die werden auf die gängigen Grundausbildungseinheiten der Streitkräftebasis und von ZIR aufgeteilt und können ganz normal mit ausgebildet werden“, erläutert Thomas Schwappacher. Seiner Auffassung nach treten die Probleme erst nach der Grundausbildung auf.

Die spezielle Ausbildung zum Heimatschutzsoldaten solle zum 1. Juli vorerst an drei Standorten durchgeführt werden. In erster Linie ist es also hier erforderlich, genügend Material und Personal zu haben und auch in der folgenden Reservephase drohe ein Problem: „Wenn wir die erhofften 1.000 Soldaten pro Jahr erreichen, dann sind nach zwei Jahren in etwa alle Dienstposten in den sogenannten RSU-Kompanien besetzt. Das heißt, hier muss nachgearbeitet werden, hier müssen zusätzliche Einheiten geschaffen werden, wenn wir die Territoriale Reserve stärken wollen.“

Für Brauns, Kuhlmann und Li steht die letzte Hürde des Vormittags an, rein in die Grube, hochhieven, rausrollen und weg spurten. Dieses Hindernis meistern alle drei par excellence. Aufgeben kommt für die jungen Rekruten derzeit nicht infrage, sie schätzen den „Schnupperkurs“ der Bundeswehr, ebenso die Kameradschaft in der Gruppe – möglicherweise auch über den vereinbarten Zeitrahmen hinaus. „Eventuell fange ich Ende des Jahres dann eine Reserveoffiziersausbildung an“, erwähnt Braunschweiger Yiran Li am Ende des Interviews.

Für Rekrutin Marie-Therese Kuhlmann und die Rekruten Yiran Li und Dennis Brauns ist das Pilotprojekt ideal, um die Zeit zu neuen Studien und Jobsuche zu überbrücken. Foto: Bundeswehr/Kai-Axel Döpke