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Ein unmöglicher Traum Martin Wikelski und das Internet der Tiere

Text: Vivien Götz, Bilder: Universität Konstanz, Layout: Nico Talenta

Martin Wikelski ist Direktor am Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Radolfzell und Mitglied des Exzellenzclusters „Center for the advanced study of collective behavior“ an der Universität Konstanz. Der 54-Jährige gab vor einigen Jahren eine Professur auf Lebenszeit an der Universität Princeton auf, weil er in den USA niemanden von seiner Idee, einem „Internet der Tiere“, überzeugen konnte. Das sogenannte ICARUS-Projekt fand aber auch in Deutschland zunächst nur wenig Anklang. Inzwischen sieht das ganz anders aus. ICARUS steht für „International Cooperation for Animal Research Using Space“, und gilt als eine der großen, zukunftsträchtigen Ideen der Wissenschaft. Zusammen mit seinem Team hat Wikelski eine Antenne entwickelt, mit deren Hilfe besenderte Tiere auf der ganzen Erde, von der ISS aus beobachtet werden sollen. Die Wissenschaftler_innen versprechen sich so völlig neue Erkenntnisse über das Leben und die ökologischen Zusammenhänge auf der Erde.

Martin Wikelski hatte die Idee hinter dem ICARUS-Projekt.

Campuls: Herr Wikelski, warum wollen Sie Tiere vom Weltraum aus beobachten?

Wikelski: Das hat zunächst einmal vor allem praktische Gründe: Auf dem Boden verlieren wir Tiere relativ häufig und können Sie nicht gut beobachten. Aus großer Höhe wird das einfacher. Unsere Sensoren sollen außerdem nicht nur messen, wo sich die Tiere gerade aufhalten, sondern beispielsweise auch wie es ihnen gerade geht oder welche Temperaturen in ihrer Umgebung herrschen.

C: Mit ICARUS soll das sogenannte „Internet der Tiere“ entstehen. Sie wollen weltweit Tiere besendern, um ein globales Netz aus Informationspunkten zu erhalten. Warum brauchen wir dieses „Internet der Tiere“?

W: Für das Leben auf der Erde sind Tiere die komplexesten und sensibelsten Sensoren, die wir haben. Verschiedenste Tiere können uns ganz unterschiedliche Sachen sagen. Das größte Wissen bekommen wir deshalb über die größte Diversität. Dabei wollen wir aber immer beides: Informationen auf der Ebene des einzelnen Individuums und Informationen über Tiere im Kollektiv und in der Gruppe. Hier entsteht eine neue Messeigenschaft, es werden Informationen sichtbar, die wir durch die Beobachtung von einzelnen Tieren nie messen könnten. Wir wollen über das „Internet der Tiere“ gewissermaßen ihren sechsten Sinn anzapfen.

C: Was für Informationen können das sein?

W: Das ist eine große Bandbreite. Das können Informationen über das Wetter, Klimaentwicklungen und die Nahrungsverfügbarkeit sein. Aber auch über Dinge wie zoonotische Krankheiten [...]

(Anm. der Redaktion: Krankheiten, die von Tieren auf den Menschen und umgekehrt übertragen werden)

[...] oder möglicherweise die Vorhersage von Erdbeben. Diese Dinge lassen sich alle über die Tiere in der Welt beobachten. Daraus schlussfolgern wir, dass dieses „Internet der Tiere“ ein neues, weltumspannendes Informationsnetzwerk ist, das wir uns zu nutzen machen können.

C: ICARUS stieß am Anfang auf viele Widerstände – es war schwer die richtigen Leute von ihrem Projekt zu überzeugen. Dachten Sie manchmal daran aufzugeben?

W: Immer wieder und ziemlich oft. Zu Beginn meiner Zeit am Max-Planck- Institut waren die ersten drei Evaluationen meiner Arbeit nicht positiv. „Sofort einstampfen“, hieß es damals. Das Projekt gefährde die eigentliche Arbeit des Instituts. Erst acht, neun Jahre später hieß es dann plötzlich: ICARUS ist das nächste große Ding und Big Data ist der vielversprechende globale Trend. Auf einmal kam der große Aufschrei: „Das ist ja toll und exzellent“. Aber da sieht keiner mehr, dass ich das Projekt vorher zehn Jahre lang beim Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft verteidigen musste. Das war schon eine harte Zeit, weil viele sagten, „Das ist ziemlicher Unfug“.

C: Sie haben ihre akademische Laufbahn mit einem Biologiestudium in München begonnen. War für Sie von Anfang an klar, dass es Sie in die Forschung verschlagen wird?

W: Ja, das wusste ich schon vorher. Ganz ursprünglich wollte ich mal Landwirt werden – aber mir wurde dann schnell klar, dass man in der Forschung viel mehr neue Dinge über Tiere lernen kann. Während des Studiums habe ich zusammen mit einem Kollegen die Körpertemperatur von Murmeltieren im Winterschlaf gemessen – da ist mir zum ersten Mal bewusst geworden, dass man über Funk viele Informationen über Tiere sammeln kann, die sonst einfach nicht messbar sind. Es geht darum sichtbar zu machen, was der Mensch so direkt nicht beobachten kann. Aber diese Technologie war damals noch nicht gut entwickelt. Erst mit dem Aufstieg der Mikrochip-Entwicklung im Zusammenhang mit Mobiltelefonen, hat sich die Technik so weiterentwickelt, dass wir sie wirklich effektiv für unsere Forschung nutzen konnten. Hier haben besonders die elektronischen Werkstätten der Uni Konstanz Pionierarbeit geleistet.

C: Auf welchem Stand ist das ICARUS-Projekt gerade?

W: Wir wissen schon, dass die Sender am Boden funktionieren. Wir sind auf einem guten Weg, und hoffen, dass die Kommunikation zwischen Boden und Raumstation bald reibungslos funktionieren wird. Im Moment haben wir noch nicht so viele Tiere besendert – aktuell nur rund 200 Amseln – weil wir warten wollen, bis wir ganz sicher sind, dass das System an der ISS funktioniert. Erst wenn klar ist, dass sowohl bei der Software als auch bei der Hardware nichts mehr angepasst werden musst, geht es richtig los. Wir hoffen, dass spätestens im Juni alles so funktioniert wie geplant und wir mit dem großflächigen Besendern von Tieren beginnen können.
Martin Wikelski, hier im Jahr 2013 beim Besendern von Flughunden, ist für seine Forschung auf der ganzen Welt unterwegs.

C: Was erhoffen sich die Forscher von ICARUS?

W: Man kann mit diesem Projekt wirklich weltweit noch Entdecker sein und Neuland betreten - egal ob es um tropische Tiere oder heimische Arten wie zum Beispiel die Aale im Bodensee geht. Es gibt einfach noch unzählige ungeklärte Fragen. Wir fragen uns zum Beispiel: Wo gehen die Aale aus dem Bodensee hin? Schwimmen sie zum Laichen wirklich bis in den Atlantik, in die Sargassosee vor Florida, wie wir das annehmen? Und kehren sie von dort zurück in den See? Das sind Fragen, die bisher noch völlig ungeklärt sind und die bisher auch unlösbar waren. Die Fischer am See fischen diese Aale seit hunderten von Jahren, aber wir wissen im Grunde sehr wenig über sie. Da kennen wir ferne Galaxien besser als unseren eigenen See. Jetzt arbeiten wir mit dem Fischereiverein Konstanz zusammen, um diese Fragen zu klären.

C: Wenn das Antennensystem an der ISS funktioniert sollen tausende Tiere weltweit besendert werden. Das Internet der Tiere ist in Ihrer Vorstellung global – und damit auch eine globale Überwachung, für die die Tiere benutzt werden. Haben Sie in diesem Zusammenhang nicht auch ethische Bedenken?

W: Ja natürlich gibt es da Grenzen. Wir sprechen hier aber nicht von Überwachung, sondern von Beobachtung und Kommunikation. Am wichtigsten ist es, dass die Sender die Tiere nicht belasten. Wir haben die aktuellen Modelle so klein wie möglich gebaut und mit jedem technischen Fortschritt werden sie noch kleiner werden. Andererseits haben wir ein internationales ethisches Komitee an unserer Seite, das darauf achtet, dass die gesammelten Informationen zum Wohle der Tiere und zum Wohle der Menschheit eingesetzt werden. Und hier ist es ja so, dass das eine das andere bedingt. Die Diversität der Tiere ist für uns überlebenswichtig. Wir belasten einzelne Tiere, zwar so wenig wie möglich, aber wir belasten sie. Im Umkehrschluss führen diese einzelnen Belastungen aber dazu, dass wir die Populationen insgesamt viel besser schützen können.

C: Wie stehen Sie zu den aktuell so populären Umweltbewegungen, wie etwa „Fridays for Future“?

W: Wir halten das für unglaublich wichtig. Allen unserer Wissenschaftlern steht es natürlich frei sich bei der Bewegung zu engagieren – als Institut nehmen wir aber keinen Standpunkt ein. Wir sagen viel mehr: wir können mit unserer Forschung die Daten liefern, die belegen, wie essenziell die Vielfalt der Arten für die Erde und für den Menschen ist. Auch aus einer rein ökonomischen Perspektive ist das gewaltig, wenn man sich ausrechnet wie viele ökologische Dienstleistungen Tiere für die Menschen erbringen. Es lässt sich kaum beziffern wie wichtig die Tiere, vor allem in ihrer Diversität, für das Überleben der Menschen sind.

C: Wie genau soll ICARUS zum Artenschutz beitragen?

W: Mit dem Ansatz Tiere zu beobachten und zu schützen kehren wir eigentlich auf etwas zurück, was bisher jede Hochkultur in der Menschheitsgeschichte gemacht hat. Die Inkas, die Mayas – sie alle haben Tiere beobachtet. Uns ist das in der industriellen Revolution verloren gegangen, weil man plötzlich geglaubt hat, dass sich alles mit technischen Sensoren messen lässt. Wir kommen auf etwas zurück, was schon Humboldt gesagt hat: Die Erde ist ein zusammenhängendes, interagierendes System. Wenn wir das verstehen, dann geht es uns einfach viel besser, weil wir entsprechend reagieren können. Es ist beispielsweise so, dass jedes Jahr ungefähr zwei Milliarden Singvögel von Europa nach Afrika ziehen. In den letzten dreißig Jahren haben wir rund 420 Millionen dieser Singvögel verloren, die sind einfach verschwunden. Das Problem ist – niemand identifiziert sich mit 420 Millionen Singvögeln. Deshalb wollen wir mit unserer Forschung nicht nur Daten liefern, sondern auch individuelle Geschichten erzählen. Wenn wir sagen: „Hier sind Amsel Anna und Storch Friedolin“, und die Menschen können nachvollziehen, was diese Individuen gerade tun und wo sie sich gerade befinden, dann entsteht eine ganz andere Qualität von Nähe und ein ganz anderes Bedürfnis diese Tiere zu schützten.
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Campuls Hochschulzeitung
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Credits:

Erstellt mit einem Bild von Umberto - "Optical fibers colored lamp"