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Schnetztorstüble Ein Blick hinter die Kulissen

Der Artikel erschien in der ersten Sommerausgabe 2017.

Redakteurin: Ilka Glückselig; Bilder: Victoria Jung und Nicolai Eckert; Layout: Theresa Gielnik

Im Konstanzer Schnetztorstüble kennen sich die Gäste. Doch wie reagieren die Besucher auf Studenten in ihren heiligen Hallen? Die Campuls blickt für euch hinter den Tresen einer traditionellen Konstanzer Kneipe und spricht mit dem Besitzer des Schnetztorstübles, Michael Fröhlich, über das Tagesgeschäft, seine Erfahrungen mit den Gästen und darüber, was ihm nach all den Jahren im Wirtshaus-Geschäft täglich Freude bei der Arbeit bereitet.

Ein Blick durch die Fenster in den Innenraum des Schnetztorstübles macht deutlich: die Kneipe ist randvoll. Beim Eintreten läuft Hotel California von den Eagles. Rauchfäden schweben in der Luft. Es ist Montagabend und die Stimmung ist gut. Die Barhocker an den Tresen sind allesamt besetzt und auch an den wenigen Tischen sitzen Gäste – ausschließlich Männer. Der Besitzer Michael Fröhlich kommt auf uns zu und begrüßt uns herzlich. Auch die restlichen Gäste heißen uns willkommen. „Von der Uni-Zeitung, aha. Ein Artikel über uns, sehr schön!“

Studentische Gäste sind hier keine Alltäglichkeit und fallen auf. Während wir auf Mischa warten, wie Herr Fröhlich genannt wird, bestellen die Herumsitzenden fleißig Bier.

Rothaus, Maisel und Alpirsbacher werden im Schnetztorstüble ausgeschenkt. Ein Gast am Tresen setzt lautstark zu Beschwerden an. Über welche Ungerechtigkeit er sich tatsächlich aufregt, ist schwer entzifferbar, da seine Artikulation nach beträchtlicher Menge Alkohol nicht mehr recht funktionieren mag und seine Stimme zittrig ist. Vermutlich wird er seit einigen Stunden an derselben Stelle gesessen haben, stets ein Glas Bier vor sich. Für seine betrunkene Kontroverse scheint sich jedoch im Stüble niemand zu interessieren. Die Atmosphäre bleibt entspannt. Mit vereinzeltem Schmunzeln oder einem beruhigenden „Jetzt reicht es aber mal langsam“ wird versucht, den Störenfried zu besänftigen. Mischas Frau, die sich um den Service kümmert, gibt ihm schließlich einen ordentlichen Rüffel. Von ihr wird er heute Abend keinen Alkohol mehr bekommen. „Schlägereien gibt es schon auch, aber kommen selten vor“, erklärt Mischa. Wenn sich ein Gast nicht anständig benimmt fliegt er raus, so der Wirt. Jener Gast verlässt dieses Mal jedoch freiwillig das Lokal, torkelt vor der Tür noch etwas herum und tritt dann den Heimweg an.

Seit rund 50 Jahren ist das Schnetztorstüble nun eine Anlaufstelle für Freunde der Bierkultur. In den 60er Jahren gegründet und bereits von einigen Pächtern geführt, ist Mischa seit 2009 Besitzer. Als ehemaliger Inhaber des Hardrock Nachtlokals „Easy“ sowie der Bierstube zur Laube bis vor zwei Jahren kennt er sich im Konstanzer Kneipengeschäft gut aus. Probleme mit der Stadt hatte Mischa noch nie. Ohne Ruhetag ist der Laden täglich von 9-1 Uhr und am Wochenende bis 3 Uhr geöffnet – Mischa liebt seine Arbeit. Im Schnetztorstüble setzt er vor allem auf Sport und gute Musik. Hauptsächlich Fußball, aber auch Formel 1 oder Wintersport laufen im Stüble. „Samstagnachmittags, wenn Bundesliga läuft, ist der Laden knackevoll“, erklärt ein Stammgast. Wenn er die Gäste mit Gläsern vor der Tür stehen sieht, weiß er bereits Bescheid.

Politische Zwischenrufe, derbe Witze oder ein gerauntes „Ha, im Brigantinus habe ich Hausverbot!“ – im Schnetztorstüble herrscht rustikales Treiben. Doch wer sind die Gäste der Kneipe? Was führt sie regelmäßig an diesen Ort?

„Zu 70-80% lebst du von Stammkunden, das ist ganz klar“, erklärt Mischa. Er kennt seine Gäste und ihre Macken und weiß, wie sie reagieren und wann Schluss sein sollte mit dem Trinken. „Er hier, der lange Harald*“, Mischa zeigt auf einen sehr hochgewachsenen Mann am Tisch schräg gegenüber, „ihn kenne ich seit gut 35 Jahren, er war schon Stammgast bei mir im Easy. Der Harald wohnt zwei Straßen weiter und ihn kann ich unbedarft heimgehen lassen – der kommt immer heim! Ab und zu fliegt er zwar mal vom Barhocker und hat sich sogar einmal die Schulter gebrochen. Aber er kam immer zu Hause an.“

Nach einem langen Arbeitstag oder wenn es noch nicht heim gehen soll, treffen sich die bekannten Gesichter bei Mischa im Laden. „Man respektiert sich hier gegenseitig. Wir sind wie eine Familie“, berichtet ein Gast und zieht genüsslich an seiner Zigarette. Er und ein weiterer Mann sitzen mit am Tisch und pflichten Mischas Antworten tatkräftig bei. „Die Stammgäste kennen den Laden fast besser als ich“, bekennt der Wirt. „Einige kommen schon seit den Gründungsjahren hierher“. Eine gute Beziehung zu seinen Besuchern liegt Mischa besonders am Herzen. Der Mann strahlt eine Ruhe aus – als Kneipenbesitzer hat er schon einiges gesehen. Eine enge Bindung zu seinen Gästen erklärt Mischa gleichzeitig als Garant für einen gut laufenden Laden. Zwischen den Fragen macht er ein paar Witze mit den beiden Männern am Tisch. „Die Arbeit macht einfach Spaß!“ Zu einer festen Tradition gehört im Schnetztorstüble seit geraumer Zeit die donnerstägliche Skat-Runde. In einer festen Gruppe spielen die Stammgäste bis in die Nacht hinein. An diesem einen Abend in der Woche kocht Mischas Frau, denn an den restlichen Tagen wird nur flüssige Nahrung angeboten.

Wie reagiert die eingespielte Gruppe im Stüble auf Studenten? Gutes Bier, Spielautomaten und Fußball ziehen auch jüngere Gäste an. „Mit Studenten passt es einwandfrei“, so Mischa. „Schon in der Bierstube lief das super“ und er erhält einstimmiges Nicken von der ringsum sitzenden Kundschaft.

Die Altersspanne schätzt er ganz grob zwischen 20 und 80 Jahren ein. Im Stüble trinken Jung und Alt zusammen. Gerne hätte der Wirt auch wieder eine studentische Servicekraft und berichtet von einer Soziologie-Studentin, die zehn Jahre für ihn gearbeitet habe und noch heute gelegentlich im Stüble vorbeischaue. „Mit Studenten habe ich gute Erfahrungen gemacht.“ Er habe auch schon Ausschreibungen rausgeschickt, aber keine Rückmeldungen erhalten. „Es ist schade, aber die jungen Leute wollen lieber in diesen Schicki-Micki-Lokalen arbeiten wie im Deli oder im Brigantinus“, stellt Mischa fest. Gewiss geht es im Stüble ruppiger zu. Mit zunehmender Stunde steigt auch die Geräuschkulisse. Die eigene Stimme muss mitziehen, um nicht in dem Gegröle unterzugehen.

Vom Tresen aus ruft ihm seine Frau etwas zu und kurz widmet der Wirt ihr seine volle Aufmerksamkeit. Auf die Frage, was ihn an seinem Job fasziniere und ihn täglich neu ermutige weiterzumachen nennt er „die Vielfalt der Menschen, mit denen man zu tun hat. Es gibt natürlich auch Leute, die dir nicht so gelegen sind, aber die kannst du ja hinaus bugsieren“. Mischa hat ein nettes Team, arbeitet mit seiner Frau zusammen und ist alles in allem sehr zufrieden. „Natürlich gibt es Hochs und Tiefs, aber bei uns überwiegen die Hochs“, erklärt er. Schon viele Freundschaften seien über die Jahre entstanden und so macht Mischa mitunter auch Krankenbesuche bei seinen Stammkunden. „Na, habt ihr jetzt verstanden, worum es hier geht, warum wir so gerne und oft wiederkommen?“, fragt einer der beiden Männer am Tisch. Es sind die bekannten Gesichter, die Menschen dahinter und das Vertraute, die zum Zurückkehren beitragen. Und die Geselligkeit, die Liebe zum Bier und die gute Stimmung, wenn zum Beispiel der favorisierte Fußballverein gewonnen hat. Wer die Atmosphäre im Schnetztorstüble selbst miterleben will, kommt um einen Besuch nicht herum. Sich ein eigenes Bild von einer der ältesten Konstanzer Kneipen zu machen ist sicher eine Erfahrung wert. Auf qualmige Luft, und „schlechte“ Witze (vor allem als Frau) sollte man zwar gefasst sein, aber es wird ein spaßiger Abend werden. „Kommt gerne wieder und bringt nächstes Mal eure Kollegen mit“, ruft Harald uns beim Hinausgehen zu.

* Name von der Redaktion geändert

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