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Vergoldete Bleifiguren Förderzeitraum: 2003—2009

Die vergoldeten Bleifiguren des barocken Heckentheaters in Hannover-Herrenhausen

Die Rettung eines bedeutenden Kulturdenkmals

Anfang April 2009 sind 17 Barockfiguren aus vergoldetem Blei nach ihrer aufwändigen Restaurierung in das Heckentheater im Großen Garten von Hannover-Herrenhausen zurückgekehrt. Da die kostbaren Originale sehr starke Schäden aufwiesen, waren sie 1970 durch relativ grobe Nachgüsse aus Bronze ersetzt worden. In der Folge verschwanden sie für mehrere Jahrzehnte, nahezu vergessen, im Depot. Da die wertvollen Skulpturen nicht auf Dauer deponiert bleiben sollten, setzten seit 2001 Bemühungen zu ihrer Rettung ein. Auf Initiative des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege erklärte sich die Wenger-Stiftung für Denkmalpflege bereit, die Finanzierung der Gesamtrestaurierung der barocken Figurengruppe zu übernehmen. Mit einer Musterrestaurierung wurde das Gesamtkonzept erarbeitet und das Kostenvolumen definiert. Der Gesamtbestand konnte dann bis 2009 von Haber & Brandner Metallrestaurierung in Regensburg instandgesetzt werden. Die von der Wenger-Stiftung für Denkmalpflege geförderten Restaurierungsmaßnahmen umfassten ein Kostenvolumen von mehr als EUR 350.000.

Das Theaterboskett als höfischer Festraum

Durch die 1692 erreichte Kurwürde war das Herzogtum Hannover zu den führenden Staaten in Deutschland aufgestiegen. Kurfürst Ernst August und seine Gemahlin, Kurfürstin Sophie, ließen zur Demonstration ihres neuen Status Herrenhausen zu einer prachtvollen Sommerresidenz ausbauen. Ein zentrales Projekt stellte das zwischen 1689 bis 1693 errichtete Heckentheater dar.

Hier ist zum ersten Mal in der Geschichte der Gartenkunst das Bauprinzip einer barocken Kulissenbühne konsequent in einen Garten übertragen worden. Andere Gärten folgten diesem Gestaltungsprinzip, doch blieb kein anderes Heckentheater erhalten.

Barocke Architektur, zu der selbstverständlich auch die Gärten zählen, ist Bedeutungsträger. Im speziellen Fall des Heckentheaters muss man sich dieser Tatsache bewusst sein, will man es aus der Sicht seiner Erbauer angemessen beurteilen. Am Ende des 17. Jahrhunderts bildete es mit dem Orangenparterre und dem Königsbusch eine zusammenhängende Folge von Festräumen im Freien - voller komplizierter, uns fremd gewordener Symbolik, die der Glorifizierung des Herrscherhauses diente.

Das Theaterboskett besteht aus drei Teilen: der Kulissenbühne mit ihrer perspektivisch abgelegten Bühne, den Seitenbühnen, Kulissengängen und Garderoben, dem Amphitheater, in dem mehrere hundert Zuschauer auf ansteigenden Terrassen Platz fanden, und dem Königsbusch mit seinen kleinen Bosketten, in denen man lustwandeln konnte. Im Zentrum stehen als Herrschaftsdemonstration Figuren des regierenden Herzogs Ernst August, seiner Gemahlin Herzogin Sophie, seines Vaters Herzog Georg von Calenberg und ihres Sohnes Prinz Georg Ludwig. Sie verkörpern damit auch den Aufstieg des Welfenhauses im 17. Jahrhundert.

Warum besitzt das Heckentheater einen Figurenschmuck?

Zum fürstlichen Garten in Herrenhausen gehörte das Heckentheater als Ort des Lustwandelns und Schauplatz für Feste und Theateraufführungen. Es wurde eine ehrfurchtsgebietende Vergangenheit zitiert, wenn sich die Zuschauer, antikem Brauch folgend, im Halbrund des Amphitheaters niederließen.

In Zusammenspiel mit den geschnittenen Hecken und Bäumen sollten 26 Figuren aus Blei und 34 aus Stein dem Theaterboskett als einen Hort zeitlosen Glücks darstellen. Im Goldenen Zeitalter lebten die Menschen mit den Göttern zusammen, ohne Sorge und Arbeit, alterten nie, lachten und tanzten, wie es die Goldfiguren zum Ausdruck brachten.

An den Seiten des Amphitheaters standen Allegorien der Vier Jahreszeiten in Kindergestalt. Auf der oberen Brüstung posierten acht Tänzerinnen. Auf der Bühne begleiteten Statuen in zwei Reihen den Blick in die Tiefe. Der Blick wurde von dem im Süden hoch aufsteigenden Strahl einer Fontäne gelockt und die Weite entlassen. Vier Figuren auf der südlichen Balustrade antworteten den Tänzerinnen auf der Brüstung des Amphitheaters. Das Bühnenportal schützten die dialogisch aufeinander ausgerichteten Borghesischen Fechter.

Zwei dem Theater zugeordnete Allegorien der Schäferspiele und der Tragödie am vorderen Bühnenrand wurden später durch die Göttinnen Ceres und Luna, Sinnbildeer für Fruchtbarkeit und den Mond, ersetzt.

Auf der Balustrade stehen noch vier Bleifiguren.

Wie standen die Bleifiguren früher?

Die Figuren aus vergoldetem Blei wurden 1689 bis 1692 in den Niederlanden erworben. Sie waren von Anfang an Teil des Heckentheaters. Ihre dortige Anordnung überliefern unter anderem Kupferstiche um 1725. Sie folgte den Prinzipien der barocken Kulissenbühne wie sie auch zeitgenössische Bühnenbilder zeigen. Die Szene stellt einen Garten dar - der Konvention folgend als skulpturengeschmückte Allee. Die Figuren sind nicht als bloße Staffage zu verstehen. Sie sollten vielmehr Mitspielende im Bühnengeschehen sein. Sie wendeten die sich daher mit Blicken und Gesten den reich kostümierten Darstellern auf der Bühne zu.

10 der ursprünglich 27 Figuren sind nicht erhalten.

Zusammen mit acht um das Amphitheater sowie vier auf der südlichen Balustrade angeordneten Bleifiguren umrundeten sie ursprünglich das Theaterboskett und nahmen die Besucher in ihre Mitte.

Die Aufstellung der Figurengruppe änderte sich im Laufe der Zeit mehrfach. Von ursprünglich 27 in den Niederlanden gekauften Statuen sind heute nur noch 17 Originale erhalten. Dieser Bestand wurde erst Mitte des19. Jahrhunderts auf der Bühne zusammengefasst und mit Blick zum Zuschauerbereich aufgestellt. Ihre Aufstellung war dann (Jahrhundertwende, 1937/38, 1967) unterschiedlich und erfolgte unsystematisch.

Welche antiken Vorbilder haben die Statuen?

Bei der Herstellung der Bleifiguren wurden nur wenige Grundmodelle verwendet. Aus den einzeln gegossenen Körperteilen konnten verschiedene Figuren zusammengesetzt werden. Gleich blieben jeweils der Torso sowie die Form und der Stand der Beine. Verändert wurden die Haltung von Kopf und Armen sowie Frisur und Gesichtszüge. So konnte man nach Wunsch des Kunden die berühmtesten antiken Skulpturen nachbilden. Sie ersetzten auch in Herrenhausen als Gartenschmuck die nicht zu erlangenden im Originale in Italien und Frankreich.

Als antike Vorbilder sind unter anderem zu identifizieren:

  • Die Venus Medici, eine der berühmtesten Antiken Roms, die erst um 1630 wiederentdeckt wurde. Sie verkörpert mit ihren harmonischen Proportionen und der idealisierenden Gestaltung das ästhetische Ideal der klassischen Antike (Florenz, Uffizien)
  • Ein tanzender Faun (Florenz, Palazzo Pitti)
  • Der Kapitolinische Antinous, eine seit dem 16. Jahrhundert europaweit hochgeschätzte antiken Skulptur (Rom, Kapitolinische Museen)
  • Ein musizierender Faun mit Schellen und "kroupézion" (Fußklappern), ein weiteres antikes Meisterwerk (Florenz, Uffizien)
  • Die beiden Borghesischen Fechter, nach einer lebensgroßen Marmorstatue geschaffen, die erst um 1610 im Süden von Rom ausgegraben wurde. Das Bildwerk (heute im Louvre) wurde wegen seiner Dynamik und vollendet wiedergegebenen Anatomie bewundert

Warum wurden im Heckentheater Figuren aus Blei aufgestellt?

Die Figuren bestehen aus vergoldetem Blei. In der Barockzeit legten Kostengründe die Verwendung dieses relativ preiswerten Metalls für die Ausstattung von Brunnen und großen Gartenanlagen nahe. Sogar im großen Vorbild der europäischen Fürstenhöfe, dem Schlossgarten von Versailles, behalf man sich mit Bleigüssen, die man bronzefarbig fasste.

In Deutschland sind vor allem die weitgehend verlorene, aber gut dokumentierte Ausstattung des Berliner Schlossgartens aus der Mitte des 17. Jahrhunderts.

Entscheidend für die großflächige Verwendung von Bleifiguren war die Serienherstellung in holländischen Manufakturen, die im 17. und 18. Jahrhundert ganz Europa belieferten. Man konnte dort nach Katalog Bleiplastiken "nach der Antike" bestellen.

Auch die Herrenhäuser Figurengruppe stammt aus einer dieser Werkstätten. Die Modelle sind von dem 1664 in Den Haag verstorbenen Bildhauer und Metallgießer Johan Larson geschaffen worden. Die Ausführung der Güsse erfolgte durch den Gießer Barent Dronrijp, der den künstlerischen Nachlass von Larson erworben hatte. Für die Aufstellung im Heckentheater veredelte man die Figuren mit einer Vergoldung.

Wie wurden die Bleifiguren hergestellt?

Die Bleifiguren wurden nicht in einem Stück, sondern in Einzelteilen (Kopf, Rumpf, Gliedmaßen) gegossen und anschließend durch Guss-Schweißung oder Lötung zusammengefügt („assembliert“).

Die Modelle wurden über Generationen verwendet. Es handelte sich um Negativ-Teilformen, mit deren Hilfe man die Gussformen herstellte. Diese bestanden meist aus metallischen, selten aus nichtmetallischen Werkstoffen und konnten mehrfach eingesetzt werden („Dauerformen“).

Die Kernform wurde aus einem hitzebeständigen Material aufgebaut, beispielsweise Lehmerde mit Sand. In sie eingelegte schmiedeeiserne Stäbe stabilisierten die Kernform beim Guss. Sie dienten später bei der Montage der Teile als Verbindungselemente. In die Beine wurden Vierkanteisen mit Überstand nach unten eingesetzt. So konnte die Figur auf dem Steinsockel standsicher befestigt werden.

Zwischen innerem Kern und äußerer Negativform bildete sich ein in Form und Wandstärke dem künftigen Metallkörper entsprechender Hohlkörper, der sich beim Guss mit dem flüssigen Blei ausfüllte. Ziel dieser komplizierten Technologie war es, die vom Modell wiedergegebene Form durch präzise Oberflächenabformung zu reproduzieren.

Den Abschluss bildeten eine Nachbearbeitung von Details durch den Ziseleur und eine Ölvergoldung. Dabei wurde Blattgold auf ein Klebemittel auf Leinölbasis („Mixtion“) aufgelegt und geglättet.

Welche restauratorischen Arbeiten waren notwendig?

Die Bleifiguren wiesen bereits bald nach ihrer Aufstellung 1689/92 erste Schäden auf. Neben Reparaturarbeiten und regelmäßigen Neuvergoldungen sind in den Akten wiederholt erhebliche Beschädigungen aufgeführt, bei denen den Figuren Arme und Beine abgerissen und zum Einschmelzen entwendet wurden. Im 19. und 20. Jahrhundert wurden sie mehrfach stark überarbeitet, wobei Teile desolater Figuren für die Reparatur besser erhaltener wiederverwendet wurden. Dabei wurden auch die originalen Innenkonstruktionen aus Eisen großteils ersetzt.

1970 entschloss man sich dazu, an die Stelle der beschädigten Originale robustere Bronzekopien zu setzen. Da die wertvollen barocken Bleifiguren aber nicht auf Dauer deponiert bleiben sollten, setzten seit 2001 Bemühungen zu ihrer Rettung ein. Nach einer Musterrestaurierung wurde 2004—2009 die Gesamtinstandsetzung von Haber & Brandner Metallrestaurierung in Regensburg durchgeführt.

Zielvorgabe war die statische Sicherung der Figuren für die Wiederaufstellung am ursprünglichen Standort durch Einbau neuer, korrosionsbeständiger Innenkonstruktionen. Die stark deformierten Objekte mussten rückgeformt werden. Die besonders schwierige Ergänzung fehlender Arme erfolgten an Hand von historischen Abbildungen, archivalischen Quellen und durch den Vergleich mit den antiken Vorbildern.

Die beschädigten Oberflächen wurden gereinigt, Korrosionsprodukte und Kittungen abgenommen. Für die Neuvergoldung wurde ein modernes witterungsbeständiges Konservierungssystem eingesetzt, abschließend die Vergoldung aufgetragen und durch einen speziellen Acryl-Klarlack zum Schutz gegen mechanischen Abrieb und Witterungseinflüsse überzogen.

Wie wurden die restaurierten Bleifiguren aufgestellt?

Angesichts der herausragenden kunst- und kulturgeschichtlichen Bedeutung des Heckentheaters stellte sich die Frage, wie die originalen Bleifiguren nach ihrer Restaurierung wiederaufgestellt werden sollten.

Die Abbildungen aus der Barockzeit sind nicht völlig eindeutig. Seit ca. 1850 zeigen Fotografien eine Hinwendung der Figuren zum Zuschauerbereich. Für eine Beurteilung der originalen Situation waren daher zeitgenössische Bühnenbilder und Heckentheater (Salzdahlum, Hundisburg) hilfreich, die in unmittelbarer Nachfolge von Herrenhausen stehen. Sie bestätigten übereinstimmend die in Kupferstichen von 1725 überlieferte Situation, bei der die Figuren sich einander zuwenden.

Die Entscheidung wurde schließlich mit Hilfe maßstäblich verkleinerter Modelle der Barockskulpturen getroffen. Unterschiedliche Aufstellungen auf der Bühne wurden experimentell erprobt: den Zuschauern zugewendet, um 90° zu Bühne gedreht, in veränderter Abfolge.

Die ursprüngliche Aufstellung des Ensembles überzeugte am meisten. In ihrer bisherigen Position vereinzelten sich die Figuren, wendeten sich mit Blicken und Gesten ab. Mit der neuen, der originalen nachempfundenen entsteht zwischen ihnen ein spannungsvolles Miteinander. Es wird gesteigert durch die nach Süden offen bleibende Achse. Hiermit wird der Fontäne ihre alte Funktion zurückgegeben, den Blick anzuziehen und in die Tiefe weiter zu weisen.

Dr. Peter Königfeld (2009)

Literatur

Richard Alewyn und Karl Sälzle: Das große Welttheater. Die Epoche der höfischen Feste in Dokument und Deutung. Hamburg 1959.

Dieter Hennebo und Erika Schmidt: Das Theaterboskett: Zu Bedeutung und Zweckbestimmung des Herrenhäuser Heckentheaters. In: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte 50. Hildesheim 1978, S. 213—274.

Rudolf Meyer: Hecken- und Gartentheater in Deutschland im XVII. und XVIII. Jahrhundert. Emsdetten 1934.

Hans Reuther: Eine Darstellung des Herrenhäuser Gartentheaters in „Jardins Anglo-Chinois“ von le Rouge. In: Niederdeutsche Beiträge zur Kunstgeschichte V. München Berlin 1966, S. 199—206.

Ulrich Schiessl: Rokokofassung und Materialillusion. Mittenwald 1979.

Eduard Schuster: Kunst und Künstler in den Fürstentümern Calenberg und Lüneburg in der Zeit von 1636 bis 1727. Hannover und Leipzig 1905.

Peter Königfeld: Das Heckentheater im Großen Garten von Hannover-Herrenhausen – denkmalpflegerische Überlegungen zu seinem originalen Figurenschmuck. In: Berichte zur Denkmalpflege in Niedersachsen. 2/2003, S. 39—42 (dort auch weiterführende Literaturangaben).

Frits Scholten: The Larson family of statuary founders: seventeenth-century reproductive sculpture for gardens and painters´ studios. In: Simiolus. Netherlands Quarterly for the History of Art, 2004, S. 70—74; Abb. 17—22.

Maximilian Heimler: Die barocken Bleiplastiken des Heckentheaters im Herrenhäuser Garten. Aktuelle Restaurierungsmaßnahmen – ein Vorbericht. In: Berichte zur Denkmalpflege in Niedersachsen, 2/2004, S. 37—40.

Georg Haber, Maximilian Heimler, Rolf-Jürgen Grote: Aktuelle Restaurierungsmaßnahmen an den barocken Bleiplastiken des Heckentheaters in Hannover-Herrenhausen. Ein Zwischenbericht. In: Berichte zur Denkmalpflege in Niedersachsen 2/2005, S. 45 ff.

Urs Boeck: Zwei höfische Festräume: Gartentheater und Galeriegebäude. In: Marieanne von König (Hrsg.): Herrenhausen. Die Königlichen Gärten in Hannover. Göttingen 2006, S. 67—78.

Ronald Clark und Anja Kestennus: Venus, Faune und Fechter. Die Goldenen Figuren im Heckentheater. Hannover 2009.

Wenn Sie mehr über Metallrestaurierung erfahren möchten: Haber & Brandner Metallrestaurierung.

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