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Barocker Kirchenraum in Vechta Förderzeitraum: 2017/2018

Die ehem. Franziskanerkirche in Vechta

Ergänzung und Restaurierung der Ausstattung des barocken Kirchenraumes

Vechta – eine Stadt mit Geschichte

An der wichtigen Handelsstraße von Westfalen nach Bremen gelegen, entwickelte sich Vechta seit dem 12. Jahrhundert im Schutze einer Burg der Grafen von Calvelage-Vechta-Ravensberg. Die Stadt kam 1252 durch Verkauf an das Bistum Münster. In der münsterischen Fehde 1538 zerstört wurde sie 1666 durch Anlage einer fünfeckigen Zitadelle zur Festungsstadt.

Um 1530 waren Vechta und das gesamte Niederstift Münster, der nördliche Bereich des Fürstbistums Münster, weitgehend protestantisch geworden. Versuche einer Gegenreformation durch die 1613 angesiedelten Jesuiten scheiterten in einem ersten Anlauf.

Die Gegenreformation im Niederstift Münster und die Franziskaner

Hier konnte Ferdinand von Bayern, seit 1612 Kurfürst und Erzbischof von Köln, auch Bischof von Münster, überhaupt erst einmal die Bekehrung der mehrheitlich lutherisch gesinnten Bevölkerung zum Katholizismus versuchen. Dabei waren religiöse und politische Motivation kaum voneinander zu trennen, drohte aus Sicht des Fürstbischofs ein protestantisches Niederstift doch auf Dauer unter den Einfluss benachbarter nichtkatholischer Mächte zu geraten.

Neben dem Gebot regelmäßiger Visitationen, mit denen die Wirksamkeit der tridentinischen Anordnungen überprüft wurde, begünstigte der Erzbischof auf alle Weise die Niederlassung religiöser Genossenschaften. Mit seiner Unterstützung konnten die Jesuiten eine Reihe von Niederlassungen in den Diözesen Köln, Münster, Hildesheim und Paderborn gründen. Nach Münster berief er 1612 die Kapuziner und 1613 die Franziskaner. 1642 ließen sich Franziskaner aus Rheine in Vechta nieder. Die Patres bildeten in den folgenden anderthalb Jahrhunderten eine wichtige Stütze der Seelsorge in den Ämtern Vechta und Cloppenburg, die so zum Katholizismus zurückgeführt wurden. Ihre Klosterschule, eine Lateinschule für Jungen, sollte als Bildungsstätte für einen im rechten Glauben gefestigten Nachwuchs dienen. 1719 zur höheren Schule erweitert, lebt die Schultradition im heutigen Gymnasium Antonianum fort.

1. Oben links: Vechta, Franziskanerkirche, Innenraum um 1980. 2. Oben rechts: Löningen, Orgel aus der Franziskanerkirche Vechta. 3. Unten: Zwillbrock, Franziskanerkirche, Blick nach Osten.

Die Franziskanerkirche in Vechta – Neubau und Ausstattung

Wenn auch die Wirtschaftskraft des Niederstiftes Münster und damit auch der Stadt Vechta im 17. und 18. Jahrhundert bescheiden blieb, so strömte doch in der Zeit des Bischofs Clemens August von Bayern (+1762) das barocke Stilempfinden auch in die kirchliche Kunst dieses Randgebiet seiner Herrschaft ein und lieferte dort die Ausdrucksmittel, mit deren Hilfe die katholische Frömmigkeit dargestellt und angeregt wurde. Viele Kirchen wurden renoviert und vergrößert, vor allem aber so ausgestattet, wie es dem tridentinischen Ritus entsprach.

Auch die Kirche des Franziskanerklosters in Vechta wurde von 1727 bis 1731 neu errichtet, vermutlich von dem Architekten Lambert Friedrich von Corfey aus Münster (1668—1733), als dessen bedeutendstes Werk die dortige Dominikanerkirche gilt.

Die aus roten Ziegeln erbaute fünfjochige Wandpfeilerkirche mit Dachreiter, Rundbogenfenstern und eingezogenem polygonalem Chor zeigt in ihrem Aufbau unmittelbare Verwandtschaft zu der ebenfalls von Corfey stammenden St. Andreaskirche in Cloppenburg, ist allerdings in ihren Maßverhältnissen steiler. Bemerkenswert ist die Westfassade mit flachem Mittelrisalit und geschwungener Giebelbekrönung, die in ihrem Aufbau und in ihrer zarten Flächenabstufung Gestaltungsprinzipien des bedeutenden westfälischen Architekten Johann Conrad Schlaun voraussetzt.

Der Raum besaß wie vergleichbare Ordenskirchen des 18. Jahrhunderts (beispielsweise St. Franziskus in Zwillbrock, Stadt Vreden) eine reiche Barockausstattung, die allerdings nach der Aufhebung des Klosters im Februar 1812 in andere Kirchen der Region transloziert worden ist.

Die Geschichte nach Ende des Franziskanerklosters

Mit Aufhebung des Klosters bekam die leergeräumte Kirche eine neue Aufgabe: sie wurde von der neuen Obrigkeit im Großherzogtum Oldenburg zur Kirche des Gefängnisses bestimmt, das in das umgebaute Kloster einzog. Dank des Einsatzes der evangelischen Gemeinde blieb die zum Abbruch bestimmte Klosterkirche erhalten. Sie wurde 1818 zur simultanen Nutzung durch die Strafgefangenen und die beiden Konfessionen bestimmt, ihr Chor durch eine Trennwand mit Zwischenboden vom Langhaus abgesondert. Teil dieser Maßnahme war auch die Vermauerung der nach Norden und Osten offenen Chorfenster. Die Maßwerkfenster im Langhaus stammen von einer neogotischen Umgestaltung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Den heutigen Raum, der neben seiner aktuellen Funktion als Kirche der Justizvollzugsanstalt für Frauen und im Rahmen des fortbestehenden Simultaneums vor allem der evangelischen Kirchengemeinde Vechta als Gemeindekirche dient, prägt aber die Instandsetzung, die 1957 mit dem Abbruch der Trennwand im Chor begonnen wurde. Für die Landesdenkmalpflege war es das Ziel, den Raum in seiner ursprünglichen Form wiederherzustellen und im ursprünglichen Sinne neu auszustatten.

Ein neuer Altar für Vechta

Für den 1960 im Chor errichteten großen Altar dienten Teile eines 1724 von August Wilhelm, Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel, gestifteten Retabels, das ursprünglich zur barocken Ausstattung der ehemaligen Zisterzienserklosterkirche in Amelungsborn (Landkreis Holzminden) gehörte. Der im Laufe des 19. Jahrhunderts abgebrochene Altar „war ein über dem steinernen Altartische noch etwa 30 Fuß hoher, hölzerner Barockaufbau, mit korinthischen Säulen, figürlichen und ornamentalen Schnitzwerk von künstlerischer Feinheit. Im Aufsatz Widmungstafel in reichem Rankenwerke: Deo Triuno, zu oberst ein auferstehender Christus. Die große Mittelfläche zwischen den Säulen war mit einer Kreuzigung – Öl auf Leinwand gefüllt: rechts der Gekreuzigte, links die händeringende Maria, von Johannes dem Kreuze zugeführt. Ebenfalls ein Ölgemälde schmückte den Sockel der Mitte: Die Einsetzung des Abendmahles. Beide Bilder handwerksmäßig in den großen Formen ihrer Zeit. Seitlich zwei geschnitzte Evangelistenfiguren jederseits.“ (Karl Steinacker (Bearb.): Die Bau- und Kunstdenkmäler des Kreises Holzminden. Wolfenbüttel 1907, S. 133).

Das Amelungsborner Altarretabel gehört zu einem Typus, der um 1700 am Nordrand des Harzes, zwischen Hildesheim, Halberstadt und Quedlinburg, entstanden ist. Aus dem Formenschatz, dessen Ursprung letztlich in Italien zu suchen ist, wurde ein spezifischer architektonischer Aufbau entwickelt: auf hohem Sockelgeschoß aufbauend zwei

Geschosse mit großen Standfiguren zwischen gedrehten Säulen, weiterem reichen Figurenschmuck und Umgangstüren in seitlich anschließenden Scherwänden.

Es stammt ohne Zweifel aus der Werkstatt des Hildesheimer Bildschnitzers Ernst Dietrich Bartels (1679—1762), dessen verschiedene Kanzelaltäre, die sich im Hildesheimer Umland erhalten haben, so in Ilten (nach 1724), Betheln (1734) und Sibbesse (1737), ähnliche Umrisse, Gliederungen und Ornamentik aus Akanthus und Bandwerk zeigen. Von dem figuralen Reichtum dieser Retabel ausgehend (beispielsweise 30 Figuren in Betheln), lassen sich die gravierenden Verluste des Altarretabels in Vechta erahnen. Seine Wirkung ist im Unterschied zu diesen reich ausgestatteten und fast verspielt wirkenden eher streng, da es weitgehend auf die Architektur zurückgenommen ist. Ursprünglich holzsichtig und nur mit einem pigmentierten Leim überzogen, wurde der Altar für Vechta marmoriert, um „seine volle Wirkung im sakralen Raum zu erzielen“ (Landeskonservator Prof. Karpa).

Die Kanzel – ein barockes Kunstwerk aus Ostfriesland

Bei der Neuausstattung der ehem. Franziskanerkirche wurde anfangs auf der Nordseite vor dem Chor ein schlichtes, kubisch verkleidetes Lesepult in der Formensprache der Fünfziger Jahre errichtet, das aber nach der Aufstellung des Altares den Ansprüchen nicht mehr genügte. Schließlich kam 1963 ein im Kunsthandel erworbener barocker Kanzelkorb zur Aufstellung, der von Restaurator Joseph Bohland aus Hildesheim aufwändig gefasst wurde. Aus der Werkstatt des Bildhauers Jacob Kröpelin in Esens (Ostfriesland) stammend und ursprünglich holzsichtig konzipiert, zeigt der Kanzelkorb unmittelbare Beziehungen zu anderen Werken des Meisters, insbesondere zu der um 1660 entstandenen Kanzel in Dornum (Ostfriesland). Überlegungen, die Sprechakustik durch einen Kanzeldeckel im Barockstil zu verbessern, konnten wegen fehlender Mittel nicht realisiert werden.

Aktuelle Instandsetzungsmaßnahmen

Nach einer intensiven Vorbereitungsphase erfolgte seit 2010 eine Gesamtinstandsetzung des Innenraumes der Kirche. Dabei wurden unter anderem zwei vermauerte Chorfenster geöffnet und mit dem dritten neu verglast, der Innenanstrich erneuert, neue Wandleuchten installiert. Die Bänke wurden, wie bei ihrer Aufstellung Ende der Fünfziger Jahre, in einem dunklen Holzton gefasst. Ein für die Gemeinde wichtiges Ereignis war die Errichtung der neuen großen Orgel auf der Westempore durch die Marburger Orgelbaufirma Woehl, die mit modernen Mitteln eine Interpretation der ursprünglich in der Klosterkirche existenten spätbarocken Orgel darstellt.

Am Altar fanden Ergänzungen und Korrekturen statt: Nachbildung der nahezu lebensgroßen Skulptur des Evangelisten Matthäus nach dem Vorbild einer entsprechenden Figur an dem Hochaltar in der kath. Pfarrkirche in Algermissen, einem Werk des oben genannten Bildschnitzers Ernst Dietrich Bartels. Diese und das neue Altarbild „Das leere Grab“ für das Obergeschoss schuf Diplomrestaurator Uwe Pleninger aus Hannover. Der dort stehende auferstandene Christus wurde altarbekrönend aufgestellt. Die vier Evangelisten erhielten jeweils seitlich in Haupt- und Obergeschoß ihren Platz.

Zur Vollendung der Instandsetzung des Kirchenraumes und seiner Ausstattung sind nur noch wenige Schritte notwendig. Sie werden bis 2018 durch die Wenger-Stiftung für Denkmalpflege gefördert, die damit die verdienstvollen Bemühungen des Fördervereins Klosterkirche Vechta e.V. unterstützt.

Der Altar als Teil der Architektur

Der Altar gehört zu einem Typus gehört, der um 1700 am Nordrand des Harzes entstanden ist. Diese großen Retabel finden sich sowohl in evangelischen als auch in katholischen Kirchen, lediglich durch ihre konfessionell geprägten Bildprogramme unterschieden. Sie folgen alle einer von Italien ausgehenden Entwicklung, den Altaraufbau als integralen Bestandteil der Raumarchitektur zu gestalten. Das Retabel erscheint nun nicht mehr wie die Ädikulaaltäre des 16. und 17. Jahrhunderts als solitäres Kunstwerk frei in den Chorraum hineingestellt. Dabei erfolgt diese Raumintegration auf unterschiedliche Weise: Bei den Altären aus der Werkstatt des Hildesheimer Bildschnitzers Ernst Dietrich Bartels sind es seitliche Öffnungen, die zwischen dem Altar und den Seitenwänden des Chores eine feste Verbindung herstellen. Durch diese flankierenden Bogenelemente wird das Retabel aus seiner monumentalen Vereinzelung genommen und in seiner Wirkung deutlicher in die Architektur des Gesamtraumes eingegliedert.

Eine ostfriesische Kanzel

Aufwändig gestaltete sich die Ergänzung und Restaurierung der Kanzel, die seit ihrer Aufstellung 1963 nur aus dem stark überarbeiteten barocken Kanzelkorb bestand. Er stammt, wie ein Vergleich mit den Kanzeln in Dornum und Marienhafe zeigt, aus der Werkstatt des ostfriesischen Bildschnitzers Jacob Kröpelin und seines Sohnes Hinrich aus Esens.

Ausgehend von dieser Vorgabe entwickelte Architekt Einar Tonndorf einen Entwurf für die Ergänzung des Vechtaer Kanzelkorbes. Den ostfriesischen Vorbildern entsprechend wurde er höher gesetzt mit einem neuen unteren Abschluss. Das Stabgeländer des neuen Kanzelaufgangs ist schlicht gehalten.

Die Gestaltung des Kanzeldeckels wurde intensiv diskutiert. Vor allem auch seine mögliche Größe wurde in Modellen, schließlich ausgehend von dem Vorbild Dornum ein kleinerer Kanzeldeckel realisiert. Es wurde eine schlichte Gestaltung gewählt, die sich auf zurückhaltenden ornamentalen Schmuck beschränkt. Auf den üblichen oberen Aufbau mit dem auferstandenen Christus wurde verzichtet. Den Schalldeckelrand umläuft ein Spruch nach Jesaia 52 Vers 7. Die Ergänzungen wurden farbig gefasst.

Cloppenburg, kath. Pfarrkirche St. Andreas, Hochaltar mit Seitenaltären, 1766.

Das Ziel: Eine geschlossene barocke Gesamtausstattung

Die neue Höhenanordnung der Kanzel auf der Nordseite ist bewusst bezogen auf die schon lange projektierte Aufstellung des Elisabethaltars von 1771, des letzten erhaltenen Seitenaltars der ehemaligen Klosterkirche. Er soll wieder seinen angestammten Platz gegenüber auf der Südseite des Choreingangs einnehmen.

Stilistisch lässt sich der Altar dem Bildhauer Johann Heinrich König in Münster zuordnen. Er entspricht in seinem Aufbau den beiden Seitenaltären der St. Andreaskirche in Cloppenburg, die aus der gleichen Werkstatt stammen.

Der Choraltar bildet aber zusammen mit der restaurierten Kanzel, auch mit der sonstigen Ausstattung des Raumes eine Formgemeinschaft, die auf die ursprüngliche barocke Raumgestaltung anspielt. Der Wert des Raumganzen entsteht durch die sich gegenseitig in der Wirkung steigernden Elemente, er liegt in der Disposition des Ganzen, im Ensemble. In diesem Sinne kommt der Aufstellung des Elisabethaltars eine wichtige ergänzende Funktion zu. In Cloppenburg, wo sich wie oben erwähnt eng verwandte Seitenaltäre befinden, lässt sich beobachten, wie die Erscheinung eines großen Choraltares durch zwei begleitende Objekte an den Ecken des Choreingangs - in Vechta wären es Kanzel und Elisabethaltar - hervorgehoben und gesteigert wird. Auch er ist, auf einem reduzierten Sockel errichtet, kein liturgischer Ort, sondern Teil einer barocken „Gesamtsymphonik“.

Cloppenburg, kath. Pfarrkirche St. Andreas, südlicher Seitenaltar.

Die Rückführung des Elisabethaltares an seinen ursprünglichen Aufstellungsort würde dem Raum nicht nur ein wenig von seiner Geschichtlichkeit zurückgeben, die er durch Katastrophe der Säkularisation des Franziskanerklosters am Beginn des 19. Jahrhunderts eingebüßt hat. Er soll daher auch 2019 restauriert und damit zukunftsgesichert werden. Ein abschließendes Ziel ist seine Wiederaufstellung an der ursprünglichen Stelle am Choreingang. darüber wird noch diskutiert.

Literatur

Heinrich Höpken: Zur Geschichte der evangelischen Kirche in Vechta. In: Beiträge zur Geschichte der Stadt Vechta, Band II. Vechta 1974. S. 467ff.

August Vornhusen: Die Franziskaner in Vechta. In: Beiträge zur Geschichte der Stadt Vechta, Band III/1. Vechta 1974. S. 5—44.

Kurt Reinemann: Auf den Spuren der Franziskaner – Eine Untersuchung zur Vorgeschichte. In: Iuventuti instituendae. Festschrift zur 275-Jahrfeier des Gymnasiums Antonianum Vechta. Vechta 1989. S. 24—30.

Josef Dolle et. al.: Niedersächsisches Klosterbuch. Verzeichnis der Klöster, Stifte, Kommenden und Beginenhäuser in Niedersachsen und Bremen von den Anfängen bis 1810. Teil 3: Marienthal bis Zeven. Bielefeld 2012. S. 1418—1421.

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